Der Blick auf den Krieg

Das Digitalisierungsprojekt

Der Erste Weltkrieg erschütterte Europa in seinen Grundfesten und läutete das Ende der europäischen Vorherrschaft in der Welt ein. Die überregionale Presse war zumeist bereit, sich in ihrer Berichterstattung als Teil einer Kriegspropaganda funktionalisieren zu lassen. Dagegen wurde das Kriegsgeschehen auf der Ebene der regionalen und lokalen Berichterstattung in differenzierter und bisher kaum erschlossener Weise in seinen Auswirkungen auf das Alltagsleben beschrieben.

Mit ihren Beständen an regionalen Zeitungen verfügen die Hochschul- und Landesbibliotheken in Hessen über ein einmaliges Reservoir an Informationen über die Zeit des Ersten Weltkrieges, das nun in digitalisierter Form zur Verfügung gestellt wird.

Versehen mit einer Förderung des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst arbeiteten die Universitäts- und Landesbibliotheken Darmstadt, Fulda und Wiesbaden, die Universitätsbibliotheken Frankfurt am Main, Gießen, Kassel und Marburg sowie das Hessische Bibliotheksinformationssytem (HeBIS) als zentraler Dienstleister an der Digitalisierung und Präsentation dieser Bestände. Es wurden über 120 Regionalzeitungen mit mehr als 500.000 Seiten digitalisiert und in maschinell durchsuchbaren Volltext umgewandelt. Eine Besonderheit des Projektes ist die in enger Zusammenarbeit mit dem Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde (HLGL) entwickelte Aufbereitung des Materials. Zentrale Themen der Epoche werden in einführenden Kurztexten präsentiert und mit den digitalisierten Originalquellen verknüpft.

Neben Sucheinstiegen über die Auswahl einzelner Zeitungstitel, einer Volltext- und einer Datumssuche stehen als Rechercheinstrumente ein Themennavigator, eine redaktionell bearbeitete Zeitleiste und ein Karteninterface zur Verfügung.

Die Digitalisierung des Leitmediums dieser Zeit, der Regionalpresse, ermöglicht allen Bürgerinnen und Bürgern einen Blick bis in die lebensweltlichen Details der Zeitenwende 1914 bis 1918. Für die Wissenschaft entsteht ein neuer und wichtiger Pool an Primärmaterial, das bislang nur vor Ort und damit nur mit erheblichem Aufwand einsehbar war.

Zeitungen während des Ersten Weltkriegs

Quellenkritik – Zeitungen während des Ersten Weltkriegs

Mit Kriegsbeginn wurde die Presse verpflichtet, die amtliche Kriegspolitik uneingeschränkt zu unterstützen. Die Zeitung wurde als Kriegsmittel genutzt, um die öffentliche Meinung durch Zensur und Propaganda gezielt zu einer Geschlossenheit der „Heimatfront“ zu lenken und die Kampfmoral aufrecht zu erhalten.

Am 3. Juni 1914, noch vor Kriegsbeginn, wurde das seit 1874 geltende Reichspressegesetz über die Kriegsgefahr (§§15 und 30) durch das „Gesetz gegen Verrat militärischer Geheimnisse“ ersetzt, dessen Paragraph 10 die Presse und Publizistik betraf:

Wer vorsätzlich während eines Krieges gegen das Reich oder bei drohendem Kriege Nachrichten über Truppen- oder Schiffsbewegungen oder über Verteidigungsmittel einem vom Reichskanzler erlassenen Verbote zuwider veröffentlicht, wird mit Gefängnis oder Festungshaft bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bis zu 5000 Mark bestraft.

Nachdem Kaiser Wilhelm II. am 31. Juli 1914 den Kriegszustand des Deutschen Reiches verkündet hatte, trat nach §68 der Reichsverfassung das preußische Gesetz über den Belagerungszustand vom 4. Juni 1851 in Kraft, wodurch die Pressefreiheit faktisch aufgehoben wurde.

Die vom Reichskanzler am selben Tag veröffentlichte Zensurverordnung „betreffend das Verbot von Veröffentlichungen über Truppen- und Schiffsbewegungen und Verteidigungsmittel“ wurde durch ihre Bekanntmachung rechtsgültig. Sie konkretisierte in einem 26 Punkte umfassenden Katalog §10 des „Gesetzes gegen Verrat militärischer Geheimnisse“. »

Ab dem 1. September 1914 kontrollierten die obersten Militärbefehlshaber in den Reichsländern als vollziehende Gewalt auch die Presse. Im preußischen Regierungsbezirk Wiesbaden und im Großherzogtum Hessen war für die Überwachung der Presse das Generalkommando des XVIII. Armeekorps mit Sitz in Frankfurt und im preußischen Regierungsbezirk Kassel das Generalkommando des XI. Armeekorps mit Sitz in Kassel zuständig. Die Militärbehörden delegierten diese Aufgabe an untergeordnete, oft zivile Dienststellen. Das führte dazu, dass die Zensur in den verschiedenen Gebieten unterschiedlich gehandhabt wurde.

Im Oktober 1914 richtete die OHL eine Oberzensurstelle in Berlin ein, die ein Jahr später als Abteilung II ins neu errichtete Kriegspresseamt eingegliedert wurde. Das Kriegspresseamt gab ab Dezember 1915 regelmäßig aktualisierte Zensurbücher heraus, deren Inhalt sich im Laufe des Krieges sukzessive erweiterte; 1916 gab es rund 2000 Verbote. Das 1917 letztmalig erschienene Zensurbuch enthielt, zusammengefasst in alphabetischer Reihenfolge, alle Zensurbestimmungen. „Zensurbuch von 1917“ »

Als Teil der amtlichen Berichterstattung durften Meldungen des offiziösen „Wolffs Telegraphischen Bureaus“ (erkennbar in den Zeitungen am Kürzel WTB) aus Berlin nur unverändert, ungekürzt und unkommentiert abgedruckt werden.

Doch nicht nur Texte, sondern auch Bilder unterlagen der Zensur. Nur ausgewählte Kriegsberichterstatter, die eine Vertrauensprüfung durch die OHL durchlaufen hatten, durften an die Front. Ihre Berichte wurden durch militärische Behörden vor Druckfreigabe geprüft und ggf. zensiert. So zeigen die in den Zeitungen veröffentlichten Fotografien nicht die harte Realität des Krieges, sondern verklärten ihn zu einer idealisierten und siegreichen Unternehmung.

Gefördert durch Mittel des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst
Projektarbeit durch
Danksagung: Vielen Dank an die SLUB Dresden für die Bereitstellung der Kartengrundlage.