Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^-A^ für den Kreis Hersfeld Wlher WW ÄrWt
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
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Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage" Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. iM Dienstag, den 14. Juli ” ” 1914.
Bus der Heimat.
* Der Schlachtvieh- undFleischbeschau wurden im Regierungsbezirk Cassel im ersten Vierteljahr 1914 unterworfen £05 Pferde, 1980 Ochsen, 910 Bullen 6217 Kühe, 3828 Jungrinder, 12013 Kälber, 17025 Schweine, 3166 Schafe, 2466 Ziegen. Von 17033 auf Trichinen untersuchten Schweinen waren 2 trichinös.
* (Obstreichtum dieses Jahres?) Aus allen Gegenden unseres engeren Vaterlandes, wie auch aus den Hauptgebieten der Obstkultur kommen Nachrichten über den außerordentlich günstigen Stand der Obstfrüchte in diesem Jahre. Ein günstiger Zufall verhinderte es in den meisten der in Betracht kommenden Gegenden, daß die diesjährige Obstblüte in wesentlicher Weise durch Nachtfröste oder Hagelschlag geschädigt wurde. Die halb warme, halb regnerische Witterung im südlichen Europa war dem Gedeihen des Obstes außerordentlich günstig und so deuten denn alle Anzeichen darauf hin, daß Obst in diesem Herbst in weitaus reichlicheren und besseren Mengen auf den Markt kommen wird, wie es in den vergangenen Jahren der Fall sein konnte. Das würde naturgemäß auch ein Sinken der durchschnittlichen Obstpreise zur Folge haben, was wohl im Interesse des gesundheitlich außerordentlich nützlichen Obstgenusses nur zu wünschen wäre.
des
ielb, 13. Juli. Daß die Tätigkeit ________. stenklub nicht erlahmt, davon zeugt, daß von demselben in den letzten Tagen wieder eine längere Wanderstrecke und zwar Hersfeld-Heim- boldshausen (Laufzeichen H) gezeichnet worden ist. Die Strecke fängt an den Baumschulen unterhalb der Haunbrücke an und führt zunächst durch den Obersberger Wald—Solzsteg—Gellenberg nach Kathus; nachdem man Kathus verlassen, führt der Weg unterhalb des Forsthauses über eine kleine Anhöhe in den herrlichen Breitzbachgrund nach der Gieslingskirche (hier ist Gelegenheit zu einer längeren Rast, Wasser zum Abkochen vorhanden usw.) Den Laufzeichen folgend erreicht man nach ungefähr 2—300 Meter die alte Friedewalder Landstraße, dieser links folgend in ungefähr V2 Stunde Friedewald. lHter unterhält der T. Kl. eine Schülerherberge.) Durch das Dorf der Landstraße nach Unterneurvde folgend, erreicht man nach zirka 2 Klm. den Wald. Hier bildet die Landstraße einen scharfen rechten Winkel. Bemerkt sei noch, daß hinter Friedewald bis zur Abzweigung nach Lautenhausen 2 schöne Brunnenanlagen mit Sitzgelegenheit vorhanden sind. Nach Eintritt in den Wald geht es auf schöner schnurgrader Waldschneiße, welche nur einmal durch eine kleine Rechtsbiegung unterbrochen wird, nach der Walterskirche, welche man in ungef. 3 Klm. erreicht hat. Die Walterskirche und ihre Umgebung mit Tischen und Bänken und einem kühlen Brunnen ausgestattet, ladet ein, hier längere Rast zu machen. Ruhig und herrlich inmitten von Wald und Wiesen gelegen bietet die Walterskirche das, was man nach einer längeren Wanderung bedürftig ist. — Nachdem man sich hier ordentlich ausgeruht und auch seinen inneren Menschen gestärkt hat, geht es auf schönem schattigem Waldweg nach Heimboldshausen, welches man in zirka 1 Stunde erreicht. Oberhalb Heimboldshausen hat man eine prächtige Aussicht in das Werratal und die umliegenden Berge. — Die ganze Wanderstrecke ist ungefähr 4‘/2—5 Stunden lang und führt meistens durch Waldungen, ausgenommen das Betreten der beiden Dörfer Kathus und