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Hersfelöer Logeblatt

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«r. 207

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Montag, den 6. Septembernsnäris «Tf^. M° 1920

Programm der Brüsseler .Pmmzlsssere»;.

Ueber die Finanzkonferenz, die in Brüssel auf den 24. September ei »berufen werden soll, wird nunmehr das Programm bekanntgegeben. Es enthält folgende Punkte:

1. Prüfung der wirtschaftlichen und finanziellen Lage der verschiedenen Staaten. Die Berichte sollen sich wit den Budgets der inneren Schuld im Geldsystem und dem Wechselkurs beschäftigen.

2. Untersuchung der fundamentalen Probleme der Finanzpolitik und Erörterung der öffentlichen Finanz- frage.

3. Resolutionen über die wichtigsten von der Kon­ferenz angenommenen Schlußfolgerungen.

4. Behandlung der Vorschläge für die Wiederher­stellung des internationalen Kredits, der Maßnahmen zur Förderung des internationalen Handels und Prü­fung der Möglichkeit internationaler Anleihen.

Das Sekretariat des Völkerbundes ersuchte fünf hervorragende Wirtschaftsgelehrte um Gutachten, unter denen sich jedoch kein Deutscher befindet. Ihre gemein­same Erklärung lautet:

Es ist für Europa von der größten Wichtigkeit, daß Arbeit nnd Produktion wieder ausgenommen werden. Es ist ferner notwendig, die Inflation des Kredits nud der Zahlungsmittel zu beenden. Zn diesem Zweck müssen die Ausgaben der Regierungen vermindert werden, ebenso die militärischen Ausgaben. Anleihen dürfen nicht für lanfende Ausgaben verwandt werden. Die schwebende Schuld muß so rasch wie möglich fundiert werden. Die Gewährung von internationalen Krediten hat zur Vorbedingung, daß ihnen eine bestimmte Form des Vorzugs gegeben wird. Sie sollen nur sür Zwecke gebraucht werden, die eine sofortige Produktionsver- mehrnng zur Folge habe«.

Es wird von der Wiederherstellung des wirklichen Friedens und normaler Verhältnisse im internationalen Handelsverkehr abhängen, ob die Länder, die für die Kre­dite in Betracht kommen, zur Erfüllung der genannten Bedingungen gelangen können."

Deutsch-französische Entspannung.

^»^Lt Ss^^JwÄhjtember. (Eim Drahtu.) Wie der Lokalanzeiger" erfährt. dürfte in den Punkten der französischen Note zwischen der deutschen und der fran­zösischen Regierung bereits eine Einigung gefunden sein. Die französische Regierung hat sich, wie verlautet, insofern zum Nachgeben bereiterklärt, daß sie nicht mehr auf dem Entschuldigungsbesuch des deutschen Reichskanzlers beim französischen Botschafter Laurence besteht. Sie ist zufrieden, wenn au seiner Stelle der deutsche Autzenmiuister Dr. Simons oder der preußische Minister des Innern Severing auf der Botschaft er­scheint. Auch dürfte sie nicht mehr aus der Forderung bestehen, daß der Hanotmann von Arnim disziplinarisch bestraft werde. Ihr dürfte es genügen, wen« dieser in eine Provinzgarnison versetzt werde.

