Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^^^ für den Kreis Hersfeld Weiter Mlott
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Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage" Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 89, Freitag, den 17 April 1914.
Landarbeiterkiirsorge in Salinen.
Eine Maßnahme zur Hebung der sozialen Lage der Landarbeiter hat die Kaiserliche Gutsherrschaft in Cadinen getroffen. Auf ihre Veranlassung wird für jeden Arbeiter eine Versicherung in Höhe von 1000 Mark bei der Provinzial-Lebensversicherungsanstalt Westpreutzen abgeschlossen. Die Kosten hierfür werden, abgesehen von einem sehr geringen Zuschuß der Arbeiter, von der Gutsherrschaft getragen. Das erwähnte Kapital wird beim Tode des versicherten Arbeiters an seine Hinterbliebenen, beim Erleben des 55. bis 60. Lebensjahres (je nach Eintrittsalter) an ihn selbst ausgezahlt. Die Verfügung über ein Kapital soll dem Landarbeiter die Möglichkeit geben, sich seßhaft zu machen. Der Plan der Gutsherrschaft Cadinen soll, wenn er von Seiten anderer Landwirte Nachahmung findet, dazu dienen, die Bodenständigkeit der Landarbeiterbevölkerung zu fördern.
Bus der Heimat.
* (Der Zivilversorgungsschein.) In einem Erlaß des Kriegsministeriums heißt es: Die Militäranwärter, die den Zivilversorgungsschein nach dem Militärpensionsgesetz vom 27. Juni 1871 oder nach dem Mannschafts-Versorgungsgesetz vom 31. Mai 1906 erworben haben und in einer den Militäranwärtern nicht vorbehaltenen Stelle als Beamte beschäftigt oder angesteXt sind, verlieren durch die Anstellung das Recht auf den Schein nicht. Es erlischt erst, wenn der Inhaber mit einer Pension aus dem Zivildienst in den Ruhestand tritt. Es ist nicht mehr zulässig, den Zivilversorgungsschein eines nicht auf Grund des Scheines zur Anstellung kommenden Beamten zu den Akten zu nehmen.
* Zum Schutze des Gesellentitels hat der Minister für Handel und Gewerbe eine Verfügung erlassen, nach der die Ausgabestellen für Quittungskarten streng darauf zu achten haben, daß bei der Ausstellung oder bei dem „Umtausch" von Quittungskarten großjährige Personen nur dann als Gesellen in ihnen zu bezeichnen sind, wenn durch Vorlegen des Gesellenbriefes oder sonst in zuverlässiger Weise der Nachweis dafür erbracht wird, daß die betreffenden Personen in Wirklichkeit Gesellen sind. Als Gesellen sind nur diejenigen im Handwerk beschäftigten Hilfspersonen anzusehen, welche technisch vorgebildet sind, eine Gesellenprüfung absolviert haben, und mit technischen Arbeiten des Handwerks beschäftigt werden. Ungelernte Arbeiter sind niemals „Gesellen" und dürfen unter keinen Umständen als solche bezeichnet werden.
* Der Prozentsatz derMilitärtauglichen hat abgenommen. Er betrug im Jahre 1913 noch 57,1, jetzt nur noch 55,5 Proz. Die Zahl der Gestellungspflichtigen hat dagegen zugenommen. Vorläufig sind also die Wirkungen des Geburtenrückganges noch nicht in die Erscheinung getreten. Das diesjährige Ersatzgeschäft weist folgende Ziffern auf: 55,5 Proz. Taugliche, 14,8 Proz. künftig Taugliche, 24 Proz. Minder- taugliche, 6 Proz. Untaugliche, 0,2 Proz. Unwürdige.
):( Hersfeld, 16. April. Am vergangenen Sonntag waren aus der Erziehungsanstalt in Rengshansen zwei Zöglinge entwichen. Einer derselben fiellte sich gestern abend freiwillig der hiesigen Polizei, welche für seinen Rücktransport in die Anstalt sorgte. Der andere Zögling hatte sich in Rotenburg andere Meldung verschafft und sich dann von seinem Kameraden getrennt.
f®“^' 101 April. Gestern nacht tauchte plötzlich ®® ^F A"^^^?" Stadtpark ein nur mit Hemd E/^^"^ bekleideter Mann auf. Dieser, es war der Arbeiter H., hatte seine Wohnung durch ein geinter verlästert. Von dem Wahn beseelt, an dem Ostervergnugen des Turnvereins noch teilnehmen zu wollen, versuchte H. in dem primitiven Festkleid in das Lokal zu kommen. Es kostete einige Mühe, H. von fernem Wahn abzubringen und nach seiner Wohnung zu führen.
