Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
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für den Kreis Hersfeld
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Zernsprech-Anschlutz Nr. 8
Nr. 129. Freitag, den S Juni ” 1914.
Bus der Heimat.
* Ein Reiseerlaß des Eisenbahnministers Breitenbach hebt hervor, daß, namentlich auf den Zwischenstationen, die Unterbringung der neu hinzugekommenen Reisenden noch immer zu wünschen übrig lasse. „Es ist," so heißt es darin, „von der größten Wichtigkeit, daß den Reisenden auf den Bahnsteigen schon vor dem Eintreffen der Züge die Stellen bezeichnet werden, wo die Wagen der einzelnen Klassen zu halten pflegen. Die Aufsichtsbeamten auf den Bahnsteigen haben ferner die Pflicht, ständig darüber zu wachen, daß das Zugbegleitpersonal sich nicht mit dem Oeffnen und Schließen der Wagentüren begnügt, sondern sich unausgesetzt um die Zuweisung geeigneter Plätze an die Reisenden bemüht. Auch haben die Aufsichtsbeamten jederzeit da, wo es not tut, selbst einzugreifen, damit das unnötige Auf- und Abhasten längs der Züge unter allen Umständen vermieden wird. Des weiteren erinnert der Minister an frühere Erlasse, die sich gegen das rücksichtslose Verfahren einzelner Reisenden richten, die, zum Nachteil ihrer Mitreisenden, die Warenabteile mit ihrem Handgepäck füllen. Die größte Aufmerksamkeit müsse auch der Beförderung des eingeschriebenen Gepäcks zugewandt werden, namentlich für solche Stationen, auf denen Gepäckumladungen in größerem Umfange stattfinöen. Die in der Reisezeit so lästigen Unregelmäßigkeiten auf diesem Gebiete sollten nach Möglichkeit vermieden werden.
* (Fahrpreisermäßigung bei der Eisenbahn.) Die 60prozentige Ermäßigung für gemeinschaftliche Reisen größerer Gesellschaften von mindestens 80 Personen in 1. bis 3. Klasse der fahrplanmäßigen Personenzüge ist schon seit längeren Jahren weggefallen und wird unter keinen Umständen mehr zugestanden. Die tarifmäßig noch bestehende Fahrpreisermäßigung zu Gesellschaftsfahrten von mindestens 30 Personen in der 4. Klasse wird nur zuge- stauden, wenn öffentliche Interessen in Frage kommen. Ein solches liegt z. B. vor bei den Reisen der sogenannten Sachsengänger. Eine Fahrpreisermäßigung für größere Gesellschaften kann ferner in der 1. bis 3. Klasse zugestanden werden, wenn zur Fahrt Sonder- züge bestellt werden. Zu einem Gesellschaftssouder- zuge werden Sonderzugfahrkarten ausgegeben, für »'eiche in 1. Klasse 4 Pfg., in 2. Klasse 2,5 Pfg., in 3. Klasse 1,75 Pfg. für das Tarifkilometer erhoben werden, während die normalen Einheitssätze 7, 4,5 und 3 Pfg. betragen. Für Hin- und Rückfahrt wird der Preis verdoppelt. Es sind mindestens zu lösen: bei Benutzung der 1. Klasse 100 Fahrkarten, der 2. Klasse 160 Fahrkarten, der 3. Klasse 230 Fahrkarten; bei Benutzung verschiedener Klassen soviel Karten, daß der Preis der Mindestzahl an Fahrkarten für die niedrigste im Sonderzuge geführte Klasse (160 zweiter oder 230 dritter) erreicht wird. In jedem Falle sind mindestens 100 Mark zu entrichten. Bei Sonderfahrten in bestellten Triebwagen wird der Fahrpreis 3. Klasse gleichfalls mit 1,75 Pfg. für die Person und das Tarifkilometer, mindestens jedoch 1,50 Mk. für das Kilometer der Sonderfahrt berechnet, und als Mindest- betrag 50 Mk. für die Fahrt erhoben. Kinder genießen außerdem die gewöhnliche Preisermäßigung. Die Benutzung eines Sonderzuges ist auch von Zwischenstationen aus zulässig gegen Lösung von Sonderfahrkarten, deren Preis nach den Entsernungen der Zwischenstationen und den obigen Sätzen (4 Pfg., 2,5 Pfg. und 1,75 Pfg.) berechnet wird. Es muß auch in diesem Falle der Gesamtpreis aller gelösten Fahrkarten den betreffenden oben angegebenen Mindestpreis erreichen. Ein Gesellschaftssonderzug ist spätestens
unter Angabe der Zeit, Strecke, Wagen- ilaffe und der Anzahl der Teilnehmer für jede Wagen- klasse und jede Zwischenstation bei der der Abgangs- Üation vorgesetzten Eisenbahndirektion zu bestellen.
