Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger ^L^ für den Kreis Hersfeld
Melier Äreisilott
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Sernsprech-klnschlutz Nr. 8
Nr. 184.
Sonnabend, den 8. August
1914.
Die amtlichen Bekanntmachungen befinden stch aus der letzten Seite.
Bus der Heimat.
* (Warnung für Soldaten.) Auf einer rechtsrheinischen Station erhielt der Führer eines Militärtransports eine Schachtel mit Pastillen, die zur Erfrischung dienen sollten. Nichtsahnend nahm der Beschenkte ein paar davon, gab auch den übrigen ab und alle wurden krank. Wahrscheinlich waren die Pastillen vergiftet. Der erbärmliche Spender blieb unerkannt.
):( Hersfeld, 7. August. (Vorsicht bei Genuß von Wasser.) Eingeliefert in das hiesige Landkrankenhaus wurde ein Posten bei Burghaun, der bei dem dortigen Tunnel die Wache hielt. Derselbe war nach Genuß von schlechtem Wasser ernstlich erkrankt.
):( Hersfeld,7.August. (Hochherzigkeithiesiger Firmen.) Den Frauen der Kriegsteilnehmer der Firmen G. Braun u. A. Rechberg, ist eine wöchentliche Unterstützung von 5 Mk., außerdem für jedes Kind eine solche von 1 Mk. während der Dauer des Krieges bewilligt worden. Nachahmenswert.
Hess. Lichtenan, 6. August. Hier herrscht große Begeisterung, alle jungen Leute von 19 Jahren ab haben sich freiwillig gestellt, verschiedene sind schon eingetreten, die anderen sollen sich noch einmal melden. Die Stadt wird ariden Ausgängen von je 2 Männern, die mit Gewehren bewaffnet sind, bewacht. Die Straßen sind durch große Wagen gesperrt ün£eTt der vielen hier durchfahrendeu Automobile. Gestern Abend wurde von Herrn Landrat an Herrn Bürgermeister telefoniert, daß Autos mit Geld für Rußland im Lande sind. Sofort fanden sich etwa 30—40 Leute mit Gewehren ein, von denen ein Teil die Nachtwache übernahmen.
Cassel, 6. August. Fünf 16—17jährige Bengels zierten gestern die Anklagebank der Strafkammer. Sie hatten sich wegen einer ganzen Anzahl raffinierter Straftaten zu verantworten. Schwerer und einfacher Diebstahl in vielen Fällen, Urkundenfälschung in Tateinheit mit Betrug und Hehlerei wurde ihnen laut Anklagebeschluß zur Last gelegt. Es handelte sich um die Brüder M., den Gärtner Arthur, den Schlosser- Adolf, Söhne eines hiesigen Beamten, den Kellnerlehrling Joh. Schm., den Packer Karl Sch. und den Steindruckerlehrling Ludwig B. von hier. Die fast lamtlich vorbestraften Burschen hatten in der Zeit von April bis Juni gestohlen wie die Raben. Wenn es ihnen an Geld fehlte führten sie einen Raubzug aus und teilten sich in den Erlös der Beute. Dabei bevorzugten sie Onkels auf dem Lande die sie als liebenswürdige Neffen besuchten, sich 8—14 Tage verpflegen ließen und dann nach einem erfolgreichen Einbruch verschwanden. Die ersten Straftaten verübten sie in zwei Uhrmachergeschäften. Einem ihnen bekannten Schuhmachermeister stahlen sie 20 Mk. und Schnürstiefel, einem Onkel in Groß-Heidorf bei Bückeburg aus einer verschlossenen Truhe 250 Mk. einem anderen in Wollerode eine Kasette mit 100 Mk. Bargeld und 3 Sparkassenbücher höheren Betrags. Die Kassette erbrachen sie im Kornfeld mit Hilfe eines Stahlmeißels, nahmen das Bargeld heraus und warfen die wertvollen Bücher mit ihrem Behältnis ins Feld hinein. Einer schrieb einen Zettel an einem Bäckermeister, unterzeichnet Frau Sch., in dem es hieß: „Geben Sie meinen Sohn 20 Mk. mit, ich habe mein Geld vergessen." Es war qualifizierte Urkunden- sälschung in Tateinheit mit Betrug, Die Angeklagten waren in großen und ganzen geständig. Die Strafkammer verurteilte die beiden Gebrüder M. zu einer Gefängnisstrafe von je 9 Monaten. Sch. zu 5 Monaten Gefängnis, Sch. und B. wegen Hehlerei zu 3 Tagen und 1 Monat Gefängnis. Ein Monat der Untersuchungshaft wurde zum Teil angerechnet.
