Wselöer Tageblatt
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Nr. 398 Mittwoch, bett 33. Dezember
Me 1930
Die Brüsseler Konferenz.
Prüfung der dentschen Borschläge.
** Am Montag hat sich die Konferenz in eine Anzahl von Miniaturkonferenzen zerlegt, die meistens auf Grund der Sachverständigen-Darlogungen vom letzten Sonnabend geführt wurden. Die Japaner haben die Schiffahrtsfrage übernommen, die Italiener die Meist- begünstigungssrage sowie die andern von deutscher Seite am Sonnabend behandelten Themen der Handels- volitik. Die Engländer besprechen die Repressaliendro- Hungen und das Clearingverfahren. Die Franzosen haben die Sachlieferungsfrage untersucht. Die alliierten Delegierten müssen sich nun über ihre weitere Taktik entschließen und die Eindrücke, die in den letzten drei Taaen gewonnen wurden, zusammenfassen. Insofern ist jetzt der kritische Augenblick der Konferenz ein- «etreten. Die Alliierten sind nun an der Reihe, sich zu Äußern.
x London. (S. C.) Reuter meldet aus Trüffel: Am Montag fand ein nichtoffizieller Meinungsaustausch der deutschen und der alliierten Delegierten statt. Das Ergebnis wird von alliierter Seite als eine wesentliche Aunäheruna beurteilt.
Das Problem der Wechselkurse.
x Der „Eveniug Standard" meldet, daß ein Freund Lloyd Georges in offtziöser Mission die Hauptstädte des Kontinents besuchen wird, um zu erforschen, was zur Etavilisterung Der Wechselkurse unternommen werben Könne. Es wird vorgeschlagen, daß in jedem Lande eine Bank gebildet werden soll, etwa in der Art einer Privatbank. Durch dieses Institut werde England bereit sein, seine Kredite zum Zweck des Einkaufs britischer Waren zu erweitern. Diele Privatbank würde verantwortlich sein für die Kollektiv-Schulden ihres Landes. Die Zahlungen würden durch Wechsel zu erfolgen bähen, die das englische Schatzamt den englischen Fabrikanten garantieren würde.
Eine vernünftige englische Stimme.
x Die „Westminster Gazette" bemerk; zu Bergmanns Rede in Trüffel: Die deutsche Entschädigung kann nicht anders als durch Waren bezahlt werden. Eine Goldzahlung sei unmöglich und ein Uebertragen von Geld- kredeien, denen kein Warenfluß entspricht, wäre nutz- kos, da sie den Markwert sofort dem Nullpunkt naher bringen und die Geldkredite völlig nutzlos machen wür- ben. Wir müssen uns mit dem toÄvM MMtzyk». -^ß ^fr/utebt. .^inst^^ . ' an roe», wenn -töir feine deutschen Waren heretnMssen, und baß die Höhe der Entschädigungen begrenzt sein muß.
Die Dauer der Konferenz.
Nach dem bisherigen Verlauf der Brüsseler Ver- Haudlungen ist anzunebmen, daß die Konferenz bis Weihnachten nicht zu Ende kommen und nach Neujahr forfgefeht werden wird. Das ist deshalb wahrscheinlich, weil die Vertreter der Ententemächte an die deutschen Delegierten nach der Erstattung der Reserate eine Reihe «tenau zu beanwortende Fragen gerichtet haben. ES sind nicht weniger als 35 Fragen, die nicht ohne weiteres zu beantworten sind, sondern eine gründliche Ausarbei- kung erfordern. Teilweise werden Die von Der deutschen Regierung gewünschten Auskünfte schwer zu beschaffen sein, so die Antwort aus die Frage, wie hoch der Betrag des ins Ausland verbrachten deittschen Kapitals sei. Im allgemeinen bestätigen die in Berlin vorliegenden Meldungen den Eindruck, daß die Ausführungen der Dele- gierien in Brüssel eine günstige Aufnahme gefunden
haben.
Das Ausgleichsverfahren.
^-Berlin. (L.-A.) Die englische Regierung hat im 'Ausgleichsverfahren ein Angebot gemacht, wonach zu- »rächst die großen deutschen SorDernnaen geprüft werden -ollen.
Die Verteilung des deutschen Schlffsranbes.
