Hersfelöer Tageblatt
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Nr. 10
Donnerstag, den 13 Januar
1921
Beschwerdenote der deutschen Rcgi-ruNg.
In einer in der Botschasterkonferenz in Paris übermittelten Slote, die gleichzeitig den Regierungen in London, Paris und Rom übergeben worden ist, legt die deutsche Regierung in Ergänzung der in ihrer Note vom 4, d. Mts. gemachten Mitteilungen einaedend die von Tag 3« Tag unerträglicher werdenden Zustande dar, wie sie sich seit dem blutigen polnischen AugMauf- stand fortentwickelten, deren weitere Ausdehnung seinerzeit nur durch die Ruhe und Besonnenheit der deutschen oberschlesischen Bevölkerung eingedämmt wurde. Unerhörte Gemalt- «nd Greueltaten folgen sich in unerträglicher Reihe. Kein Tag vergeht ohne schwere Rauhlwerfälle. Wohlorganisierte Räuberbanden treten vor allem in den an Polen grenzenden östlichen und südlichen Bezirken auf und halten die friedliche Bevölkerung dieser Distrikte in ständiger Unruhe und Sorge. Die Polen üben in allen nur denkbaren Formen politischen Terror. Deutsche Versammlungen werden mit Handgranaten und Gummiknüppeln auseinandergejagt. Polnische Mordanschläge und brutale Morde haben eine Verbreitung gefunden, wie sie wohl einzig in der Geschichte zivilisierter Völker dasteht. Nach einer Statistik haben die gemeinen Verbrechen im Bereich der Po- lizeidirektiöR Kattowitz seit Eintreffen der interalliierten Kommission außerordentlich zugenommen. Die Anzahl der Morde ist um rund 243 Prozent, die der Ra«b- übersälle um 80 Prozent gestiegen. Die Zustände sind dort so, daß, wenn überhaupt eine ordnungsmäßige Abstimmung stattfinden soll, mit größter Beschleunigung mrd äußerster Energie rücksichtslos Abhilfe geschaffen werden muß. Die trostlose Lage in Oberschlesien hat ihre Ursache in der Unzulänglichkeit der Maßnahmen der interalliierten Kommission, dir es trotz der ihr zur Verfügung stehenden Truppen unterläßt, irgcn wie energisch gegen die Verbrecher und Banditen vorzuac- hen und von den ihr znr Verfügung stehenden Machtmitteln zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung unparteiischen Gebrauch zu machen.
Die interalliierte Kommission hat auch die rmsge- zeichnete deutsche Polizei aufgelöst und an ihre Stelle mit unsicheren Elementen stark durchsetzte Polizeikräfte gefetzt, die in keiner Weise für ihre Aufgabe taugen. Besonders in den Grenzbezirken ist es wegen der itt^« -—4ä*wiÄwtÄ5»er Polizeikräfte unmöglich. des gemeinen wie des nmwnalistischen Verbrechertums Herr zu werden, das so ^Gelegenheit hat, jederzeit leicht über die Grenze zu entkommen. Die Zustände in der oberschle- sischen Süd- und Ostgrenze spotten jeder Beschreibung. Auch die Beschaffenheit der Grenze selbst bietet den: Ueberschreiten im unerlaubter Stelle keine besonderen Schwierigkeiten. Das UebersÄreiten der Süd- und Ostgrenze wird zudem durch die Ausstellung von ganz unkontrollierten und praktisch auch unkontrollierbaren Sammelpässen sehr erleichtert, auf Grund deren die Leute zu Hunderten über die Grenze laufen. Die deutsche Regierung muß verlangen, daß ohne jeden Verzug die Absperrung der Süd- und Ostarsuze derart durchgeführt wird, daß der Nebergang über die Grenze einzig und allein auf die von der interalliierten Kommission bestimmten Straßen beschränkt bleibt und daß durch genügende Besetzung mit Wachen nnd Posten ein uner- wnbies Ueberschreiten der Grenze unmöglich gemacht Wird. Zur Beseitigung der Unsicherheiten müßte ferner auf die gemeinen Vergehen abschreckender Strafen gefetzt werden. Es dürfe auch von der Anwendung des Atandrechts gegen Plünderer und Mörder nicht znrück- geschreckt werden. Die deutsche RegErrma erwartet von den alliierten Regierungen, die die Verantwortung für die öffentliche Rübe und Ordnung in Oberichlesien und für die gerechte Durchführung der Abstimmung übernommen haben, daß sie kein Mittel unversucht lassen, um in den betroffenen Grenzbezirken Rabe und Ord- wmg zu schaffen und der Bevölkerung das Gefühl der Sicherheit zu geben, ohne daß eine freie, geheime und unbeeinflußte Abstimmung unmöglich ist.
