Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
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für den Kreis Hersfeld
Kreisblatt
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Zernsprech-Stnschlutz Nr. 8
Nr. 119, Sonnabend, den 23. Mai 1914.
Aus der Heimat.
* Militärische Fortbildungskurse. In den Garnisonstädten im Bereich des 11. Armeekorps sollen auf Veranlassung der Militärbehörde besondere Fortbildungskurse für die der Reserve und Landwehr angehörenden Unteroffiziere und Feldwebel eingerichtet werden. Die Teilnahme an den in bestimmten Zeiten stattfindenden schematischen und praktischen Unterrichtskursen soll den Unteroffizieren freigestellt sein. Auswärts wohnende Unteroffiziere und Feldwebel sollen zur Reise nach dem Garnisonorte berechtigt sein, Militärfahrkarten zur Fahrt nach dem Garnisonvrte lösen zu können. Voraussichtlich wird diese Einrichtung eine rege Beteiligung zur Folge haben.
§ Hersfeld, 22. Mai. Nächsten Montag nachmittag 4 Uhr wird eine Sitzung der Stadtverordneten- V e r s a m m l u n g im Rathaussaale abgehalten werden. Tagesordnung: Kostenbewilligungen. — Jahresrechnung des Wasserwerks für 1912/18. — Dienstbürgschaft. — Erbauung einer Zollniederlage. — Beschlußfassung über ein neues Sparkassenstatut. — Sonstiges. — Auf die öffentliche Sitzung folgt eine vertrauliche Beratung und Beschlußfassung.
*Die Oberförster stelle Hersfeld - Wippershain im Regierungsbezirk Cassel ist zum 1. September 1914 zu besetzen,' Bewerbungen müssen bis zum 20. Juni d. Js. eingehen.
):( Hersfeld, 22. Mai. Der gestrige Himmelfahrtstag mit seinem herrlichen Wetter lockte die Ausflügler in großen Scharen hinaus ins Freie. Von frühester Morgenstunde an sah man ganze Trupps und einzelne Gruppen, bepackt mit der nötigen Nahrung, zu den Toren hinauswandern, um den Tag in Gottes freier Natur zu verbringen. Zahlreiche Vereine machten unter starker Beteiligung, zum Teil mit Musikbegleitung, Ausflüge. Die Abendzüge brachten dann die Touristen in Scharen aus allen Richtungen wieder zurück.
-a- Hersfeld, 22. Mai. Bei prachtvollem Maienwetter fand gestern die Turnfahrt des Turn- bezirks Hersfeld und die damit verbundene Feier zu Ehren des Dr. Ferd. Götz auf dem Herzberge statt. Kurz nach 6 Uhr marschierten die beiden Hersfelder Turnvereine unter Vorantritt ihrer Spielleute zum Tore hinaus. Heiß brannte die Sonne hernieder, als von Kleba aus die Wanderung ausgenommen wurde. Dichte, weiße Nebelschwaden lagen noch in den stillen Tälern, aus denen die Berge rote grünende Eilande hervorragten. Es war ein weihevoller, echter Himmelfahrtsmorgen, wie man ihn draußen in der erblühten Natur nicht schöner erleben kann. Die schmucken Felder, der blühende Wald, der Morgengruß der trillierenden Lerchen und über diesem allen der Zauber der Maiensonne — sind Eindrücke des Friedens und lösen neue, erstarkende Lebensfreude in dem Menschenherzen aus. Truppweise wanderten die Turnerscharen durch die Waldungen, dem mit seinen mächtigen Flächen vorgelagerten Rimberg zu. Lautenklänge und fröhliche Lieder erklangen zwanglos in den hellen Morgen hinein. Auf halber Höhe genießt das Auge des Wanderers einen entzückenden Blick über das Knull- gebirge, und hier war es, wo die Turner die Hersfelder Mitglieder des Knüllklubes bei der Morgenrast antrafen. Fröhliche Zurufe erschollen von beiden Seiten, und auf die freundliche Aufforderung ließen es sich die Turner nicht nehmen, den Wanderfreunden aus Hersfeld ein fröhliches Lied zur Laute und Mandoline zu singen. Die anderen antworteten erfreut mit einem fröhlichen