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Hersfelder Tageblatt

Amtlicher Anzeiger ^D^ für den Kreis Hersfeld ZmWn SreisMatt

Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wieder­holungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.

Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post be­zogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redattion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage" Zernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 43. Freitag, den 20. Februar 1914.

Bus der Heimat«

Die Bebauung unseres Rathausplatzer begegnet auch außerhalb Hersfelds überall lebhaften Interesses. Nachdem in den letzten Tagen Artikel imHessenland" undMein Heimatland" sich mit dem jetzt vorliegenden Projekt befaßten und es zur An­nahme nicht empfahlen, bespricht heute E r n st Z ö l l- ner im Casseler Tageblatt ebenfalls den beabsichtigten Bau und kommt hierbei auch zu dem Schluß, daß das Gebäude so nicht auf dem Platze entstehen darf, wie der Entwurf dies vorsieht. In dem betr. Artikel heißt es u. a.: Der Entwurf, wie er vorliegt, gibt Anlaß zu den s ch w e r st e n k ü n st- lerischen Bedenken. Worauf es ankommt, ist dieses: Neben das Rathaus, das an sich ganz schlichte Formen hat, und nur in einem Teile, in der Giebel­partie, durch eine Schnörkeleinfassung betont ist, gilt es einen Gegensatz zu stellen, der diesen bescheidenen Reichtum wirklich zur Geltung kommen läßt. Ein solcher Gegensatz kann nur ein ganz schlichter Bau­körper sein, der nicht üppiger ist, wie es der alte war. Auch die Kirche im Hintergrund verlangt die nämliche Rücksicht. Dieser Forderung, die neue Bau­gruppe so bescheiden wie möglich zu halten, trägt der Entwurf bei weitem nicht genügend Rechnung. Er ist zu unruhig, würde dem Rathaus und der Kirche dahinter eine unerfreuliche Konkurrenz machen, den Blick des Beschauers von diesen Bauten ablenken und in erster Linie auf sich selber führen. Wenn berichtet wird, daß der Entwurf in weiten Kreisen gefällt, so ist das kein Beweis für seine Güte, da eben weite Kreise heute noch nicht in der Lage sind, derartige Fragen ernsthaft zu beurteilen. Es handelt sich hier um den wichtigsten Platz der Stadt Hersfeld, um die Entscheidung, ob er gut bebaut oder dauernd entstellt werden soll. Man sollte darum nicht versäumen, die Sachlage auf das Genaueste zu prüfen und einen erfahrenen Städtebauer zu Rate zu ziehen, dem insbesondere die Frage vorzulegen wäre, ob nichtweniger" in diesem Fallemehr" bedeuten würde.

Der vorliegende Entwurf steht auch an sich keines­wegs auf einer höheren Stufe. Vor 15 bis 20 Jahren sah man derartige Beispiele in den architektonischen Musterbüchern. Was uns da vorgeführt wird, ist kein Fachwerk im Stile der hessischen Bürgerhäuser, sondern ein Allerweltsfachwerkstil ohne Spur von Bodenständigkeit. Der Baugruppe fehlt ein einheit­liches Dach und durch ein Vielerlei von hin- und hergewendeten Giebeln, von Erkern, Schornsteinen, Ausbauten und Ausbauten mit verschiedenen First­höhen wird das Obergeschoß vollends zerstückelt. Nur eine Lösung der Aufgabe ist möglich: man entschließe sich, in modernen Formen massiv zu bauen. Bloße Nachahmung des Alten hat immer den Beigeschmack übler Theatralik. Die Barockleute, die dem gotischen Kirchtürme ganz ruhig die Dachhaube ihrer Zeit auf- setzten, wußten, was sie taten. Sie übten unbekümmert um historische Stile das Recht der Lebendigen. Das darf für die Hersfelder von heute ein Fingerzeig fein. Ein modernes Verwaltungsgebäude verlangt seinen zeitgemäßen Ausdruck, innen und außen. Schlicht und echt konstruktiv muß es dastehen! Noch ist es Zeit in dieser wichtigen, übrigens von vielen nam­haften Kunstzeitschriften (letzthin auch vomHessen­land") besprochenen Bebauungsfrage, das Rechte zu tun. Eine Konkurrenz unter den hessischen Architekten bei der die Darmstädter nicht auszuschließen wären - würde sicher zum Ziele führen. Der vorliegende Entwurf aber darf im Interesse der schönen Stadt Hersfeld keinesfalls als endgültige Lösung des Prob-- lems betrachtet werden.

