Hersselder Tageblatt
Amtlicher Anzeigen ^H^. für den Kreis Hersfeld
Melier WW Wlatt
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wiederholungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 167. Erstes Blatt)
Sonntag, den 19. Juli
1914.
Bus der Heimat«
* Wie weit der Geschäftsinhaber für seinen Angestellten haftet, zeigt ein Urteil des Reichsgerichts, dem folgender Tatbestand zu Grunde liegt: Die Klägerin hatte sich in einem Geschäft von dem dort bedienenden Gehilfen Linoleumteppiche zur Auswahl vorlegen lassen. Dabei stellte der Verkäufer eine schwere Rolle Linoleum unachtsam beiseite, sodaß sie umfiel und dabei die Käuferin und ihr Kind verletzte. Nach Ansicht des Gerichts haftet neben dem mittellosen Gehilfen auch der Geschäftsinhaber für den Schaden (Kurkosten, Arzneirechnung usw.) weil bet der Vorlegung der Ware die gebotene Sorgfalt für die Sicherheit der Kundin nicht beobachtet wurde. Wenn also ein Verkäufer durch seine Unvorsichtigkeit den Kunden oder dessen Eigentum beschädigt, so ist in jedem Falle der Inhaber des Geschäfts schadenersatzpflichtig. Er kann sich von seiner Schuld nur durch die Einwendung befreien, daß der Kunde selbst in hohem Grade unvorsichtig gewesen sei.
* (Keine Aehren in den Mund nehmen!) Die Gewohnheit, zurzeit der Getreideernte Getreidekörner in den Mund zu nehmen und zu kauen, ist sehr gefährlich. Dem trockenen Getreide haftet oft ein Pilz, der Erreger der Strahlenpilzkrankheit, an, die einen recht gefährlichen Verlauf nehmen kann.
stag hier in aus-
§ Hersfeld, 18. Juli. Ueber den am Dien eintreffenden Zirkus Barum schreibt e wärtiges Blatt: Die Erwartungen, die man an das Unternehmen stellte, sind übertroffen worden, zumal man etwas skeptisch im lieben Suhl sonstigen Schaustellungen und Zirkussen gegenübersteht. Bereits die Tatsache, daß im Vorverkauf für über 1500 Mark Billets verkauft waren, ließ erwarten, daß der Zirkus wie anderwärts auch hier ausverkauft sein würde. Deshalb stürmte gegen 8 Uhr abends alles mit einer Eile dem Schützenplatze zu, um sich rechtzeitig noch einen Platz zu sichern oder den bereits gekauften zu belegen. Kopf an Kopf gedrängt sah man der Programmentwickelung entgegen. Zunächst wurden tadellose Original-Freiheitsdressuren von Herrn Bania vorgeführt, indes sich Mlle. Aida als Travail- Parforcereiterin auszeichnete. Die Reitertruppe Leon, zwei Damen und zwei Herren machte ihrem Namen als berühmte Jockeytruppe alle Ehre. Als Jongleur zu Pferde bot Herr Randell sehr bemerkenswerte Leistungen. „Im Kindergarten" betitelt sich ein hübsches Dressur Potpourri, das Herr Endres Novello vorführte. An allen möglichen Geräten, an denen sich sonst die liebe Jugend beschäftigt, betätigen sich Vierfüßler, darunter ein prächtrger Hund. Nach einer Vorführung asiatischer Kamele und Dromedare zeigte die Tschin-Der-Tsai-Truppe ihre heimatlichen Künste. Was diese Chinesen boten, war geradezu staunenswert. Hervorgehoben seien hier der Sprung durch einen Ring mit Messern, deren Spitzen dem Körper des tollkühnen Springers zugekehrt waren. Zwei junge Chinesen zeigten sodann, daß man sich nicht nur auf dem Erdboden, sondern auch in der Luft an Zöpfen hängend betätigen kann. Sie stießen sich gegenseitig ab, führten eine Biertischreise aus und zum Schluß trugen sie an den Zöpfen frei hängend noch jeder drei Mann mit. Eine Chinesin unternahm sodann eine Zopffahrt von der Zirkuskuppel aus. Mit lebhaftem Interesse folgte man auch den schwierigen Darbietungen eines etwa zehnjährigen Chinesenknaben, der in Gliederverenkungen und Geschmeidigkeit des Körpers erstaunliches leistet. Nachdem der 75 Zentner schwere Elefant „Jta", den Herr Bania vorführte, seine Künste gezeigt, schlugen die Vorführungen der indischen Fakire die Zuschauer in ihren Bann. Sie