):( Hersfeld, 4. Juni. Wir wollen nicht verfehlen, nochmals auf den am kommenden Sonnabend vormittag 9 Uhr im Hotel zum Stern stattfindenden Vortrag des Herrn Direktors Singer aus Frankfurt a. M. aufmerksam zu machen, in welchem derselbe über den Anschluß des Kreises Hersfeld an das Elektrizitätswerkder Eddertalsperre sprechen wird, da unser Kreis in nächster Zeit vor der Beschlußfassung stehen wird.
):( Hersfeld, 4. Juni. Herrn Oberleutnant L u d e w r g, Dragoner-Regt. 4, von der hiesigen Kriegs- >chule wurde das Fliegerabzeichen für Beobachtungsoffiziere verliehen. Es ist dies die erste derartige Auszeichnung, die hierher kommt.
§ Hersfeld, 4. Juni. In der letzten V o r st a n d s - Ntzung der Handwerkskammer zu Cassel wurde "der erne Anzahl von Gesuchen bezüglich der widerruflichen Verleihung der Befugnis znr Anleitung von Lehrlingen debattiert. Es wurde beschlossen, den
Herrn Regierungspräsidenten um Ablehnung der Gesuche eines Bäckers in Guxhagen, eines Maurers in Neustadt, Kr. Kirchhaiu, eines Schuhmachers in Salmünster und eines Friseurs in Contra zu bitten. Zu einem Anträge der Ortsgruppe Hersfeld des Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes betr. Beschränkung der Geschäftsstunden im Handelsgewerbe an den drei letzten Sonntagen vor Weihnachten in Hersfeld sprach sich der Vorstand nach eingehender Erörterung für die Beibehaltung der jetzt geltenden Bestimmungen aus, weil soust viele Handwerker mit Ladengeschäften empfindlich geschädigt würden.
):( Hersfeld, 4. Juni. Die Handels kammer in Cassel beschäftigte sich in ihrer letzten Sitzung besonders mit Eisenbahnfragen, die für den Regierungsbezirk Cassel von Wichtigkeit sind. Bei dieser Gelegenheit brächte Herr Lorenz Mohr eine Beschwerde darüber vor, daß die Eisenbahndirektion Frankfurt a. M. Maßnahmen getroffen habe, wodurch die Verbindung zwischen den Städten Hersfeld und Hünfeld wesentlich verschlechtert sei. Der Antrag des Herrn Mohr, den dieser bereits ohne Erfolg an die Frankfurter Direktion gerichtet hat, geht dahin, daß der Eilzug 3, Frankfurt-Leipzig-Berlin, Frankfurt ab 9.53, der 12.27 nachm. in Hünfeld hält, aber durch Hersfeld durchfährt, auch in Hersfeld halten möge, während der nachfolgende Eilzug 281 dann durch Hersfeld durchfahren könne, weil ein Uebergang von diesem auf den vorausfahrenden Zug in Bebra möglich sei.
):( Hersfeld, 4. Juni. Am 5. und 6. d. Mts. findet in Arolsen der diesjährige hessische Städtetag statt. Vom hiesigen Magistrat nehmen Herr Bürgermeister Strauß und Herr Beigeordneter Carl S ch i m m e 1 p f e n g und von der Stadtverordnetenversammlung Herr Apotheker Becker und Herr Fabrikant Alex Rehn an den Verhandlungen teil.
):( Hersfeld, 4. Juni. In der heutigen Schöffengerichtssitzung standen nur drei Strafsachen zur Verhandlung. Ein hiesiger Gastwirt erhielt wegen Uebertretung der Feierabendstunde eine Geldstrafe von 10 Mark evtl. 2 Tage Haft. — Ein Monteur aus Ohrdruf wurde wegen Betrugs mit 6 Wochen Gefängnis bestraft. — Wegen einer Uebertretung wurde ein Landwirt aus Kalkobes zu 10 Mark Geldstrafe verurteilt.