Cassel, 4. Juli. Die Königliche Eisenbahndirektion erläßt folgende Bekannntmachung: An mehreren Stellen ist versucht worden, wichtige Kunstbauten der Eisenbahnen durch Bombenwürfen von Zügen aus zu zerstören. Auf dem vom Zugpersonal bekannt zu gebenden Strecken sollen Fenster geschlossen, Aborte urcht benutzt, Plattformen und Gänge nicht betreten werden. Reisende helft, daß die für die Kriegsbereit- werd n^^en Bauwerke gegen Zerstörung gesichert
prinsa Münden, 5. August. Tue gesamte Ober- sick s.hreügen Gymnasiums, 20 Mann stark, hat den aL?^itt in die Armee gemeldet. Auch aus etwa ein**? Aasten des Gymnasiums haben sich noch Eintritt «Sh Dutzend Schüler zum freiwilligen befinden ?^^bet. Unter den Feldzugsteilnehmern kollegiums °u^ Mehrere Angehörige des Lehrer-
Lutterberg, 5. August. (Opfer des Krieges.) Der Maurer Wilhelm Koch von hier hatte seinen Sohn, der ins Feld muß, zur Bahn gebracht. Auf dem Rückwege stürzte er in der Neuen Bahnhofstraße in Hannoversch-Münden infolge einer Lungenblutnng nieder und verstarb alsbald, trotzdem ärztliche Hilfe sofort znr Stelle war. Möglicherweise hat die Aufregung über die Trennung von dem Sohne den Blutsturz herbeigeführt.
Allendorf-Werra, 6. August. Herr Baron von Knop hat sein gesamtes sehr wertvolles Pferdematerial dem Staate unentgeltlich zur Verfügung gestellt.
Eschwege, 6. August. Habt acht auf die Kinder! Diese Mahnung kann den Eltern in den jetzigen kriegerischen Zeiten nicht ernst genug eingeschärft werden. Kleine Kinder sollten jetzt in der Stube bleiben und besonders abends nicht auf die Straße gelassen werden. Bet dem geschäftigen Leben in allen Straßen sind sie ständigen Gefahren ausgesetzt, die oft beim besten Willen nicht abgewandt werden können. Auch können sie durch ihre Anwesenheit störend auf Maßnahmen einwirken, deren Ernst von Kindern überhaupt noch nicht beurteilt werden kann. Auch sei wiederholt darauf hingewiesen, den Kindern streng zu untersagen, von fremden Personen Süßigkeiten oder andere Geschenke anzunehmen. Im Hausflur und auf der Treppe eines Hauses in der Brückenstr. wurden gestern Pralinees und andere Süßigkeiten gefunden, über deren Herkunft sich niemand Aufschluß zu geben weiß. Sie sind der Polizei übergeben worden.
Weimar, 6. August. Hier wurde ein russischer Spion in Bergmaunskleiderv^erugebracht, der bei dem Versuche ertappt worden war, verGaverndorsDyi.amit- patronen unter die Schienen der Thüringischen Eisenbahn zu schieben. Der Mann wurde festgenommen und geprügelt, so daß er kaum gehen konnte. Im ganzen sind in Weimar bereits 40 Russen oder Polen verhaftet, und keiner ohne dringende Verdachtsgrllnde.
Bad Orb, 6. August. (Das Kurhaus als Kriegslazarett.) Die Badeverwaltung hat der Militärbehörde das hiesige geräumige, mit 200 Betten ansgestattete Kurhaus zu sanitären Zwecken während der Kriegszeit zur Verfügung gestellt.
