kersfel-er Tageblatt
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Nr. 45
Mittwoch, den 23. Februar
1321
Die Zusammensetzung des Landtages.
Gewählt wurden insgesamt 421 Abgeordnete, welche sich wie folgt auf die einzelnen Parteien verteilen:
118 Mehrheitssozialdemokraten,
90 Zentrum,
78
87
30
18
26
4
Deutschnationale Volkpartei,
Deutsche Bolkßpartei,
Vereinigte Kommunisten,
Unabhängige Soz.,
Demokraten,
Wirtschaftspartei ieS deutschen Mittelstandes.
Berlin, 22. Iprechung zwischen tretenen Parteien Wahlen geschaffene mütigkeit darüber,
Februar. Heute fand eine Beben in der Reichsregierung ver- über die durch die preußischen Lage statt. ®§ bestand volle Einsatz auf eine Lösung hingewirkt
werden müsse, bei der die Regierungen im Reich und in Preußen von derselben Parteikoalition getragen werden. Es wurde vereinbart, daß von diesen »e- sichtspunkt aus ein einheitliches Vorgehen der in der Reichsregierung vertretenen Parteien bei der Neubildung der preußischen Regierung angestrebt werden soll.
Berlin, 22. Februar. Das preußische Kabinett ist noch nicht zusammengetreten, um zu dem Ergebnis der Wahl Stellung zu nehmen. Wie verlautet, will die Regierung bis zum Zusammentritt des neuen Landtags am 10. MärS mit ihrem Rücktritt warten.
»Ö® der PrWtzrschen WMSWWr samm^Mg HE» me Deiüschnajionalcn 50, die Deutsche Bolkßpartei 21, die Zentrumspartei 88, die Deutsch-demokratische Partei 65, die Sozialdemokratische Partei 145, die Unabhängige SozialdemokratisHe Partei 24 Sitze. Die Wirtschasts- partei hatte einen Sitz und die Konnnunisten keinen. Da zur Feststellung der Verschiebung des Stärkeverhültnis- ses der einzelnen Parteien das Ergebnis zur Preußischen Lanöesversanrmlung vom Jahre 1919 Herangezo- gen werden muß, ergeben sich interessante Resultate. Prozentual haben die Demokraten am meisten verloren. Auch die Sozialdemokraten erreichen im entfernten nicht die Stärke, die sie in der Landes Versammlung gehabt haben. Die Unabhängigen behaupten ihren alten Stand, und auch das Zentrum wird, wenn die Ergebnisse aus den noch ausstehenden Wahlkreisen vorliegen, fast die Stärke seiner bisherigen Landtagsfraktion wieder erreichen. Die Deutschnationale Volkspt. kann ihre Abgeord- netenzahl ganz erheblich erhöhen, prozentual aber noch mehr die Deutsche Volkspartei. Gegenüber dem Ergebnis der Reichstagswahlen ergibt sich allerdings ein ganz anderes Bild, das aber ausscheiden muß, weil die Preußenwahlen im wesentlichen unter anderen Gesichtspunkten stattfanden, wenn sie letzten Endes auch eine außen- - politische Auswirkung haben, indem die Zusammensetzung der preußischen Regierung eine wesentliche Unterstützung der Politik der Reichsregierung bildet oder nicht. Die Kommunisten ziehen mit 23 Abgeordneten, an der Spitze Adolf Hoffmann, in den neuen Landtag ein. Wenn man bedcnkt. daß sie vor zwei Jahren noch nicht ein einziges Mandat errungen haben, so ist ihr Wahlerfolg ein Zeichen dafür, daß sich ihre Anhänger ganz erheblich vermehrt haben, allerdings wohl Haupt- sächliS durch die Spaltung der Partei der unabhängigen Sozialisten. Aber dennoch ist dieser bemerkenswerte Erfolg nicht so, daß die Kommunisten etwa glauben könnten, über Deutschland begänne der Sowjetstern zu leuchten. Im Verhältnis zu den anderen großen Parteien oder den Gesamtparteien überhaupt, mit Ausnahme der Unabhängigen, die in .der Frage des Rätegedankens ihnen nahe stehen, ist ihre Gefolgschaft doch nur gering.
