Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
Knicker
für den Kreis Hersfeld
Sreisilott
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Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 46.
Dienstag, den 34. Februar
1914.
Hus der Heimat.
* (HöhereSchnittholzpreise.) Die Sägeholz-Industriellen der Provinz Hessen-Nassau haben mit Rücksicht auf die stark gestiegenen Rundholzpreise die Notierung für geschnittene Bauhölzer mit sofortiger Wirkung um 1 Mark per Kubikmeter und für nach Listen geschnittene Kanthölzer um 2 Mark per Kubikmeter erhöht.
- a- Hersfeld, 23. Febr. Das gestern vom Turn- bezirk Hersfeld des Oberfulda-Werra-Gaues veranstaltete K r i e g s s p i e l nahm in jeder Beziehung einen guten Verlauf. Zu den festgesetzten Ze.iten brachen die 3 Parteien von Hersfeld, Nieöeraula und Wehrda auf, um den in der Nähe der Kerspenhäuser Kuppe infolge eines Defektes niedergegangenen feindlichen Luftkreuzer außer Gefecht zu setzen. Wohl manchem Turner lagen die Strapazen der „Bauernkirmes" noch bleischwer in den Gliedern, aber gar bald brach sich der unverwüstliche, jungfrische Turnerhumor durch und ließ den anstrengenden Marsch auf den total aufgeweichten Wegen leichter überwinden. Gegen 3 Uhr war im Walde Fühlung unter den 3 Parteien genommen worden. Immer enger und enger wurde der große Ring gegen die Kuppe zusammengezogen. Um 3.25 Uhr wurde von der Hers- felder Partei der von der Besatzung vollends zerstörte und verlassene Luftkreuzer, welcher durch weiße Flaggen markiert war, am Nordabhang der Kuppe gefunden. Nun hieß es noch die feindliche Besatzung, die doch zweifellos in den Besitz sehr wichtiger Beobachtungen gekommen war, einzufangen. Ein anstrengendes Suchen in den schier undurchdringlichen Tannendickichten begann. Auf Händen und Füßen gings durch sonst nie betretene Tannenhecken, es war ein mühsames, beschwerliches Vorwärtskommen, und die Schrammen und Risse auf den Händen werden die Turner noch die nächsten Tage an diesen Streifzug erinnern. Um 4 Uhr trafen die Reihen der Suchenden auf der Kuppe zusammen ohne auch nur einen Mann des Feindes aufgefunden zu haben. Es war mithin der Ballonbesatzung gelungen sich in einem der undurchdringlichen Dickichte zu verbergen und somit durchzuschlagen. Nach eingehenden Besprechungen der einzelnen Führer und nach Bekanntgabe des nächsten Kriegsspiels wurde der Abmarsch nach Niederaula angetreten. Dortselbst waren die Teilnehmer und die Schlachtenbummler — es werden allinsgesamt wohl 200 gewesen sein — noch bis zur Abfahrt des Zuges fröhlich beisammen. Um 8 Uhr abends zogen die Turner von Hersfeld, an der Spitze ihre Trommler und Pfeifer, durch die Stadt nach der Turnhalle, um den herrlich verlaufenen Tag würdig zu beschließen und wohl auch zu gutem Ende die „Bauernkirmes" ein wenig zu begraben. Alles in allem es war ein Tag, der so recht dazu angetan war, anregend auf die Jugend zu wirken und sie Höherem zuzuführen. Der Marsch durch die frühlingsharrende Natur, das herrliche Panorama von dem Bergesgipfel, die edle Fröhlichkeit und die treue Kameradschaft der Turner, das alles sind Reflexe, die sich in den Herzen der jungen Teilnehmer wiederspiegeln und sich dort als gute Saat eingraben werden. So ist es im Interesse der Jugendpflege sehr erwünscht, daß die jungen Leute von Stadt und Land zahlreicher an diesen Veranstaltungen teilnehmen und sich mehr und mehr in dieReihenderTurnerstellen. DrumwegmitderPrüderie moderner Körper- und Geistesfaulheit, laßt uns Germanen bleiben, laßt uns unseren Vätern treu bleiben!