Ersrode, 15. April. Zu Ausschreitungen ließen es Ultlge Leute nach beendigter Kvntrollverfammlung kommen. Der Landwirt C. Stippich von hier war wlt seinen Pferden auf dem Felde beschäftigt. Gegen 4 "hr nachmittags kamen Reservisten aus Licherode von der hiesigen Kontrollversammlung und gingen über den Acker des Stippich. Derselbe forderte die -eine auf, sein Land zu verlassen. Diese, 8 an der Zahl, verstanden das Verbot unrecht. Zwei fielen her und warfen ihn zu Boden, einer nahm ^^ck und schlug den Stippich über den Kopf, .oootz er betäubt hinstürzte. Diesen Vorfall hatten Arberter bemerkt, welche in Gemeinschaft mit oem Wachtmeister Kaiser herbeieilten. Nunmehr
nahmen die Täter, welche zum Teil angetrunken waren, Reißaus. Der Ueberfallene ist auf dem Wege der Besserung, zur Zeit aber noch arbeitsunfähig.
Witzenhausen, 15. April. Wenn die warme Witterung anhält, ist zu erwarten, daß die Baumblüte, insonderheit die Kirschblüte, in den nächsten Tagen voll zur Entfaltung kommt und wir vielleicht schon am kommenden Sonntag den sogenannten „Witzen- hauser Blütensonntag" feiern können. Alljährlich kommen zur Blütenzeit ungezählte Scharen Touristen und Fremde nach hier, und mit Stecht verdient Witzenhausen in dieser Zeit den poetischen Namen Lenzbach.
Aus dem Kreise Wolfhageu, 14. April. Einen großen Fortschritt auf dem Gebiete des Molkereiwesens hat der im nördlichen Teile unseres Kreises seit 2 Jahren bestehende Rindviehkontrollverein erzielt. Der Verein hat sich zur Aufgabe gestellt: deu beteiligten Viehbesitzern ein klares Bild über die Leistungsfähigkeit seines Milchviehs in Bezug auf Milchmenge und Fettgehalt zu geben. Ein zu diesem Zweck ausgebildeter Kontrollbeamter nimmt alle 14 Tage Messungen und Milchfettbestimmungen vor, wodurch der Nachweis über den Wert einer jeden der Kontrolle des Vereins unterstellten Milchkuh erbracht wird. Der Besitzer wird hierdurch in die Lage versetzt, seine Tiere richtig zu beurteilen und daher schlechte Milchkühe auszumerzen. Eine Zusammenstellung der Milcherträge aus beiden letzten Kontrolljahren hat ergeben, daß gute Erfolge erzielt sind, namentlich in den bäuerlichen Wirtschaften, was aber auch auf bessere Fütterung zurückzuführen ist. In einem Viehbestände wurden beispielsweise pro Kuh 614 Liter Milch jährlich mehr erzielt, in anderen Viehbeständen aber auch bis 800 Liter pro Kuh, das würde nach Abzug aller Futterkosten einen Reingewinn von ca. 25 Mk. ausmachen. Unter Kontrolle standen 400 Kühe, wovon aber 20 Prozent infolge schlechter Milchergiebigkeit ausgemerzt wurden. Aus Vorstehendem ist zu ersehen, daß auch auf dem Gebiete des Molkereiwesens durch intensiven Betrieb noch vieles getan werden kann: möchte daher das in unserem Kreise begonnene Werk recht viel Nachahmung finden.
Frankenberg, 15.April. In der Marburger Klinik verschied die zwanzigjährige Tochter des Landwirts G. aus dem benachbarten Nvdenbach, nachdem sie sich einer Operation am Kopf unterzogen hatte, die auch gut verlaufen war. Die Veranlassung dazu waren furchtbare Kopfschmerzen, die sich vor einiger Zeit bei dem Mädchen einstellten. Wie sich später herausstellte, haben sich die jungen Mädchen in der Spinnstube im Scherz gegenseitig gegen den Kopf gestoßen, was bei Fräulein G. die erwähnten Folgen hatte. Die alten Eltern sind umsomehr zu bedauern, als sie vor einem Jahr ebenfalls eine blühende Tochter verloren haben und sie nun auf die letzte Tochter ihre ganze Hoffnung gesetzt hatten.
