Kersfelöer Tageblatt
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Nr. 44
Dienstag- den 22. Februar
1921
Die Wahlen in Preußen.
Rechisorierttierung in Bürgertum und Socialdemokratie.
** Im Augenblick ist eine größere Uebersicht über das Ergebnis der Landtagswahlen noch nicht möglich. Jm- merhin lassen die bisher bekannten Teilergebnisse schon gewisse politische Schlußfolgerungen zu. Auf der Linken zeigt sich, daß die Unabhängigen im Vergleich zu den Reichstagswahlen vom 6. Juni v. Js. eine erhebliche Einbuße an Stimmen erlitten haben. Sie haben nach rechts und nach links Stimmen verloren, und zwar wie es bisher scheint nach rechts wahrscheinlich mehr als nach links. Die Sozialdemokraten haben in einzelnen Bezirken ganz erheblich gewonnen, ja sie haben teilweise gegenüber dem 6. Juni ihre Stimmenzahl ver- . doppeln können. Die KoMmunisten werden höchstens die Stimmen und die Mandatszahl erhalten, die den Unabhängigen vor zwei Jahren bei den Wahlen zur Landesversammlung beschicken waren. Einen ähnlichen Ruck nach rechts wie bet den Linken hat sich innerhalb der Rechten vollzogen. Die Deutsche Volkspartei hat ihren Reichstagswahlerfolg nicht behaupten können, sondern nach rechts Wähler abgegeben. Das Zentrum hat sich auf seiner alten Höhe gehalten, in Berlin hat es sogar besser avgeschnitten, als am 6. Juni v. Js. Die Demokraten, gegen die sich der Ansturm von rechts und links richtete, Haben natürlich an Stimmen einge- bützt: immerhin ist der Verlust nicht so groß wie man befürchtet hatte, und in einigen Wahlkreisen haben sich die Demokraten sogar recht wacker gehalten. Ueber- raschend gut schneidet die Deutsche Wirtschaftspartei ab, die Mittelständler aus allen Parteien an sich gezogen hat. Irgend ein Schluß auf die Regierungsbildung ist natürlich noch nickt möglich. Wenn die noch ausstetzen- den Ergebnisse, die politische Richtung der bisherigen Wahlergebnisse enthalten, so ist nicht ausgeschlossen, daß die preußische Regierung auch im neuen Landtage über eine, wenn auch knappe Mehrheit, verfügt. Vielleicht führt dann der Umstand, daß auch die Mehrheit der Reicksregierung durch das Ergebnis der Reichstags- wahlen in Schleswig-Holstein und Ostpreußen noch weiter geschwächt ist, dazu, daß im Reiche und in Preußen an eine Verbreiterung der Regierungsbildung, und zwar im Reiche nach links und in Preußen nach rechts gedacht wird.
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Zu den Wahlen schreibt der „Borwäris": Als Er- LÄSÄÄ^
als stärkste sozialistische Partei Unabhängige und Kommunisten viel weiter hinter sich als bei den Juniwahlen im Jahre 1920. Sie wird auch hier die stärkste Partei in Berlin, wo ihr im Juni die Unabhängigen weit vorausgekommen waren. Die Kommunisten haben selbstverständlich infolge der Spaltung der Unabhängigen Fortschritte gemacht, sind aber nicht in dem Maße stärker geworden, wie sie es erwartet hatten. Die sozialistischen Parteien werden aber trotz' des Wiederaufstiegs der So- zialdemokratie im neuen Landtag schwächer sein als in der verfassunggebenden Landesversammlung und sogar als im Reichstag. In Berlin haben die Sozialdemo- kraten seit dem 6. Juni 34 000 Stimmen gewonnen, trotzdem sie 120 000 sozialistische Stimmen verloren hatten, während die Rechte 40 000 Stimmen gewonnen hat. Also auf der einen Seite mehr Bürgerliche, unter diesen mehr Deutsch-Nationale, auf der anderen Seite weniger Sozialisten. Das sind die Früchte der Arbeit der Zersplitterung. Die Unabhängigen werden hoffentlich bald einsehen, daß sie nur noch in Anlehnung an die starke sozialdernckratische Partei, der dann später einmal wieder die Vereinigung folgen müsse, etwas für die Ar- beiiersache zu leisten imstande sind. Die Kommunistische Partei wird aber ebenso bald abgewirtschaftet haben, und dann wird die Masse des arbeitenden Volkes einig unter dem Banner der Demokratie und des Socialismus auch den letzten entscheidenden Schlag gegen die Reaktion zu führen imstande sein, die sich heute im voreiligen Sieaergefttht brüstet. Diese Genugtuung- kann uns gewähren. daß der Ansturm von rechts gegen unsere Partei ohne Erfolg blieb, daß wir trotz der maßlosen Hetze gegen die angebliche „sozialistische Mißwirtschaft" unsere Stimmen nickt nur gehalten, sondern gegen die Juniwahl schon wieder vermehrt haben.