*

Die Säbel- und Kuebelpolitik des Qai d' Orfay, die den Charakter der französischen Note über die Breslauer Borfälle schuf, hat einer einigermaßen normalen Re­gung zur Verständigung Raum gegeben, die allein die Grundlage für die Entwirrung des europäischen Kon­fliktes bilden kanrr. Weit entfernt, daß wir behaupten wollen, dies Empordämmern diplomatischer Vernunft sei der totgewordene Wunsch der französischen Volks­seele, so ist dennoch unverkennbar, daß unser westlicher Nachbar einzusehen beginnt, daß ohne Deutschlands aktives Mitwirken nie eine Klärung in den Ostfragen, wie vor allem den Wirtschaftsfragen Frankreichs ein­treten kann. Die wechselseitigen Beziehungen der fran­zösischen Industrie und des deutschen Kohlenbergbaus müssen, wie die Spaaer Verhandlungen bewiesen haben, die wichtigsten Leitsätze der französischen Politik gegen­über Deutschland sein und die Pariser Staatsmänner müßten politisch erblindet sein ein Symptom des Chauvinismus, wenn sie auf diktatorischem Wege wirtschaftliche Zugeständnisse erzwingen wollten, mit denen sich das deutsche Volk durch Unterschrift des Ver- satller Vertrages einverstanden erklärte. Auch der be­vorstehenden Konferenz in Genf, deren Programm zur Erörterung internationaler Wirtschafts- und Kredit­fragen heute bereits vorliegt, wäre ein überschroffes Vorgehen Frankreichs gegen Deutschland kaum förder­lich gewesen, und die Ziele der internationalen Finanz­regelungen wären ohne die aktive Mitarbeit der deut­schen Regierung in Frage gestellt. Denn nicht Deutsch­land allein ist an der Behebung der Inflation der Zah­lungsmittel interessiert. In gleichem Maße Frank­reich, umsomehr als die gesamte französische Industrie von der Lieferung deutscher Ruhrkohle abhängig ist. Gerade dieser Umstand mag das entscheidende Moment der Bedingungsänderung für die Breslauer Vorfälle gewesen sein, zumal selbst bei Vornahme der angedroh­ten militärischen Repressalien gemeint war wohl die Besetzung des Ruhrkohlenreviers die gesamte För­derung im Kohlenbergbau in Frage gestellt war. Ge­rade die klirzliche Anerkennung der prompten deutschen Lieferungen auf Grund des Spaaer Abkounnenö, die französische Blätter zollten, beweist das Interesse Frankreichs an der regelmäßigen Dttrchführnug der Transporte. Das wird den Herren in de Setnestadt nicht leicht geworden sein, ebenso wie die chauvinistische Presse über die Aenderung der fromöfiWn Siihnefor- derung abermals in einen Einfall von Tollwut gerät »2 Wir dagegen sehen in den Wandlungen jener Po­

litik ein schwaches Morgenrot wirklicher Diplomatie. Die Verhandlungen mit dem französischen Botschafter Laurence werden eine weitere Klärung der strittigen Punkte bringen. Jedenfalls ist die Schmachbedingnng von einem persönlichen Bittgang des deutschen Reichs­kanzlers fallen gelassen. Der Alp einesdiploinartschen Canossa" ist von uns genommen, wenn auch Herr Si­mons oder Herr Severing sich diesem Schritte unter'ic- hen müssen. Der Außenminister, der bisher ohne jeg­liche Heißblütigkeit die Autzengeschäfte und damit ein gut Teil der deutschen Zukunft führte, wird auch hier seinenguten Tag" habem Seine Haltung im Aus­schuß für auswärtige Angelegenheiten bewies seinen unbedingten Willen zur Wiederherstellung der musi­schen Ruhe Europas, die immer und immer wieder durch die Maßlosigkeiten ost- und westeuropäischer Chauvinisten inNotenradau" gewandelt wurde. Seine strikt neutrale Haltung im polnisch-russischen Konflikt war ja der Hemmschuh jener französischen Pläne, die neben moralischer Unterstützung dem Weichselstaat aktiv beiznsvringen suchten. So kam der Breslauer Tunrult der französischen Ostpolitik als willkommener Anlaß zum Einschreiten gegen oberschlesisches Deutschtum und die deutsche Regierung, die jene Krawalle unterstützt zu haben beschuldigt wird.

Diese Haltung Deutschlands, die der Verwirkli­chung französisch-polnischer Ziele hemmend im Wege stand, war letzten Endes die Auslösung des Pariser Wutausbruches, den die Note darstellt. Das waren die Forderungen eines politischen Börsenjobbers, der sich mit allen Kapitalien bei einem Papier engagiert, und den großenKrach" seiner Spekulationen erleben muß. Sie, die striffe deutsche Neutraliät, ist es auch, die nun­mehr die Alliierten veranlaßt, die Aufnahme Deutsch­lands in den Völkerbund zu beantragen, um damit die Selbstentscheidung und die eigene Stellungnahme für die Zukunft unmöglich zu machen.

Fst das des Völkerbundes wahres Gesicht? .... Das ist lediglich das Sprachrohr französisch-englischer Interessen! . . . Ihre Wolffratze fchrecfte uns nicht. So kommen sie denn in Schafpelzen des Völkerbundes. Wir wollen den Frieden in Europa, wir wollen Ruhe für unser ausgeblutetes Volk. Wir wollen darum den Völkerbund. Solange e- ,'ber. LaL 3«8Mve»tMWMM ir»jch«WvENl'aranua Borisens, lehnen wir ihn ab, oder machen mindestens unsere Vorbehalte gleich den nordischen Parlamenten.

