Hersfelöer Tageblatt
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Nr. 34
(erstes Blatt)
Sonnabend, den 29. Januar
1931
AgLks der Pariser 'Konferenz.
Allgemeine UnurfrieSenheit im EntsMelsger.
;en.
Ueber die Sitzung der Konferenz am Dramerstag ist um 9 Uhr abends folgendes offizielle Kommuniquee ausgegeben worden: Die Konferenz ist in einen euren Mei- nnngsaustansH Wer die Reparatisnsfrage eingetreien und hat einem kleinen aus eigenen Mitgliedern bestehenden Ausschuß den Auftrag erteilt, die im Verlaufe der Sitzung vertretenen Meinungen zufammenzufaffen und einen ausgearbeiteten Text der Konferenz vorzulegen.
Ein Sonderbericht der Havasagentur befugt: Der Vormittag ist mit privaten Unterhaltungen zwischen den verschiedenen Delegationen ausgefüllt worden, um einen Verständigungsboden in der Reparationsfrage zu finden. Um 10% Uhr verhandelten Briand und Loucheur mit den belgischen Delegierten Jaspar und Theunis. Lloyd George verhandelte mit^Graf Sforza und später auch mit Loucheur und Briand und nachher auch mit den belgischen Delegierten. Es hat den Anschein, daß die belgische Delegation sich bemüht, den französischen und eng. ltschen Standpunkt miteinander in Einklang zu bringen. In gewissen Kreisen der Konferenz fragt man sich, ob dies Ergebnis vor Ende der Woche erzielt werden kann. Ist das nicht der Fall, dann muß die Sachverständigen- konferenz in Brüsiel ihre Arbeiten wieder aufnehmen und aufs neue praktische Mittel suchen, über die alsdann die Alliierten sich endgültig aussprechen werden und zwar auf einer neuen Konferenz, die jedenfalls in London im Monat Februar stattfinden wird.
Ansammenstöße zwischen Lloyd George und Briand.
•>♦ Paris. (L.-A.) Auf der Pariser Konferenz ist es am Dmmerstag zu neuen Zusammenstößen zwischen Llond George und den Franzosen gekommen. Die Krise auf der Konferenz dauert verschärft an.
Finanz- und Wirtschaftskoutrolle Deutschlands.
** Genf. (S. C.) „Echo de Paris" meldet: Das französische Kabinett hat einen neuen Vorschlag der Mi. ntsterkonferenz zugehen lassen, der die Finanz- und Wirtschaftskoutrolle Deutschlands in allen Einzelheiten lestgelegt und den Staatsmännern die Annahme des «ontrollverfahrens im Interesse der Zahlungsfähigkeit nahelegt.
Die Bsrhandlnn«e« dauern weiter.
^ Genf. (G. C.l Die „Exchange «;'^'" n-ldet .-- ~i.it;, >■!<*: j.-.t y.. .u.-;.uu M lMGt-^e!« tvvrom-, ore Konferenz auch nächste Woche audauern zu lassen. Der englische Antrag, die strittigen Fragen bis zu den Brüi- seler Besprechungen zurückzustellen, ist von Frankreich und Belgien in den wichtigen Fragen der Wiedergutmachung und der Entwaffnung nicht angenommen worden. Infolgedessen wird weiter verhandelt werden. Es wurden zwei Ausschüsse für die neuen Anträge Frankreichs und Belgiens in der Wiederausbaufrage uW der Frage der Naturalentschädigung durch Deutschland em. gesetzt.
Die französisch-englischen Gegensätze.
»* Paris. (F. N.) Die Verhandlungen der Pariser Konferenz am Donnerstag sind ganz sondervarverlau- fen. Wie schon mitgeteilt, hat Lloyd George die Morgen- sitzung telephonisch abbestellt, und zwar daher, weil der Ergänzungsbericht von Doumer erst inS Englische übersetzt wurde. Am Nachmittag fand die Sitzung statt. Lloyd George ergriff sofort das Wort und erklärte, daß er Frankreich nicht daran hindern wolle, das zu erhalten, was man ihm schulde. Dadurch würden aber die in Hythe, Bonlogne und Spaa abgeschlossenen Abkommen einfach wieder in Frage gestellt. Hierauf antwortete Briand, und zwar mit den Argumenten, die er vor einigen Tagen auf der Kammertribüne entwickelt hatte. Es sei unmöglich, jetzt schon und endgültig die deutsche Zahlungsfähigkeit festzusetzen.
w Zürich. lS. C.) Die „Neue Züricher Zeitung" meldet aus Paris: Die Schlußsitzung der Konferenz ist auf Sonnabend festgesetzt. Die bisherigen Ergebnisse sind so gering, daß man kaum noch mit greifbaren Resultaten rechnet. Auch die Pariser Presse ist auf einen sehr ernsten Ton gestimmt. Auch in der Entwaffnungs. frage soll es noch zu keiner Einigung gekommen sein.
