Hersfelöer Tageblatt
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Nr. 58
Freitag, dem 4 März
1931
Reine Entmannung in London.
Die Antwort der Alliierte«, ein Ultimatum.
** In der Vollsitzung der Londoner Konferenz, die Donnerstag mittag 12 Uhr im St. James-Palast statt- T«Set, wird der deutschen Delegation die Antwort der Alliierten auf die deutschen Gegenvorschläge mitgeteilt werden. Briand äußerte sich bei seiner Rückkehr von der RacAntttags-Sitzung am Mittwoch den Deutschen würde «e einstimmige Entscheidung der Alliierten mitgeteilt »erden. Er lehnte es ab, vorher irgendwelche Mittei- Angen zu machen. Reuter bestätigt, daß auf der Nach- mittagskonferenz unbedingte Uebereinstimmung sowohl Mit Bezug auf die deutschen Gegenvorschläge als auch tuf die Folgen herrschte. „Die Sitzung war von großer Bedeutung".
Keine Abreise der »rutsche« Delegation.
** Die deutsche Delegation teilt mit, daß sie keinesfalls die Absicht habe, wie eine englische Zeitung meldet, London zu verlasse«, sondern »atz sie im Gegenteil die in Berlin verbliebenen Sachverständige« ehestens in London erwarte.
Die Lage hoffnungslos.
♦* In alliierten Kreisen verlautet, daß namentlich die Engländer die Lage als hoffnungslos ansehen, wenn die Deutschen ihr letztes Wort gesprochen hätten. Dem Vertreter der „F. 3" wurde in politischen Kreisen er- Härt, daß die Alliierten innerhalb 24 Stunden annehmbare Vorschläge verlangen werden. In diesem Falle würde eine Möglichkeit zu weiteren Diskussionen beste- hen. Es ist fraglich, ob durch die andere Taktik die drückenden Folgen eines Diktats hätten vermieden werden können. Gleichwohl, so folgert daraus die „F. Z." rechtfertigt nichts die gewählte Methode der Alliierten.
Vor einem Diktat in London.
*♦ London. (F. G.-A.) In der Donnerstag-Sitzung, die um 12 Uhr im St. James-Palast stattfindet, wird Lloyd George den Standpunkt der Entente als einziger Redner vertreten. Bon einer Diskussion wird keine Rede sein, sondern der Fortgang dürfte sich in folgender Form abspielen: Llond George wird die deutschen Gegenvorschläge einer scharf ablehnenden Kritik unterziehen und dmmch Deutschland eine kurze Frist zur An- .mahme oder- Ablehnung der Pariser DeMlüsse geben. Diese Frist wird vermutlich lange genug sein, damit sich Dr. Simons mit der Berliner Regierung in Verbindung setzen kann.
« Berlin. (F. N.) Ueber die Lage in London wird gemeldet: Die Alliierten beabsichtigen, in der Konferenz am Donnerstag den deutschen Delegierten eine Rost zu überreichen, die keinerlei Verhauhlungsmöglich- keiten bietet, sondern den Charakter eines Ultimatums trauen dürfte. Deutschland wird darin voraussichtlich eustefordert werden, innerhalb einer kurzen Frist den Vereinbarungen der Pariser Konferenz zu entsprechen, falls es die Ausführung der Strafbestimmungen vermeiden will.
Keine unmittelbare Gefahr des Abbruchs.
London. (L.-A.) Der Berichterstatter des „L -A. bezeichnet es als charakteristisch, daß sich das Foreign of- fiee nach Reuter am Mittwoch spät nachts noch näber mit den deutschen Vorschlägen beschäftigt hat. Man scheint von unterer Seite zu erwarten, daß der in Berlin erwogene Plan, den Alliierten ein gewisses Interesse an dem deutschen Außenhandel zu geben, ohne die 12= prozentige Aussubrabgabe einzuführen, wieder aufae- nomnmn wird. Trotz des zunehmenden Prene-Alarms, auch in der englischen Preise, scheint die Konferenz sich seit Mittwoch abend vom Brvckpuukt entfernt z« habe«, vorausgesetzt, daß nicht ein neuer Umiall Lloyd Georges stattfindet.
Die Zwauasmatzuahme«.
w London. lT. U.) Europa Preß meldet: Das UT= ttmatnm das Donnerstag mittag der deutschen Delegation überreicht werden wird, stellt Deutschland eine Frist bis Montag zur Erklärung, ob das Abkommen von Paris angenommen wird oder nicht. Zu gewissen Abänderungen der Zahlungsbedingungen soll die Entente bereit fein. Im Ablehnungsfälle soll sofort mit »er Anwendung der militärischen Sanktionen begonnen werSen In erster Linie soll die BespUnna von Duisburg «nd einige« Nvbrorte« beabsichtigt sein. Weitere Besetzungen sind vorerst nicht ins Auge gefaßt. Als wirtschaftliche Zwangsmaßnahme droht man vor allem mit der Besteuerung der Ausfuhr an die Länder der Alliierten mit SO Prozent.
