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1930
Die Brüsseler Finanzkonferenz.
Ein neues Arbeitsprogramm.
* * Berlin, 27. September. (Eig. Drahtn.) Dem „L. A." wird aus Brüssel unter dem 26. September gemeldet: Der Verlauf des gestrigen Tages hat die Kon- sercnz überzeugt, daß es einfach töricht wäre, wie zuerst beabsichtigt, in den ersten Tagen die Finanzexposees aller vertretenen Staaten entgegenzunehmen und durch Vorträge in englischer und französischer Uebersetzung unendlich viel Zeit zu verlieren. Es ist deshalb durch das Organisationskomitee eine neue Geschäftsordnung für die Konferenz ausgearbeitet worden. Die noch ausstehenden Staaten geben danach insgesamt ihre gedruckten Berichte an die Mitglieder der Konferenz. Der Vortrag der Berichte wurde ausgesetzt. Am Montag beginnt der englische Vizepräsident Mr. R. Brand die Sitzung mit einem einleitenden Vorträge über die Finanzlage der Welt, die das erste von den vier grundlegenden Problemen ist, die in den nächsten Tagen die Tagesordnung beherrschen. Mr. Brand wird sich über die Möglichkeiten zur Besserung der Finanzlage äußern und die technischen Notwendigkeiten erörtern, um Kredite z« bekommen. Er wird auf Budget- und Steuer- fragen eingeben und die Möglichkeit zur Diskussion stel- . len, wie das Vertrauen in die Finanzgebarung der Staaten wieder aufzurichten sei, um den anderen Staaten. die in der Lage sind, zu helfen, diese Möglichkeit zu geben, indem man ihr Mißtrauen zerstreut. Er wird die ungeheure Gefahr, in der die Welt schwebt, unge- schminkt darstellen. Dann wird nach anderen Wortmeldungen zur Bildung einer Kommission geschritten werden, die sich mit der Finanzlage beschäftigen soll. Am .Dienstag wird der holländische Vizepräsident Dr. Bißl- rig über Geld- und Wechselkurs sprechen. Die Möglichkeiten, wie man den Kurs stabilisieren könnte, werden in der Debatte erörtert werden. Wieder wird eine besondere Kommission zur Untersuchung dieser Frage eingesetzt werden. Am Mittwoch wird der belgische Vizepräsident de Wouters das Worb iMk den internationalen Handel ergreifen. Die Frage der internationalen Lieferungen, die Rohstoffrage, die Aufhebung her Hs^sstsbeschrankung kommen an diesem Tage zur Durchsprache. Wieder soll eine Kommission gebildet werden. Am Donnerstag soll die Frage internationaler Kredite von dem französischen Vizepräsidenten Celier erörtert werden. Bei der Zurückhaltung Amerikas, die immer deutlicher hervorzutreten scheint, ein rein theoretisches Programm. Man schreitet dann zur Bildung der 4. und letzten Kommission. Am Freitag werden die Staaten, die heute ihre schriftlichen Berichte abgegeben haben, in kurzen Reden zu Worte kommen. Inzwischen haben die Kommissionen weiter gearbeitet und tragen das Resultat ihrer Beratungen an dem anschließenden Tage vor, worauf eine allgemeine Aussprache folgt. Man schreitet zur Aufstellung von Leitsätzen, über die abaestimmt wird. Jeder Delegierte stimmt, wie bekannt, mit persönlicher Stimme, nicht nach Ländern. Dreie Leitsätze werden vom Präsidenten Ador den einzelnen Regierungen dann zur Kenntnis gebracht.
In den Kreisen, die es ernst mit der Konferenz meinen, nimmt man an, daß die Regierungen dann der Wucht der Erkenntnis dieser Sachverständigenkonferessz, folgen werden. Zweifellos liegt in dieser neuen ArbectS- methode der Konferenz Entschlossenheit des Fortschrittes. Wie man bei den wirklich sachlichen Erörterungen hie Probleme deren grausamer Ernst stark genug nt, lösen will, ohne den Vertrag von Versailles zu berühren. erscheint rätselhaft. Diese Voraussetzungen der Konferenz sind genügend erklärt.