^Fra»kf«rt. (S. C.) Am Freitag früh meldete der Schweizerische Pressetelegraph aus Paris: Am Donnerstag abend fand eine inoffizielle Besprechung der vier Staatsmänner statt. Die Besprechung dauerte bis 10 Uhr abends. Briand verließ die Besprechung, ohne besondere Zufriedenheit zu zeigen. Auf der Freitag-Bor- mittag-Sitzuna der Konferenz steht erneut die Entwasi- nunas- und Wiederantmachungsfrage. Die pessimistische Beurteilung des Ausgangs der Konserenz fing in der Pariser Treffe auch am Donnerstag abend an.
Abbrnch der Verhandlungen.
w «aris <G. A.) Der Korrespondent des „G. A." schretlst- Ich erfahre soeben, daß die Pariser Konferenz chon am Sonnabend ihre Tagung beenden wird. Die Beratungen in London sollen am 21. Februar aufge. l<SS?Serdei Die ennWu fl^
s bereiten sich für Sonnabend abend für die Abreise vor. !' Lord Curron hat für Svnnabeiid abend einen Schlaf- - wagenplatz in einem Zuge nach der RIvtera bestellt. *- Lloyd George gedenkt am Sonutag wieder in London
ru sein.
Deutschlands Zahlungsfähigkeit in französischem Licht.
♦* Ein Mitarbeiter des „Matin",will von gut unterrichteter Seite, die die " Deutschlands in der letzten Zeit studiert ,
haben, daß die Zahlungsfähigkeit DkUtscylanös größer iet als von Deutschland zugegeben werde. Die den Alliierten dargelegte Armut Deutschlands sei ein Schwindel.
Die französische Presse z« Doumers Vorschlag.
** Ueber die Rede Doumers sind die Ansichten ziemlich geteilt. Der „Temps" hält mit seinem Urteil zurück, macht aber darauf aufmerksam, daß nach dem Friedens- vertrage die Reparationskommission die Arbeit zu leisten hat, die Domner vorweg nehmen wollte. Das „Journal des Debats" ermähnt die Alliierten, mehr mit dem armen Frankreich als mit dem armen Deutschland Mitleid zu haben, und warnt dann die Regierung davor, die Erle- dignng der Wiedergutmachung und den raschen Beginn der deutschen Zahlungen aufzuhalten. „Jntransigeant" schreibt: Herr Doumer hat sich in der Etage geirrt. Er wollte zu Poincaree und ist zu Briand geraten. Seine unerwartete Haltung hat uns um sechs Monate zurückgeworfen. Er machte die große Bewegung zunichte und droht die Konferenz scheitern zu lassen. Gleichzeitig setzt in der Presse eine Polemik gegen Deutschland ein. die die öffentliche Meinung beeinflussen will. Die „Libertee" sagt: Deutschland erklärt sich gerade in dem Augenblick zur Annahme des ersten französischen Projektes bereit, in dem Frankreich davon spricht, dieses Projekt aufzu- geben. Im „TeMpS" schreibt Jean Herbette: Wenn die deutsche Regierung erklärt, zahlen zu wollen unter der Bedingung, daß die Alliierten Oberschlesien an Deutschland zurückgeben, dann sollten sie ganz einfach den Gedanken suggerieren, den Vertrag vmr Versailles als einen Fetzen Papier zu betrachten.
Pertinar weist im „Echo de Paris" darauf hin, daß der französische Finanzminister auf Grund der Zeugnisse der Reparationskommission die festzulegenden Forderungen an DeMschland mit 220 Milliarden Gold mark angab einschließlich Zinsen und Amortisation. Diese Zisfer sei zweimal so hoch wie diejenige, die in Bonlogne genannt worden sei. Sie gehe über alles hinaus, was man bisher über die Höhe der Gesamtsumme gedacht habe. Nach dem „Matin" soll der Finanzminister erklärt haben, Deutschland solle den Alliierten die Gesamtschuld mit drei Prozent verzinsen und in dreißig oder mehr Jahreszahlungen entrichten. Bei 42 Jahreszahlungen würde die Annuität 12 Milliarden jährlich betragen. Nach dem Bericht Doumers hätte Deutschland im Jahre 1913 für 10 Milliarden auSgesührt. Da ' ? Ware unabhängig von dem Geldkurs um 70 Prpzev
Die'rinführ Deutschlands mü7fe*bageae^
gendste beschränkt bleiben und könne auf fünf Milliarden heruntergeöriickt werden. Auf diese Weife könnte leicht ein Exportüberschuß von 12 Milliarden erzielt werden, den Deutschlarid dazu aufwenden müsse, die Alliierten zu bezahlen. Als Garantie hat Doumer nicht militärische Maßnahmen ins Auge gefaßt, souderu Vormirndschasteu, wie mau sie sonst ohnmächtigen Staaten gegenüber angewendet habe. Der Finanzminister betonte, Frankreich sei am Ende seiner Kraft und könne nicht länger mehr für Deutschland bezahlen. Pertinax schreibt ferner, die alliierten Vertreter hätten über diese Theorie sich sehr erstaunt gezeigt. Man hätte auch feststellen können, daß die Vertreter der englischen Delegation nunmehr eine andere Sprache sprechen. Einer von ihnen habe sogar von einem Turmbau zu Babel gesprochen, an dem man jetzt arbeite. Es sei Zeit, daß Millerand und Briand eine gemeinsame Marschroute aufftellen.