Wanderlied. Es lag etwas ungemein Rührendes und Weihevolles in dieser Begegnung und als die Turner später am Nachmittag erfuhren, daß gleich nach diesem schönen Augenblick der Tod jäh und plötzlich in die Reihe der Touristen gegriffen habe, gedachten sie alle mit Wehmut des Entschlafenen. — Der steile Berg wurde frisch überwunden und über Gehau ward das Ziel des Tages bald erreicht. Von allen Seiten kamen die Turnvereine nacheinander auf dem Burghof an. Es war ein prächtiges Bild, welches sich da oben entwickelte. Das imposante alte Mauerwerk umrahmt von frischem Grün der Bäume und Sträucher mit dem bunten Gewimmel der Turner und der Bewohner der benachbarten Täler mit ihren farbenfrohen Trachten. Um 2 Uhr wurde die Feier zu Ehren des altbewährten Führers der deutschen Turnerschaft eröffnet. Herr Gauvertreter Fernau sprach über das Turnen und Wandern und die Bedeutung des Tages. Bezirks- turnwart Anüree begrüßte die erschienenen Turner und brächte die Heilrufe für Dr. Goetz aus. Hierauf fanden auf dem obersten Burghof Freiübungen und Kürturnen an Geräten statt. Die Glückwunsch-Adresse für den Führer der deutschen Turnerschaft zu dessen 88. Geburtstag wurde alsdann von allen Turnern
und Turnerinnen unterzeichnet. Ueber 300 Turner waren es, welche sich, nach zum Teil langen Wanderungen, dort oben eingefunden hatten, um diesen Tag in fröhlichem Beisammensein zu begehen. Mit dem Bewußtsein selten schöne Stunden verbracht zu haben, schieden die Turner abends von einander, um ihre Heimatsorte aufzusuchen und mit frischen Kräften und neuem Mut anderen Tages an die Arbeit zu gehen.
):( Hersfeld, 22. Mai. Abermals durcheilte gestern die Kunde von einem erschütternden Todesfall unsere Stadt. Auf einer Wanderung nach der Burg Herzberg wurde Herr I n g e n i e u r G u st a v N i t s ch e von einem plötzlichen Tode ereilt. Herr Nitsche hatte sich mit einer Anzahl anderer Herren nach kaum l‘/2 stündiger Wanderung in der Nähe von Machtlos zur Rast niedergelassen, als er durch einen Herzschlag aus der Mitte seiner Freunde herausgerissen wurde. Der Tod dieses allbeliebten Mannes, der in der Vollkraft seines Lebens im fast vollendeten 38. Lebensjahr, so plötzlich verschied, erregte in seinem großen Bekanntenkreise herzlichste Teilnahme.
):( Hersfeld, 22. Mai. Gestern morgen st ü r z t e ein stark betrunkener hier beschäftigter Tagelöhner- aus Kathus derart auf den Linggplatz, daß er durch Polizeibeamte fortgeschafft werden mußte. Die erlittene Kopfverletzung war indessen nicht bedeutend.
):( Hersfeld, 22. Mai. Gestern abend würde aus dem Mühlgraben bei der Domäne Bingartes eine Frauenleiche gelandet, welche als die der seit Weihnachten v. Js. vermißten Witwe Langguth von hier erkannt wurde. Die Langguth, welche dem Trunke ergeben war, wollte Weihnachten in Oberhaun Verwandte besuchen und war seit dieser Zeit spurlos verschwunden. Jedenfalls ist die Frau in der Trunkenheit vom Wege abgekommen und in den Mühlgraben gefallen. Eine Schnapsflasche hielt die Tote noch im Arm.
Fulda, 20. Mai. Die vierZigeunerweiber Ebender, die über IV2 Jahre im Arbeitshause Breitenau zugebracht, sind entlassen worden und haben sich in unserer Stadt wieder niedergelassen. Sie wollen sich bemühen, „irgendwo ehrliche Arbeit" zu finden.
Gießen, 20. Mai. Ein Arbeiter überfiel während einer Strafkammerverhandlung eine Zeugin, die gegen ihn wegen eines Sittlichkeitsvergehens Anzeige erstattet hatte. Er wurde sofort in eine Haftstrafe von 3 Tagen genommen und wegen des Vergehens zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt.