Hanau, 6. August. Infolge der Mvbilmachnng hat die hiesige „Hanauer Zeitung" ihren Betrieb vollständig einstellen müssen. Das gesamte Personal und auch der Verleger sind zu den Waffen einberufen worden.
Reichenbach,6. August. Ein russischer Spion wurde in der Person eines russischen Gardeobersten hier verhaftet und an die Militärbehörde in Planen eingeliefert. Ein weiterer Spion wurde noch in Plänen verhaftet, bei dem man Schriften mit den Aufschriften vorfand: „Hoch Serbien, Nieder mit Oesterreich."
Magdeburg, 6. August. Ein am Dienstag auf dem Breitenwege spazieren gehender Russe, als Dame verkleidet, wurde von einer einfachen Frau als solcher erkannt, worauf Passanten nach der Entlarvung derartig auf den Russen einhieben, daß er schwer verletzt und bewußtlos nach dem altstädtischen Krankenhaus gebracht werden mußte. Vier russische Deserteure, ein Unteroffizier und drei Gemeine, die im Grenzgebiete festgenommen wurden, wurden in die hiesige Zitadelle eingeliefert.
Bremen, 6. August. Russische Spione haben Dach- gestände erklettert und sich in die Anschlnßleitungen des Bezirkskommandos eingeschaltet und sämtliche Gespräche belauscht. Sie sind ergriffen. Sie hatten sich in die Leitung Bremen—Wilhelmshaven eingeschaltet.
3« der Ernte.
Ueber den Fortgang der Ernte und den Stand der Felder teilt die Preisberichtsstelle des deutschen Landwirtschaftsrates mit: Bis zum dreiundzwanzigsten Juli konnten die Erntearbeiten überall flott gefördert werden, namentlich im Osten war der Roggen meist geschnitten und ein großer Teil bereits eingefahren. Auch in Mittel- und Norddeutschland war der Schnitt des Roggens schon ziemlich weit gediehen und mit der Ernte der Sommerhalmfrüchte vielfach der Anfang gemacht. Am Donnerstag der Vorwoche, im Süden und Westen noch etwas früher, setzte indes kühles und regnerisches Wetter ein, das während der ganzen Woche anhielt. Fast täglich fanden weit verbreitete und oft sehr ergiebige Regenfälle statt, die nicht nur die Erntearbeiten behinderten, sondern auch in starkem Maße Lagerung verursachten. Was die einzelnen Halmfrüchte anlangt, so ist der Roggen im Osten und Norden und vielfach auch in Mrtteldeutschland zum größten Teile geborgen) nur auf großen Gütern, wo sich durch das vorzeitige Reifen der übrigen Halm
früchte die Arbeiten sehr znsammendrängten, stand noch viel Roggen draußen. Ueber den Erdrutsch des Roggens wird weiter geklagt, namentlich in Schlesien, Posen und Mecklenbnrg bleiben die Ertrüge zum Teil erheblich hinter dem Vorjahre zurück, aber auch in den Provinzen Brandenbnrg und Sachsen ergeben sich vielfach Enttäuschungen. Wetzen ist schon vielfach gemüht, auch die Ernte der Sommerhalmfrüchte war bereits im Gange, und man wartet auf trockenes Wetter, um die Gerste, die einen befriedigenden Ertrag verspricht, in Sicherheit bringen zu können. Der Hafer ist durch eine große Hitze und Trockenheit zum Teil notreif geworden und muß gemüht werden, obwohl die Halme vielfach noch grün sind. Der Stand der Futterpflanzen hat sich nach den wiederholten Ntederschlügen gebessert. Von den Hackfrüchten haben die Rüben bei genügender Feuchtigkeit gute Fortschritte gemacht und zeigen jetzt eine starke Blattentwicklung. Auch für die Kartoffeln, bei denen allerdings vielfach über mangelhaften Ansatz geklagt wird, waren die Niederschlüge der letzten Woche von Nutzen.
Wir, die daheim bleiben!
