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HersfelSer Tageblatt

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Nr 103

Mittwoch, den S Mai

193»

MWH-lranzWlÄer JBtmäBlä

Tichitscheri« a« Barthou.

Tschitscherin richtete an Bartbou ein Schreiben, das, Wie er sagt, zur Beseitigung der Meinungsoerschiedrn- Kienen und ArveibeutWeiten dienen soll, die den norma- ?en Gang der Konferenzarbeiten verhindern. Tschit- Werin verwahrt sich darin gegenüber den französischen Kresseäunerungen dagegen, daß der deutsch-russische Ver­trag geheime militärische oder politische Bestimmungen Mit einer Spitze gegen Frankreich enthalte. Das Ab­kommen von Rapallo ist nach der Ansicht der russischen Regierung nichts anderes als der Beginn einer Reihe »o« Abmachungen, die gemäß den Anschauungen der rns- {scheu Abordnung das allgemeine Abkommen ergänzen Ren, das die in Genua versammelten Mächte anstreben.

Barthons Antwort.

»»Der Brief Tschitscherins, in dem dieser gegen die Auffassung protestiert, als enthalte der Napalloverlrag Lgendwelche geheime Bündnisparagraoben, ist von Barthou beantwortet worden. Darin erklärt Barthou, »atz er den Brief noch am Sonntag abend in Poincaree Weitergeleitet habe und daß er die Aufrichtigkeit dieses Schreibens nicht anzweifle. Frankreich hielte gegenüber »em ehemaligen russischen Verbündeten treue Freund­schaft. (1)

Tschitscherins Zurückweisung an Polen.

»-»Die Antwortnote Tschitscherins auf die Note der pol- »ischen Delegatwn weist zunächst den Anspruch Polens «nd gewisser anderer Staaten. Klauseln der von Ruß- Rand geschlossenen Verträge zu annullieren, zurück und betont, daß sich Polen im Gegensatz zu dem Vertrage von Riga setze, wenn es den lebenswichtigen Interessen . Rußlands entgegenarbeitet. Nach vollkommener Ableh- «u«g der polnischen Deutungen schließt die Note mit «en Worten: Wenn ich auch nochmals den unver- n und.festen Friedenswillen Rußlands nnter- Eeiche, so ist "es mir doch unmöglich, mein Bedauern ritber zu verschweigen, daß die letzten Schritte der pol- «ischeu Delegation kaum geeignet sind, die Festigung Nr durch den Vertrag mit Rutzland geschaffenen Bezie­hungen zu fördern.

Das neue Memorandum a« Rußland.

»^Fn der Sitzung der Vertreter der einladenden Mächte am

säs Memoranbilm^an vollständig ausgear­beitet und angenommen worden.

Die Wirtschaftskommission.

»--Die erste Wirtschafts-Untercommission beschäftigte sich mit der Prüfung des Artikels 4 der Londoner Be­stimmungen. An der Aussprache haben Deutschland, Italien, England, Frankreich uu& Japan teilgenommen. Nach kurzer Besprechung wurde der endgültige Text des Artikels festgesetzt. Danach wurde über die Meistbegün­stigung verhandelt. Deutschland und Japan machten neue Vorschläge. Die Sitzung wird am Dienstag vor: mittag fortgesetzt.

Die Sitzung der Wiri'chafts-Unterkommisüon war dadurch bemerkenswert, daß bet der Erörterung der all­gemeinen Meistbegünstigung sich der englische Vertreter mit sehr großer SnisÄledeuhrri für das Projekt erklärte, ebenfalls der italienische uno icwcimute Vertreter. Ev wird nun interessant ein, wie sich am Dienstag die Ver­treter Frankreichs und Belgiens stellen werden.

Allmählicher Abbau der Konferenz.

»-»Die Arbeiten der Ausschüsse, die sich mit wirtschaft­lichen, finanziellen und politischen Fragen beschäftigen, dürften im Laufe der Woche zu Ende gehen. Vorans- sichtlich wird ein Teil der deutschen Delegatwn und der ihr zugeteilten Sachverständigen in den nächsten Tagen nach Deutschland zurüükehrcn und ein allmählicher Ab­bau der deutschen Vertretung von Genua öurchgesichrt werden.

Der Reichstag und Genua.