Friedewald. Diese Wanderung ist jedem Wanderfreund sehr zu empfehlen. In Heimboldshausen hatman Anschluß nach demThüringer Wald. Der Touristenklub läßt es sich sehr angelegen sein, in seinen Bestrebungen der Allgemeinheit zu dienen, deshalb muß es jeden Natur- und Wanderfreund empören, wenn man sieht, wie die Arbeiten des T. Kl. immer wieder von ruchloser Hand mutwilligerweise zerstört werden, wie vor ungefähr 14 Tagen der Solzsteg von Friedloser halbwüchsigen Jungen so beschädigt wurde, daß er unpassierbar war und gesperrt werden mußte. Die Uebeltäter denen
man bereits auf der Spur ist, werden diesmal ihre Tat durch eine exemplarische Strafe büßen müssen, ^ehr zu empfehlen wäre es, wenn das Publikum mehr darauf sehen wollte, daß die Arbeiten des Kl. mehr geschont würden und jeder Frevel zur ^s^utnis des Vorstandes gelangt. Vor allem möchten
Herrn Ortsvorstände und die Herrn Lehrer ixnieSm ^ften bitten, daß sie die Schuljugend in ^"ue belehren und darauf hinwirken, daß und ibr^- Begriff über die Naturschönheiten .Aufschlußmittel bekommen und auf das .frevelhafte Zerstören von Wegezeichen, ^'^^Banken, Schutzhütten usw. hinw.eisen. Der Dank aller Naturfreunde wäre ihnen sicher.
):( Hersfeld, 13. Juli. Im Schlachthause wurde am Sonnabend einem hiesigen Metzgergesellen von einem Schwein ein Finger abgebissen.
):( Hersfeld, 13. Juli. In der vergangenen Nacht wurde in einer hiesigen Wirtschaft ein Gast, der mit dem Wirt Streitigkeiten bekommen hatte, von diesem aus dem Lokal entfernt. Hierbei trug der Gast ziemlich bedeutende Verletzungen davon, so daß die Sache wohl noch ein gerichtliches Nachspiel haben wird.
§ Hersfeld, 13. Juli. Das Kürassier-Regiment Graf Geßler (Rheinisches Nr. 8. in Deutz begeht am 17., 18. und 19. Juni 1915 die Feier seines hundertjährigenBestehens. Alle ehemaligen aktiven Offiziere, Reserve-Offiziere, Beamten, Unteroffiziere und Mannschaften des Regiments, die an der Feier teilnehmen wollen, werden hierzu aufgefordert und gebeten, ihre genaue Adresse an das Regiment zu senden. Hierbei ist anzugeben: Vor- und Zuname, Stand, Wohnort, Kreis bezw. Poststation, Straße, Hausnummer, Dienstzeit im Regiment, Eskadronsnummer, letzte Charge, mitgemachte Feldzüge, sowie Orden, und Ehrenzeichen. Weitere Mitteilungen gehen dann jedem Angemelöeten zu. Vereinigungen ehem. 8. Kürassiere, die an der Feier teilnehmen wollen, werden gebeten, Listen der Teilnehmer gesammelt einzureichen. Sämtliche Anmeldungen sind an das Regiments-Geschäftszimmer zu richten.
* (Von der Abstinenzbewegung.) Ueber den mäßigen Genuß alkoholischer Getränke äußerte sich dieser Tage, wie der Hannov. Kurrier schreibt, im Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke Pastor Oppermann. In einem Vortrage legte er dagegen Verwahrung ein, daß von gewissen fanatischen Anhängern der Abstinenzbewegung die Mäßigkeitsvereine als der Antialkoholbewegung schädlich bezeichnetwerden. Es gehe zu wett, zu sagen, daß jeder Tropfen Alkohol schade. Der wahrhaft mäßige Mensch, der trinken könne, aber nicht trinken müsse, sei doch der normale, und daß die Mäßigkeitsvereine in der Bekämpfung des Alkoholmißbrauches bedeutende Pionierarbeit leisteten, werde niemand bestreiten können. Eine Ueberhebung sei es wenn manche Abstinenten sich als „Christen höherer Ordnung" betrachten. In der heiligen Schrift sei nirgends die Rede davon, daß der Alkoholgenuß verboten sei, nur vor dem „Saufen" werde gewarnt. Der Vortragende schloß seine Darlegungen mit einigen Leitsätzen, die darin gipfelten, daß nicht der Alkoholgenuß an sich zu bekämpfen oder gar zu verbieten sei, sondern nur der Mißbrauch.