Ohrdruf, 20. Mai. Der hiesige Bahnhofsvorsteher R. Jorberg ist seit Ende voriger Woche abgängig. I., der bis Freitag nachmittag 5 Uhr seinen Dienst versah, begab sich mit dem Zuge 5,12 Uhr nach Gotha und ist von dort noch nicht wieder zuruckge kehrt, auch konnte niemand über dessen Verbleib Auskunft geben. Am Montag hat nun eine bahnamtliche Revision stattgefunden; hierbei soll sich ein Fehlbetrag von ea. 9000 Mark herausgestellt haben. Eine genaue Untersuchung ist eingeleitet.
Bad Wildungen, 18. Mai. Als eine wenig liebevolle Mutter zeigte sich die Ehefrau L. von hier. Ihr öjähriges Kind mißhandelte ste in einer derartigen Weise, daß die Nachbarsleute dem brutalen Tun der Rabenmutter Einhalt tun mußten. Der Kreisarzt Dr Krüaer stellte fest, daß das arme Kind über und über mit Striemen bedeckt war. Das hiesige Gericht verurteilte" die Mutter zu 8 Monaten Gefängnis und zur Tragung der Kosten.
Frankfurt a. M., 20. Mai. Als heute früh gegen 5 Uhr das Flugzeug A 52 zum Prinz Heinrich-Flug außer Konkurrenz mit Leutnant L-tenzer und Mawr Siegert als Begleiter auf dem Griesheimer Exerzierplatz, wo es eine Landung vorgenommen hatte, wieder aufstieg, stürzte der Apparat infolge Ntotorde ektes zur Erde und wurde zertrümmert. Die Flieger blieben unverletzt.
Heiligenstadt. 19. Mai. Am Sonntag hielt der Verband des Bundes deutscher Militar-Anwarter Kurhessen mit Waldeck seinen Verbandstag im Hotel Reichshof hierselbst ab. Der zweite Vorfttzende, Herr Oberbahnassistent Schaumlonel-Caiiel eröffnete die Versammlung und begrüßte den ELrenvorsttzenden des Vereins Heiligenstadt, Herrn Samtatsrat Dr Martin Als Leiter der Verhandlungen wurde Herr Landessekretär Stammer-Cassel gewählt. Die Tagesordnung wurde in 16 Punkten erledigt Besonders wurde der Antrag „die Anrechnung der Mrlitardrenst- zeit auf das Besoldungsdien talter der M-A. bet den Kommunalbehörden", das Wohnungsgeld und die Erhöhung des Gehaltes der Unterbeamten erledigt. Die'Mitgliederzahl des Bundes deutscher Militäran- wärter beträgt rund 81500.
Deutscher Reichstag.
Der Reichstag hatte sich am Mittwoch zn seiner letzten Sitznng in diesem Tagungsabschnitt zusammen- gefunden. Alls der Tagesordnung standen zunächst Abstimmungen zum Etat. In wiederholter Abstimmung wurde der Antrag Spähn (Ztr.) auf Streichung eines Reichsanwaltsangenommen.JnderGesamtabstimmung wurde der Etat gegen die Stimmen der Sozialdemo- kraten angenommen. Ebenso fand eine Reihe unwesentlicher Entschließungen Annahme. Nunmehr setzte das Haus die zweite Lesung der Novelle zum Militärstrafgesetzbuch fort. Dazu lag ein Ausgleichsantrag Müller-Meiningen jfortschr.j- Fehrenbach (Ztr.) vor, der eine Wiederherstellung der Regierungsvorlage vorschlug. Abg. Dr. Müller-Meiningen (fortschr.) bedauerte, daß der Reichstag in eine Art Notlage gebracht sei. Wenn seine (des Redners) Freunde nun für eine Wiederherstellung der Negiernngsvorlage eintreten, so geschehe das nur, um nicht die gange Vorlage zum Scheitern zu bringen. Seine Freunde lehnen aber jede Verantwortung für die politischen Folgen der Ablehnung gerechter Wünsche ab und behielten sich vor, im Herbste eine authentische Interpretation des Gesetzes auf dem Wege gesetzgeberischer Initiative anzustreben. Abg. Stadthagen (Soz.) lehnte den Antrag ab und meinte, der Militarismus müsse zur Kapitulation gebracht werden. Abg. Fehrenbach (Ztr.) hielt diese Gelegenheit