Nach einer HavaSmeldung sieht der Bericht des Marschalls Joch in der EntwaffnungSfrage für zweckmäßig nicht nur die Besetzung weiteren deutschen Gebiets, sondern au» die Verlängerung der Besetzung des Rhein- landes vor.
Die K»ttä«sch»»g für Oesterreich.
w Die Meldungen über den Belauf der Pariser Konferenz, soweit sie Oesterreich betreffen, haben eine Enttäuschung hervorgerufen. BefonderS wird der fron* zösische Plan indirekter Kreditgewährung fepr skeptisch ausgenommen, da man in ihm einen scharfen Berg«- schmack von spekulativen Finauzgejchaftell zu spüren glaubt, bei deren Ausführung sich am Ende mehr Nachteile als Vorteile für Oesterreich ergeben konuten Auch der von England begünstigte Gedanke, die Hilfe für Oesterreich auf das Privatkapital abzuwalzen, findet wenig Anklang. Die Stimmung, die durch diese Un^u- länalichkeit selbst in den vorsichtrgsten Kreisen erziel: wurde, kommt in den Wiener Blattern deutlich zum Ausdruck.
Eine Schweizer Stimme.
♦^ Der Pariser Korrespondent der „Basler Nachrichten" schreibt zu den ErMrumnn Doumers: Man bar jetzt den endgültigen französischen Standpunkt in der Wicderherstellungsfrage kennen gelernt. Die Engländer hatten einige Sterwgraphen mitgebracht, die das Exposee Doumers aufuehmeu mußten, und, unu kmnmt etwas heraus, was die Alliierten übereinstimmend als ganz unmöglich auuahmen: das ist nun das Ergebnis der Einigung zwischen Poincaree, Millerand und den Politikern des Kabinetts Briand, auf das man gerade in diesem Punkte große Hoffuungen gesetzt hatte. Nicht nur die Alliierten sind unzufrieden, sondern auch die französische Presse.
Die Nnznfriehenhett in Englau».
♦* Die Pariser Sonderberichterstatter der meisten Londoner Blätter erklären übereinstimmend die Vorschläge DoumerS für aussichtslos. „Daily Mail" schreibt in ajm iviu wh b«i iuiuk einem Leitartikel: Statt der bloßen Hoffnung, die uns Asclmftlichen Verhältnisse f noch blieb, hatten wir absolute Sicherheit erwartet. Der ett studiert habe, erfahre» 1 Pariser Konferenz ist es nur gelungen, Zweifel wa» zu
rufen. In Englano, Franrrerw uno seigren verrier die Bevölkerung allmählich den Glauben, daß die Kon. ferenz zur Autklärung bettragLN und der Entente neue Richtlinien geben werde. Statt dessen vermehren sich die Leiden, die ein schlechter Friede hervorruft, wie z. B. die drückenden Steuern, der Verlust der HavdelSbe'iehun- gsn, die Erwerbslosigkeit rmd das allgemein herrtchense Mißbehagen. Nur ein Land entgeht diesen Folgen des Krieges, das ist Deutschland, das diesen Krieg hervor- gernfen hat.
E«»e »er K»«fereuz?
** Der Bericht der für die Festsetzung der deutschen Zahlungen eingesetzten Sondäckommission dürfte im Laufe des Freitags den Konferenzteilnetmrern übergeben werden. Die Konferenz wird wahrscheinlich bereits am Freitag geschloffen werden.
** Am Donnerstag nachmittag wurde in Paris eine Meldung verbreitet, wonach die Konserenz nicht abgeschlossen, sondern nach der Brüsseler Konferenz mit den Deutschen in London fortgesetzt werden soll. Auch der Vertreter eines Werner Blattes erfährt in Paris, daß Beschlüsse voraussichtlich erst nach den Brüsseler Besprechungen gefaßt würden. Sogar Havas^ deutet so ziemlich offen an. daß Sie Pariser Konferenz mit einent Fiasko geendet habe und erklärt, wenn Ende dieser Woche ein Ergebnis nicht erzielt würde, so werden die Sachverständigen ihre Arbeit in Brüssel wieder auf- nehnren, um aufs neue nach praktischen Mitteln zu suchen, über die sich dann die Konferenz schlüssig zu machen hätte.