London. (F. G.-A.i Der Cbek des belgischen Generalstabes ist am Donnerstag früh hier eingetroften. Die Mittwoch-Abendblätter enthalten an hervorragender Stelle Berichte aus Paris, wonach dort die Truppentransporte nach Dentschland vorbereitet werden.
Die Droh««» mit den» Einmarsch.
w Genf lS C.i Havas meldet am Donnerstag auS . London- Der alliierte Rat hat in seiner Snndersitznna am Mittwoch mittag dem Einmarichplan des Marsibolls Fach znaestimmt Der alliierte Rat hat sich die Em- Neßung über den Termin des Einmarsches vorbe- ^^ Rotterdam. (S. C.i Die niederländische Agentur meldet aus London: In der Berainna der englischen Sachverftändiaen haben die ArbeitSlosen-Vertreter (?) den Ausschlag gegeben. Sie haben für die Anmendimg von Zwangsmaßnahmen gegen Deutschland gestimmt, jedoch nicht vor dem 1. Mai.
Bereitschaft der englischen Nordseeflotte.
w Rotterdam. (S. C.) Wie „Daily Telegraph" erfährt, hat die englische Admiralität am 2. März die Nordseeflotte in erhöhte Alarmbereitschaft erklärt. Es i wird kein Urlaub an Mannschaften mehr erteilt.
Die Durchführung »es Friedensvertrages.
** Berlin. Der Reichshaushaltsetat für das Rechnungsjahr 1921 nennt außer den 7 Milliarden Mark für die Kosten des Besatzungsheeres im Rheinlande allein drei Milliarden Mark für die Lieferung von Tieren an die Alliierten auf Grund des Friedensvertrages.
Die Beratunge« der Alliierte«.
** Agence Fournier meldet: Der Alliierte Oberste Rat ist am Mittwoch in dem St. James-Palast zusammengetreten und hat die Marschälle Foch und Wilson sowie die übrigen Sachverständigen in der Frage der Sanktionen angehört. Sie verlangten, daß ihnen der Nachmittag eingeräumt würde, um ihren Bericht zu beenden. Die Frist wurde ihnen gewährt. Die militärischen Sachverständigen werden ihren Bericht der neuen Sitzung des Obersten Rates unterbreiten, die abends 5 Uhr festgesetzt wurde. Den ganzen Vormittag haben eifrige Beratunqen stattgeinnden. Die finanziellen Sachverständigen haben im Finanzministerium unter dem Vorsitze des Schatzkanzlers Chamberlain getagt. Die Sitzung wurde jedoch vormittags gegen 12 Uhr aufgehoben, um dem SÄatzkanzler Gelegenheit zu geben, an der Sitzung des Obersten Rates teilzunehmen. Die fi- nanzjellen Sachverständigen haben nachmittags eine neue Sitzung abgehalten. Die militärischen Sachver- ständigen haben vornrittags die Bilanz der deutschen Verstöße gegen die Entwaffnungsbestimmungen aufgestellt. Nach Schluß der Sitzung des Obersten Rates, die biß mittags dauerte, wurde der Presse eine offizielle Note übergeben, die mitteilt. daß die Konferenz zunächst zwei technische Sachverständige, einen juristischen Sachverständigen unb schließlich die militärischen Sachverständigen angcbört habe.
Ultimatum »er Alliierten?
** Die Konferenz der Alliierten am Mittwoch mit ihren Sachverständigen wird, soweit bisher aus London verlautet, ihren Ausdruck in einer Note finden, die keinerlei BerHa«»lu«Ksm8sliÄkeiten bieten, sondern den Charakter eines Ultimatums tragen dürfte.
o* Die Pariser Blätter verbreiteten am späten Abend, wie dem „L.-A." gemeldet wird aus London die Nachricht, daß die «malische Reoiernna ihre« Widerstand i« der Frage »er militärische« Strasmaßnahme« gegen Dentfchlsnd aufgegeSe« habe. Der Abbruch der Konferenz sei wahrscheinlich. Der ^intransigeant" weiß bereits, daß die bevorstehende Operation sich hauptsächlich gegen Mannheim richten werde. Hierüber sollen nach einer Information der „Libertee" folgende Abmachungen bestehen: Die belgische Armee würde die Gegend von Dortmund besetzen, die französische Armee gegebenenfalls unter Beteiligung schwacher englischer Strettkräfte Franksurt und wenn nötig München. Hamburg wird durch eine enalifch-iranzöstsche Flottenmacht blockiert. Entlang dem besetzten Gebiet wird eine Zollgrenze errichtet. Die Besetzung der genannten Städte Dortmund und Frankfurt und die Blockade Hamburgs würden die Operationen einleiten.