):( Hersfeld, 4. Juni. In schwer verletztem Zustande wurde gestern abend mit dem Zuge um 6.25 Uhr ein 16jähriger junger Mann ausVebra in das hiesige Landkrankenhaus gebracht, der sich mit einem Revolver einen Schuß in den Kopf beigebracht hatte. Die Verletzung ist so schwer, daß der junge Mann wohl kaum mit dem Leben davon kommen wird. Der Grund zu der unseligen Tat ist nicht bekannt.
Fulda, 2. Juni. Es schweben zurzeit mit verschiedenen Firmen Verhandlungen wegen Errichtung einer elektrischen Straßenbahn in Fulda. Auch dre Stadtverwaltung steht dieser Sache durchausfympathrsch gegenüber und würde gegebenen Falls auch erneu Zuschuß gewähren. Im großen und ganzen nbeint aber die Ansicht vorzuherrschen, als ob mit einer Rentabilität einer elektrischen Straßenbahn tn Fulda nicht gerechnet werden könne.
Gießen 3. Juni. Bei dem Flüssigmachen von Bohnermasse gerieten die Kleider der ^»jährigen Elfe Simon in Brand. Ehe Hilfe zu Stelle war, hatte bay junge Mädchen so schwere Brandwunden erlitten, daß es nach kurzer Zeit in der Klinik verstarb.
Cassel 3. Juni. Die Aufwärterin K., eine 44 Jahre alte Frau aus dem Stadtteil Wehlheiden, hatte die Pflege eines Schwerkranken im dorttgen Stadtteil übernommen. Der Patient verfiel plötzlich tn .Raietet, wobei er der Frau R. eine Rißwunde im Gesicht zu- fügte. Die Frau hatte der Verletzung seine Bedeutung beigemessen, indessen schwoll plötzlich Kopf und Schulter rapid an. Ein hinzugezogener Arzt itellte Blutvergiftung fest, welcher Frau R. in zwei ^agen u(ag. Auch der Patient war inzwlichen gestorben.
Eisenack 3. Juni. Der Verein zur Schiffbar- machung der Werra hält Ende Juni d. J. in Eisenach die diesjährige Hauptversammlung ab. In dieser Versammlung, die Senator Meyer, Hameln, leitet, sollen ua die wirtschaftlichen Berechnungen über die fertiaaefteüten Werrakanalisations- und Tal- sperrer^-Projekte zum Abschluß gebracht werde-i. Nachdem Preußen für die Schlstbarmachung der Lewr und Werra 10 000 Mk. zur Versngung gestellt hat, soll nunmehr auch die Errichtung einer oder mehrerer Talsperren im Gebiet der . oberen Werra in Angriff genommen werden. Man sieht der diesmaligen Tagung des Vereins zur Schrffbarmachung der Werra mit besonderer Spannung entgegen.
Krofdorf, 2. Juni. Am 2. Feiertag fanden Spaziergänger int Launsbacher Walde den von hier gebürtigen, in Gießen wohnhaften Arbeiter W. Leib an einem hohen Baume erhängt vor. Was den Lebensmüden in den Tod trieb, ist nicht besannt. Bemerkenswert ist, daß sich vor Jahren der Vater des Selbstmörders von einem Zuge überfahren ließ und eine Schwester von ihm sich ertränkt hat.
Wiesbaden, 3. Juni. Aus Verzweiflung haben sich am 2. Psingstfeiertag hier zwei Fraueu aus dem Fenster gestürmt und ihrem Lebe» ein Ende gemacht. In der Adelheidstraße 24 war es die schon bejahrte Frau Jung, während ein jüngeres Fräulein Fizinus in der Herderstraße durch den Sturz aus dem Feuster den gesuchten Tod fand.
Bleicherode, 2. Juni. Der Chauffeur Dettmauu des Bergwerksdirektors H. in Neu-Sollstedt, der seinen Herrunach Dessau zu Verwandtengefahreuhatte, uuter- nahm in der vergangenen Nacht trotz ausdrücklichen Verbots eine Autofahrt mit einem befreundeten Chauffeur, namenS Gieseler aus Dessau, und einem jungen Mädchen. StarkbezechttratdieGesellschaftdieHeimfahrt an. Unterwegs schlug das Auto gegen einen Pfahl und stürzte um. Das junge Mädchen wurde sofort getötet, der Chauffeur Gieseler tödlich verletzt. Der unverletzt gebliebene Dettmann zog ans Verzweiflung über das Unglück einen Revolver und schoß sich zwei Kugeln in die Brust. Er wurde ebenfalls tödlich verletzt.
