Hersfelöer Tageblatt
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Nr 170
Sonnabend, den 23. Juli
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Das geWeäete ReidjsfiaBlnell
uf-
Reichskanzler Wirth hat mit dem Berliner Vertreter der United Preß eine Unterredung über die Lage gehabt, in der sich die deutsche Regierung durch die Fortdauer der Sanktionen und die Haltung Briands in der oberschlesischen Frage befindet. Wirth hat klar erkennen lassen, daß fein Finanzprogramm gefährdet und der Zerfall und Sturz des Kabinetts drohe, wenn die Regierung in den Fragen Oberschlesiens und der Aufhebung der Sanktionen mit leeren Händen käme. Diese Lage ist dem englischen Gesandten Lord d'Abernon klargelegt worden. Wirth führte ergänzend aus, daß dies nicht eine Drohung oder ein Druck auf die Entente fei, , sondern die genaue Lage, mit der die Entente rechnen müsse. — Der Reichskanzler erklärte dann: „Die Aufschiebung der Entscheidung über Oberschlesien und der Aufhebung öer Sanktionen hemme unsere Anstrengungen sehr. Das freundliche Echo, das unsere Politik bei ihrem Beginn in der Welt, Frankreich einge-chlossen, fand, überzeugte uns, daß wir auf dem richtigen Pfade feien, um so mehr war die neue, scharte Oberschlesien- itote Briands für mich ein Schlag ins Gesicht, und ich frage mich, ob Frankreich wirklich wünscht, zu einer Verständigung mit uns zu kommen. Ich muß mich daher fragen, ob ich es mit meinem Gewissen vereinbaren kann, im Herbst vor dem Reichstag zu erscheinen und ihm zu sagen: Ich habe Ihnen die Taschen vergeblich geleert und bringe nichts, was ich Ihnen als Ausgleich dafür zeigen kann! Ich müßte auf meine eigene Frage antworten, daß ich das nicht könnte. Der Reichstag würde das Finanzprogramm niemals genehmigen, und ohne dieses ist das Kabinett Wirth—Ratheuau lebens-
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Ohne weitere Anspielung auf die oberschlesische Angelegenheit zählte Wirth die durch seine Regierung bis heute bewirkten Erfüllungen auf, indem er schloß, Latz diese sicherlich die Bereitwilligkeit und die Redlichkeit der neuen Regierung zeigten. Dann fuhr er fort: „Ich übernahm die Reichskanzlerschaft nicht der bloßen Ehre dieser Stellung wegen oder etwa, damit ein bedentungs- loses Ja an das Ultimatum gehängt wurde. Ich bildete die Regierung, um das Ultimatum ehrlich zu erfüllen. Unsere Aufrichtigkeit ist durch die Tat bewiesen. Wir haben die verlangten Summen 'anqe vor den festgesetzten Daten erledigt, und wir sind überzeugt, Latz die erste Milliarde mit Unterstür in der Banken bis
waffnung. Wir entwaffneten die östlichen Festungen, lösten die Selbstschutzorganifationen auf und sind heute ein Volk ohne Waffen,- wir sind weiter gewillt, Frankreich auf jedem von ihm gewünschten Wege wieder auf- zubauen. Es kann seine eigene Rechnung schreiberr. Wir wünschen ernstlich, eine freundschaftliche Verständigung mit Frankreich. Das sind keine bloßen Worte, sondern unsere wirklichen Gefühle, da Ilebelwollen beiden Ländern schadet und den Weltfrieden verhindert. Das ist kein eigensüchtiges Interesse, sondern das Interesse der Welt und berührt Frankreich, Amerika und jedermann in der Welt, in einer Welt, die Ruhe braucht und die Möglichkeit zum Schassen und ettvas zu verdienen." Von Interesse ist, daß der Reichskanzler bei dieser Gelegenheit auch flüchtig den guten Fortgang des Finanz- programms erwähnt, Las nunmehr fast vollendet ist.
Die deutsche Note «och nicht fertig!
Die deutsche Antwortnote an die französische Regierung ist, wie aus sicherer Quelle verlautet, am Donnerstag nawmittag im Sieichskabinett zum Vortrag gebracht wordcu. Es ergab sich bei der Beratung völlige Einstimmigkeit über die Grundlagen der Note. Die definitive Fassung des Textes steht aber noch nicht fest, da noch einige Erhebungen zur Feststellung der von Briand mitgeteilten Tatbestände erfordertet) sind. Infolgedessen kann auch noch nicht gesagt werden, zu welchem Zeitpunkt die Note der französischen Regierung übergeben und veröffentlicht werden wird.