betätigten sich als Feuerfresser, indem sie glühend gemachtes Eisen mit der Zunge kalt leckten, brennende Spiritusfackeln in den Mund steckten, so daß der Klown an den in der Mundhöhle brennenden Spiritusresten sich eine Zigarette anstecken konnte. Auch als Flammentänzer und Schwertkünstler boten sie hervorragendes. Zu stürmischen Beifallskundgebungen wurde das Publikum hinge- rissen, als die Arabertruppe Abdullah erschien. Vorn kleinsten Knaben und Mädchen bis zum erwachsenen Manne zeigten sie im Springen, Tanzen und Stärke Leistungen, die wohl noch nie gesehen wurden. Das Schlußbild war ein höchst malerisches und an den Erfolgen der Schau hat diese Truppe den stärksten Anteil. Zwei Glanznummern waren die Vorführung von Eisbären und Berberlöwen. Direktor Kreifer führte die Gäste aus dem Polargebiet vor. Für die Komik war durch das Engagement zahlreicher Klowns und Auguste gesorgt, die durch manche originelle Szene die Lacher auf ihre Seite brachten.
. § Hersfelb^17. Juli. Ueber die Wetterlage werd von der Wetterdienststelle Weilburg unterm 17. bs. Mts. mitgeteilt: Die Wetterlage hat sich in den letzten Tagen insofern geändert, als wir nicht mehr
von flachen, über Mitteleuropa sich ausbildendcu Tiefs beeinflußt werden, sondern von Tiefs, die vom Ozean heranziehen. Erstere brachten uns Gewitter bei ungehinderter Sonneneinstrahlung. Jetzt merken wir in der eingetretenen Kühlung die Wirkung der westlichen Seewinde, welche die Tiefs vom Ozean herantreiben. Doch sind diese Tiefs noch nicht so stark, sodaß der Eintritt einer wirklichen Regenzeit vorläufig wohl nicht zu erwarten ist. Ueberhaupt dürfte vor Mitte der kommenden Woche ein wesentlicher Umschlag eintreten.
):( Hersfeld, 18. Juli. Für das morgen mittag auf dem Marktplatze stattfindende Promeuadeu- konzert ist folgendes Programm vorgesehen: 1. Ehrengruß, Marsch von Tiedke. 2. Conzert-Ouverture, von Hause. 3. Wenn dein Sternlein dich verläßt, Lied von Richter. 4. Jugendträume, Walzer von Waldteufel. 5. Arie a. d. Op. Lugrecia Borgia, von Donizetti. 6. Fest-Marsch, von Müller.
):( Hersfeld, 18. Juli. Wie mitgeteilt wird, fiudet das vom K n ü l l k l u b für morgen auf dem Eisen- b e r g vorgesehene F e st bestimmt statt. Gerade nach der drückenden Hitze der letzten Tage wird es für alle Wanderer eine doppelte Erquickung sein, bei der jetzigen frischen Temperatur eine Wanderung nach dem herrlich gelegenen Eisenberg zu unternehmen. Für Unterhaltung der mannigfachsten Art ist in weitgehendster Weise gesorgt, so daß allen Festteilnehmern einige fröhliche Stunden gewiß sein werden. Deshalb „Frisch auf zum Eisenberg"!
):( Hersfeld, 18.Juli. (100 Nennungen für die diesjährigen Rennen.) Noch in den späten Abendstunden traf die telegraphische Nachricht vom Union-Club aus Berlin, der Neunungsstelle des Vereins, ein, daß, für die drei öffentlichen mit Geldpreisen ausgeschriebenen Rennen allein über 40 Nennungen abgegeben worden sind. Für das Vollblut- rennen für Ausländer nannten allein 18 Herren. Für die lokalen Rennen mit Ehrenpreisen wurden bis zum Nennungsschluß etwa 60 Nennungen abgegeben, sodaß der Verein mit 100 Nennungen für 7 Rennen einen bisher noch nie dagewesenen Rekord aufgestellt hat. Die starken Felder am 26. d. Mts. werden Zeuge davon sein, wie besannt und beliebt der Hersfelder Platz ist. Jeder, der auch nur einen Funken von Interesse für den edlen Sport in sich fühlt, dürfte an dem ereignisreichen Tage nicht fehlen. Die genaue Zahl der Nennungen, die Propositionen der Rennen, ein Plan des Platzes und die Namen der Pferde und ihre Besitzer findet jeder, der näheres erfahren und den Verlauf der Rennen verfolgen will, in dem zusammengestellten Rennprogramm, welches von Dienstag, den 21. d. M. ab an den zum Vorverkauf angegebenen Stellen ausliegt.