Dann erst, weint seine Statuten von allen Mächten und nicht von der Entente aufgestellt, wird man dem UntierChauvinismus", wie es uns heute die Fratze wies, die Zähne ausbrechen. M. H.

Eine neue deutsche Note.

** Berlin, 4. September. (T. U.) Wie wir erfah­ren, hat der deutsche Botschafter Mayer im Auftrage der deutschen Regierung der Friedenskonferenz eine neue Note überreicht, der Bekundungen von 78 Augen­zeugen über die oberfchlesischen Vorgänge beigefügt sind.

Die deutsche Antwort.

** Berlin, 4. September. Die deutsche Antwortuote an Frankreich erklärt die Unmöglichkeit für Deutsch­land, innerhalb von acht Tagen die Schuldigen an den Breslauer Vorgängen zu ermitteln und zn bestrafen. Deutschland ersucht um eine angemessene Fristverlänge- rnug. Dr. Simons Betonte gestern, daß von irgend wei­chen militärischen Maßnahme« Frankreichs bei Nichter­füllung der achttägigen Frist in den Gespräche« zwischen dem deutschen «nd französischen Botschafter keine Rede gewesen fei.

Berlin, 4. September. Die gestrige Konferenz der Eisenbahnbetriebsräte beschloß, einen Aufruf au^die Eisenbahner zu erlassen, in dem mitgeteilt wird, daß für den Fall eines Kampfes die organisierten Arbeiter hinter ihnen stehen würden. Ein entsprechender Aufruf wird heute durch die sozialistische Presse im ganzen Reiche verbreitet.

Bor neuen polnischen Putsche«.

e-* Kattowitz, 4. September. lT. U.) Von den Po­len sind Vorbereitungen für einen neuen großen Putsch in Oberschlesien getroffen. Aus Tarnowitz wird gemel­det, daß die Pvlcnsübrcr aus Warschau Weisung erhal­ten haben, in möglichst kurzer Zeit «««mehr auch die Städte Oberschlesiens in polnische Gewalt zu Bringen, andernfalls ihre finanziellen Bezüge von Warschau ein­gestellt würden.

Englisches Gerechtigkeitsgefühl.

** Berlin, 4. September. (L. A.) Von den fünf Kreiskontrollenren, die in Oberschlesien ihres Amtes walten, find drei, nämlich die in Tariwwitz, Großstreh- litz und Bcuthcn, Engländer. Diese drei KreiSkontrol, lcnrc haben ««« sämtlich ihre Entlassung eingereicht, und zwar mit Rücksicht auf das französische Verhalten in Oberschlesien, mit dem sie sich nicht einverstanden er­klären sönnen. Den Kreiskontrolleuren in Tarrwwttz und Großstrehlitz ist die Entlassung bereits bewilligt worden.

Rcchtsoergewaltiguug.

.** Breslau, 4. September. lS. C.) Die Gerichts­behörden des Abstimmungsgebietes haben gegen die An­ordnung der interalliierten Kommission Protest erhoben, wonach alle Vergehen, die mit dem pointtoen Aufstand zusammenhängen, nicht von den zuständigen Gerichten abzuurteilen sind, sondern dem interalliierten Aus­nahmegericht in Oppeln überwiesen werden müssen. Das AuSnabmeaertcht hat sich auch die Ermittelung im Vorverfahren Vorbehalten.

Das-cios Vergewaittaung. <

w TauM«, 1. Scvtember. tS. C.) Aus der Dan- ' üger Reede sica^n seit Montag 13 KriegsMisisi .ier engUsib-frnnzösiühcn Flotte. Auf der Bahn Tanzig Thorn Warscbau werden 16 Waggons Munition litt Polen verladen.

Der Krieg in Polen.

Polen stellt seinen Vormarsch ein.

»* Von der Schweizer Grenze, 4. September. lL.-A 1 Der PariserMatin" berichtet a«s Warschan: Die yofg Nische Armee wird 20 bis 50 Kilometer östlich der cchnv- graxhischen Grenze zwischen Rnßland und Polen, also auf rnfsischem Gebiet den Brrmarkch cinftcEnt nnd ihre militärischen Sicherungen aller Art in Brückeuköillerr errichten. Die alliierten Mächte sind mit dem polnische« Vorhaben einverstanden.

Polnische Truppenkouzcutratione«.

x Königsberg, 4. September. tS. C.j Von der polnischen Grenze wird gemeldet: Zwischen Kolino und elugnstowo werden große polnische Trupvenmafsen kon­zentriert. Längs der deutschen Grenze ist schwere Ar- tisierie aufgefahren. Die russischen Wachen haben schon am Freitag abend Grajewo verlassen.