Die dumpfe Schwüle, die Tage laug auf uns lastete, ist nun gewichen. Begeistert hat das gesamte deutsche Volk, ohne Unterschied der Religion, der Staatszugehörigkeit und der Partei, dem Kaiser zuae- jubelt als er,da alle Mahnungen und Warnungen nichts mehr halfen, gegen die frechen Friedensbrecher das Schwert zog und das ganze Deutschland unter die Waffen rief. Freudig eilten sie alle herbei, Alt und Jung, der Graukopf, den noch das eiserne Kreuz von Anno 1870 schmückte und der Jüngling, dem eben der erste Flaum auf der Lippe sproßt. Während diese Zeilen gesetzt werden, vollzieht sich in fester Ordnung der Aufmarsch unserer Truppen im Osten und tm Westen. Manch' letzter Hündeöruck ist in diesen Tagen gewechselt, mancher' Abschied genommen worden, auf den niemals ein Wiedersehen folgt. Aber der alte Krieger- und Soldatengeist lebt noch in unserm Volke. Mit freudigem Stolze, feinern Könige dienen zu dürfen, reißt sich der Gatte von dem geliebten Weibe, das tapfer die empordringenden Tränen zu verbergen sucht, verläßt der Bauer den Pflug, der Handwerker den Schraubstock, dem König zu dienen, das Vaterland, Thron und Altar zu schützen.
Mit den treuesten Segenswünschen geleiten diejenigen, die daheim bleiben müssen, Franen, Greise und unmündige Kinder die hinausziehenden Vaterlandsverteidiger. Manchen ergreift wohl ein wehmütiges Gefühl, wenn er zu alt oder so jung oder als unabkömmlich in seinem Beruf zurückbleiben muß. Doch es ist auch für sie kein Grund traurig zu sein oder zu wähnen, der, der daheim bliebe, stehe an minder wichtiger Stelle. Selbst diejenigen, die ihr militärischer Beruf nicht unmittelbar an der Verteidigung des Vaterlandes draußen im Felde oder drinnen im Lande teilnehmen läßt, haben wichtige ernste vaterländische Aufgaben zu erfüllen. Ja es ist vielleicht leichter draußen im männermordenden Kampfe gegen den grimmen Feind vorwärts zu stürmen als still und geduldig hier daheim alle die kleinen Leiden, die ein so gewaltiger Kampf, wie ihn die Weltgeschichte noch niemals sah, jedem einzelnen auferlegt, zu ertragen, und durch sein heldenmütiges Ausharren anderen Wankel- und Kleinmütigen ein nachahmenswertes Beispiel zu geben. In großes Unglück lernt ein edles Herz sich endlich finden, aber wehe tut's des Lebens kleine Zierden zu entbehren. Und in diesen ernsten Stunden tritt an jeden von uns diese schwere Pflicht der Entbehrung in dieser oder jener Beziehung heran. Je freudiger wir Daheimgebliebenen dies Opfer auf uns nehmen, je mehr wir einer für alle und alle für einen leben, desto freier und freudiger werden die Kämpfer, unsere Väter und Brüder die draußen im Felde stehen, ihre große wichtige Ausgabe, das Vaterland mit dem Schwerte zu schützen, erfüllen können. Heute muß das alte deutsche Erbübel die Nörgelsucht und Unzufriedenheit verschwinden. Wenn auch manches wichtige Lebensrnittel im Preise steigt, man sich dieses und jenes versagen muß, was man sonst zu entbehren nicht gewohnt war, wollen wir freudig dieses Opfer bringen im Gedanken, daß dadurch die gute und ordnungsmäßigeVerpslegung unserer Truppen draußen im Felde und in den Leitungen gewährleistet ist. Und wer den Handel mit den notwendigen Lebensbedürfnissen als Beruf treibt, der denke daran, daß diese Stunde nicht dazu da ist um die Konjunktur auszunützen und ein gutes Geschäft zu machen, sondern daß für uns alle die höchste Pflicht jetzt ist zu sagen: Ich dien'! Ich diene freudig mit Gut oder Blut dem Vaterlande! Wenn jeder von uns so denkt, wenn wir alle für einen und einer für alle in Treue und Pflichtgefühl zusammenstehen, dann wird Gottes Segen auch nicht fehlen, und er den Sieg an unsere Waffen heften!