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Nach den bisher vorliegenden Nachrichten ist die Wahlbeteiligung hinter derjenigen bei der Reichstagswahl erheblich zurückgeblieben. Das trifft besonders für Berlin zu, wo nur etwa 70 Prozent der Wähler zur Wahlurne schritten, während in den übrigen Gegenden Preußens die Wahlbeteiligung, durchschnittlich 80 Prozent erreichte. Besonders gering war sie in den besetzten Gebieten, wo int Durchschnitt nur etwa 60 Prozent der Wähler ihr Wahlrecht ausgeübt haben. Am Höchsten war die Zahl der Wähler in den Grenzgebieten Schleswig-Holstein und Ostpreußen, wo nicht nur zum Landtag gewählt wurde, sondern auch die Nachwahlen zum Reichstag stattsanden. Besondere Zwischenfälle sind bisher nicht gemeldet worden.
Bas bisherige lielamiwagleegeSnis.
Berlin. (T. u.) Bisher sind 187 Abgeordnete gewählt. Sie verteilen sich wie folgt: D. N. 35 mit 1382 840 Stimmen, D. B. 34 mit 1379 714 Stimmen, Zentr. 24 mit 957 727 Stimmen, Denn 14 mit 559 383 Stimmen, M S. 59 Mit 2 365 543 Stimmen, U. S. 15 Mit 617 610 Stimmen. Kom. 18 mit 543 926 Stimmen,
Mittelstapk spartet 3 mit 138 264 Stimmen. Die Ziffern aus dem Ruhrgebiet sind wegen des Streiks noch unbekannt. Eine Verschiebung ist immerhin nicht ausgeschlossen.
Bürgerschaftswahlen in Hamburg und Bremen.
Das Ergebnis der Mahlen zur Hamburger Bürgerschaft ist nach den bisher vorliegenden Nachrichten so, daß eine demokratisch-sozialistische Mehrheit sicher ist. Die Kommunisten haben bedeutend an Stimmen verloren, während die Dentschnationalen und die Deutsche Volkspartei ihre Stimmenzahl verbessert haben.
Bei den Bürgerschaftswahlen wurden in Bremen, Bremerhaven, und Vegesack abgegeben: D. N. 11784, D. B. 43115, Dem. 29 873, S. P. D. 41887, IJ. S. P. 38 083, Kom. 12169, Christliche Volksp. 3626.,
Die KabmsttsrreuMdrmg.
Verhavdlnngeu über eine reinsozialiMsche Regierung. t-r Berlin. (S. C.) Nachdem das vorläufige Ergebnis der preußischen Landtagswahl vorliegt, haben bereits am Montag Besprechungen der Mehrheitsozialde- mokraten mit den Unabhängigen und den Kommunisten begonnen über eine Arbeitsgemeinschaft im neuen Preutzenparlament.
Frankraidjs Schalleneriatzrechnung.
Ueber die von Frankreich der Reparationskommis- sion vorgelegte Berechnung der von Deutschland zu vertretenden Kriegsschäden liegt jetzt eine Uebersicht vor. Danach verlangt Frankreich für Personenschäden 4,8 Milliarden Franken, für FamiliennuterMtzungen der Kriegsteilnehmer 12,9 Milliarden Franken, für militärische Pensionen 60 Milliarden Franken, für Sachschäden 140,7 Milliarden Franken, zusammen 218,5 Milliarden Franken. Die Berechnung ist in französischer Währung aufgemacht, lautet also auf Papierfranken. Die Endsumme entspricht bei Umrechnung über den amerikanischen Dollar zu dem letzten an der Neuyorker Börse notierten Kurs in französischen Franken einer Summe von 66 Milliarden Goldmark. Von den Sachschäden betreffen 127 Milliarden Franken, also zum letzten Kurs 38 Milliarden Goldmark, die zerstörten Gebiete in Frankreich. Die Berechnung gebt von den Vorkriegs- werten aus und multipliziert diese mit einem der Preissteigerung in Frankreich eutsvrschenk^n Koeffizienten, in ^$r M^rzahl dcr.O-D.—
fung der einzelnen Teilrecht,ungen ist im Gange. Ueber die Ergebnisse wird später Mitteilung gemacht werden.