):( Hersfeld, 19. Februar. Gestern mittag gegen 1 Uhr überflog ein Doppeldecker in großer Höhe und schnellem Fluge unsere Stadt.

):( Hersfeld, 19. Febr. Der Vorstand des Knüll- klubs hat für Sonntag den 1. März seine Mit­glieder zu einer außerordentlichen Mitglieder­versammlung nachTreysa in das Gasthaus Bohnsack eingeladen, da einige wichtige Angelegenheiten zu beraten sind. Unter anöerm soll über alle den Eisenbergturm betreffenden Fragen, wie Einrichtung eines Wirtschaftsbetriebes an Sonntagen, Beschaffung weiterer Mittel zur Deckung der Bauschuld rc. be­schlossen werden. Ebenso steht die Regelung des Ver­hältnisses der Hersfelder Mitglieder zum Knüllklub auf der Tagesordnung und noch verschiedene andere Punkte.

):( Hersfeld, 19. Februar. In einer außerordent­lichen Schöffengerichtssitzung wurde heute gegen den Hausdiener Ernst Battenberg aus Olberode verhandelt. Derselbe befindet sich zur Zeit in Dresden in Untersuchungshaft und war zum heutigen Termin,

in dem er sich wegen Diebstahls zu verantworten hatte, hertransportiert worden. Das Gericht erkannte auf eine Gefängnisstrafe von 4 Wochen und rechnete ihm zwei Wochen der erlittenen Untersuchungshaft an.

):(Hersfeld, 19.Februar. Vorder Strafkammer in Ca sse l wurde gestern in der Berufungsfache des Arbeiters Sch. verhandelt, welcher wegen Beleidigung eines hiesigen Polizeibeamten vom Schöffengericht zu 16 Tagen Gefängnis verurteilt worden war. Vor der Strafkammer gab Sch. die ihm zur Last gelegten Beleidigungen zu, meinte aber, daß dafür eine Ge­fängnisstrafe zu hoch sei, er bitte um eine Geldstrafe. Diesem Wunsche konnte sich aber die Strafkammer nicht anschließen, da Sch. bereits wegen Beleidigung vorbestraft sei, und verwarf die Berufung. Ebenso wurde die Berufung eines anderen hiesigen Einwohners M. verworfen, welcher wegen Körperverletzung vom Schöffengericht 14 Tage Gefängnis erhalten hatte.

-r- Hersfeld, 19. Febr. Für die V e r st ä r k u n g der Kriegsschule sind vom 15. März 1914 ab folgende Offiziere hierher versetzt. Als Lehrer: die Hauptleute: Fern körn, Komp. Chef im Jnf. Regt, von Alvensleben (6. Brandenb.) Nr. 52; Pieper, Komp. Chef im 4. Schles. Jnf. Reg. Nr. 157; Gschwind, Battr. Chef im 1. Masur. Feldart. Regt. Nr. 73, Lotze im Magdeb. Pion. Batl. Nr 4. Als Jnspektions- Offiziere: Schimmelpfennig, Oberleut. im Füs. Reg. Königin Viktoria von Schweden (Pomm.) Nr. 34; Leichtenstern, Leut. im 3. Rheinischen Feldart. Regt. Nr. 83; Rübmann, Oberleut. im Jnf. Regt, von Lützow (1. Rheinische) Nr. 25. Vorn 17. März ab wird die Kriegsschule haben eine Stärke von: 23 Offizieren, 1 Sanitätsoffizier, 1 Zahlmeister, 1 Unter­zahlmeister, 141 Kriegsschüler, 8 Unteroffiziere, 111 Mann und 77 Pferde. Der Lehrgang beginnt am 18. März und endigt am 28. November 1914.