Jestädt bei Eschwege, 14. April. Als gestern nachmittag auf dem nahen Ausflugspunkte Hahnenkrott die Familie eines Eisenbahnlokomotivheizers aus dem Nachbardorfe Eltmannshausen sich Kaffee auf einem Spirituskocher zubereitete, schlug plötzlich eine Stichflamme aus dem Apparate heraus und traf das Gesicht eines dreijährigen Kindes der Familie. Das Kind erlitt erhebliche Brandwunden: nach Anlegung eines Notverbandes durch die hiesige Gemeindeschwester wurde es in ärztliche Behandlung gegeben.
Güsten »Anhalt), 15. April. Gestern mittag spielte der sechsjährige Knabe Elbing in Gemeinschaft mit einem Schulknaben mit eurem Terzerol. Plötzlich krachte ein Schuß und der kleine Eblrng stürzte, in die Brust getroffen, tot zusammen.
Cassel 16. April. Der hiesige erste Staatsanwalt hat hinter dem Erdarbeiter Franz Rytina, geboren am 14. Oktober 1880 zu Stwendt (Böhmen), der sich zuletzt in Weiterode aufhielt, einen Steckbrief wegen Totschlags erlassen. Bis jetzt gelang es nicht, des Verbrechers habhaft zu werden.
Lutterberg, 15. April. Unsere Gemeinde ist vom Reichsmilitärfiskus verklagt. Ber den letzten Feld- bienftübungen, welche sich bis rn den hiesigen ,Ge- meindebezirk ausdehnten, stürzte ein Pferd m einen laut Klage nicht genügend eingefriedigten «teinbruch und kam um. Hierfür wird Schadenerfatz gefordert. Vor der Göttinger Zivilkammer haben bereits zwei Termine stattgefunden und es soll jetzt Beweis über die damalige Beschaffenheit des Steinbruchs erhoben werden.
Wiesbaden, 15. April. Einem 18jährigen Mitglied des Hanauer Fußballklubs, der hier zum Wett- kampf sich aufhielt, wurden von dem Chauffeur eures hiesigen Automobils, an dem der junge Menfch uch in Schierstein zu schaffen machte, mit einem Hammer schwere Kopfverletzungen hergebracht. Er wurde besinnungslos ins Biebricher Krankenhaus eingeliefert.
Sie finanzielle Lage unserer Kolonien.
Zu dem durchgreifenden Wandel, der sich in der Wertung unserer Kolonien vollzogen hat, hat am allermeisten die allmählich auch den Gegnern der Kvlvnialpvlitik anfdämmernde Erkenntnis beigetragen, daß unsere überseeischen Besitzungen auf dem besten Wege sind, für das Mutterland ein „gutes Geschäft" darzustellen. Ailch dort, wo man auf die kulturelle Seite der Kvlvnialpvlitik nicht den geringsten Wert legt, und wo man die ethischen Momente, die bet der kolonialen Betütigung eines Volkes in Betracht kommen, gering schätzt, beginnt man, der wirtschaftlichen Bedeutung unserer Kolonien mehr und mehr Gewicht beizulegen. Unsere sämtlichen Kolonien, mit Ausnahme von Neu-Guinea decken heute bereits die Ausgaben für ihre Zivilverwaltung aus den eigenen Einnahmen. Nur die Wahrnehmung des Post- und Telegraphendienstes erfordert noch Reichszuschüsse in Höhe von 1,5 Millionen Mark für sämtliche Kolonien. Da aber auch hier die Einnahmen mehr unb mehr steigen, so daß 4,2 Millionen Mark Ausgaben bereits 2,7 Millionen Mark Einnahmen gegeuüberstehen, dürfte auch hier in absehbarer Zeit eine Balanzierung erreicht sein. Neu-Guinea wird freilich noch auf Jahre hinaus eines Reichszuschusses für die Zivilverwaltnng bedürfen, wenn derselbe ailch erfreulicher Weise im Rückgang begriffen ist. Abgesehen davon wird der Reichszuschuß für unsere Kolonien heute nur noch zur Bestreitung der militärischen Ausgaben verwendet. Im Voranschläge für das Etatsjahr 1914 ist der Reichszuschuß auf 21,81 Millionen Mark festgesetzt, d. i. gegenüber dem laufenden Etatsjahre um 0,65 Millionen Mark weniger. Zu beachten ist aber, daß Deutsch-Südwestafrika schon im laufenden Etatsjahre eine, wenn auch geringe Summe zu den Kosten des militärischen Schutzes beiträgt, daß diese Summe für das Etatsjahr 1914 erhöht ist und daß jetzt auch Deutsch-Ostafrika sich an der Deckung der militärischen Ausgaben beteiligen muß. Die Annahme, daß unsere Kolonien nach und nach ganz des Reichszuschusses werden entbehren können, wie es bei Togo schon seit mehr als einem Jahrzehnt und bei Samoa seit 1909 der Fall ist, kann demnach keineswegs ntopistisch bezeichnet werden.