** Parts. Im Ministerrat erstattete der NnterstaatS- -ekretär für die Handelsmarine Bericht über die Londoner Verhandlungen wegen der endgültigen Aufteilung deS deutschen Schiffsraumes. Es handelt sich dabei «m 430 000 Tonnen, die Frankreich zur Zeit des Waffen- viNstandsabschlnsses zur vorläufigen Benutzung überlassen worden sind. Als Ergebnis der Abmachungen zwischen England und Frankreich gehen nunmehr diese 430 000 Tonnen früherer deutscher Schiffsraum in den !" ant gültigen Besitz von Frankreich über. Außerdem er» । hält Frankreich von England die Ermächtigung, im Aus- lauschversahren gegen 26 000 Tonnen Frachtschiffraum ^20000 Tonnen der ehemaligen deutschen Personendamp- ser auszuwählen.
! Sie deuW.beisische Grenz'eslsetzmz.
Ablehnung deutscher Anträge.
•* Im Verlaute der in der vergangenen Woche in Lüttich abgehaltenen Sitzungen der deutsch-belgischen GrenzfestsetzungskommIssion hat diese die von Deutsch- land beantragte Zurückgabe des der Stadt Aachen ge- Hörigeu und für die Wasserversorgung Aachens wich- l «gen Gutes Haabeuden abgelehnt. Die von Deutsch- | land beantragte Rückgabe des Bahnhofs HerbeSthal hat Die Kommission gleichfalls abgelehnt, sich jedoch bereit erklärt, zu den Kosten eines neuen deutschen Grenz- I dahnhoss einen Betrag von 22 Millionen Franken zu leisten, falls der neue Greuzbahnhof auf der Linie Rou- I -leide—Monden gebaut wirb.
Das Los eines rrriegsgefangenen.
Kürzlich ging durch die Presse die Nachricht, daß an einem aus Frankreich zurückgekehrten Eisenbahnwagen die folgende mit Bleistift geschriebene Notiz entdeckt würbe: „Ich bin seit 1914 in französischer Gefangenschaft und an 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden. Ich darf meinen Eltern keine Nachricht geben. Ich bitte, wenn dieser Wagen in Deutschland ankommen sollte, meinen Eltern Nachricht zu geben, daß ich noch am Leben bin und sofort Anzeige zu erstatten. Hans Meirich, Rohrbach (Pfalz)." Die Reichstagsfraktion der Deutschen Bolkspartet hat daraufhin bei dem Bürgermeister des Ortes Rohrbach Erkundigung eingezogen und die Antwort erhalten, daß es dort eine Familie Meirich gibt, deren Sohn seit 1914 als vermißt gilt und der mit dem Schreiber der Notiz identisch ist. Die Fraktion der Volkspartei hat nunmehr eine Anfrage einae- bracht, die die Regierung ersucht, nachzuforschen, welche Tatsachen dieser Angelegenheit zu Grunde liegen und jedenfalls dafür zu sorgen, daß den schwergeprüften Eltern des Unglücklichen Aufklärung gegeben wird über das Schicksal ihres Sohnes.
Sie Weamlenbewegung.
*# Im Laufe des Montags haben, wie aus Berlin gemeldet wird, «ene Besprechungen zwischen den Eisen- Vahnerorgauisationsn stattgefunden. Der Hauptvorstand der Reichsgewerkschaft deutscher Eisenbahnbeamten und Anwärter trat am Montag nachmittag zu einer Sitzung zusammen, um über ein gemeinsames Borgehen mit den andern Verbänden zu beraten. Endgültige Beschlüsse sind noch nicht gefaßt worden, doch ist beschlossen worden, baß sämtliche großen Organisationen sich auf ein gemeinsames Vorgehen einigen.
Die Verhandlungen mit den Eisenbahnern.
** Berlin. (S. C.) Die neuen Verhandlungen im Reichsverkehrsministerium mit den Eiseubahuerorgani- fattonen über die Lohnforderungen beginnen am 4. Januar. Bis dahin wird es zu keiner Proklamierung des Eisenbahnersireils kommen, obwohl die Urabstimmungen in den Direktionsvezirken Frankfurt, Halle und Magdeburg eine Mehrheit für den Streik gebracht hatten.
** Berlin. (S. C.) Die Urabstimmungen in den Eifenbahnwerkstästen sollen big Montag mittag in dem Eisenbahndirektionsb-F''? r,v ^Lius. Mchrheir-Mr Streit erbracht haben.
Parlamentskrife in Polen.
Austritt Der Sozialdemokraten aus der Regierung.
** Die polnischen Sozialisten haben den Vizepräsidenten aus dem Koalitionskabinett abberufen und damit ihrer ferneren Mitverantwortlichkeit an der Regierung entsagt. Dasynski hat bereits seine Demission ein» gereicht. Innerhalb der sozialdcmokratischm Partei wurde die Auffassung vertreten, daß der Rücktritt Da- snnskis jedenfalls nicht unmittelbar eine Kabinettskrise zur Folge haben würde. \
Finanzieller Zusammeubruch Polens.