Nach einer weiteren Meldung ist das von der Wie- derherstellungskommission der deutschen Regierung übergebene vollständige Verzeichnis der Schäden, die Deutschland den verschiedenen alliierten Staaten ersetzen soll. ein dickes Buch von 350 Seiten in großem Format. Für jedes Land sind die Schäden in der Währung des betreffenden Landes aufgcsührt. Der deutschen Regierung wird eine entsprechende Frist von einem Monat bis sechs Monaten eingeräumt. Zwischen dem 25. April und dem 1. Mai wird dann die Wiederherstellnngskom- mission die Gelamtfumme der zu ersetzenden Schäden bekannt geben. Die deutsche Regierung hat bereits mit- teilen lassen, daß sie nicht in der Lage sei, dieses umfangreiche Dokument in der voraeschriebeue« Zeit einer genauen Prüfung zu unterziehen.
Der „Temps" gegen Dr. Simons.
** In seinen Ausführungen zu der Unterhausrede Lloyd Georges erinnert der Pariser „Temps" daran, daß er immer dafür eingetreten fei, alle nur möglichen Maßnahmen gegen Deutschland zu ergreifen. Frankreich wünsche den Frieden und friedliche Abmachungen. Aber gegenwärtig sei von Deutschland eine Herausforderung erfolgt, die sich aus allen Reden Dr. Simons' herausleien lasse. Der „Temps" nimmt an, daß Simons in London seine Demission geben und damit dem Beispiel des Grafen Brockdorff-Rantzau folgen werde. Auch das kläre über den gegenwärtigen deutschen Zustand auf, worauf es nur eine Antwort gebe: rasch zugreifen.
Das unerschütterliche Nein.
Halbamtlich wird mit geteilt: Man weiß in Deutschland genau, mit welchen Drohungen die Franzosen operieren, und daß sie gern einen Vorivand hätten, in Deutschland einzumarschieren. Keine Gewaltmatzregel aber vermag den Willen der Teutschen zu beugen, sich nicht unmäßige Forderungen aufzwingen und zur Sklavenarbeit auf Jahrzehnte hinaus verurteilen zu lassen. Man hat sich darüber gewundert, daß der Reichsmini- ster des Acußern sich nicht auch nach Bayern begeben hat, und an diesen Umstand sind allerlei Kommentare geknüpft worden. Demgegenüber ist hervorzuheben, daß der Minister den leitenden Staatsmännern in München bereits anläßlich seiner Reise in die Schweiz einen Besuch gemacht hat, während er mit Stuttgart, Karlsruhe und Darmstadt bisher nicht die Gelegenheit hatte, persönlich Fühlung zu nehmen. ES war also ganz selbstverständlich, daß Dr. Simons jetzt diese drei Hauptstädte berührte.
Eine Protestkundgebung der Deutschen Volkspartei.
** Nach einer Rede des Reichstagsabgeordneten Frei- Herrn von Lersner in Flensburg hat die von der Deutschen Volkspartei einberufene von Tausenden besuchte Volksversammlung einstimmig folgende Entschließung angenommen: Wir Verteidiger des Deutschtums in der äußersten Nordmark des Reiches stellen uns rückhaltlos hinter die Reicksregierung und erwarten von ihr, Satz
sie in London gegenüber den Pariser Forderungen, waS auch immer kommen möge, auf ihrem glatten Nein verharrt.
1 Million Kbm Holz für die Entente?
Die Verhandlungen über eine Holzlieferung von einer Million Kubikmeter Holz, in Rundholz gerechnet, in Anrechnung auf die gesamten Anforderungen von Holz haben einen vorläufigen Abschluß gefunden. Eine Verständigung über die Preise, die Deutschland gutgeschrieben werden sollen, war nicht möglich, da die Reparationskommission Preise angeboten hatte, die erheblich unter den deutschen Marktpreisen liegen und die Aufbringung des Holzes finanziell unmöglich machen. Die deutsche Regierung hat sich zur Durchführung der Holz- lieierung bereit erklärt und entsprechende Maßnahmen seit langer Zeit eingeleitet,' sie muß aber natürlich damit rechnen, daß die Reparationskommission entsprechend den Bestimmungen des Friedensvertrages alle Sachleistungen zu ihrem vollen Wert zur Anrechnung bringt. Es ist nach Lage der Dinge mit einer Holzlieferung wohl nur zu rechnen, wenn die Reparationskommission ihren Standpunkt in der Preisfrage einer gründlichen Revision unterzieht.
Gegen die Pariser Beschlüsse.
** Rom. (F. Z.) Der Auswärtige Kammerausschuß verurteilte fast einstimmig die Pariser Beschlüsse gegen Deutschland und speziell den 12procentigen Aufschlag auf den Export. Nur Luzzatti trat dafür ein, indem er seine Kollegen vor Deutschfreundlichkeit warnte.
flrßeKsmarM und Michchallstage.