Ausweisungsliste für Oberschlesier.
** Die „Kattowitzer Zeitung", die nach achttägigem Verbot am Donnerstag zum ersten Male wieder erschien, teilt in ihrem Leitartikel mit, sie habe erfahren, Saß bei der interalliierten Kommission in Oppeln eine ÄMiwdfuMgSIiffe ausgearbeitet worden ist, auf der nicht weniger als 15 oberschlesische Journalisten stehen. Nur gewissermaßen des besseren Eindrucks wegen habe man auch einige Polen auf diese Ausweisungsliste gesetzt. Nach der „Kattowitzer Zeitung" ist damit zu rechneu, Saß noch vor Veainn des eigentlichen Mstimmungskampses eine große Anzahl von deutschen Redakteuren aus dem ober« schlesischen Abstimmungsgebiet ausgewiesen x««;
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an zastllnöWr nieste
^ «erN». ' sW7M-Nach „ . „ eingeholten Information beträgt die Zahl der oberschle- sischen Abstimmungsberechtigten im Reiche außerhalb des Abstimmungsgebietes 410 000. Die letzte Sammlung für die oberschlesische Spende im Reiche hat 920 000 Mark erbracht.
Die Erhöhung »er SisenSahntsrife.
►* Berlin. (E. C.) Die Vorlage über eine Erhöhung der Etlenbahutarife ist am Donnerstag dem ReichskaSi- nett zugegangeu. Ueber ihren Juhalr kann nur soviel gesagt werden, daß die Tariferhöhung alle Erwartun- gen übertrifft und für einzelne Güter bis 120 Prozent beträgt. Die Erhöhung wird nur ein Drittel des jetzt vorhandenen ständigen Defizits der Siaa^seisenbahnen decken.
Gliickwnnschsegeu zu Kaisers Geburtstag.
>>* Berlin. (S. C.) Nach einer Mitteilung aus Schloß Doorn sind am 27. Januar durst) die niederländische Postbehörde an den früheren Kaiser mehr als 8000 Telegramme und fast 19 000 Postsendungen bestellt worden. In Potsdam sind am 27. Januar amtliche Nachrichten aus Schloß Doorn eingegangen, wonach das Befinden der Kaiserin keine wesentliche Veränderung zeig« und unverändert kritisch bleibt.
Eine Kaisers GedurtstagKfeier.
9* BreSla«. (F. Z.) In einer Sitzmrg der Lcurdwirt- fchastSkammcr hielt der Vorsitzende von Klizing eine KaiserS-GeburtStagsrede. Die Anwesenden erhoben sich. Oberbürgermeister und Regierungspräsident bliebet, sitzen und wurden durch Zurufe „Ausstehen!" gezmnu^ gen, den Saal zu verlassen. Die zuständigen Stellen werden sich mit der Angelegenheit besassen.
Reife Dr. Mayers »ach DeutschlaW.
w Der deutsche Botschafter in Paris, Dr. Mayer, ha» in persönlicher Angelegenheit eine kurze Reite nach Deutschland angetreten. Während feiner Abrvesenhei^ führt der Leiter der deutschen Friedensdelegation, G«-> sandtet von Lucius, die Geschäfte der Botschaft als Geschäftsträger.
Flugpost Berliu-Dresdcm-RheixlaW.
»* Die Flugpost Berlin-Ytüeinlaud wird vom 1. Februar an nach Dresden weiter geführt, sodass vom L' Februar an eine täglich« Flugpostverbindrurg für Paffa-, giere und Postbeförderung von Berlin über Dresde» nach Dortmund und umgekehrt bestehen wird.
Unter der Gewaltherrschaft her Franzose».
^ La«»a«. (Btö.) Hier tvurde der Vorsteher der Zweigstelle der Reichsvcrrnögensverwaltung, Ober- reaierungsrat Böhm, von dem französischen Kriegsgericht zu acht Tage« Gefängnis «»» 1000 Mark Geldstrafe verurteilt. Gegen ihn war Anklage erhoben, weil er der Anforderung der französischen Besatzungsbehörde zur Einrichtung einer Schule für französische Soldaten- kinöer in Landau nicht nachgekommen war. Ober- regierungsrat Böbm mußte diese Anforderung Pflicht- gemäß ablehnen, da sie im Widerspruch zum Rheinland- abkomme« sieht.