** In einer Konferenz in Warschau mit dem Finanz- minister wurde die Finanzlage Polens als äußerst ernst bezeichnet. Die gesamte Schuldenlast beträgt 126 5 Milliarden. Sie erfordert einen jährlichen Zinsendienst von 12 Milliarden. Die Steuereinnahme ist außeror- deutlich schlecht und reicht bet weitem nicht aus. Die pol- Nische Valuta sinkt andauernd. Die Staatswirtschaft schreitet mit schnellen Schritten dem finanziellen Zu- lammenbruch entgegen.
** Basel. Znr Finanzkatastrophe in Polen wird schweizerischen Blättern gemeldet, daß sämtliche Warschauer Börsen geschlossen worden sind. Die polnische Regierung hat sich an die Alliierten mit der Bitte gewandt, eine Rettungsaktion für die polnische Mark ein« zuleiten.
Der Ztiumploug König Konstantins.
** Aus Athen wird gemeldet: Unter ungeheurem Jubel der Bevölkerung, unter Geschützsalven und dem Geläut aller Glocken sind König Konstantin und die Kö- niain nach Atken zurückgekehrt. Die Landung des Kriegsschiffes „Averow" erfolgte im Hafen von Phale- ron, von wo das Königspaar und sein Gefolge in einem Ertrazuge nach Athen fuhren. Vom Bahnhof ging dann die Fahrt nach der Kathedrale rmd von dort nach dem königlichen Schloß.
Ungeheure Volksmassen waren schon in der Nacht
zum Sonntag aus der Umgebung Athens und aus ganz Griechenland zur Hauptstadt geströmt, wobei namentlich die Bergbewohner aus der Provinz durch ihre farbigen Trachten aufsielen. Es herrschte Feicrtagsstim- muna, die sich beim Anblick des Königspaares in wahrhaft frenetischen Kundgebungen entlud. Als der König und die Königin vor dem Bahnhof den mit sechs Pferden bespannten Wagen bestiegen, begannen alle Glok- ken zu läuten, Flugzeuge warfen Lorveerzweige vom azurblauen Himmel. Die Begetsterung der Menge, die sich bis hoch auf die Dächer drängte, erreichte in diesem Augenblick den Höhepunkt. DaS Königspaar wurde von der unter allerlei Willkonnn-Rufen an den Wagen her- andrängenden Menge fast erdrückt, und der Wagen konnte auf der Fahrt zur Kirche nur Schritt für Schritt durch die reich beflaggten Straßen vorwärtskommen.
ftn der Kathedrale erwarteten die Königinmutter Etaa, die seit der Wahl die Regentschaft geführt hatte. Die Drinzessilmen. die Abaeorbneten. daß OfftzierkorvS
uno oie ©etnumtett vas zp^nigspaar. Der König MW Sie Königin brachen über die ihnen bereiteten stürmt«1: Wen Kundgebungen in Tränen aus. Nach dem Te-^ Seum fetzte sich Der Zug nach dem königlichen Schlosse twf Btwegung, und der kurze Weg konnte erst in Stund«: zurückgelegt werden. Ein ungeheurer Zug von Män-.- nern, Frauen und Kindern folgte dem Königspaar nach dem Konstitutionsplatz, auf dem das königliche Schloß steht. Der weite Platz und die umliegenden Straße» waren mit zebntauseudcn festlich geschmückter Menschen gefüllt, die Fahnen schwangen und BegrüßungS- rufe hinausschrien. Niemals hat man in Athen eine«' solchen Ausbruch der Beaeisterung beobachten könne«. Nach der AnkmCt im Schlosse trat Der König auf Den Balkon und verlas Dort eine Botschaft, ohne daß ma» jedoch in dem ungeheuren Trubel ein Wort verstände« hätte. Die Feier dauerte Den ganzen Tag über an, und ' Musik war an allen Orten zu hören. Mit Blumen geschmückte Wagen Surchfuhren die Straßen, und abends erstrahlte die ganze Stadt biß hoch auf Die Akropolt-: hinauf in festlicher Illumination.
Es ist bezeichnend, Satz während der ganzen Ein-, zuasfeierlichkeiten keinerlei Kundgebungen für oder gegen Venizelos zu verzeichnen waren. Er hat die härteste Strafe erlitten. Die ein Staatsmann erleiden käu«: er war vom griechischen Volke vergesse» worden.
Sie Schlichtrmgsvcrordrmng.