):( Hersfeld, 23. Februar. Wie in früheren Jahren, a F$ auch diesmal das vom Turnverein H e r s f e l d veranstaltete Fastnachtsvergnügen wieder ernes außerordentlich großen Zuspruchs zu erfreuen. Der mesmhrrgen Veranstaltung lag die Idee einer „B a u e r n k r r m e s" zu Grunde. Zahlreiche Trachten aus unserer ganzen Umgegend, darunter prächtige typrsche Gestalten, waren vertreten und es herrschte eine fröhliche Stimmung unter dem „Landvolk". Die verschiedensten Buden unserer Lollskirmes, Orgelmänner und dergl. waren vertreten und trugen viel zu dem lustigen Treiben mit bei. Bis zum Hellen Morgen drehten sich die schmucken Paare im Tanz und vollbefriedigt verließen alle die Städte der Fröhlichkeit.
- l- Tann, 23. Februar. Im Beisein der Gemeindevertretung wurde am vorigen Sonnabend unserm langjährigen Bürgermeister Herrn W i e g a n d durch Herrn Landrat von Grunelius das Allgemeine Ehrenzeichen überreicht.
- ck- Widdershausen a. d. W., 23. Febr. Gestern nachmittag veranstaltete der im 5. Lebensjahre erblindete, als hervorragender Künstler bekannte Orgelvirtuose H. Hartung-Eschwege in der hiesigen Kirche ein geistliches Orgelkonzert. Die zum Vortrag gebrachten Orgelpiecen waren durchweg
gut ausgearbeitet und zeigten bei vollendetster Technik ein tiefes, inneres Erfassen und Miterleben des Künstlers. Ganz besonders sprachen an das einleitende Festvorspiel zum Choral: „Wie schön leuchtet der Morgenstern" von Gäbler, die Bach'sche „G-moll- Fuge" und „Toccata" von Sehring. Auch die eigene Komposition Durchführung des Chorals: „Was Gott tut, das ist wohlgetan", verriet eine feinsinnige, verständnisinnige Auffassung des erblindeten Künstlers und wurde mit seelenvoller Hingabe wiedergegeben. Das vorzüglich ausgewählte Programm fand allgemeine Anerkennung. Nur wäre zu wünschen, daß der Besuch einer derartigen, für Widdershausen höchst seltenen Veranstaltung, die doch manchem einen hohen Genuß verschaffen könnte, künftighin reger sein werde.
- ck- Widdershausen a. d. W., 23. Februar. Am gestrigen Sonntag gab das Sarsontheater-Ensemble Vacha im Saale der Gastwirtschaft von Georg Schneider sein erstes Gastspiel.
- ck- Heringen a. d. W., 22. Februar. Die hiesige Casinogesellschaftveranstalteteamvergangenen Sonnabend im Saale des Gasthofes „zur Post" ein Kostümfest, welches bei regem Besuch einen äußerst gemütlichen Verlauf nahm.
Eisenach, 22. Febr. In einem hiesigen Restaurant gerieten der Materialwarenhändler Nortmann und der Maurermeister Keuterling in Streit. Der letztere verließ das Lokal, um den Streit zu beenden. Unterwegs holte ihn aber N. ein und schlug den K. mit einem Stocke. Nachdem K. den N. abgewehrt hatte, lief dieser in seinen Laden und holte ein großes Schlachtmesser, mit dem N. nun auf K. losging und das Messer ihm mehrmals in den Unterleib stach und ihm furchtbare Verletzungen beibrachte. Als K. sich wehren wollte, wurde ihm auch noch eine Hand zerschnitten. Durch die Hilferufe des K. eilten Leute herbei, die den K. befreiten und nach Hause brachten. N. hat sich nun wegen Mordversuchs zu verantworten. K. liegt hoffnungslos darnieder.