Wahlergebnis aus dem 19. Wahlkreise. g? Cassel. Nach den bisherigen Wahlergebnissen im 19. Wahlkreis Hessen-Nassau können als gewählt betrachtet werden: D. N. 3 (bMn m d^ Landesversammlung 2), D. B. 3 (1), Zentr. 8 (5), Dem. 2 (5), S. P. D. 7 (8), U. S. 0 (0), K0M. 1 (0).
Die Reichstagswahlen in Ostpreußen.
— Wahlkreis 1 Ostpreußen: Gewähltsind6Dentsch- Nationale, Reststimmen 37 590, 3 Deutsche Volkspartei- ler, Reststimmcu 16 987, 1 Demokrat, Reststimmen 13 983, 2 ZentrumSleute, Reststimmen 76W, 5 Mehrheitssozialdemokraten, darunter der preußische Mmister. Präsident und Landwirtschaft sminister Otto Braun, Neststinnnen 14 590, 1 Unabhängiger, Reststimmen 11647, 1 Kommunist, Reststimmen 27 56L Der demo- 1 krattsche Abacordnete ist StaatSminister Fischbeck. Fer
ner erhielten die Wirtschaftspartei 9562, die Polen 11602 Stimmen.
Die Neubildung der preußischen Negierung.
** 83 erlitt (T. U.) Halbamilch wird gemeldet: Am Dienstag fand eine Besprechung zwischen den in der Reichsregierung vertretenen Parteien über die durch die preußischen Wahlen geschaffene Lage statt. Es bestand volle Einmütigkeit darüber, daß auf eine Lösung hiuge- wirkt werden müsse, bei der die Regierungen im Reich uud in Preußen von derselben Parteikoalition getragen werden. Es wurde vereinbart, daß von diesem Gesichtspunkte aus ei« einheitliches Borgeben der in der Reichs- regiernug vertretenen Parteien bei der Neubildung der preußischen Regierung ««gestrebt werden solle.
Erweitsrnng der Negierungs-Koarition in Prentze«.
»=1- Berlin. (S. E.) Die bisherige preußische Regie- ruvgs-Koalition bereitet eine Erweiterung ihrer Basis vor. Die demokratischen Mitglieder des preußischen Kabinetts haben für Mittwoch Vertreter der Deutschen Volkspartei zu einer Aussprache einaeladen. Es verlautet, daß die sozialistischen Mitglieder des Kabinetts vorher von dieser Absicht von. den demokratischen Kollegen benachrichtigt worden sind und Widerspruch nicht erhoben haben.
** Berliu. (S. C.) Wie wir erfahren, hat Dienstag früh eine Sitzung des preußischen Staatsministeriums stattgefunden. Das Kabinett sieht in dem bisherigen Wahlergebnis keinen Grund, die bisherige Regierungs- Koalitton aufzuheben, behält sich jedoch ausdrücklich ihre Erweiterung vor. Die Koalitwn hat bis jetzt noch eine Mehrheit von 7 bis 10 Stimmen im neuen Landtag.
Ungeteilte flöfilmmung in Otter! Wien.
0* Auf der Londoner Kouserenz kam auch die Abstimmung in Oberschlesien zur Sprache. Es wurde darüber entschieden, daß alle Abstimmungsberechtigten, ggnz gleich, wo sie ihren Wohnsitz haben, an demselben Tage «bstinrmcn müssen. England erklärte sich bereit, vier Bataillone seiner Truppen zur Verfügung der interalliierten Kommission in Oberschlesien zu stellen, um die Sicherheit der Abstimmung zu gewährleisten.