-a- Hersfeld, 19. Februar. Aus dem Boden der Heimat heraus soll in diesem Jahre das Carnevals- vergnügen des TurnvereinsHersfeld gleichsam herauswachsen. Eine echte und rechte hessische Bauernkirmes wird sich Sonnabend abend in den festlich geschmückten Räumen der Turnhalle ab­spielen. Auf der Dorfwiese unter dem frischen Grün der Bäume werden sich die Alten und die Jungen zusammenfinden, um bei frohem Sang, Tanz und Becherklang wieder einmal lustig zu sein nach der harten Sommerarbeit. Froh im Kreise tummeln sich die schmucken Paare und wird es einmal des Tanzens zu viel, dann bietet das Singen der alten, alten Dorflieder eine willkommene Abwechselung. DiePlatzburschen" mit der stolzen Zierde der bunten Bänder sorgen für Ordnung in Tanz und Spiel und vergessen daneben nicht nach Möglichkeit dieGesuud- heiterche" auszubringen. Wenn dann die Stimmung ihren Höhepunkt erreicht hat, dann betritt wohl gar derHäns" oder derMärte" das Musikpodium, um eine Rede zu halten oder womöglich einSpaßlied" zu fingen; der war ja auch in Cassel beim Commis und hat dort viel Großartiges gelernt. Die Alten aber sitzen ringsum auf den hölzernen Bänken und schauen mit frohen Augen auf das ausgelassene Jung­volk, selbst wohl der eigenen, schönen Jugendzeit ge­denkend. Spät in der Nacht erst ertönt der mahnende Ruf des Nachtwächters, aber keiner wird ihm dieses Mal Gehör schenken und es wird lange dauern, bis die Dörfler ihre Kirmes begraben. In diesem Sinne hofft der Turnverein auch in diesem Jahre wieder seinen Mitgliedern und Freunden ein gediegenes Fastnachtsvergnügen zu bieten. Ein Vergnügen, welches nicht durch prickelnde, nervenrerzende Auf­machungen die Besucher in den Taumel moderner Sensationen hineinziehen soll sondern ein Ver­gnügen, welches durch seine Schlichtheit den Frohsinn und die Festesfreude aus den Herzen der Besucher von selbst herauslocken will. Die Räume der Turn­halle sind in ein frohes Gewand gekleidet um dre Schaar der schmucken Bauernmädchen und Burschen auch annähernd in die Wirklichkeit zu versetzen. _ Zur allgemeinen Orientierung sei nochmals an dieser Stelle auf das Inserat hingewiesen, wonach Nicht- mitglieder durch Einführungskarten Zutritt haben und bei den im Inserat benannten Herren anzu- melden sind. Kinder werden indes auf keinen Fall zugelassen.

Abgeordnetenhaus.

Das Preußische Abgeordnetenhaus beriet am Mittwoch beim Etat des Ministeriums des Innern zunächst einen Antrag auf Verstaatlichung der Bureaus der Landratsämter, den Abg. Dr. v. Campe (Natl.) begründete. Die Klagen des Abg. Richtarsko (Ztr.) über mangelnde Berücksichtigung der Katholiken bei der Stellenbesetzung in diesen Aemtern wies Minister v. Dallwitz als unbegründet zurück. Abg. v. Bockel-