Auto-Statistil.
Stach der am 1. Januar 1914 vvrgenommeneu Zäblung betrug die Gesamtzahl der im Deutsche» Reiche verwendeten Kraftfahrzeuge 93 072 gegen 77 789 ant 1. Januar 1913. Es war also eine Zunahme von fast 20 Prozent zu verzeichnen. 83 333 Fahrzeuge dienten zur Personenbeförderung, 9739 wurden zur Lastenbeförderung verwendet. Welchen Aufschwung die Automobilindustrie im letzten Jahrfünft genommen hat, zeigt die Gegenüberstellung der Zahl vom 1. Januar 1909. An diesem Tage wurden im Deutschen Reiche 41727 Kraftfahrzeuge gezählt. Bemerkenswert ist in der Zusammenstellung des Kaiserlichen Statistischen Amtes über das Kraftfahrzeugwesen int Deutschen Reiche der andauernde Wechsel zu Ungunsten der Krafträder. Während diese im Jahre 1907 bei der Personenbeförderung noch 60 Prozent aller Personenkraftfahrzeuge ausmachten, bildeten sie am 1. Januar 1914 nur noch 27 Prozent der Personen- kraftfahrzeuge. Zur Lastenbeförderung sind die Krafträder nie stark verwendet worden. Bei einer Einteilung der Kraftwagen nach ihrer Kraftleistung in Pferdestärken ergibt sich eine Zunahme hauptsächlich bei den stärkeren Wagen. Die stärkste Zunahme macht sich bei den Personenwagen von mehr als 40 Pferdekräften bemerkbar. In Preußen wurden am 1. Januar 1914 49 988 Kraftfahrzeuge gezählt, in Bayern 10 241, Sachsen 10 083, Württemberg 3956, Baden 3616 und Elsaß-Lothringen 4575. Die Gesamtzahl der Kraftfahrzeuge, die vorzugsweise zur Lastenbeförderung dienen, war in Preußen 4916, Bayern 1718, Sachsen 1016, Württemberg 544, Baden 368 und Elsaß-Lothringen 291. In der Zeit vom 1. Oktober 1912 bis 30. September 1913 haben 24647 ausländische Kraftfahrzeuge die Reichsgrenze überschritten. Darunter befinden sich 23125 Kraftwagen, von denen 22 893 der Personenbeförderung dienten. Gegen das Vorjahr ist die Zahl der ausländischen Kraftfahrzeuge um 2321 gestiegen. 7685 ausländische Kraftfahrzeuge stammten aus Frankreich, 7300 aus Oesterreich-Ungarn. In den einzelnen Provinzen war der Bestand an Kraftfahrzeugen am 1. Januar 1914 in Ostpreußen 1237, Westpreußen 1144, Landespolizeibezirk Berlin 8992, Provinz Brandenburg 4267, Pommern 1458, Posen 1307, Schlesien 3777, Sachsen 4031, Hannover 4238, Westfalen 3882, Hessen-Nassau 3710. An der Spitze steht wiederum wie in den früheren Jahren die Rheinprovinz, sie überragt selbst den Landespolizeibezirk Berlin. Es wurden gezählt in der Rheinprovinz am 1. Januar 1914 9576 Kraftfahrzeuge gegen 7762 im Vorjahre. Der Zuwachs beträgt somit 1814 oder 23,4 Prozent. In Preußen standen von den vorzugsweise zur Personenbeförderung dienenden Kraftfahrzeugen 762 im Dienste öffentlicher Behörden (Post-, Heeres-, Marine-, Gemeindeverwaltungen usw.) Für den öffentlichenFuhrverkehr fandenVerwendung inPreußen 4947 Droschken und 499 Omnibusse, für die Zwecke des Handelsgewerbes und sonstiger Gewerbebetriebe dienen 16630 Kraftfahrzeuge. Recht beträchtlich ist auch die Zahl der am 1. Januar 1914 ermittelten Kraftfahrzeuge, die für Sport- und Vergnügungszwecke gehalten wurden. Deren Zahl belief sich in Preußen auf 16537.
Wetteraussichten für Freitag den 5. Juni.
Ziemlich heiter, trocken, warm, nordöstliche Winde.