«^ Berli«. (S. C.) Wie wir erfahren, wird zwischen deu in Berlin weilenden Führern der großen Parteien angesichts des fortdauernden Krisenzustandes in Genua die Frage einer Stellungnahme des deutschen Reichs­tages zu den Vorgängen in Genna seit einigen Tagen ventiliert. Am Montag abend sind ans Genua 18 deut­sche Sachverständige nach Deutschland zuruckgekehrt. Anch die russischen Sachverständigen sind zum teil auf der Rückreise nach Rußland, die über Berlin führt. Mit dem schnellen Abschluß der Konferenz in Genna rechnet jetzt auch die deutsche Regierung, die am Freitag der in Berlin auf Abberufung nach Genna wartenden lebten Kommission der Sachverständigen den Verzicht auf ihre Fnausprnchnahme für Genua mitgeteilt hat.

; Haveusteius Bericht.

w Berlin. (S. C.) Neichsbankpräsident Havenstein bat am Montag dem Reichspräsidenten Bericht über seine Genueser Reise erstattet. Die Berliner Börse spricht all­gemein von einem Scheitern der finanziellen Bemühun­gen Deutschlands in Genua, soweit eine augenblickliche Hilfe in Betracht kommt. In Bersola dieser Tendenz wurden Montag früh den Berliner Banken allgemein größere Kaufaufträge aus der Provinz für den Monat Mai erteilt.

Frankreichs Bedingungen für den Burgfriede«.

«- Zürich. sS. C.) Der MailänderCorriere della Se­ra" meldet aus Genua: Der jugo-slawische Delegations- füürer hatte mit Barthou eine Unterredung. Er machte iattita den. iULo-llawischen Pressevertretern die über­

raschende Mitteilung, daß Frankreich einem 10jährigen europäischen Friedenszustand nur zustimmen werde, meint in diesen 10 Fahren keine Abrüstnngsvorschläge zu Land erfolgen und wenn der offizielle Beitritt der klei­nen Entente zur großen Entente von den Alliierten zu- gestanden würde.

Dubais droht mit .Sanktiouen".

^Karlsruhe. (S. C.) DieStraßburger Zeitung* meldet aus Paris: Dubois, der Vorsitzende der Repa­ration ökommission, hat in St, Epinal eine Rede gehal­ten, in der er u. a. bekanntgab, daß in der ReparattonS- kommifsion völlige Einigkeit bestehe, am 31. Mai zu Sanktionen* gegen Deutschland überzugehen, falls Deutschland die ihm gestellte Frist unbenutzt vorüber­gehen lasse.

Die zweite Vollsitzung der Genueser Konferenz.

»-* Genua. (L. A.) Das Programm der zweiten Voll­sitzung der Konferenz, die am Mittwoch im Palazzo San Georgio abgehackten werden soll, ist folgendes: 1. Be­ratung der von der zweiten Konuntssion vorgelegten Re­solutionen: a) laufende Angelegenheiten, 6) Zentral- und Emissionsbanken, c) die öffentlichen Finanzen unter Berücksichtigung des Wiederaufbauwerkes, ö) Valuta- fragen, e) Organisation des öffentlichen und privaten Kredits 2. Beratung der non der vierten Kommission vorgelegten Beschlüsse über Transportfragen.

Abreise Barthous «ach Paris.

e-* Scitttti. (B. T.) Barthou ist Dienstag vormittag 10,55 Uhr hier abgereist entsprechend seinem Freitag abend gefaßten Beschluß, nach der Einigung mit Eng­land über das russische Memorandum sich mit Poincaree aüszusprechen. Er hatte vor seiner Abreise noch eine lange Unterredung mit Lloyd George, in der folgende vier Punkte besprochen wurden: 1. Regelung nnt Ruß­land, 2. europäischer Burgfriede, 3. Tagung des Obersten Rates,. 4.Sanktionen",______________________ ..

»-»Genua. (B. N Die führenden Mitglieder der französischen Delegation haben sich Montag früh in Bar- wous Villa begeben, um sich noch einmal mit ihm zu besprechen, bevor Colrat vertretungsweise die Regelung der französischen Politik in Genua übernimmt. Die Ver­treter der englischen und französischen Delegationen waren bei der Abreise am Bahnhof anwesend. In eng­lischen und französischen Kreisen legt man der Abreise BÄMWL^kS^t, i®«W?«« Charakter zu nehmen. Seine Abreise halte 5te Arbeiten nicht im Ge­ringsten auf. Barthou braucht nicht persönlich seine Un­terschrift unter das Dokument zu setzen, das man Mon­tag abend den Russen übergeben wird. Für Frankreich wird Colrat das Schriftstück unterzeichnen.

Neue Friedeuskundgebung des Papstes.