berg (kons.) betonte, daß die Verstaatlichung dieser Bureaus zu einer bedeutenden Beamtenvermehrung führen würde. Abg. Dr. Woyna (freik.) bat, es im Interesse des sozialen Aufstiegs bet dem jetzigen System zu lassen, jetzt würden in den Aemtern Leute mit Volksschulbildung beschäftigt. Das würde durch den Antrag nicht mehr möglich sein. Der Minister hatte ebenfalls Bedenken gegen den Antrag wegen seiner finanziellen Folgen. Abg. Wenke (Fortschr.) wünschte die Verstaatlichung, um die Aemter der konservativen Wahlagitation zu entziehen. Mit ähn­licher Begründung sprachen für den Antrag die Abag. v. Trampczynsky (Pole) und Leinert (Svz.). Abg. v. Goßler (kons.) nannte es ein geradezu glänzendes Zeugnis für die Amtsführung der Landräte, daß von den Rednern der Linken nur vier Fälle aus der ganzen Monarchie zur Sprache gebracht werden konnten über angeblichen Mißbrauch ihrer amtlichen Stellung. Man solle endlich anerkennen, daß an der Amts­führung der Landräte nichts auszusetzen sei. Abg. Dr. Hagemeister (Natl.) bat um eine Gesetzesnovelle, die den Unstimmigkeiten der verschiedenen Landge­meinde-Ordnungen abhelfen solle. Der Antrag wurde an die Budgetkommission verwiesen. Abg. Freiherr Schenk zu Schweinsberg (kons.) begründete einen An­trag auf Bekämpfung der Unsittlichkeit in den Groß­städten. Eine schärfere Unterdrückung der Kabaretts, Rummelplätze und Animierkneipen sei notwendig, desgleichen ein besonderes Kinematographengesetz. Abg. Barster (freik.) wünschte, daß die Polizei den Ausschreitungen des Nachtlebens nicht so nachsichtig gegenüberstehen solle. Abg. Dr. Dittrich (Ztr.) bat um einstimmige Annahme des Antrages, ebenso Abg. Dr. Schroeder-Cassel (Natl.), der besonders auf das Nacht­leben Berlins Hingewtesen hatte, das einen besorgnis­erregenden Charakter angenommen habe. Minister v. Dallwitz sagte eine Verkürzung der Polizeistunden zu und verwies auf einen, dem Bundesrat vor­liegenden Gesetzentwurf, der es ermöglichen werde, die Animierkneipen gänzlich zu beseitigen. Abg. Kanzow (Fortschr.) erklärte sich mit der Tendenz des Antrages einverstanden, nicht aber mit den Einzel­heiten. Er versprach sich mehr von einer Ver­tiefung des religiösen Gefühls als von polizeilichen Maßnahmen. Das Haus vertagte sich auf Donnerstag: Fortsetzung. Schluß ^/iö Uhr.

Deutscher Reichstag.

Der Reichstag setzte am Mittwoch die allgemeine Erörterung über den Etat des Reichsjustizamtes fort. Abg. Lift (nl.) empfahl nochmals die nationalliberalen Resolutionen zur Annahme und wünschte eine Rege­lung der religiösen Erziehung der Kinder aus Misch­ehen. Abg. Dr. Oertel (kons.) trat für einen ver­mehrten Schutz der persönlichen Ehre ein und bedauerte die sensationelle Berichterstattung der Presse über ge­wisse Prozesse. Kunstwerke, die im Museum genossen werden wollen, seien nicht immer geeignet für Post­karten. Gegen alle derartige Auswüchse seien seine freunde nicht aus Muckerei, sondern aus Religiosität.

bg. Dr. Müller-Meiningen (fortschr.) führte Klage über die ungleichmäßige Anwendung des Rechts. Die Praxis gegen die Abbildung von Kunstwerken auf Postkarten unterwerfe ein angesehenes Gewerbe achtbarer Künstler der Willkür des Staatsanwalts. Dagegen können nur unabhängige, freie Richter helfen. Staatssekretär Dr. Lisco befaßte sich allgemein mit den sogenannten unzüchtigen Postkarten und betonte, daß große Schwierigkeiten vorliegen gegenüber den Postkarten mit Nachbildungen von Kunstwerken. Die Beschlagnahme solcher Postkarten überrasche zunächst. Sobald man aber die näheren Umstände kenne, be­komme die Angelegenheit ein ganz anderes Gesicht. Das Reichsgericht vertrete die Auffassung, daß die bildliche Nacktdarstellung an sich ebensowenig unzüchtig sei, wie die des unverhüllten menschlichen Körpers überhaupt, nehme aber auch an, daß die Wiedergabe von Kunstwerken, besonders auf Postkarten, auch mißbraucht werden könne. Abg. Heine (Soz.) nannte die Strafprozeßordnung ein ausgezeichnetes Gesetz, sofern es nur richtig angewendet werde. Das Tückische der Klassenjustiz liege darin, daß kein Richter sich in die Seele eines Arbeiters versetzen könne. Zur Be­hauptung eines Staatsanwalts, die Anbringung ftärkerer Schatten an gewissen Körperstellen geschehe zur Erregung von Lüsternheit, gehöre schon eine perverse Phantasie. Staatssekretär Dr. Lisco legte gegen diese Bemerkung Verwahrung ein. Abg. Dr. Gerlach (Ztr.) forderte Reform der Jrrengesetzgebung. Donnerstag Fortsetzung.

Wetteransfichten für Freitag den 20. Febrvar.

Wechselnde Bewölkung, zeitweise Regenfälle, keine Temperaturänderung, westliche Winde.