Ruhige Stimmung an der Loudouer Börse.
9h* Ans London wird der „V Z." gemeldet: Gegenüber dem Pessimismus, der sich in politischen Kreisen deutlich bemerkbar macht weist der Londoner Bericht- erffoHer der „V Z " auf ein beruhigendes Moment bot. Die Londoner City war Mittwoch vormittag vollkommen ruhig und unbekümmert. Die deutsche Mark wurde zum gleichen Kurst wie am Dienstag gehandelt. In Geschäftskreisen sieht man dieses Moment als ein ««- trügliches Barometer zuverlässiger Stimmuug an.
Der alt-liberale „Manchester Guardian" der in Opposition gegen die Regierung steht, weist darauf bin, daß der deutschen ebenso wie der französischen Regierung durch die öffentliche Meinung die Hände gebunden seien. Ebensowenig wie die deutsche Regierung über die von ihrem Volk anerkannte Leistungsfähigkeit in ihrem Angebot binausgehen könne, sei es der französi'cheu Regierung möglich, sich mit einem Angebot zufrieden zu neben, das allzuweit hinter der Forderuiig der französischen öffentlichen Meinuna zurückbleibt. Kerne der beiden Parteien kann gegen ihre Ueberzeugung etwas billigen, von deren Unrechtmätzigkeit sie überzeugt sei. Es gäbe daher nur zwei Möglichkeiten: „Die eine sei, Dentschland znm Zahlen zu zwingen, oder es auf andere Weist dazu zu bewege«: der auderc, Weg besteht in dem Verfuch. die augenblicklichen Schwierigkeijen zu überb^ücken in der Hostnuna, daß eine Slbküblung der politischen Hitze in wenigen Jahren ein dauerndes Nebereinkommen möglich machen werde." ES heißt dann weiter wörtl'ch in dem Artikel: „Wer wie wir der Ansicht ist. daß die Pariser Beschlüsse mehr verlangen, als Deutschland zablev kann, kann nicht im Zweifel darüber fein, welcher Kurs der glücklichere ist. Aber anch wir glauben, daß Dentschland selbst die geforderte Gesamtsumme zablt. und man wird gut daran tun, es sich zweimal zu überleoen, bevor man den Versuch macht. Gewalt anzi»vie"den. Die Pariser Beschlüsse sind in mehr als einer Beziehung eine Abweichung von dem Friedens- verfrage. Wenn man sie mit Gewalt durchdrücken wollte, »vürde dies einen Bruch des FriedensvertrageS bedeuten."
Ein Bericht Dr. Simons'.
»* Berlin. (B. T.) Von Dr. Simons ist am Donnerstag ein längeres Telegramm bei der Reichsregierung eingetroffen, das über die Sachlage, wie sie sich den deutschen Unterhändlern barstellt, eingehend berichtet.
Befprech««g Simons mit Lloyh George un» Ssorza.
** Berlin. sS. C.) Die außenpolitische Frage ist noch völlig ungeklärt. Bevor das Reichskabinett über eine neue Formulierung der deutschen Gegenvorschläge an die Entente Beschluß fassen wird, sollen die Sachverständigen gehört werden. Die Nachrichten ans London bestätigen, daß vor der entscheidenden Sitzung am Donnerstag Dr. Simons Besprechungen mit Lloyd George und Graf Sforza hatte.
Dr. Simons Bernfuvg auf »e« Versailler Vertrag.
** Rotterdam. <S. C.) Die „Times" melden, daß die Deutschen nach den Erklärungen Dr. Simons im Falle der Zlnwendung von Zwangsmaßnahmen die Rechte des Versailler Vertrages für sich in Anspruch nehmen wollen. Sie werden gegen Zwangsmaßnahmen protestieren, die auf Grund der Wiedererstattung vor dem 1. Mai von den Alliierten gegen Deutschland vor- genommen werden.
Sitzung »es Reichskabruetts.
** Berlin. lS. C.i Von der deutschen Delegation in London liegen seit Mittwoch abend neue Berichte in Berlin nicht vor. Das Reichskabinett hält Donnerstag früh eine Sitzung ab, die sich mit den Vorgängen in London befaßte.