Eisenach, 22. Februar. Großes Aufsehen erregt hier die Ermordung von 2 jungen Verkäuferinnen, die in der Bahnhofsbuchhandlung zu Eisenach angestellt, und beide erst 17 Jahre alt waren. Der Kaufmannslehrling Linde, der erst 17 Jahre alte Sohn eines hiesigen Eisenbahnassistenten, unterhielt mit den beiden Verkäuferinnen König aus Dresden und Wiener aus Eisenach ein Liebesverhältnis. Aus noch nicht aufgeklärten Gründen hatten nun alle drei beschlossen, gemeinsam sterben zu wollen. Sie fuhren gestern in aller Frühe nach Marksuhl, wo sie noch einige Zeit sich in einer Wirtschaft aufgehalten haben. Während das Automobil nach Eisenach zurückfuhr, begaben sich die drei in den nahen Wald, wo Linde seine beiden Geliebten durch Revolverschüsse tötete. Er selbst brächte es aber nicht fertig, sich nun auch das Leben zu nehmen, da ihm angesichts der Leichen der Mut entschwunden war. Er irrte in der Gegend umher und fuhr schließlich von Salzungen aus nach Meiningen, wo er sich der Polizeibehörde stellte. Diese ließ ihn in das Eisenacher Landgericht bringen. Am Nachmittage begaben sich Kriminalbeamte nach Marksuhl, wo nach langem Suchen die Leichen gefunden wurden.
Eisenach, 21. Februar. Der hiesige Grundstücksagent und Lotteriekollekteur Gustav Seiffert ist in Konkurs geraten. Die Passiven betragen 1700 000 Mark. Hauptgläubiger sind die Kreditanstalt in Eisenach, die Unnaer Bank und die Bankfirma Gebr Goldschmidt in Gotha.
Breitenbach (Kr. Cassel), 21. Februar. Eine ruchlose Tat wurde hier von jungen Burschen begangen, die in einer hiesigen Wirtschaft Geburtstag feierten. Einige Uebermütige schleppten den betrunkenen Gemeindehirten in den Wirtschaftsgarten und hingen ihn, nachdem sie ihm die Beine zusammen gebunden hatten, mit dem Kopf nach,unten an einen Baum. In bejammernswertem Zustande wurde der Bedauernswerte morgens gegen o Uhr aufgefunden und aus seiner gefährlichen Lage befreit. Die Täter wurden zur Anzeige gebracht.
Cassel 22. Febr. Als heute nacht der Schutzmann Reith auf' einem Kontrollgang die Treppe zur Bilder- gallerie emporschritt, glitt er aus und stürzte ,o unglücklich die Treppe herab, daß er die Wirbelsäule brach. In hoffnungslosem Zustande wurde der Verunglückte ins Krankenhaus geschafft.
Adorf 21. Februar. Gestern ereignete sich kurz vor Adorf ein bedauernswerter Unglücksfall. Dem Landwirt Fischer-Ohrens war auf dem Rückwege von Bredelar, wohin er feine Frau zur Bahn gebracht hatte durch Aufstiegen von Tauben beim Kornhaus Adori das Pferd durchgegangen und rannte die steile Böschung herunter. Der Wagen schlug um und F. und eine Frau, die er mitgenommen hatte, wurden
ins Wasser geschleudert. Fischer hatte eine Knie- zersplitterung davongetragen, die Frau kam mit dem Schrecken davon. Das Pferd hatte sich an den Beinen verletzt.
Alsfeld, 20. Februar. Beim Korbflechten war ein junger Mann aus Hattenbach von einem Jungen aus Unvorsichtigkeit ins Bein gestochen worden. Da sich Blutvergiftung einstellte, mußte dem Unglücklichen das Bein abgenommen werden.
Frankenberg, 22. Februar. Sicherem Vernehmen nach ist der seit länger als 8 Tagen fliichtige Stadtsekretär Giebel, der sich amtlicher Verfehlungen schuldig gemacht haben soll und von der Marburger Staatsanwaltschaft verfolgt wird, in Wien verhaftet worden.
