hersselüer TmeNott
Nr. 106
Sonnabend, den 8. Mai
192®
Volens neue Wege.
Während sich bei den westlichen Alliierten'allmählich die Erkenntis durchringt, daß das Interesse Europas der bisher betriebenen Gewaltpolitik Einhalt gebietet, machen sich im Osten immer radikalere Strömungen bemerkbar. Nachdem das Ergebnis der Abstimmung in der zweiten ; schleswigschen Zone bewiesen hat, daß das deutsche Na- ; iionalbewutztsetn noch nicht erstorben ist, haben sich in : Warschau gewisse Bedenken geltend gemacht. Die Polen fürchten heute eine unparteiische Abstimmung in Ober- -schlesien, da sie mit Recht sagen, daß eine solche unbedingt zu Gunsten Deutschlands ausfallen müsse. Die Wühlarbeiten, die jetzt durch die Auffindung der Warschauer Geheimbefehle der Oeffentlichkeit bekannt wurden, zeigen die ganze Nervosität der Singst der Polen, )Hie nichts mehr von Abmachungen wissen wollen, sondern Einfach auf das Recht des Stärkeren pochen. Die Argu- .rnente, öle von polnischer Seite in den Aufrufen gegen Preußen geltend gemacht werden, sind so völlig aus der Lust gegriffen und so lächerlich, daß sie sich am besten selbst widerlegen. „Gewalt vor Recht" wird als die preußische Parole ausgegeben, während die polnischen Streitkräfte an der oberschlestschen Grenze des Augenblickes harren, da sie den Revolutionären auf deutschem Gebiete zu Hilfe eilen können.
_ Daß dies alles in krassem Widerspruch zu den Ab- luachungen von Versailles steht, braucht nicht erst gesagt zu werden. Es wird nun von entscheidender Bedeutung sein, wie sich die W c st m ä ch t e zu der jetzigen Haltung der Warschauer Regierung stellen werden. Es ist einigermaßen schwer, dies mit wenigen Worten zu sagen. Wir wissen, daß im alliierten Lager keine gemeinsame Anschauung herrscht, und daß trotz der in etwas übertriebener Weise äußerlich zur Schau getragenen Solida- xität bei der Entente Interessengegensätze vorhanden sind, die nicht einmal von den „herzlichsten Sympathien" überbrückt werden sönnen. Frankreich, das vor allem am Bersailler Verträge festhalten will und immer wie- drüber klagt, daß Dentschland seinen Verpflichtungen nicht nachkomMe, wird trotz allem dem Gebaren der Polen Sympathie entgegenbringen. Die Zerstückelung Deutschlands, das Ziel der heutigen französischen Politik, hat ja durch ein Erstarken Polens die besten Aussichten auf Verwirklichung. In Warschau weiß man deshalb auch gar wobl, welch guten Freund man an den Franzosen hat und bemüht sich immer wieder, das innige Freundschaftsverhältnis zu betonen, das die Btänner an der Weichsel mit denen an der Seine verbindet. Anders liegen die Verhältnisse in England. Die dort vorherrschende kühle geschäftliche Ueberlegung hat, zusammen mit den Bestrebungen der italienischen Regierung dazu geführt, daß man jetzt endlich eingewilligt hat, Deutsch-
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das vor allem
_ _________ M, Deutschland anzuhörerr. Italien und Großbritannien werden deshalb in dcm Vorgehen der Polen eine Abschwenkung von den Alliierten sehen und den „Ententespartaklsten"
keinen Schutz angedeihen lassen.
Polen ist also auf dem besten Wege, einen K e i l i n die Solidarität der Alliierten zu treiben und Frankreich von seinen Verbündeten abzubringen. Es müßte mit eigenartigen Dingen zngehen, wenn diese Tatsachen den Ententestaatsmännern verborgen bleiben würden. Dies ist einfach unmöglich, und in Spaa wird deshalb die oberschlesische Angelegenheit zur Sprache kommen müssen. Sowohl die Bestrebungen der dänischen Annerionisten als auch die Putschpläne der polnischen Radikalen werden vor den Alliierten in das rechte Licht gerückt werden müssen. Der Bersailler Gewaltfried: mit seinen ungeheuerlichen Forderungen erweist sich als undurchführbar. Wieviel mehr muß das Bestreben irgend einer Macht verdammt werden, der die Bestimmungen von Versailles nicht genug sind und die sogar das den Deutschen von den Alliierten eingeraumte Recht mit Gewalt vernichten will. Polen ist heute eine Gefahr nicht nur für Deutschland, nicht nur für die Merten, sondern für die Ruhe Europas. Die oberschlestschen Wühlereien der Warschauer Agitatoren verdienen deshalb, daß man ihnen mit Mitteln Einhalt gebietet, die beweisen, daß in unserer heutigen Welt der Gewalttätigkeiten sich doch noch eine Spur von Recht erhalten hat.
in
Polen hält deutsche Beamten zurück.