Die finanzielle und wirtschaftliche Besserung, die unsere Kolonien aufweisen, spiegelt sich in erster Linie in der Steigerung der „eigenen Einnahmen" derselben wider. In dem neuen Etatsvoranschlage sind die eigenen Einnahmen der Kolonien um rund 17 Millionen Mark höher eingeschätzt als im laufenden Etat, nämlich mit 69,4 Millionen Mark gegen 52,3 Millionen Mark. Das Plus entfällt allerdings mit 9,7 Millionen Mark auf Deutsch-Südwestafrika, wo allein die Einnahmen aus der Diamantensteuer 7,2 Millionen Mark mehr bringen sollen, aber auch die Einnahmesteigerung bei Deutsch-Ostafrika mit 8,5 Millionen Mark und die bei Kamerun, die trotz des erheblichen Zollausfalles bei der Kautschukausfuhr ebenfalls auf 8,5 Millionen Mark veranschlagt ist, fällt bedeutsam ins Gewicht. Die Zolleinnahmen unserer Kolonien sind für 1914 um 2,4 Millionen (16,7 Millionen gegen 14,3 Millionen) höher veranschlagt, als im laufenden Etat. Das Plus wird allerdings fast ganz durch die Erhöhung der Zinslast für die zu werbenden Anlagen bestimmten Kolonialanleihen von 10,04 Millionen Mark auf 12,27 Millionen aufgezehrt. Eine richtige Würdigung der Bilanz unseres Kolonien ist aber nur unter Berücksichtigung der als' Reserve für unvorhergesehene Aufwendungen bestimmten sogenannten Ausgleichfonds, die seit 1908 eingeführt sind, möglich. Diese Ausgleichsfonds sollen im Etatsjahr 1914 die Höhe von 10,18 Millionen Mark erreichen. Im Vorjahre betrugen die Fonds zusammen 9,5 Millionen Mark. Ostafrika ist nach dem Voranschläge von 1914 an ihnen mit 2,68 Millionen Mark, Kamerun mit 2,19, Togo mit 1,58, Südwest mit 8,5 und Samoa mit 0,17 Millionen Mark beteiligt.
Die wirtschaftliche Entwicklung unserer Kolonien und damit ihre finanzielle Erstarkung macht nach alledem recht erfreuliche Fortschritte. Dieselben werden sich noch verstärken, wenn erst die Eisenbahnbauten durchgeführt sein werden, die für verschiedene Kolonien wertvolle Gebiete erschließen und neue Einnahmequellen eröffnen sollen. Schon heute läßt sich mit Bestimmtheit sagen, daß unsere Kolonien in absehbarer Zeit gänzlich auf eigenen Füßen stehen werden, und daß auch die Zeit nicht mehr so fern ist, wo sie selbst in den Augen reiner Wirtschaftskalkulatoren den Charakter einer Bürde für das Mutterland verloren haben und zu einem gewinnbringenden Faktor für das letztere geworden fein werden.
Wetteraussichten für Freitag den 17. April.
Zeitweise heiter, trocken, tagsüber wärmer, ruhig, in höheren Lagen Nachtfrost.