Berlin. (L.-Ä.) Der Abstinmmngstermin für Ober- schlesien ist in London noch nicht endgültig festgesetzt worden. Es wtt6 aber vorawssts^tEch am 20. März av-
MWiMAib weiw^
Die Unnachgiebigkeit der Reichsregierung und die vielen Proteste gegeir die von der Entente beabsichtigte örtlich und zeitlich getrennte Abstimmung in Ober- schlesien haben nun doch zum Erfolg geführt. Die in London versammelten Regierungshäupter der Entente haben nach einer Reuter-Meldung beschlossen, daß die Abstimmung der oberschlesischen Landeseinwohner und der im Reiche wohnenden abstimmungsberechtigten Oberschlesier zeitlich zusammenfallen soll. Dannt ist natürlich noch nidü gesagt, daß die Entente auch ihren Gedanken der getrennten räumlichen Abstimmung, wonach die im Reiche wohnenden Abstimmungsberechtigten an einem außerhalb Oberschlesiens liegenden Orte abstimmen sollen, aufgegeben hat. Aber man darf wohl annehmen, daß dieser Gedanke eberrfalls begraben sein wird. Zu dieser Annahme berechtigt die Tatsache, daß die fremden Besatzungstruppen im Oberschlesien für die Abstimmung wesentlich verstärkt werden sollen. Wir wollen hoffen, daß nunmehr auch die Abstiurmung so gestaltet wird, daß sie den Forderungen der Gerechtigkeit entspricht und eider Oberschlesier ungehindert und unbeeinflußt für das Verbleiben Oberschlesierrs beim Vater- lande stimmen kann. Nach einer „Temps"-Meldmrg hat die Londoner Konferenz beschlossen, die Abstim- mnngskommission zu veranlassen, den Abstimmungstag auf den 20. März festzusetzen, oder, wenn unvermeidliche Hindernisse sich dem entgegenstellen, auf ein nur unwesentlich von dem vorgeschlagencn Tage abweichendes Datum. Der Anstatt zur Londoner Konferenz kann als erfreulich bezeichnet werden. Hoffentlich ist er ein gutes Zeichen dafür, daß den deutschen Delegierten auf der Londoner Konferenz weitere günstige Erfolge beschieden sind.
Verstärkung der Besatzung in Oberschlesien.
** Genf. (S. C.) Havas meldet aus London: Der allitierte Kriegsrat unter Fochs Vorsitz wird sich am Donnerstag mit den militärischen Sicherheitsmaßnahmen für Oberschlesien während der Abstimmung befassen. „Echo de Paris" meldet aus London: Frankreich habe sich durch Bertbelot bereit erklärt, gleichfalls Truppen- verstärkungen für die Abstimmungszeit nach Oberschlesien zu senden. Der Alliierte Rat hat sich seine Entschließung vorbehalten, ebenso über den gleichen Antrag Italiens.
Das Elend in Polen.
»* Wegen unbefugter Grenzüberschreitung sind von der Abstimmnngspolizet in Oberschlesien in den letzten Tagen wiederholt polnische Arbeiter fcstgenounnen worden, Sie anqaben, ans Hunger die deutsche Grenze überschritten zu haben. Die Leute sehen sehr unterernährt aus und behaupten, schon tagelang nichts gegessen zu haben. Das hindert die polnischen Agitatoren doch nicht, der oberschlesischen Bevölkerung unentwegt Polen als Schlaraffenland zu schildern, wo Milch mrd Honig fließt. Nach dem „Gornico Wielkopolski" hat Posen, was die Teuerung betrifft, Warschau bereits übertroffen. Ein Hemd, das vor zwei Wochen etwa 500 Mark gekostet hat, kostet heute schon 1500 Mark. Schuhe, die vor zwei Wo°
chen 2500 Mark gekoster haben, sind heute schon bis z« 4000 Mark gestiegen. Ein Zimmer im Hotel kostet 150 bis 200 Mark pro Tag. Dieselben wirtschaftlichen Zustände würde man in Oberschlesien erleben, wenn die blühende Provinz dem Polentum anheimstele.
Eröffnung des Stantsgeridjisijoles.
** Am Montag fand im großen Sitzungssaals des Reichsgerichts in Leipzig die Erösinung des Staatsge- richtshofes für das Deutsche Reich in seiner vorläufigen Verfassung statt. Anwesend waren sämtliche sieben Mitglieder, der Vorsitzende, Senatspräsident beim Reichsgericht Könnicke, die Reichsgrichtsräte Rosenberg II und Dr. Pitzcker und die vom Reichstag gewählten Herren Universitätsprosessor Geheimer Hofrat Dr. Konrad Beyerle-München lZentrü, Volksschullehrer und Ministerpräsident a. D. Hoffmann-Kaiserslautern (Soz.), Universitätsprofessor Geheimer Iustizrat Dr. Wilhelm Kahl-Berlin tD. Vpt.j und Senator Dr. Karl Petersen- Hambttra (Dem.j. Nachdem Reichsqerichisvräsideni Dr., Delbrück den Gerichtshof namens des Reichsgerichts begrüßt hatte, eröffnete Präsident Könnicke den ersten Staatsgerichtshof des Deutschen Reiches mit einer Ansprache, in der er die staatsrechtliche Bedeutnng des Gerichtshofes darlegte. Den ersten Gegenstand der Tagesordnung bildete die Regelung des Prozeßverfahrens. Beschlossen wurde, daß dieses sich zunächst nicht auf die sog. Ministeranklagen erstrecken soll.