Hanau, 20. Febr. Bei dem Nachkirchweihfeste in Niederrodenbach zogen jungen Burschen mit der Ziehharmonika musizierend durch die Ortsstraßen. Es war schon zu später Nachtstunde. Als der 72 Jahre alte Nachtwächter Georg Schauf sie zur Ruhe mahnte, wurde er zu Boden geworfen und mit der Ziehharmonika geschlagen, so daß er am anderen Tage an den Folgen der Verletzungen starb. Der am schwersten Belastete war der 27 Jahre alte Hausbursche Johannes Reimann aus Hanau, der heute vom Schwurgericht mit 2 Jahren Gefängnis bedacht wurde.
Hanau, 20. Februar. Im Laufe der Schwur- aerichtsverhandlung gegen Ernst Ebender wurde festgestellt, daß der Zigeuner Wagner aus Lüneburg, welcher Ebender der Behörde verraten hat, 700 Mk. von der auf die Ergreifung der Ebender ausgesetzten Belohnung von 3000 Mk. erhalten hat. Wagner hat damals, wie aus den Berichten noch in Erinnerung sein dürfte, eine abenteuerreiche Fahrt nach Fulda unternommen, um das Geld gleich in Empfang zu nehmen. Er wurde selbst als „Ebender" verhaftet und mußte ohne Erfolg abziehen.
Frankfurt a. M., 21. Februar. Das Dienstmädchen Roth, das in einer Gastwirtschaft in der Kronprinzenstraße beöienstet war, trank heute Lysol und liegt schwer krank darnieder. Der Beweggrund ist unglückliche Liebe.
Frankfurt a. M., 20. Febr. Auf einer Streife, die die Polizei kürzlich durch ein hiesiges Cafee unternahm, wurden 40 Personen festgenommen, von denen 30 bereits vorbestraft waren, zum Teil mit Zuchthaus. Sieben der Festgenommenen werden steckbrieflich verfolgt. Ein Teil des Personals des Cafee entpuppte sich als Einbrecher und Hehler. — Wie schlecht mancher Handwerker noch rechnen kann, beweist die Vergebung von Schlosserarbeiten für die Feuerwache in Sachsenhausen. Der Mindestfordernde verlangte 2084 Mk., während die Taxe die Arbeit mit 2500 Mark ohne Lohnberechnung bewertet hatte. Bei Zuschlagser- teilung konnte der Meister von vornherein schon 416 Mk. an Materialverlust verbuchen und dann die Arbeit umsonst machen.
Göttingen, 21. Febr. In Reiffenhausen hat ein Kuhschweizer ein schreckliches Ende gefunden. Er hatte sich am Abend total betrunken und wurde von seinen Zechkumpanen, die ihn nicht mehr in sein Bett bringen konnten, in einer Ecke des Kuhstalles neben den Futterkisten ins Stroh gelegt, damit er seinen Rauschausschlafe. In der Nacht scheint der Schweizer aber doch aufgewacht zu sein und versucht zu haben, in seine Kammer zu gehen. Bei diesem Versuch ist er elend umgekommen, denn am andern Morgen wurde er von seinem Herrn, mit dem Gesicht im Kuhmist liegend erstickt aufgefunden. Beim Atmen hatte sich die Nasenhöhle vollständig voll Kuhmist gesetzt, was, wie vom Arzt festgestellt wurde, seinen Tod herbeigeführt hat.
Von der Oberweser, 22. Febr. Als sich der Müh- lenbesitzer Ernst Jacob in Holzminden der Kreissäge näherte, an der etwas nicht in Ordnung zu sein schien, flog ihm ein Stück Holz mit solcher Gewalt an den Kopf, daß ihm die Schädeldecke zertrümmert wurde. Der Verunglückte wurde dem Holzmindener Krankenhause zugeführt, wo er nach wenigen Stunden seinen Verletzungen erlag.
Wiesbaden, 21. Februar. Heute starb hier die älteste Einwohnerin Frau Emilie Vahl im Alter von 103 Jahren. Sie wurde am 14. Juli 1811 in Saarbrücken geboren und war die Witwe des vor 12 Jahren im Alter von 07 Jahren gestorbenen Rentiers Vahl. Die Greisin erfreute sich bis zuletzt einer seltenen Rüstigkeit.
Wetteraussichten für Dienstag den 24. Februar.
Wolkig, vereinzelt Regenfälle, Schauer, etwas kühler, westliche Winde.