Die der deutschen Note beigefügten Anlagen geben cltt trostloses Bild von den gegenwärtigen Sicherheits- verhältnissen in Oberschlesien und enthalten eine Auswahl besonders markanter Gewalttaten, in den letzten 4 Monaten. In dem SOtfüHtd der Anlage werden 22 ■^älle aufgesübrt, in denen es Schwerverbrechern aclun- ocn ist, nach vollbrachter Tat die Grenze zu überschreiten und ungefährdet polnisches Gebiet zu erreichen.
Die skrupellose polnische Propaganda.
»-!- Aus Genf wird der „D. A. Z." gemeldet: Mit welchen Mitteln die Polen in der oberschlesischen Frage ihre Propaganda in der französischen Öffentlichkeit betreiben, zeigt neuerdings ein Telegramm des Krakauer Korrespondenten des „Petit Wissen", tu vem behauptet wird, daß auf deutscher Seite beschlossen worden sei, Herrn Korsantn aus dem Wege zu schaffen. Auf seinen „ Kopf sei ein Preis von 1 Million Mark ausgesetzt worden. Die deutschen Zeitungen hätten dgs Bild Korsan- t«s veröffentlicht, um die Durchführung dieses Planes i Alt erleichtern. Merkwürdig ist nur, daß zu gleicher Zeit mit dieser Anklage auch der „Petit Puristen" das Bild Korfantvs veröffentlicht, der trotz aller angeblichen Ge- ! fahren, die sein Haupt umschweben, nicht ganz abgeneigt Äit sein scheint, sein Bild in den Zeitungen bewundern Alt lassen. Natürlich benutzt das genannte Blatt diesen Anlaß, um abermals eine Verstärkung der alliierte« Truppen für Oberschlesien zu fordern, da von Seiten
der Deutschen öle ichlrmmtten Gewalttaten zu befürchten seien.
Die Gefahr eines polnischen Einmarsches.
e-*- Aus Kreisen der oberschlesischen Industriellen wird der „B. Z." mitgeteilt, daß die in den letzten Tagen wiederholt ausgetauchten Gerüchte über polnische Putsch- pläne ernsthaften Charakter tragen. Diese Pläne sehen auch den Einmarsch von polnischen Truppenteile« vor, die seit Einstellung der russisch-polnischen Feindseligkeiten an der oberschlesischen Grenze untergebracht morden sind. Der Präsident der interalliierten Kommission ist von dieser neuen Absicht der Polen in Kenntnis gesetzt worden. Man darf, so wird erklärt, die berechtigte Hoffnung hegen, daß General Lerond solchen polnischen BesireSrmgtzn nunmehr mit aller Entschiedsu- beit enkasgeutreten werde.
Sitzung des Auswärtige« Ausschusses.
Der Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten hielt im Beisein des Reichskanzlers und des Außenministers eine Sitzung ab. Zur Beratung standen der letzte No- tenwechkel mit der Entente und insbesondere die ok-cr- schlefische Frage. Die VerhariMmgen waren vertraulich, doch bestand ZeSereiustimmung darüber» daß die Verhandlungen in Oberstnessin den Reichstag alsbald nach seinem Zusammentritt beschäftigen müssen.
Die osiprsußische Greuzwehr.
o* Die Auslösung der ostpreußischen Grenzwehr bildet noch immer den Gegenstand lebhaften Meinungsaustausches zwischen England und Frankreich. England zieht die deutschen Argumente wegen der Gefahr eines bolschewistischen Angriffs in Betracht, was Frankreich nicht anerkennen will. Es ist noch ungewiß, ob ein Ausgleich auf der Konferenz der alliierten Staatsmänner in dieser Richtung erfolgt.
EnteAtsSericht über die ostpreußische Grenzwehr.
x Berlin. lA. CJ Mitglieder der llcberwachungs- kommission sind am Mittwoch nach Ostpreußen abae- reift um den Bestand der ostpreußischen Grenzwehr für die alliierten Kabinette aufzunehmen.
Agitationsgelber Korfantvs nuterschlagen.
»* Bresla«. sF. G.-A.i Korsantn hat mit seinem Abstimmnngsetat eine schmerzliche Enttäuschung erfahren. Einer seiner Hauvtmitarbeiter. ser Agitator Wolski, ist mit 4C0 69# Mark AgiiatiüNZgelöern ge- flüSiei.
UmMeiDS WDM6 l
Eia. Dravtn. unseres Berliner M.-Mitarbeiters.