Feste Summurm in Berlin.
•m- Berlin. In parlamentarischen .Kreisen verlautet, daß der Reichstag nicht vertagt werden soll. Die Regierung beabsichtigt, bei einer entscheidenden Wendung der Lorröoner Verhandlungen dem Reichstag sofort Mitteilung zu machen. In parlamentarischen Kreisen wird auch angenommen, daß. wenn sich eine Verständigung nicht erwarten läßt, die Verhandlungen abgebrochen werden. Der Reichstag will, daß gleichzeittg mit dem Zusammenbruch der Verständigungsabsichten in London die Demission der Regierung mitgeteilt wird.
Das Unannehmbar »es „Vorwärts".
e-t Berlin. Der „Vorwärts" wiederholt im Namen der Arbeiterschaft, die seit beinahe sieben Jahren Furchtbares erduldet hat, die sich aber mit der äußersten Energie nun gegen-tthre buchstäbliche Versklavung und Aus- Hungerung wehrt, daß die Pariser Beschlüsse nudiskutabel seien. ' ' ■- ^'M'M
Der Widerstand im Rheiulaud.
»«r Effeu. Ueber die Haltung der rheinischen Arbeiterschaft schreibt die sozialistische „Rheinische Zeitung": Wir im Rheinlaude wissen, daß die Sanktionen der Alliierten in erster Linie uns treffen werden. Wir wissen, daß die Forderungen der Entente von der deutschen Arbeiterschaft ausqesüSrt werden sollen. Dementsprechend wird auch der Widerstand der unteren Klassen sein.
Ei« vernünftiges belgisches Urteil.
w Die „Jndeyeudance belge" bringt im Gegensatz zu anderen belgischen Blättern eine ruhige Darstellung und gibt zu. daß die lebhafte Ueberraschung, die der deutsche Entschädiguugsvorschlag hervorgeruleu habe, sich gerade auf den Teil der Darlegungen von Dr. Simons bezogen habe, der am wenigsten Beraulastung dazu geben konnte, nämlich die Ziffer von 50 Milliarden. Wenn man die 226 Milliarden des Pariser Abkormncns zu 8 Prozent kapitalisiere, und zwar vor dem 1. Mai 1923, so stelle« die 226 Milliarden ebeufallS «ur 53 Milliarden bar. Diese Kapitalisierung habe Deutschland ins Ange gefaßt. Es habe also auf Seiten der Alliierten tatsächlich ein Mitzverstäudvis vorgelegen.
Italienische Presiestimme«.
w- Der „Popolo Romano" hebt die Worte des Grafen Ssorza hervor und betont, Italien werde für Frankreichs Gewali- und Rachepolitik weder einen Mann noch Groschen noch ein Wort der Sympathie haben. Der „Tempos schreibt, auch diesmal werde das schroffe, hab gierige, antideutsche Prinzip obsiegen, und die Kmu-:- renz werde nichts anderes erreichen, als dem Papier- schloß von Versailles ein neues Stockwerk anfzusetze-:. Es sei indes die Frage, wie lange die schwachen Gruuo- mauern dieses Papierschlosses die fortwährenden neuen Belastungen ausbalten sönnen.
Die Gründe, die Graf Ssorza in der Sitzung der Alliierien gegen eine sofortige militärische Aktion verbrachte, sind nach den römischen Blättern folgende: Eme militärische Aktion fei ein unsicheres Unternehmer: und gegenwärtig noch nicht rechtlich begrürtdet. Die Einsprüche der Alliierten seien erst vom 1. Mai ab gültig, und selbst dann liege noch keine beiderseitige Vertragsverpflichtung tw. Die Lage sei in Span anders gewesen, weil Deutschland damals einschlagende Bestimmunge« schon vorher angenommen hatte. Die Prüfung des Vertrages von Versailles ergab, daß darin kein Rechtsgrun» zu einer gegenwärtigen militärischen Aktion enthalte« sei. Die Presie fünf hinzu, der Eindruck her-rscht vor, daß der Verband keine nrilitärische Aktion vor dem L Mai unternimmt. . _
Die A«sfasi««g in Nenvork.
w Berlin. (F. 3.) Die Neunorker Zeitungen sind
noch optimistisch bezüglich des Fortganges der Lon
doner Verhandlungen „Nennork World" das Blatt Wilsons, meint, die deutschen Gegenvorschläge könnie« als Grundlage für weitere Verhandlungen dienen. Dia Blätter machen die Alliierten daranf aufmerksam, daß ein besetztes Deutschland keine Entschädigung zählen, künne.