Die nette Gefahr in Oberschlesieu.
W Londo«. (F. G. A.) Die französische Regierung hat ihrem Entschlüsse, weitere Truppenverstärkungeir nach Oberschtesien zu entsenden, die Tat überraschend schnell solaen lassen. Von gnt informierter Seite wird bekannt, daß man es in Parts für vorteilhaft befunden hat, ohne das Eraebnis des Meinungsaustausches zwischen London und Paris über diese Frage abzuwarten, eine in Paris bcreitgeholtene Division nach Oberschle- sien abaincHöen. Von der gleichen Stelle wird der „Daily Chronicle" mitgeteilt, daß in London die Entsendung von weiteren sranzösischen Truppen nach Oberschlesien als nicht geeignet angesehen wird, die Lage zu klären. Man ist im Gegenteil der Ansicht, daß die Polen dadurch zu weiteren Angriffen provoziert werden. Wenn dieser Fall ernirete» würde, würden die Deutschen sich rächen, und ganz Oberscklesien würbe wieder in Flammen steben. Dann würden die Franzosen wieder einen Verwand haben, um über Dentschlauö Beschwerde zu führen und mit einer neuen Besetzung des ! Ruhrgebietes drohen zu können.
Beseitig««« mißliebiger Oberscklesier.
im; Die schlesische LandeSzeitung bringt einen Artikel, i wonach neuerdings oberschlesische Deutsche in geheim- nisvoller Weise verschwinden, vor allem Angehörige des Selbstschutzes. Es ist sestgestellt worden, daß unter Let- tting eines französischen Hauptmanns ein iranzomch- polnisches Geheimkommando mißliebige.Personen ohne Aufsehen geheim verschwinden läßt. Bisher sind etwa ÄO Personen spurlos verschwunden.
„Dann ist es zu spät, Amerika!«
e* Nach einer Meldung der „Frankfurter Zeitung" wird in Neuyork erklärt, eine Intervention der Bundesregierung in der oberschlesischen Angelegenheft würde nur dann erfolgen, wen« -er europäische Friede unmittelbar bedroht wäre.
Oberschlesien „zu klein"!
w Aus Washington wird gemeldet: Das Staatsdepartement erklärt, daß die Veränderungen in dem strittigen Gebiete Oberschlesiens nicht ansehnlich genug seien, um der Regierung Grund zu geben als Vermittler aufzutreten.
Ostpreußen entfestigt.
»-» Berlin. Die Entfestigung der preußischen Festungen ist am 15. Juli abgeschlossen worden. Der Eutente- entwaffnungskommission wurde von dem Abschluß der Entfestigung Mitteilung gemacht. — Damit ist die Ent- festigung Deutschlands gemäß den Bestimmungen der Entente durchgeführt.
Amerika im Vordergründe.
•>* Das Reichskabinett hielt am Douuerstag zwei Sitzungen ah. In der ersten Sitzung wurde die Antwortnote an Frankreich beraten. Die zweite Sitzung begann um 4 Uhr und wurde um 5 Uhr unterbrochen, um dem Reichskanzler Gelegenheit zu geben, in der Wilhelmstratze die Vertreter der amerikanischen Presse zu empfangen. Reichskanzler Dr. Wirth soll in der Konferenz mit den amerikanischen Pressevertreter« in Gegenwart des Außenministers Dr. Rosen ««d des Wiederansbauministers Dr. Rathenau eine Rede gehalten haben, deren Wortlaut geheim gehalten werden soll. Der Berliner Berichterstatter des „Pettt Pa- rifien« glaubt zu wisse«, daß der Reichskanzler in dieser Rede den deutsche« Standpunkt in der Frage des deutsch-auterikanischen Friedens, der Zwangsmaßnahmen und die oberschlesische Frage auseinaudergesetzt haben soll. Der Reichskanzler fett unzweideutig auf die Vermittlerrolle augefvirlt haben, die die Regierung der Vereinigten Staaten i« der oberschlesische« Frage spielen könnte.
Wird Amerika vermitteln?
•>* Die Frage der Vermittlung in der oberschlesischen | Frage durch die ameAkani^e Regierung wird einem
einigten Staaten soll sogar amtlich um diese Vermittlung angegangen worden sein.