Berlin, 7. Mai. (S. C.) Nach Meldungen zms Posen werden deutsche Bcamieufamilien, die bis »um 1. Mai das abgetretene Gebiet nicht verlassen konnten, an der Ausreise nach Deutschland verhindert. In der Stadt Posen wurden 100 und in Thor« über öüdentschc Beamtenfamilien widerrechtlich von den polnischen Behörden zurückgehalten.
Polnische Neberfälle.
«crlin. 7. Mai. (S. C.) Von einem Presickor- resvvnd^nten wGd uns Schneidemühl gemeldet, daß die Polen Angriffe auf die Deutschen unternommen haben.. Bei Erbel und bei Strelitz über fielen die Polen eine deutsche Abteilung, die sie überwältigten und entwaffneten.
Aus dem besetzten Gebiet.
Knebclnng des Handels im Saargebiet.
~ Saarbrücken, 7. Mai. (T. M Wie die Saar- brückener Blätter melden, bedient sich die französische Zollbehörde im Saargebiet in ihrer Tatigk^t und im Verkehr ausschließlich der franLoßscheu-Sprache, obgleich nach dem Friedeusvertrage die Amtssprache deutsch lem muß. Zahlreiche Fälle werden bekannt, in benen die , Ein- nnd Ausfuhr von Waren durch den Gebrauch der iranzösischen Sprache erschwert und veEndert, wurde. »"sLjcdene Gemeinden ersuchten die Ncgierunsökom-
Mission im Saargebiet, auf Abstellung dieser Mißstänbe zu dringen.
10 000 Mark Geldstrafe für einen Protest.
•* Frankfurt a. M., 7. Mai. (T. U.) Stadtverordneter Hopf, der am 20. April die Stadtverordnetenversammlung aus Anlaß der Erstattung des Geschäftsberichts mit einer Erklärung eingeleitet hatte, die auf die Besetzung Frankfurts durch die Franzosen Bezug nahm und den Protest der Stadtbehörbe gegen die Besetzung Frankfurts nochmals zum Ausdruck brächte, wurde vom kommandierenden General der Rheinarmee in eine Geldstrafe von 10 000 Mark genommen. Das Urteil wurde damit begründet, daß dieser Punkt nicht auf der Tagesordnung gestanden hätte.
Bestrafung des Frankfurter Polizeipräsidenten.
Frankfurt, 7. Mai. Der General der Rheinarmee hat dem Polizeipräsidenten Ehrler eine Geldstrafe von 10 000 Mark zuerkannt, weil er der Militärbehörde nicht alle Waffen, die zur Bewaffnung der Polizei bestimmt sind, angegeben habe. Zur Aufbewahrung der Waffen sei die Genehmigung nicht eingeholt worden.
Protest gegen die polnischen Ausschreitungen.
Die blutig verlaufenen Polenkundgebungen am Sonntag veranlaßten sämtliche politischen Parteien, Arbeiter- und Angestelltengewerkschaften und Beamtenverbände in Ratibor, einen energischen Protest an die interalliierte Kommission in Oppeln zu richten, in dem sofortige eingehende Untersuchung und Bestrafung der Urheber sowie deren dauernde Entfernung aus dem Abstimmungsgebiet gefordert wird.
Die Gärung in Eisaß-tolhringe«.
Antonomievestrebungen.
*+ Straßburg, 7. Mai. lT. U.) Im lothringischen Industriebezirk werden seit einigen Tagen wieder Umsturzausrufe verbreitet, und zwar in deutscher und französischer Sprache, in denen zur Revolution anfgbfordert wird. Die französische Polizei fahndete bisher vergebens nach den Verbreitern dieser Flugblätter. Die Stellung des Gcncralkommissars Alapetite gilt als erschüttert, weil er sich während des Generalstreiks in Elsaß-Lothringen nicht als tatkräftig genug erwiesen habe. Elsässische Abgeordnete erstreben die Bilduug eines selbständigen Ministeriums für Elsaß-Lothrm- gen. Sie haben zu diesem Zwecke bereits verschiedene Sitzungen abLehalten. Manüst der Ansicht, daß die ^Neuordnung in Elsaß-Lotbringen im allgemeinen eine Frage der Verwaltung sei. Ein Ministerium des Landes werde ohne Zweifel mehr Autorität bentzen als ein Funktionär, sei er auch noch so hoch gestellt. Ern Ministerrat bat in dieser Angelegenheit bisher noch nicht stailgefunden.