»* Nach einem Warschauer Telegramm der „Köln. Ztg." meldet der Pariser Korrespondent der „Gazetta Warszaivska", in der französischen Politik gegenüber den früheren russischen Randstaaten sei ein völliger Um- schwuua eingetreten. Frankreich werde diese Staaten de jure anerkennen und ihnen im Falle eines bolschewistischen AngrisfL Hilfe leisten. Das Blatt begrüßt die Schwenkung srendig als von größter Bcdentnng für die Politik Osteuropas. Die Verschiebung des Besuches Pilsudskis in Paris fei wegen der in der Suft liegenden Entscheidungen sehr bedauerlich.
BetfAäthmg 965 fie^enülltats.
•m- Wie die französische Presse meldet, hat die Wieder- herstellungskomMissio« bestimmt, daß Deutschland in den Msnäten Febrnar und März 2,2 Millionen Tonne« .Steinkohle« an die Verbündeten zu liefern habe. Außerdem seien noch eine halbe Million Tonne« Rückstände aus den vergangenen Monaten ebenfalls nachzuliesern.
Deutschlands FahlungsunfZtz-gkeit.
■h- In einer Pariser Meldung der »Westminster Gazette" heißt es, Frankreich sei jetzt, d. h. nach der Stellungnahme Englands, bereit, anzuerkennen, daß von großen deutschen Zahlungen zur Entschädigung gegenwärtig nicht die Rede sein könne. Daher werde Frankreich keine übertriebenen Fordernngeu stellen, zu deren Durchdrückung militärische Kraftanfwendnngen möglich sein würden. Frankreich werde sich auf den Standpunkt stellen, es fei besser, vorläufig mit kleinen Entschädigungen zufrieden zu fein und diese durch deutsche Lieferungen von Rohmaterialien und Fertigwaren zu ergänzen. Der von Deutschland verlangte Gesamtbetrag werde dem Versailler Abkommen gemäß ungefähr am 1. Mai bekannt gegeben werden.
Der dentsche Wiedergntmachungsvorschlay.
w Berlin. (S. C.) Der am 21. Januar neu zu- sammentretende Ausschuß für Auswärtiges wird sich, zuverlässigem Vernehmen zufolge, mit dem dentschen Wiedergntmachnnqsvorschlag an die Alliierten befassen.
Das Schicksal des Zeppelin L 71 in Italien.
x Der Zeppelin L 71, das erste der beiden von Deutschland an Italien abaeliescrten Luftschiffe, hat in Italien nur ein kurzes Dasein gehabt. Nach seiner Ablieferung machte es in Gegenwart des Königs eine Probesaln-t. erlitt aber bei der Landung BeMädignngen, die die Auswechselung einiger Teile notwendig machten. Man wandte sich zu diesem Zweck an Deutschland, erhielt aber die Antwort, daß nichts dergleichen mehr vor- hanöen sei. Wie nun „Carriere delle Sera" berichtet, ist die Zerstörung des Zeppelins angeor-net worden.
Die Kosten der Besatzungsarmeeu.
Der Berliner Kori'espondent der „Daily Mail" teil! mit, daß die deutsche Regierung das Mißverhältnis anzeigen wolle, welches zwischen den Kosten der einzelnen Besatnmasarmeen und den effektiven BeMnden. welche
diese «Esten, besteht. Nam den Ziffern, die aus al- lrierten Onellen stammen, kostet seit dem Waffenstillstand die amerikanische Armee 268 174 170 Dollars, dw englische 51 üGO 890 Pfund Sterling, die französische 2 Milliarden und 3 Millionen Franken, die italienische- 15 207 717 Lire, die belgische 314 910 698 Franken. Außer den llntcröaltunaslostei! mußten die Tenticken in barem Gelde 608 Millionen Mark für die amerikanische Armee, 266 Millionen Mark für die englische, 1427 811 Mark für die französische und 49185 000 Mark für die belgische Armee bezahlen.
ExsstAreng des fkKnzsftscheN Senats.
** Paris. lL.-A.i Der französische Senat hat unter dem Alterspräjidium des Senators Denis seine Session; eröffnet. In seiner Rede erklärte Denis u. a., Deutsch-: land müsse die Berpflichtungen des Friedensvertrages \ von Versailles erfüllen und namentlich die geschuldete Summe bezahlen. Wenn es nicht zahle, sei Frankreich ; gezwungen, eine energische Politik zu betreiben. Für den j Augenblick könne Frankreich sich nicht mit einem zu ! kleinen Heer begnügen. Der Sengt vertagte sich hieraus. i um sein Büro zu wählen.
Ohrfeigen in der französischen Kammer.