):( Hersfeld, 18. Juli. Mit der Vorführung des Films „Die blaue Maus" hat das Hersfelder Lichtschauspielhaus dem Publikum einen Genuß verschafft, wie er so leicht nicht wieder geboten werden wird. Das Stück ist mit einem prächtigen gesunden Humor zusammengestellt, so daß die Zuschauer aus der heiteren Stimmung, die sich oft in lauten Heiterkeitsausbrüchen äußert, nicht herauskommt. Szenen von überwältigender Komik zwingen jeden dazu, Tränen zu lachen. Die bei der Herstellung des Films beteiligten Schauspieler und Schauspielerinnen sind allererste Kräfte, die ihre Rollen mit großem Geschick spielen. Alles in allem kann man nur sagen, daß dieser Film, der fast zwei Stunden dauert, ein erstklassiges Werk ist, und jeden Besucher in vollem Maße befriedigt und ihm einen äußerst genußreichen Abend verschafft.
-n- Widdershansen a. d. W., 16. Juli. (Berg- m a n n s l o s.) Heute nachmittag verunglückte auf der Gewerkschaft Buttlar der in Widdershausen wohnhafte Aufseher Johannes Ho f m a n n. In schwerverletztem Zustande wurde er dem Landkrankenhaus in H e r s f e l d zugeführt. Hofmann ist verheiratet und Vater mehrerer noch unmündiger Kinder.
Sontra, 17. Juli. In der Gastwirtschaft zu Rautenhausen erschien vorgestern ein gut gekleideter junger Mann und stellte sich als Beamter vom Katasteramt in Rotenburg a. F. vor. Er gab an, daß am nächsten Tage im Auftrage der Kgl. Regierung tn Cassel mit dem Aufmessen der Domäne Cornberg begonnen werden sollte. Da diese längere Zeit beanspruchen würde, mietete er für sich und seinen Chef zwei Zimmer und ließ sich gut bewirten. Beim Bürgermeister bestellte er die Vorladung der Grenznachbarn zum Vermessungstermin. Das sichere Auftreten des feinen Herrn betörte die Leute und sie schenkten ihm vollen Glauben. Als er sich dann ein Fahrrad erbat, um nach Cornberg zu fahren und dort auch die Vermessung vorzubereiten, wurde ihm dies vom Schreiner G. bereitwilligst geliehen. In einer Stunde wollte der Herr Landmesser zurücksein. Doch Stunde um
Stunde verging und er kehrte nicht wieder. G. nahm nun per Rad die Verfolgung des Entschwundenen auf, doch ohne Ergebnis. In Asmushausen erfuhr G., daß ein junger Mann, auf deu die Beschreibung des Landmessers paßte, am Morgen gesehen worden war. Er hatte in der Wirtschaft gezecht und war ohne Bezahlung unter Mitnahme eines kleinen Geldbetrages verschwanden. Jetzt wußte G., daß er das Opfer eines Schwindlers geworden war nnb benachrichtigte die Polizei von Bebra und Sontra telephonisch. Der Schwindler hatte sich indessen nach Berneburg begeben, wo er durch Herrn Gend.-Wachtmeister Münchhof festgenommen wurde. Er entpuppte sich als der aus Weihenborn (Kreis Worbis) gebürtige 19jährige Für- svrgezögling Konrad Dietz.
Gotha, 17. Juli. Im Bereich des 11. Armeekorps werden nunmehr Fliegerbteilungen ständig vorhanden sein. Zum Bau der Fliegerkaserne siud in der Nähe von Gotha ungefähr 60 Hektar Land käuflich erworben worden. Am 1. Oktober d. Js. werden vorläufig 225 Mann und zwar 50 Offiziere und 175 Unteroffiziere und Mannschaften nach Gotha verlegt. Die Mannschaften werden bis zur Fertigstellung der Kaserne in Baracken untergebracht.