Tagung bet deutschen Lauemvereiiie.
w Köln, 7. Mai. (T. u.) Auf der gestern hier abgehaltenen Tagung der Vereinigung der deutschen Bauernvereine waren 22 der angeschlossenen Vereine vertreten. Der anwesende ErnährungsMinister Hermes versprach, durch eine energische Förderung der Produktion die Grundlage für eine Gesundung des Volkes zu schaffen. Die Zwangswirtschaft müsse für die wichtigsten Gebiete der Ernährung erhalten bleiben. Da-, bedeute aber kein starres Festhalten an der Form und Art der Bewirtschaftung. Mit allem Nachdruck werde er für eine angemessene Preisgestaltung eintreten. Es wurde eine Reihe von Entschließungen angenommen. U. a. wirb betreffs der Zwangswirtschaft, falls d'e Regierung sich dazu entschließen könne, die gesamte Zwangswirtschaft anfzuhebcn, gefordert, freie und baldige Regelung der landwirtschaftlichen Produktion in der eigenen Wirtschaft.
Aranzöfische Quertreibereien.
Brüssel, 7. Mai. Die Pariser Zettungm., bemühen sich, darauf Hinzuwirkeu datz eine Verständigung auf der «ouferenn von Spaa verhindert wird. So berichtet der „Matin", daß man über die Frage der von Deutschland zu zahlenden Eutsrhadignugsmmme m Svaa überhaupt nicht reden werde, sorrdern Deutsch- land" nur befragt werden solle, weshalb es bisher die Bedingungen des Veriarller Vertrages nicht.erfüllt habe und wann es die m dem Vertrage auferlegte Erck- schädiauunssumme bezahlen werde. In lranqöstfchen Kreisen behauptet man, wie der „Teunw schreibt, daß die Festsetzung nicht einer Gesamtsumme, die Deutschland zu entrichten hätte,. sondern einer I^^ geplant sei. Eine hohe französische Pmsonlaokesi hat sitb kürzlich dahin geäußert, daß man Deutschland wie einen BÄrotteur behandeln müsse. Die Wiedergutmachungskommission müsse MsS^verwa^ schen Konkurses handeln. Diese Mitteilungen sind be- zeichnend sür die Stimmung, wie sie in weiten Allci eil in Parts herrscht. _
Die dentsche Abordnnng für Spaa.
_ „ 7. Alat. lT. U.) Aus Paris wird gemeldet, daß die deutsche Abordnung, die sich «ach Spaa begeben wird, ans dem Reichskanzler, dcm ^e^chomiuL ster des Auswärtigen Köster, Herrn von Simsott UNd ei ner Anzahl Sachverständigen bestehen «ürd. Unter diesen Sachverständigen wird Dernburg an erster Stelle genannt.
w Rotterdanh^ 7^ Muü^Daiw "^ meldet^auS Paris, aus die Tagesordnung der Konferenz in ^.ma wurde auf Antrag Frankreichs auch die Frage der dent- sche« Arbeitertransporte für das WiederaufbaitM- biet und die Frage der Aburteilung -er auf der Ans- liefcruugsliste stehenden Deutsche« gesetzt.
«nng deS Mainganes?
n. lB. T.) Dem „Daily ExprWE wird gemeldet, daß die 8iä«mu«g des «eubeseßten G« bietes durch die Franzose« jetzt im Gange feit Wahr, scheinlich werde die Räumung vollendet sein, bevor dvi Konferenz in Spaa Zusammentritt.
An Berliner amtlichen Stellen ist jedoch hiervon
nichts bekannt. Uns wird gedrahtet: ** Berlin, 7. Mai. (L.-A.) An
Hiesigen amtlich«, ingaueS nicht- 6* und die Meldmch
** Berlin, 7. Mai. ........ Stellen ist über eine Räumung des Ma- kannt. Man hält sie für ausgeschlossen
für unglaubwürdig.
6ine «ene Protestnote an die Entente.
»-»Berlin,?. Mai. lS. C.) Gegen die von b französischen Besatzvng ««geordnete Entwaffnung - Frankfurter Polizei ist von der deutschen Regierung et neue Protestnote gestern «ach Paris abgegange«. Es dies seit dem Waffenstillstand die 823. Protestnote Dentsl lands an die Entente.
Die Durchführung des Friedensvertrages.
»-» Rotterdam, 7. Mai. (S. C.) Wie die, „Time-« melden, hat der alliierte Rat am letzten Montag znge- stimmt, -atz die Erledigung der aus dem Friedensvertraa refultierenden Verpflichtungen Deutschlands in Zukumt nach Möglichkeit von der vorherigen Auhörnng Denksch» lands abhängig gemacht werden soll.
Schadenserlatzforderungeu französischer Primüperso»^.