^ Paris. <L.-A.) In den Wandelgängen der Pariser Kammer ohricigie nach einem heftigen Wortwechsel der sozialistische Abgeordnete Alexander Blanc den rovali- stischen Abgeordneten Leon Daudet. Dieser erwiderte mit einem Faustschlag.
Ein kommendes Ministerium Poincaree.
te Geuf. (S. C.) Das „Journal des Debats" stellt in einer längeren Abhandlung ein kommendes Ministerium Poiucaree für Frankreich in Aussicht.
Rücktritt des französischen Ackerbanministers.
o* Paris. lL.-A.) Der französische Ackerbauminister, der bei den letzten Senatswahlen durchgefallen ist, ist zurückaetreten.
Sie KOsMmMZ der UMaWerheaMen
Bei der Urabstinmwng über den Streik der Eisen- Lahnbeamten haben nach den bisherigen Ergebnissen von 319 752 Beamten 235 000 ab gestimmt, davon für den Streik 192 953 oder 60,3 Prozent. Es ist anzunehmeu, daß bei Berücksichtigung der noch.nicht vorliegenden Er- gebniste aus SüLdcuZchland SÜ Mosentö:^ weseurZch
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Entschließungen des Eisenbahnerverbandes?
Der erweiterte Vorstand des Deutschen Eisenbah- nerverSändeS, der seit Sonntag tagt, hat mehrere Entschließungen angenommen, in denen es u. a. heißt:
1. Angesichts der durch die anhaltende Geldentwertung verursachten Preissteigerung auf allen Gebiereu bleiben die Erhöhungen der Teuerungszuschläge für die unteren Beamten und Arbeiter so erheblich hinter den bescheidensten Erwartungen zurück, daß eine Beruhigung des Eisenbahnpersonals ganz ausgeschlossen ist. Was außerdem den besonderen Unwille-: der an der Bewegung Beteiligten erregt, ist die unsoziale Abstufung der Zulagen, die übersiebt, daß Sie durch den Krieg hervor- germenen Verhältnisse eine gewisse Gleichmäßigkeit der Preise auf dem ganzen deutschen Warenmarkt erzeugt habeu. In der Voraussetzung, daß auch die Vorstände der übrigen großen Organisationen der Eisenbahner trotz des erzielten Teilerfolges ähnliche Schwierigkeiten in ihren Mitgliederkreifen vorfinden, beschränkt sich der erweiterte Vorstand, die bisher im 16cr-Ausschntz zu- sammcugesaßten Verbände zu ersuchen, die Einheitsfront anfrechtznerhalten, um durch das gemeinsame Vorgehen den unbefriedigenden Teilerfolg zu einem Ergebnis zu führen, das den Leitungen der Eisenbahnerverbände ermöglicht, die Bewegung in korrekter Werfe ab- zuschließen. Der erweiterte Vorstand beauftragt den aeschäftSfübrenden Vorstand des Verbandes unter Be- rücksichtimma der vorstehend angeführten Gründe die Verhandlungen weiter zu führen und auch vor dem letzten gewerkschaftlichen Kampfmittel im Bedarfsfälle nicht zurückfchrecken.
2. Die verantwortlichen Bervandsinstanzen. Bezirksleitungen, Ortsverwaltungen und Bevollmächtigten find verpflichtet, sich angekündigten Teilftreiks mit aller Energie zu widersetze::. Entsteht trotzdem irgendein Teilstreik, so haben sie die Vcrpiümtnng, jede Verantwortung dafür abzulehnen.
Am 12. Januar vormittags werde:: die Verhandlungen des 16er-AuSschusies mit dem Vorstand des Allgemeinen deutschen GewerMmstsdunhcS stattfinden. Der erweiterte Vorstand des Dentschen Einnbahnerverban- des tagt aus diesem Grunde weiter.
Neue Verbar:Sluugeu mit den Eisenbahner«.
x Berlin. (S. E.) Der ReichsverkebrSminister hat sich zu neuen Besprechungen mit den Eisenbahnern bereit erklärt. Damit ist die Gefahr örtlicher Eifenbah- nerstreiks, die seit einigen Tagen aktuell war, für den Augenblick behoben. ■
Unterstützung der Beamteuvemegnng.
x Berlin. (S. C.l Zur Beamtenbewegung wird am Mittwoch gemeldet, daß sich der Allgemeine deutsche Ge. werkschaftsbm:ö mit den Foröernngen der Bravsten solidarisch erklärt habe.
Streikverbot tm besetzte« Gelltet.
x Manubeim. iF. A) Die Subkommission Lttd- wtasbafen der internationalen KormniMon gab soeben den Erlab eines Streikverbots für die Eisenbahner im besetzten Gebiet unter Ablebmmg jeglichen Echieds- spruGes berank. i