Wetzlar, 17. Juli. Auf einem durch die Regen- güsse der letzten Tage gebildeten Teiche vergnügten sich heute nachmittag die zehn nnb dreizehn Jahre alten Söhne eines Schneidermeisters mit Floßfahren. Das Floß kippte um und £eibe Knaben ertranken.
Frankfurt a. M., 16. Juli. In der Zeit von gestern nachmittag bis heute früh wurden infolge der großen Hitze auf offener Straße drei Personen vom Hitzschlag betroffen: sie waren sofort tot.
Frankfurt a. M., 17. Juli. Eine sehr stark besuchte Gläubigerversammlung des Abzahlungsgeschäftes von N. Fuchs beschloß einen Konkurs zu vermeiden. Es wurde ein Ausschuß gewählt, der binnen 14 Tagen sich über die gesamte geschäftliche Lage der Firma unterrichten und dann einer zweiten Gläubigerver- sammlung Bericht erstatten soll. Die Höhe der Verbindlichkeiten wird auf mehr als 4 Millionen Mark geschätzt. Die Schuldner des Geschäfts sind in der Hauptsache naturgemäß kleine Leute, die sich Waren auf Abzahlung kauften und sich verpflichteten, monatliche Abtragungen in Höhe von 2,50 bis 10 Mk. zu machen.
Wiesbaden, 16. Juli. Auf dem hiesigen Standesamt sollte die Trauung einer hiesigen jungen Dame mit einem Hamburger Großkaufmaun stattfinden. Auf die üblichen Fragen des Standesbeamten antwortete die Dame jedoch mit einem glatten Nein, sodaß eine allgemeine Verwirrung entstand und man sich genötigt sah, die geplanten Hvchzeits-Feierlichkeitcn abzusagen.
Käthen, 17. Juli. Seit längerem unterhielt der 36jährige Schlosser Hermann Ostwald, Vater von sieben Kindern mit der Witwe Hinze, die fünf Kinder besitzt, ein Liebesverhältnis. Ostwald hatte sich von seiner Familie getrennt und wohnte mit der Hinze zusammen. Vor einigen Tagen war es zum Bruch gekommen, und die Fran trennte sich von ihrem Liebhaber. Dieser verfolgte sie aber andauernd. Auch gestern abend gegen 9 Uhr lauerte er ihr aus der Edderitzer Kreisstraße auf. Als die Hinze die Annäherungen abermals zurückwies, schoß ihrOstwald zwei Revolverkugeln in die linke Schläfe. Als er seine Geliebte zu Boden sinken sah, jagte er sich selbst eine Kugel in den Kopf. Er hatte aber noch so viel Kraft sich nach dem nahegelegenen Kreiskrankenhause zu schleppen, wo er selbst Meldung von dem Vorgefallenen erstattete. Er fand Aufnahme, auch die besinnungslose Frau wurde sofort im Krankenwagen geholt. Die Hilfe kam jedoch zu spät; schon nach wenigen Stunden starb sie, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben. Auch der Mörder dürfte kaum mit dem Leben davonkommen.
«tade, 14. Juli. Der Vernichtungskrieg gegen den Kartoffelkäfer wird mit voller Energie weiter- geführt. Auch heute waren wieder 200 Soldaten auf den befallenen Feldern am Hohenwedel mit dem Absuchen der Kartoffelfelder nach Käfern und Larven beschäftigt. Die Zahl der Käfer hat sich schon merklich verringert, den ganzen Tag wurden ein paar Dutzend gefunden, dagegen wurden eine Unmenge Larven vernichtet. Bis jetzt ist die Kalamität auf den Hohenwedel beschränkt. Die Kosten der Bekämpfung dieses Striches sind schon hoch genug; man berechnet die Kosten der Kartoffelkäferbekämpfung auf 40—50 000 M. Wie Bürgermeister Jürgens bei einer Sitzung der Kollegien mitteilte, wird der Staat diese Kosten übernehmen, trotzdem sie eigentlich ja von der örtlichen Polizeiverwaltung zu tragen wären. /-£
Wetteransfichten für Sonntag den 1». Juli.
Wolkig, meist trocken, keine Temperaturänderung, westliche Winde.