Paris, 27. September. lT. it) Die „Agence Lavas" verbreitet aus Brüssel folgende Meldung über hie Besprechungen zwischen den deutschen und lranzö- sischen Vertretern: Die Mitglieder der beiden Delegationen haben Gelegenheit gehabt, sich über das Problem der Konferenz und über den Geist auszusprechen, her für eine Diskussion angebracht ist. Es hat sich im Laufe dieser Besprechung > ergeben, daß die deutschen Abgeordneten in die Diskussion in gleichem Sinne em- getreten sind wie die übrigen Delegierten. Auch sie betrachten die Konferenz von Brüssel als eine .«.»lsammeu- fmist von Fachmännern, die die Aufgabe haben, ein beschränktes Programm zu beraten, und die von dem ehrlichen Wunsch beseelt sind, in loyaler Weise mit den anderen Mitgliedern der Konferenz zusammenznarbei- teu, ohne den Versuch zu machen, irgend eine unerwartete Frage anzuschneiden. , „. „ , m
* * Berlin. 27. September. (S. E.) Nach Meldun- aen aus Brüssel wird die Besprechung der Konferenz über die deutsche Finanz- »nd Wirtschaftlage am 29. dS. Mts beginnen. Für die deutsche Wirtschaftslage sind zwei Verbandlungstäge vorgesehen. Meldungen aus Brjissel bestätigen weiter, daß die Konferenz enge- acn der deutschen Erwartung keine Beschlüsse fassen wird.
Die deutsche Denkschrift.
♦ * Berlin, 27. September. (L. A.) Die in Brüssel überreichte deutsche Denkschrift legt ziffernmäßig die wirtschaftliche Krise dar, in der sich Deutschland be- i ! findet.
— Basel, 27. September. lT. R.) „Echo de Belge" meldet: Die internationale Finanzkonferenz in Brüssel bat grundsätzlich den Vorschlag des lllltnisterprasi- heuteri de la Croix auf Schaffung eines sämtliche Staaten umfassenden internationalen Emissiousiastttuts, -aS gegen reelle Garantien Geldbons ausgeben würde, mtgcbeißem Die endgültige Abstimmung hierüber soll
M Laute Weser Woche stat «finden. "
Etu ametttaniscyer Vorscyrag.
« -> Zürich, 26. September. '(T. U.) Der amerikanische Delegierte für die Konferenz Boyden, wurde, wie aus Nenyork gemeldet wird, beauftragt, die Enteute- Delegierten mit der Absicht der amerikanischen Regierung bekannt zu machen, die dahin geht, daß die ftarreu Zahlnugsbeöingnugcn, denen Deutschland unterworfen sei, wesentlich erleichtert werden müßten. Deutschland soll nach Möglichkeit durch bessere finanzielle Wirt- ichastsbedingnnge« mit dem Auslande in seiner Produktion ermutigt werden. Die französische Regierung empfiehlt als vorübergehende Maßnahme ein System, auf Grund dessen Ganz- und Halbfabrikate als Zahlung für Rohstoffe gewünscht und angenommen werden sollen.
Die Frage der Genfer Konferenz.
» * Genf, 27. September. (S. C.) Der „Temps" meldet, daß vor Abschluß der Brüsseler Konferenz keine Festsetzung der Genfer Konferenz stattfinden werde. Vou den Beratungen in Brüssel werde es abhängen, ob eine weitere Konferenz in Genf noch notwendig sei.
Plan einer sseichsgesmdlschasl in München.
♦ r* Berlin, 26. September. (T. U.) Wie das „B. T." hört, beabsichtigt die Reichsregierung im neuen Etat für 1921 Geldmittel zur Errichtung einer Gesandtschaft des Reiches in München anzufordern. Man darf wohl annehmen, daß diese Absicht durch die Errichtung der französischen Gesandtschaft tu Müncheu hervorgerufen worden ist. Wie sich die übrigen Länder und der Reichstag zu dieser Ausnahmemaßregel gegenüber den Be- stimmnnqeu der Reichsverfassung stellen werden, muß natürlich abgewartet werden.
Modifikation des Beamtenappärates.
t* Berlin, 26. September. lT. U.) Der Reichs- fiuanzminister ist ermächligt worden, alle behördlichen Organisationen des Reiches anf die Zahl der Beamten und ihre Verwendung und die Organisationen überhaupt auf ihre Existenzberechtigung hin zn prüfen.
(Wir wollen hoffen, daß es nicht nur bei der Prü- sung verbleibt, sondern bau mer cnergtfd' ontthgegrtrfc?" wird, um den ungeheuren Beamtenapparat auf feine unbedingte Notwendigkeit berabzumindern. Dieser Wunsch ist mit Rücksicht auf das bisher übliche System der Schaffung immer neuer Beamteuttellen und behördlicher Organisationen sehr berechtigt.)
Aenderung der Geschäftsmethode« bei der Post.