nicht für geeignet, es auf eine Kraftprobe zwischen Parlament und Heeresverwaltung an kommen zu lassen, und erklärte sich bereit, im Herbste eine weitere Aktion mitzumachen. Kriegsminister von Falkenhann bemerkte, man habe ihm während der ganzen Verhandlung nur harte Worte entgegengehalten, aber niemand habe ihn widerlegt. Wenn er seinen Standpunkt pflichtgemäß vertrete, dann sei man schnell bereit, ihm Starrsinn vorzuwerfen. Der Antrag erscheine ihm nicht unannehmbar und er werde ihn den Regierungen zur Annahme empfehlen. Gegenüber dem Mg. Stadthagen müsse er sagen, daß der Staat auf der gemeinsamen Arbeit aller Stände beruhe und daß es ein Verbrechen sei, zwischen diesen Ständen eine Scheidewand auf- zurichten und ihre gemeinsame Arbeit zu hindern. Es sei eine Legende, daß die Regierungen zn diesem Gesetze gezwungen wurden. Das Gegevteil sei der Fall. Präsident Dr. Kaempf bemerkte, daß, wenn die Bemerkung des Kriegsministers gegenüber dem Abg. Stadthagen ein Mitglied des Hauses gemacht hätte, er es zur Ordnung gerufen hätte. Der Antrag wurde angenommen. Unter großer Heiterkeit erklärte Abg. Haase (Soz.), daß seine Partei trotz inneren Wider- strebens dem Gesetz in der Gesamtabstimmung zustimmen werde. Das Haus trat sofort in die dritte Lesung ein und nahm das Gesetz einstimmig an. Als letzter Pnnkt stand die konservative Resolutton auf Durchführung des Gesetzes betr. die zollwidrige Behandlung der Gerste auf der Tagesordnung. Abg. Weilnböck (kons.) führte zur Begründung aus, daß die Landwirtschaft durch die Verwendung von Futtergerste zu Braugerste schwer geschädigt werde. Die Reichskasse erleide einen jährlichen Ausfall von 10 Millionen. Der Zollschntz des deutschen Gerstenbaues müsse durchgeführt werden. Ein Regierungsvertreter rechtfertigte die Ausführung des Gesetzes, wobei er öfteren Widerspruch erfuhr. Im Schlußwort betonte Abg. Weilnböck (kons.), daß es ihm nicht eingefallen sei, den Beamten einen Vorwnrf zu machen. Diese tun einwandfrei ihre Schuldigkeit und übersehen nicht wissentlich die Vermischung der Gerste. Da die Abstimmung zweifelhaft blieb, schritt das Haus zur Auszählung. Mit ja stimmten 100, mit nein 92 Abgeordnete. Somit war das Haus beschlußunfähig. Nunmehr nahm Präsident Dr. Kaempf das Wort und gab einen Rückblick über den abgelaufenen Sessionsabschnitt. Die Etatsberatung erforderte von 90 Sitzungen 59; die Budgetkommission benötigte 50 Sitzungen. Nicht alle Gesetze konnten erledigt werden. Von den 30 Kommissionen seien noch 7 in Tätigkeit. Mit dem Wunsche, daß die Arbeit auch dieses Abschnittes zum Seile des Vaterlandes gereichen möge, schloß der räsident. Staatssekretär Dr. Delbrück verlas dann die Schließungsurkunde und erklärte den Reichstag für geschlossen. Präsident Dr. Kaempf brächte sodann das Kaiferhoch aus, währenddem die Sozialdemokraten sitzen blieben, und fügte hinzu: „Ich gebe dem Bedauern Ausdruck, daß ein Teil der Mitglieder dieses Hauses —", die weiteren Worte gingen in dem stürmischen Beifall der bürgerlichen Parteien, dem Lärm der Sozialdemokraten und deren Rufen: „Das ist ja unsere Sache!" verloren. Der Präsident schloß mit den Worten: „Wir bringen durch Erheben von den Sitzen die Achtung zum Ausdruck, die jeder Deutsche dem Kaiser schuldig ist!" Damit war die Sitzung zu Ende. _________________
Bewölkung zunehmend, bis auf Gewitterregen trocken, warm, südwestliche Winde.