Vom Reichsarbeitsministerium wird mftg*feilt: Vom 14, bis 16. 12. 1920 ist der auf Grund der früheren Kominissionberatung aufgestellte amtliche Evttvurß einer Schlichtunqsorönnng mit Vertretern Der oberste« Reichsbehörden und Der Regierungen der Länder tut Reichsarbeitsministerium durchberaten worden. Unter Berücksichtigung der Ergebnisse Dieser Besprechung wirb Der Entwurf tm Januar des nächsten Jahres dem llieichskabinett zur Beschlußfassung unterbreitet und sodann dem Retchswirtschaftsrat zur Beratung vorgelegt werden.
Die Avsiuduna Der Hoheuzoller«.
** Berlin. tS. C.l Zu Der vermögenSrechtlichen AuS- einanöcriehitna mit dem früheren Königsbauie erfahren wir, daß die Demokraten einen VermittelunqSvor- schlaa ausaearbeiiet haben, dem eine SOoroxentiae Herabsetzung der voraeschlaaenen Abstndunassumme ru-- arunde aeleat ist. ___„_-
tZ^-Ä^WHHrtwr-wta HsllSnd verlassen?
>* Rotterdam. (F. N.j Bet der holländischen Re>- gieruna ist laut „Satin Mail" ein Gesuch des ehemaligen deutschen Kronprinzen um Erlaubnis zum Verlassen des niederländischen Bodens eingegangen.
Das Befinde« Der Kaiserin.
»♦ Berlin. tS. C.» Am Dienstag liegen keine neue» Nachrichten aus Schloß Doorn vor. Auch Die Hollaud- Naentur bringt keine. Das läßt annehmen, daß das Befinden Der KaCerin unverändert ist.
Sie neuen Steuern Berlius.
<-* Berlin. <S. C.j Die neuen Steuervorlagen deß Berliner Magistrats, von Denen erst ein kleiner Teil veröffentlicht ist, sollen jährlich eine Milliarde Mark er- krinaen. Inzwischen hat ein Teil der Arbeiter der städtischen Werke neue Lohnforderungen durch Den Betriebsrat aufstellen lassen.
Demokratische Kandidaten für die Landtagswahl.
** Magdeburg. <F. N.) Der Bezirkstag der Deutsch- demokratischen Partei stellte als Spitzenkandidaten Den Kaufmann und Fabrikanten Diüller auf. Im Wahlkreis Merseburg kandidiert für die Deutsch-demokratisch« Partei an erster Stelle Rechtsanwalt Dr. Schreiber- Halle.
Die Revision im Erzberger-Helfferich-Prozetz verworfen.
»* Leiozig. lL.-A) Sag Reichsgericht hat in Dem Prozeß Erzberger-Helfferich sowohl die vom Kläger als auch die vom Beklagten beantragte Revision des Urteil» verworfen.
Sie entrissenen Gebiete im Lehrpla«.
** München. (F. N.) Die philosophische Fakultät Der Universität München wird künftig regelmäßig Vorlesungen über Beschaffenheit und Kultur Der verlorene» deutschen Gebiete in den Lehrplan aufnehmen.
Schießerei am Stettiner Bahnb f in Berlin.
** Berlin. lL. A.i Bei einer nächtlichen Schießerei am Stettiner Bahnhof wurden vier Personen durch Italiener verletzt.
Japans Flottevrüftnvsen.
** Berlin. lL.-A.) Nach einer Meldung «ms Tokio ist in Pokosuka Der Kiel zu einem Schlachtkreuzer von 40 000 Tonnen gelegt worden.
Die internationale Gci erffd aktSdewegung.
x Moskau. tBtS.l Der Vorstand des internationalen GeiverkschastsbundeS bat ar Stnowjew als Den Vorsitzenden der dritten Internationale ein Schreibe» gerichtet, in der er ihm die auf Der Londoner Konferenz gefaßte Erttschließung mitteilt. In einem Bcqleitschret- ben wirD bemerkt, daß man gern weitere Erläuterun- neu über die Bestrebungen des internationalen Gewerk- schaftsbundes mitteilen wolle. Ferner hofft man, daß Sinowlew auch Mitteilungen über Die russische Gewerkschaftsbewegung machen werde.
Herabsetzung des Zinsfußes in Ungarn.
►♦ Budapest. (L.-A.) Der ungarische Finanzmtnistcr kündigt die Herabsetzung der Zinsen sämtlicher Staatsschulden auf 4 Prozent an.
Anleihe für Oesterreich.
. *?, ^"FEvh-gev. (F. N.) In englische« Regiermtgs- kreisen beabsichttat man, um Oesterreich vor einem voll-.