(Abgeschlossen am 11. Februar 1921.)
Von Monat zu Monat tritt es deutlicher zutage, daß der Weg der deutschen Wirtschaft bergab fühÄ, trotz verzweifelter Anstrengungen, diese Bewegung zu hemmen. Entscheidender noch als die künftige Kohlen- iwt und die Wirkungen der Weltkrise auf den allgemein verminderten Absatz und Auftraoseingang ist die Erschöpfung der Kaufkraft des deutschen Volkes. Lange Zeit war eine starke Kaufkraft vorgetäuscht worden, einesteils dadurch, daß neue durch Krieg und Revolution an die Oberfläche gekommene Schichten kaufkräftig geworden waren, wie andererseits dadurch, daß die wieder auflebertde Tarstckwirtsck^st tu' M.iM" W* ^atwMü» in samgürervesttz umzutan- schen. In den letzten Monaten ist es immer deutlicher geworden, daß diese Züge nur eine zeitweilige Verzerrung des Gesamtbildes der Wirtschaft bedeuteten. Die wirtschaftlichen Erscheinungen gewinnen in der Regel nur langsam Gestalt, ihre Umrisse verschwim- Men vielfach in den in unregelmäßigem Auf und AS bewegten und darum sich unablässig kreuzenden und verflechtenden Komplexen. So erklärt es sich, daß es einige Zeit zweiselhast war, ob die einsetzende Absatzstockung auf dem Jnlandsmarkt ein planmäßiges Zu- rückhalterr der Abnehmersckast in der Erwartung von Preisnachlässen war, oder ob es sich um eine tatsächliche Einbuße an Kanffähtakeit handelte. Nur wenn dem deutschen Volke Aussichten auf einen, wenn auch bescheidenen Genuß der Früchte seiner Arbeit geladen werden, kann sich die jetzt erschöpfte Kaufkraft langsam wieder heben.
Unter den Einwirkungen der WelUrisis bat die deutsche Volkswirtschaft im letzten Monat bereits empfindlich zu leiden gehabt. Die dentscke Ausnckr ist zurückaegangeu. Die schwankenden Valutaverbält- nisie haben einen Anreiz zur Förderung des Außenhandels nicht mehr zu geben vcnnodif: eine Entwertung der bedeutende:' Wareubesiände in Dentsckland ist durch den Preisrücklant am Weltznarkt Hervorgsru- sen worden. Die Erwartung weiteren PretsRickganaes hat vor allem ehr' Zurückhaltung der ausländischen wie der inländischen Almebme''sckaft gezeitigt — Neben dielen beiden Faktoren deS Niederognaes d-'r E"sckövlnng der Kaufkraft und des Einflusses der Weltkrise, wirkt ein dritter Hauniiaktor n'ckt minder einschneidend fort, die durch die Snaa-KoblenarElgge bedirnste künstliche Koblenuot der dentichen Ge'nerl-e. Hinzu kommt, daß die deutsche Industrie, obwohl sie die LeistunaSsithigkeit nur zur Halste oder zu zwei Dritteln ausnutzt, — unter dem Wiedereinstellunaszwana der Krieasteilnel""cr, dem Acktstundensgg und 6er um'angretchen Kurzarbe^ — ' eine wesentlich höhere Arbeiterzall beschäftigt. gl§ es bei einer in jeder Hinsicht unter dem Gesichtspunkt 5er Rentabilität arbeitenden Wirtschaft s«r FM sein würde. Diele TaEacken erklären es, Satz die Arbeilscosigkett unter der gelernten Arbeiterschaft ntch» so hoch ist wie es die Wirtschaftslage erwarten sgsieu sollte. Die Zabl der tatsächlich arbeitslosen ttnarlernten ist weit höher, als es die Tetlstatistiken erkennen lallen. Die Zunahme der unterstütsten ErwerbslyseKemrlänaer, die im Dezember 60 ooo erreichte, mbt nur einen Anhalt dastir, daß die Arbeitslofigkeit in Deutschland e^cMittt steckt, ohne einen genauee Maßstab für den wirklichen Umfang der Zunahme dieser zu bieten. -
Ganz Ungarn unser Siandrecht. .
Aus Budapest wird Wiener dioloma-ischen Kreisen gemeldet, daß über ganz Ungarn das Standrecht ver» hängt worden ist. Die Zeitungen stehen unter Zensur imb die Grenzkontrolle wird schürf gebgndkabt, so daß die Nachrichten über die Gründe dieser außerordenili- chen Maßnahmen bisher noch nicht bekannt geworden sind. Die Berhänmma des Standrechts scheint auf ein Wieberaukleben der Arbeiterbeweanna curückzufüüren