** Hanuover, 27. September. lT. 11.) Bei der gestrigen Festversammlung des Verbandes deutscher Elektrotechniker in der Stadthalle hielt Ministerialdirektor Bredow vom Reichspostministerium eine bedeutungsvolle Ansprache. Er sagte n. a., daß der wachsende Fehlbetrag der Postverwalt««g nnd die Finanzlage des Reiches zu weitgehender Einführnug privatwirtschaft- lirbcr Geschäftsmethoden zwingen. Im einzelncu erwähnte er die größere Anpasiuug dM Bestimmungen an die Bedürfnisse des WirtschaftsleWns, Me Aufhebung der Vorschrift, daß an einen Hauptanschluß nur fünf Nebenanschlüsse gelegt werden dürfen, größeres Entgegenkommen gegen Wünsche nach Anschluß an eht bestimmtes Amt, Einführung eines gerecht gestaffelte« Gosprächstarifs.
Ein Dementi.
** Berlin, 26. September. lT. It.) Amtlich wird mitgeteilt, daß die Nachricht über angebliche Steuerpinne des preußischen Finanzministers nicht z«treffe«d ist. Im Finanzministerium sind für die dringend nötige Deckung der großen Fehlbeträge in Preußen Pläne ausgearbeitet, die indes zur Vorlage an die Landesversaunnlung noch nicht reif sind.
Koch über die innere Politik.
► * Ulm, 27. September. Bei der Besprechung der wirtschaftlichen Lage Deutschlands gelegentlich der Tagung der Demokratischen Partei führte Reichsminister Koch it. a. aus: Die Gesundung der deutschen Wirtschaft ist eine Frage der Güteroerteilung. Dem Fiskus müsse der Anteil aus den Einkünften des Volkes gesichert werden. Ohne schweren Steuerdruck gebt es allerdings dabei nicht, und weder Kapital noch Arbeit wird darauf rechnen können, daß eine Erleichterung der Steuerlast eintritt. Ueber die Notwendigkeit im Interesse der Arbeitsfreudigkeit der Bergarbeiter den gemeinschaftlichen Einfluß auf den Bergbau zu fördern, ist sich das Kabinett einig. Was das Vcrhaltins des Reiches zu den Ländern anlangt, so müßte auf der Tagung in Ulm Einigkeit herrschen über das Erfordernis einer einheitlichen und festen Führung durch das Reich, zugleich aber einer Dezentralisierring auf allen Gebieten, die eine reichseinheitliche Regierung nicht erfordern.
Aus Oberschlesien.
Forderung der Autonomie.
w Gleiwitz, 27. September. Die katholische Volkspartei für das Abstimmungsgebiet Oberschlesiens nahm gestern folgende Entschließung an: 1. Wir bleiben bei Deutschland. 2. Wir lehnen jeden Natlonalitatenhaß ab und erstreben die Gleichberechtigung für alle Ober- schlesier. 3. Wir fordern die Selbständigkeit im Rahmen der deutschen Einheit, die zur Verwirklichung der Gleichberechtigung notwendig ist und durchgeführt werden muß.
Beilegung des Streiks der Elektrizitätöarbeiicr.
w Beuthen, 27. September. Der Streik auf dem dbersckleMchcn Elektrizitätswerk ist nach längeren Ber-
petnÖlungen beigelegt worden. Den "arvettern wrm em ' Kartoffelzuschuß gewährt. Außerdem erhalten sie eine 4 Unterstützung, die sich zwischen 75 und 600 Mark und 3 je nach der Stärke der Familie belauft Die Streik- schichten werden nicht bezahlt. Die Arbeit ist heute früh wieder ausgenommen worden.
Die Flucht aus Oberschlesie«.
* * Berlin, 27. September. (S. G.) Nach Meldungen aus Breslau sind dort in den letzten Tagen wieder über tausend deutsche Familien aus Oberschlesien als Flüchtlinge eingetroffen, darunter auch mehrere Arbeiterfamilien. Aus Boguschütz und Myslowitz haben bewaffnete Polen 25 deutsche Familien über die Grenze gebracht.
Rückkehr LeroudS nach Oberschlesten.
• * Geuf, 27. September. (S. C.) Havas meldet, die Demission des Generals Seron» ist zurückgewiesen. General Lerond reist in der kommenden Woche nach Oberschlesien zurück. Für die Entwaffnung der Insurgenten beider Nationalitäten sind neue Instruktionen des alliierten Rates ergangen. Der Botschaiterrat wird sich innerhalb 14 Tagen über die Terminfestsetzung der Abstimmuog in Oberschlesten schlüssig machen.
Der Kampf im Osten.