-v- Bengendorf, 11. Juli. Gestern Nacht erlegte der Bauunternehmer Keil aus Harnrode in der hiesigen Gemarkung einen kapitalen Hirsch (16 Ender) im Gewicht von 280 Pfund.
-n- Dankmarshausen a. d. W., 12. Juli. (V 0 m Kalischach t.) Nachdem nunmehr auch der Boden auf dem Bergwerk Dankmarshausen gehoben ist, rechnet man damit, schon in den nächsten Tagen Salze fördern zu können. Die Abteufungsarbeiten haben am letzten Samstag bereits in einer Tiefe von 226 m begonnen. Bekanntlich war der Schacht vor einigen Jahren unter Wasser gesetzt worden.
Fulda, 12. Juli. In der Hauptdressurprüfung der deutschen Reitpferde in Malmö erhielt Herr Oberleutnant Bürckner (früher 47er Fulda) auf dem vielfachen Siegerpferd „Romeo" den zweiten Preis.
Allendorf (Werra), 11. Juli. Heute morgen gegen 5 Uhr stürzte sich auf der Strecke Albungen-Allendorf ein Mann in selbstmörderischer Absicht vor den herannahenden Güterzug. Dem Lokomotivführer gelang es, den Zug zum Halten zu bringen, sodaß der Unglückliche mit Verletzungen in der Schlafengegend davon- kam. Er wurde mit dem Zuge nach Allendorf befördert, wo er im Krankenhause Aufnahme fand.
Eisenach, 11. Juli. Zwischen der Hohen Sonne und Wilhelmsthal bei Eisenach hat Donnerstag nachmittag der ungefähr 36 Jahre alte, aus Gotha stammende Paul Juncker seiner Gel ebten, Anna Müller aus Erfurt, einen tödlichen Revolverschuß in die linke Schläfe beigebracht und sich darauf selbst burcb einen Schuß in die rechte Schlafe getötet. Wahrend bei dem Mädchen der Tod nach ärztlichem Befund )o- fort eingetreten ist, hat der Mann mehrere Stunden mit dem Tod zu kämpfen gehabt. Bei feiner Auffindung lebte er noch, doch starb er in dem Moment, als er nach dem städtischen Krankenhause in Eisenach geschafft werden sollte. In den an die Eltern gerichteten Abschiedskarten, die bet den Lebensmüden vorgefunden wurden, geben beide an, daß sie aus dem Leben scheiden, weil ihrer Verheiratung nach ihrer Ansicht unüberwindliche Schwierigkeiten ent- gegenstanden.
Bom Südharz, 12. Juli. Das 5jährige Mädchen des Gärtnereibesitzers Lochter aus Lauterberg a. H. hatte gestern nachmittag an einem Bahnübergang der
Eisenbahnstrecke Northeim-Nordhausen seinen Kopf zwischen die heruntergelassene Schranke gesteckt, um einen vorbeifahrenden Zug besser sehen zu können, das Kind konnte sich nicht wieder aus dem Gitterwerk der Schranke befreien und wurde infolgedessen beim Aufziehen derselben mit in die Höhe gezogen. Das Kind wurde hierbei erdrosselt und konnte nur als Leiche befreit werden.
Unsere Motortechnil.
Jahr für Jahr sehen wir zu, wie unsere 100000 Mark-Preise für große Pferderennen fast durchweg in das Ausland gehen, dessen Vollblutzucht bessere Bedingungen hat, als sie unser Land bietet. Trotzdem lassen wir den Wettbewerb bestehen. Ganz anders, viel egoistischer denken in solchen Dingen die Franzosen. Sie schreiben internationale Konkurrenzen nur so lange aus, als sie begründete Aussichten haben, darin iegen zu können. Ihr „grand prix" für Automobile st ihnen in diesem Jahre verloren gegangen. Drei deutsche Mercedes-Maschinen waren in Front, den vierten Platz erst konnten die Franzosen belegen, als fünfter und sechster kamen wieder deutsche Wagen ein und hinterher erst folgten die berühmten französischen Marken. Und die Folgerung im praktischen Sinne? Man erwägt in Frankreich, ob dieses Auto-Derby fortan überhaupt eingestellt werden solle, da man unter allen Umständen erster sein oder überhaupt kein Rennen ausschreiben will.