Der Gegensatz zwischen London «nd Paris.
m Die französische Antwortnote ist am Donnerstag nachmittag durch den französischen Botschafter dem Auswärtigen Amt überreicht worden. Der Wortlaut entspricht den Grundzügen, die bereits von London aus gemeldet worden sind. Der Londoner Berichterstatter des „Newyork Herald" faßt den Wortlaut der langen Note in folgendem Satz zusammen: Briaud will die Konferenz des Obersten Rates, in der die Entscheidung über Oberschlesien fallen soll, erst Ende August abhalten. Der Berichterstatter des „Newnork Herold" führt dann weiter aus: Die MeinungsvcrschicLenüSiten zwischen England und Frankreich sind hauptsächlich darin zum Ausdruck gekommen, daß die Ansichten in Paris und London über die Truppenverstärkungen in Oberschlesien weit aus- einandergehen. Die Franzosen wollen deshalb die En- tentetruppen in Oberschlesien verdoppeln, weil sie fast ganz Oberschlesien den Polen züweisen wollen. Die Engländer wiederum wollen nur möglichst schwache Entente- truppen in Oberschlesien haben, um den französischen Plan zur Aufteilung Oberschlesiens dnrchkre«zen zu können.
Der Standpunkt Lloyd Georges.
»-« London. (F. G. A.) In gut unterrichteten Kreisen verlautet, daß die englische Regierung auf die fran- zösische Note in einer Mitteilung an die Presse oder durch eine Erklärung im Parlament antworten werde. Man zweifelt daran, daß sich die englische Regierung dem französischen Standpunkt anschließen wird. — Lloyd George erklärte im Unterhause, daß die oberschlesische Frage nicht vor Einbernfnng des Obersten Rates gelöst werden könnte.
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Die Kriegseutschädiguug.
»* Nach-einer Meldung der „Chicago Tribune" ist man in ben internationalen Finanzkreisen zu dem Schluß gelaugt, daß die in London sestgesetzte Reparations- summe von 132 Milliarden Goldmark die Gesamtcntschä- diguag darstelle die die Alliierten nicht nur von Deutschland allein, sondern auch von seinen Verbündeten zu erhalten habe. Diese Auffassung wird jetzt von den Alliierten geteilt, da sie sich auf den Artikel 231 des Ver- sailler Vertrages stützt. Diese Entscheiömrg hat nicht die Bedeutung, daß die mit Deutschland verbündeten kleineren Länder nicht zu den Reparationszahlungen herangezogen werden könnten, sondern Laß die von Len Verbündeten Deutschlands geleisteten Reparationszah- lugen auf die Gesamtcntschäöigung anzurechnen sind, lieber Sie Heranziehung der kleiueren Mächte zu deu Reparationszahlungen ist noch nichts beschlossen ivorLem
Japan und der Versailler Vertrag.
Japanischen Zeitungsmeldungen zufolge beabsich- rigt die iapanische Regierung, demnächst dem Völkerbünde einen Antrag auf Revision des Versailler Vertrages zngehen zu lassen, und zwar soll verlangt werden, daß erstens der französische unb der englische Text des Vertrages, der in nicht weniger als zehn Punkten
von einander verschieden ist, in Ueberetufttmmnüg gebracht werden, und zweitens wird Japan itt bet 8t» kenntnis, daß viele Punkte des Vertrages Bereitet sind, eine völlige Revision beantragen. Außerdem soll in dem Vertrage der Tatsache Rechnung getragen werben,, daß die Aufrechterhaltung des Friedens und der Ruh« im fernen Osten allein aas de« Schulter« Japans möt — Da auch andere europäische ehemalige Kriegsgeguttt Deutschlands Ansprüche auf Revision des Versailler Vertrages gemacht haben, wird der Völkerbund an de« japanischen Anträgen wohl nicht vorüber gehen könne«.
Die -eutsche« Reparationszahlungen.
m Berlin. Die letzte Zahlung der deutschen Reich-- regierung an- die Reparationskommission in Höhe nun 41 Millionen Goldmark ist für den 1. September angeboten worden.
Die -eutsch-französtsche« Befprechnngen.
m Senf. Ueber die Verhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich in der WiederMtmachungsfrage erklärt das Journal des Debats", daß die Unterzeichnung des Abkommens am komme«-«« Sonna-en- er* olgen solle. Die noch vorhandenen Schwierigkeiten be- reffen die Anrechnung der Sachleisttmgen auf die Ge- samtentschäölgung.