Die russische Niederlage.

»* Wie«, 4. September. lS. C.) Die heutigen Zei­tungen melden aus Lemberg: 9000 gefangene Russen sind gestern von Brodu nach Lemberg gebracht. Pol­nische Kavallerie streift bereits vor Dubno.

Rusfeu-Rückzug.

* Geuf, 4. September. tS. C.j DerTemps" mel­det aus Paris: Die Front der Rüfsen weicht von Lomsha und Ossowiec. Das viertägige blutige Gefecht bet Lomsha hat mit dem Rückzug der Russen geendet.

Genf, 4. September. (S. C.)Matin" meldet aus Warschau: Der Zusammenbruch der neuen Rus- sen-Offensive zeigt sich an allen Anordnungen des pol­nischen Generalstabes.. Brest-Litowsk ist außer Gefahr.

_ w Berlin, 4. September. tL.-A.) In einem Spionaaeprozeß zu Miasma wegen Sprengung einer bolschewistischen Munitionsfabrik wurden 12 Angeklagte zum Tode verurteilt.

Verhaftung polnischer Kommuniste«.

. ** Berlin, 4. September. (L.-A.) Aus Warschau wird gemeldet, daß die Mitglieder der Kommunisten- verbindung verhaftet worden sind.

Poluischer Heeresbericht.

** Warschau, 4. September. lT. U.) Amtlich wird vorn 3. September gemeldet: An der Front von Su- walkt bis Wlodawa keine Veränderung. Die Reiterar- mee des Generals Budjenny sammelt sich unter dem Schutz frischer in den Kampf geworfener Insanterieab- terlungen, die bei Hrobieszow durch heftige Gegenan- griffe den Rückzug der Armee des Generals Budjenny aufzuhalten versuchteu. Nach blutigen Kämpfen wurde der Angriff durch unsere Abteilungen zum Scheitern ge= bracht. Auf dem südlichen Flügel nahmen polnische Gruppen Bjelsk. Bier Maschinengewehre, 12 Muni- tlvnswagen und technisches Material wurden erbeutet. Westlich Lemberg wurden von den an der Linie Bug- Grwa-Lipa stehenden Abteilungen, besonders in der gebend von Busk mehrfach heftige Kämpfe abgeschlagen. Durch Angriffe mit Tanks wurde der russische Ansturm zum Lchciteru gebracht.

Frankreichs Ultimatum an Rußland.

,* Stockholm, 4. September. lT. 1L) Die franzö­sische Regierung hat an Tichitscherin ein von dem Mi­nisterpräsidenten Millerand unt-'rzeichnetes Ultimatum gerichtet, wonach alle Franzosen, die sich noch in Ruß­land befinden, entweder nach der finnischen Grenze oder nach Odefsa zn befördern find. Wenn ein einziger Fran­zose noch nach dem 30. September gegen seinen Willen in Sowjetrnßland zurückgehalten werde, so wird die französische Regierung Veranlassung nehmen, der fran­zösische« Flotte -ea Befehl zn erteilen, in Sndrußland Schritte zn tun, die als erforderlich erachtet werde«.

Südrasstsche Hungersnot.

»* SB a f e l, 4. September. Seit drei Tage« ist Odesta von jeder Z«f«hr durch die aufständischen Ukrainer ab: geschnitten. In der Stadt herrscht schwerste Hungers­not. Alle Auftrengungen der Sowjets von Charkow aus Odesta z« besetzen, sind vergeblich gewesen. Ver­stärkte Kampfmittel der Bolschewisten sind die zahlrei­che» Panzerzüge. Diese sind durch die Bernichtnng der Eisenbahnlinie lahmgelegt worden.

Vor einem russisch-französischen Krieg.

** Zürich, 4. September. (S. C.) Wie derTages­anzeiger" aus Paris erfährt, wird das französische Ultt- matum an Frankreich als vorläufiges militärisches Ein­greifen Frankreichs auf Seiten der Polen angesehen. An eine Erfüllung der französischen Forderungen durch Rußland bis zum 30. September sei nicht zu denken. Andere Züricher Blätter melden aus Frankreich, hier werden alle Vorbereitungen für einen Kampf Frank- reichs gegen Rußland getroffen. In den Heeresbetrie- ben ist wieder die 10stündige Betriebsarbeit eingeführt. Die französischen KriegShäfen sind bereits vom L Sep­tember ab gesperrt.