Die Maaßen der üMich.
** TInf der Tagung der Allgäuer Einwohnerwehr hielt der Landeshauptmann Escherich eine Rede, in der er ausführte, daß die bayerische Einwohnerwehr Hun- dertianiende entschlossene Männer umfasse, die nicht mebr gewillt seien, sich unterkriegen zu lassen. Escherich, der die Grütze und die Sympathie des bayerischen Ministerpräsidenten überbrachte, erklärte, daß er niemals der beschlossenen Gewalt weichen werde, oder aber die Wehrleute entzögen thm ihr Vertrauen lZurnf: Nie- nrals! Stürmischer Beisall.). Wer anderer Gesinnung ist, möge sich trennen. Von den übrigen verlange er, daß sie sich noch fester um ihn schließen für die schweren Stunden, die noch kommen werden. Redner schloß mit den vier Leitgedanken: Sicherung der Verfassung zur Erhaltung, des Deutschen RWW, AblMung anLLLÄLr
"Ordnung und jeglicher Rechts- und Links- puiMes.
Die Vorbereitung der Gegenvorschläge.
** Die Besprechungen im Unterausschuß der Sachver- stänöigen-Kommifsion zur Beratung der deutschen Gegenvorschläge konnten wider Erwarten am Montag noch nicht zum Abschluß gebracht werden, und man hofft, daß daß Plenum der Sachverständigen am Mittwoch die Erörterung der Beschlüsse des Unterausschusses aufnehmen samt Minister Dr. Simons wird wahrscheinlich am Dienstag an der Sitzung des Unterausschusses teil- nehmen.
Die Beratungen der Sachverständigen haben die Unmöglichkeit der Erfüllung der geguerischen Forderungen, wie es Dr. Simons im Reichstage und in der vergangenen Woche in den Hauptstädten der süddeutschen Länder wiederholt betont hat, in vollem Umfange erwiesen, gaben aber die geeignete Grundlage, auf der in London über die Wiedergutmachungsfrage erneut verhandelt werden kann.
Die Pariser Beschlüsse.
** Ge«f. (S. C.) Wie der „Matin" aus London meldet, hat der alliierte Rat in seiner Eröffnungssitzung am Montag den Bericht der alliierten Sachverständigen entgegengenommen und die Pariser Beschlüsse als gerecht und durchführbar bezeichnet. Der Bericht wird der deutschen Delegation am 1. März vorgelegt werden.
Die Drohung mit dem Vormarsch.
®* Genf. (S. C.) „Echo de Paris" meldet aus Lon don: In der Besprechung Fochl " " "
hat steil England bereit erklärt, 1
iS mit Wilion in London
Sat sied England bereit erklärt, an den militärischen Vorbereitungen für einen Vormarsch in Deutschland teil» zunehmen, sofern eine Vollmacht des Alliierten Rates nach Abschluß der Londoner Besprechung ergebt. Die Engländer würden drei Bataillone der Rheinlandsarmes berertstellen.
Eine konfuse Rechnung.
Der Sonderberichterstatter des „Matin" meldet aus London die Beträge, die die einzelnen Staaten der Re- parationskommission als die Höhe ihrer Schäden angegeben haben: Frankreich verlangt 2185 Milliarden Pa- mersranken: England 2 541502 534 Pfund Sterling so- wre r 587 862 086 Franken. Italien 33 Milliarden Lire, 37 Milliarden Franken und 828 Millionen Pfund: Polen 23 Milliarden Goldmark: Rnmänien 61 Milliarden Goldfranken: Brasilien schätzt seine maritimen Schäden auf 1180 000 Pfund Sterling: Belgien bringt eine Rechnung von 64 Milliarden belgischer Franken und 2% Milliarden französischer Franken. Für die Familien verlangt England im ganzen ungefähr 8 Milliarden 1 Goldmark. Außerdem werden die Rechnungen von Portugal, der Tschecho-Slowakei, Japan und Rumänien, die noch nachkommen, auf etwa 5 Dtilliarden Goldfranken veranschlagt.
Der „Matin" bemerkt, daß die ganze Abschätzung einen ziemlich konfusen Eindruck mache. Das scheint auch uns so. .