Die Angst vor einem -euttcke« Angriff.
m Paris. (F. G. A.) In parlamentarischen Greifen verlautet, daß Frankreich für seine loyale Mitarbeit an der von Harding vorgeschlagenen Abrüstungskonfere«- verlange, daß Amerika im Falle eines deutschen mUita- rischen Angriffs (!) Frankreich unterstützen müsse.
Ausnahme Deutschlands in -e« Völkerbund.
•m Berlin. Von neutraler Seite ist, wie aus zuverlässiger Quelle verlautet, der ReichsregieruM eine Anfrage zugegangen, welche Stellung die Reichsregierung zu einem Antrag der Neutralen um Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund einnehmen würde. Die Antwort Deutschlands soll «icht in einem ablehnende« Sinne gehalten sein.
Deutschland und Nutzlands Not.
w Die aus Rußland eintreffenden Nachrichten über die infolge der Mißernte drohende Hungersnot, insbe- fondere der Aufruf Maxim Gorkis, in dem er darauf hinwies, daß Millionen jetzt. Lurch Krieg und Revolu- ■ nim^^ >WM
und Medikamenten, werden im ganzen deutschen Volke den tiefsten Eindruck hervorgerufen haben. Auch in Re- giernngskreisen beschäftigt man sich mit der Frage, wie dem fchwerleidendeu russischen Volke geholfen werden könnte. Für Deut'" ' ...... " " * ' gäbe von größeren
ti Volke geholfen werden land könnte allerdings die Her- „. _______ ... engen von Lebensrnitteln nicht in
Betracht kommen, da es daran selbst keinen Ueberflutz
hat. Wohl aber wäre daran zu denken, die Not und das Elend des russischen Volkes durch Stellung von Aerzten und Sendung von Arzneimitteln zu erleichtern. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß das deutsche Volk sich au einer internationalen Hilfsaktion zu Gunsten der Rusien nach besten Kräften beteiligen wird. Das gegebene Organ wäre das Note Kreuz. Man darf aber wohl annehmen, daß die deutsche Regierung einer deutschen Aktion zur Linderung des russischen Elends ihre Unterstützung nicht versagen wird.
Die Ernteausfichten.
Wie alljährlich um diese Zeit wird die Öffentlichkeit mit der, wenn sie richtig wäre, sehr erfreulichen Kunde überrascht, daß die Ernte eine vorzügliche z» werden verspreche. Fast alle Jahre erweist sich diese Nachricht als stark übertrieben, wenn nicht ganz irrtümlich. In der „Berliner Morgenpost" befindet sich in einem Arti- / kel über die Brotpreiserhöhung eingeflochten die Nachricht, daß in Roggen und Weizen eine Rekordernte, die beste seit einem Jahrzehnt, erwartet werden dürfe. Weniger ergiebig, aber auch immerhin gut werde die Hase rerme werden. Diese optimistische Aussasiung wird im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft nicht geteilt. Soweit man in der jetzigen Zeit, in der noch ein großer Teil der Ernte auf dem Halm steht und das bereits geerntete Getreide nur zu einem sehr geringen Teile ausgedroschen ist, überhaupt ein Urteil fällen kann, wird die Ernte in einem Teil Deutschlands, der genügende Niederschläge zur rechten Zeit erhalten hat, wohl durchaus befriedigende Ergebnisie haben. Dagegen lauten aus vielen Gegenden, wo der Regen gefehlt hat, die Nachrichten über die Getreideernte recht ungünstig. Im ganzen wird man kaum annehmen dürfen, daß der Ernteertrag im Durchschnitt über den einer Mitteler«te erheblich hinausgeht.
Lohnforderungen.
Die neue Lobnbewegung in der Berliner Industrie ist allgemein geworden. Es werden unter der Begründung der allgemeinen Teuerung, insbesondere der zu erwartenden Erhöhung der Brot- und LebeusmUtel- preise Forderungen aus Erhöhung von 60—80 Prozent der jetzigen Löhne gestellt. Die Lohnbewegung hat nun auch auf das rheinisch-westfälische Industriegebiet über- gegriffen. Eine.Konferenz des christlichen Bergarbeiter- gcwcrkenvcreins für den Bezirk Bochum hat befdtloiien, die Hauptleitung zu ersuchen, Maßnahmen für eine Lohnerhöhung zum Ausgleich für die zunehmende Teuerung der Levensmittel und Bedarfsartikel zu :reffen.
Der Ausschuß der Erwerbslose» hat mit der Stadtgemeinde Berlin ein Abkommen getroffen, wonach allen Erwerbslosen Grob-Berlins neben den fortlaufenden