* * Warschau, 27. September. Nichtamtlich wird gemeldet, am Freitag brächte die polnische 27. Kavalleriedivision der 42: Sowjetdivision eine schwere Rieperlage bei. Die Polen machten eine große Gefechtsbeute. Die polnische 27. Division erlitt bei der Verfolgung schwere Verluste. Die polnischen Trnppen sind bis in die Nähe von Zaslow vorgedrungen. Nördlich des Pripjet kam es zu schweren Kämpfen mit den Bolschewisten. Diese wurden zurückgeworfen und verloren mehrere tausend Gefangene.
Wwirlschajl der Reichsseltilelle.
* * Berlin, 26. September. (T. It) Die „Berliner Morgenpost" veröffentlicht einen neuen Fall behördlicher völlig sachunkundiger Bewirtschaftung auf dem Gebiete der ReichZ?et!stelle Große lande gekaufter Milch und Sahue — etwa 20 biS 30 Etsenbahnwaqgons — wurden in Berlin in mehreren Kellereien imtergebracht, Sie der Reichsfettstelle dafür zur Vcrft'ignng gestellt worden waren. Dort blieb die Milch monatelang liegen, ohne daß sich jemand ernsthaft um sie kümmerte. Erst als sich einige Käufer über die minderwertige Ware, die durch die lange Lagerung in der nassen Kellern schlecht zu werden drohte, beschwer-' fett, gab die Reichsfettstelle die Ware zum allgemeinen Verkauf frei. Die Milch war total verdorben. Riesen- sckwärme von Fliegen und anderem Ungeziefer hatten sich in den Kellern angesammelt. Gcgenwärftg sind Arbeiter und Angestellte der Reichssettstelle damit beschäftigt. die verrosteten Milchbüchse« mit Sandvapier zu säubern. Eine vergebliche Mühe, denn der Inhalt ist als menschliche Nahrung nicht mehr zu verwerten. Der genutzunfähige Teil soll Putzmittelfabriken -«geführt werden.
Die Koste« der Zwa«gsbewirtschaft«ttg.
** Berli«, 27. September. (S. E.) Die Kosten für die noch bestehenden Reichsgesellschaften für die öffentliche Bewirtschaftung von Getreide, Milch, Butter und Zucker sind im neuen Reichseta^ mit 4% Millionen Mk. eingesetzt. Der Voranschlag des neuen Reichsetats soll Anfang November den Landesregierungen zugehen.
Die Frankfurter Kunstmeffe.
** Fraukfnrt a. M., 26. September. (T. It) Am Sonnabend nachmittag wurde in den Festräumen des „Römer" die Kuustmesie, eine Anttauaitäts- und Kunstschau,'nach einer Begrüßungsansprache des Vorsitzenden des Aufsichtsrates der Messe und des AuSstellungs- rates, Sfcrotrat Dr. Landmann, eröffnet.
** Frankfurt a. M., 26. September. lT. it) Das Meßamt teilt mit, daß in der Sitzung der FachaüSschüsie als Termin für die nächste Frühjahrsmesse die Zeit vom 10. bis 16. April 1921 vorgeschlagen worden ist. Der Aufsichtsrat der Messe und die Ausstellungsgesellschaft haben diesem Vorschläge zugestimmt.
Eröffnung der Ostmesse.
Königsberg, 27. September. (V. A.i Hier ist gestern die Ostmesse in Anwesenheit des Reichspräsidenten eröffnet worden.
Graf Czernin Reichstagskaudibat in Wien.
** Wien, 27. September. (T. It) Die demokratische Partei nnd die bürgerliche Slrbcttsgemeinschaft haben sich für die kommende Wahl Sinn gemeinsamen Vorgehen geeinigt und für Wien im Wahlbezirk Mittel-Ost den ehemaligen Minister des Aeußern Crafe« Czernin aufgestellt.
Das waffenstarrenbe Belgien.
►* Brüssel, 27. September. Aus zahlreichen EMr- nisonen haben Soldaten des Jahrganges 1916 dem Kriegsminister Petitionen übcrsanöi in denen sie unter Berufung darauf, daß in anderen Ländern die Dienstpflicht entweder abgefchafft oder herabgesetzt sei. die sofortige Entlasinng aus dem Dienste fordern. Es scheint, als ob die Beibehaltung der kriegsstarken Armee in Belgien bereits die „erste Segnuug" des bel- gisch-ft-anzösischen Mlitärabkommens sei.
►* Antwewen, 27. September. Belgiens HeereS- lasten betrugen im letzten Friedenslahr über 500 Millionen Franken. In sozialistischen Kreisen wirb gegen die Ausgabe solcher Surmuen protestiert Heute sei jeder Frank für den wirtschaftliche« Wiederaust«« not« wendig. . '