Diesen rechtzeitigen Rückzug haben unsere Nachbarn auf einem anderen Gebiete des Motorwesens schon längst angetreten: fast alle ihre internationalen Konkurrenzen in der Fliegerei sind eingestellt worden. In Metz und in Straßburg sind jahrelang von ben Französlingen Bilder ausgehängt worden, die den Triumphzug der „französischen Kriegsvögel" verherrlichen, und es ist noch nicht so lange her, daß die Wetterle und Genossen sich einreden ließen, im nächsten Kriege würden die französischen Flieger alles bei uns zerschmettern. Und jetzt? „Alles ruhig vor Paris." Kein Mensch spricht mehr von dem Siegeszuge der „fünften Waffe", denn die Deutschen haben den Vor- sprung nicht nur eingeholt, sondern überholt. Zuerst alle Weit- und Dauerrekorde, alle Belastungsrekorde ebenfalls, und nun auch noch den Höhenrekvrd. Der deutsche Motor des jungen Rumpler-Fliegers Linne- kogel zog noch durch, wo andere längst versagt hätten: in einer sonnendurchstrahlten ganz dünnen Luft, in einer Höhe von 6570 Metern, also in einer Höhe etwa von Montblanc plus Schneekoppe. Auf das „Ueber- höhen" aber wird — nach den bisherigen freilich nur theoretischen Annahmen — im Ernstfall im Luftkriege alles an kommen. Wer höher ist, der schießt den anderen herunter. Nun hat der Eindecker Linnekogels auch eine überraschende Schnelligkeit im Steigen erwiesen,- er war nach nur 600 Metern Flug bereits 300 Meter hoch, ist also steil aufwärts gegangen, und sein Flugzeug und sein Motor — das ist die Hauptsache — sind nicht Spezialmaschinen für Rekordzwecke, sondern typische Militärmaschinen, so wie sie andauernd an unsere Heeresverwaltung geliefert werden. Wir haben auch das nötige Menschenmaterial zu ihrer Bedienung im Heere, das hat der Prinz-Heinrich-Flug mit dem glänzenden Abschneiden der Militärflieger gezeigt, wir züchten also einen hervorragenden Durch- chnitt und nicht einzelne „Stars" im Flugwesen. Inter diesen Umständen ist es allerdings begreiflich, daß die Franzosen nur noch in nationalen, inner- ranzösischen Wettbewerben fliegen wollen. Es geht hnen einfach die Luft aus. Wir haben sie im Motorlug ebenso abgelöst, wie einst in der chemischen Industrie und auf hundert anderen Gebieten, auf denen sie ebenfalls führend waren, aber — nicht durchhielten.
Im Seewesen hat der deutsche Motor, wenn auch unauffälliger, vielleicht noch mehr Erfolge zu verzeichnen, als zu Lande und zu Luft. Was unsere Unterseeboote leisten, wird der nächste Krieg erweisen; auch sie waren einst die große Hoffnung der Franzosen, die mit ihren „sous marins" alle feindlichen Schlachtschiffe auf den Grund des Meeres schicken zu können glaubten. Die Maschine ist da, die Menschen sind da; es fehlt nur noch an denjenigen, die beides für einen großen Zweck in Bewegung setzen, es fehlt an der großen Gelegenheit und den großen Männern, die sie am Schöpf packen. In Frankreich spricht alles von der Vorbereitung des Angriffskrieges; in Deutschland hört man nur von der Erhaltung des Weltfriedens erzählen. Aber zum Glück macht es ja nicht das Sprechen allein, sondern die stille Arbeit, und wir denken, daß es sich bei der großen Leistungsprüfung eines Völkerringens doch zeigen wird, welche motorischen Kräfte — auch in der Seele unserer führenden Staatsmänner vorhanden gewesen sind.
Ziemlich heiter, bis auf Gewitterregen, warm, westliche Winde.