Genf, 7. Mai. «S. C.) Der „Temvs^melS^ von den durch die deutsche Kriegführung geschccdig^n Privatpersonen Frankreichs, sind Entschadrgungvwrbe- rungen in Höhe von 21% Milliarden Franken angemek« -et und von der Wieüerguimachungskommcssion aner
kannt worden.
Das Schicksal der deutschen Kriegsschisfe.
Im englischen Unterhause teilte ein Vertreter deß Marmemimsteriums mit, daß die deutsche« KriegsschM abgewrackt werden sollen mit Ausnahme von 5 leuWt Kreuzern und 32 Torpedobooten, die an Frankreich, Italien, Polen und Brasilien verteilt werden sollen.
Die Friedevsdebatte i« Amerika.
** Basel, 7. Mai. (B. T.) In seiner Rede zu Gunsten der Unterzeichnung des Friedensvertrages W Deutschland erklärte Senator Knox, dah dem Konaretz das Recht zustehe. Sem Kriege ein Ende zu machen. Der Völkerbund müsse von Grund auf unbearbeitet werden.
So wie er jetzt ist. Mvw' er nur dazij Mren, nen' M" .. e: flikte hcraufzubeschwöre«.
Der Völkerbundsrat.
Haag, 7. Mai. Aus Paris wird berichtet: nächste Tagung -es Völkerbnnösrates wir- am 14. Mai in Rom eröffnet werden. Die wichtigsten Fragen, dde behandelt werden, sind folgende: Borberertung des erste« Znsammeutritts der Bökkerbun-sverscuvmdm« und Bestäiignng der Personalerriennung für das Sekretariat, vorläufig mit dem Charakter des Provisoriums: L SluffteUuna des Budgets 3.. Bestellung des ständig Entwaffrinngskonimifsars gemäß Artikel 9 des Bolker- bundsstatuts: 4. Behandlung einer Anzahl Fragen, die in den 'vergangenen Sitzungen anfgestellt worden rya- ren, u. a. Bildung einer Kommifsion für 'nternastmmle Statistik, genaue Prüfung der Heimkehrmöglichkeiten für die Gefangenen in Sibirien. Zu reit genannten Fragen werden die Mitglieder des Rates Untersontmti- sionen bilden, die über jede einzelne Frage einen Bericht ausarbeiten. Die Entscheidungen werden dann in öffentlichen Sitzungen erfolgen.
Die Brüsseler Finanzkonferenz.
Nach einer Information des „Temps" werde« auf Ersuchen des Bölkerbundrates der nach Trüffel zutzM- ntenberufciien internationalen Firmnzkvnnrenz folgende Mittel zur Behebung der internationalen Fi° nanzschwicrigkeiten zum Vorschlag gebracht Werdern
Gewährung pnvatcr Kredite an kredrtbedrrrstrgc Staaten unter der Bedingung, daß ihre laufenden Ausgaben auf das Maß ihrer ans Steuern und anderen normalen Einkürrsierr sich ergebenden Einnabmen zurückgeführt werben, Aupassung der Kriegseutscha-rgu«« der besiegten Staute» a« ihre Leistvngsfährgkeit derart, daß ein Zusa«rmeubrucy verhütet wird, eveumelle Auvwer- zung gewisser fiktiver Elemcrue aus der WeltbUans, Schafstrug vou Bestäuden rollenden Materials, die die normale Wiederaufnahme des Güteraustainches er- möglichen, Festlegung befonberer ^nt>erbetten bie durch die Darlehuostaateu zur Garantie der Zinsenzah- lung und Schuldtilgung zu fchasfen waren.
Die sozialistische Reichskonferenz.
Auf der Reichskoufereuz Der sozialdemokratische» Partei sprach am Donucrstag Reichskanzler Müller. Er sagte «. a.: Wir müssen die Demokratie und die Republik gegen rechts und links verteidigen. Jede Koaü- tionspartet wird den Wahlkampf lelbstaudig führen. Bringer. mtS die Wablen keine Ntehrbeit, so werden wir wieder Koalitionspolitik treiben. Nach dem,Kapp-P»M habe ich vorgeschtageli, die Unabhängigen in die Koaki- tionSregierung aufznnchmen. Da» hatte im Ausland einen ausgezeichneten Eindruck gemacht, denn bann hätten wir in Deutschland einen republikanischen Block gehabt, aber die Unabhängigen haben dies glatt abaelehm. Sie wollen immer noch nach Moskau. Wir sind nun em- mal auf das AuSland angewiesen. Unsere, ganze EsMl- gung ist zugruube gerichtet, unser Geld ist buchstäblich verpulvert würben. Die Kommunisten tragen eine schwere Verantwortung vor der Geschichte, wenn sienich' endlich mit dieser ewigen Putschspielerei aufhören. Wenn wir nun auch eine demokratische Verfassung haben, so ist damit noch nicht gesagt, daß wir nun in kurzer Zeit Die