»»Der Papst richtete an den Kardinal Gaspart ein Schreiben, in dem er den lebhaften Wunsch ausdrückt, in der ganzen Welt einen wirklichen Frieden wieder her­gestellt zu sehen, der in der Versöhnung der Geister und nicht bloß in der Abstandnahme von Feindseligkeiten be­steht. Er könne nicht seine tiefste Genugtuung darüber verbergen, gleich den guten Willen aller die starken Hin- dernisic eines allgemeinen Einverständnisses zu entfer­nen schienen. Die Rückkehr der menschlichen Gesellschaft zu einem nvrnialen Zustande, der in seinen Teilen im wesentlichen mit den Gesetzen der Vernunft überein- stimmt und der sicherlich die göttliche Ordnung sei, werde außerordentlich vorteilhaft für alle sein, für Sieger und Besiegte, besonders für die armen Völkerschafteil am äu­ßersten Ende Europas. Das Schreiben schließt: Bei der universellen Mission der geistlichen Liebe, die dem Papst vom Heiland anvertraut sei, müssen sich alle von neuem mit christlichem Geist und wechselseitigem Wohlwollen vereinen in dem Bestreben, für das gemeinsame Wohl au arbeiten, das endlich jeder Nation die besten und dauerhaftesten BorteUe gewähren würde.

Die Gehaltsforderungen der Beamten.

Am Montag nachmittag haben im Reichsfinanzmini- sterinul die Verhandlungen zwischen der Regierung und den Organisationen der Beamten und der Staatsarbel- ter begönnert. Zu den Verhandlungtzn war außer den Vertretern der bekannten Grotzorganisationen auch der Deutsche Beamtenbund geladen. Es ist anzunehmen, Laß bereits in einer Sitzung über die wesentlcchsten Punkte der Forderungen eine Verständigung geschaffen werderi kann. Die Regierung hat ihrerseits bereits fer­tige Vorschläge ausgearbeitet, und es wird daher nötig sein, zwischen dem Angebot und den Forderungen einen Ausgleich zu schaffen. Nach den Aufstellungen der Or­ganisationen und Gewerkschaften würden sich die Beam­tengehälter wie folgt stellen: Gruppe 1 jetziges Ein­kommen 21 40029 000 M., verlangt 3172041000 M., Gruppe 2 jetziges Einkommen 24 71032 640 M., ver­langt 35 70045 480 M., Gruppe 8 jetziges Einkommen 27 70036 280 M., verlangt 39 400-49 960 M., Gruppe 4 jetziges Einkommen 29 00038 230 M., verlangt 41000 bis 52 360 M., Gruppe 5 jetziges Einkommen 31 340 bis 41220 M., verlangt 43 88056 040 M., Gruppe 8 jetziges Einkommen 33 29043 820 M., verlangt 46 28050 240 Mark, Gruppe 7 jetziges Einkommen 36 28048 760 M-, verlangt 49 96065 320 M., Gruppe 8 jetziges Einkom­men 39 92052 660 M., verlangt 54 46070120 M., Gruppe 9 jetziges Einkommen 43 82059160 M., ver­langt 59 24078120 M-. Gruppe 10 jetziges Einkounnen 48 76068 000 M.. verlangt 65 32089 000 M., Gruppe 11 jetziges Einkommen 53 96075 800 M., verlangt 7172098 600 M>. Gruppe 12 jetziges Einkommen 64 360 bis 91400 M., verlangt 84 520117 800 M Gruppe 13 jetziges Einkommen 82 300117 400 M., verlangt 106 600 bis l49 800 M. . .

Die Maifeier.

An der Maifeier in Berlin sollen 850 000 bis 400 000 Menschen teilgenommen haben. Die Kundgebutlg im Lustgarten verlief ohne jede Störung. Dagegen kam es in den Straßen wiederholt zu Zwtschenfällen, weil der Ordnungsdienst vollständig versagte. Größere Aus­schreitungen wurden jedoch vermieden. In München und Hamburg sind die Maifeiern vollständig ruhig ver­laufen, in Anqsburg soll die Beteiligung nur verhält­nismäßig gering gewesen sein. In den moheu TextU- fabriken sollen führ 90 Prozent der Belegschaft ge­arbeitet haben. regen ist es in Leipzig und Jena z« bedauerlichen W. chrettungen gekommen. Es liegen darüber folgende Meldungen vor:

Blutiger Ausgang der Leipziger Feier.

»-»Leipzig. <T. U>- Bei der Leipziger Maifeier-De­monstration lant es vormittags vor der Universität aus dem Augustusplatz zu einem blutigen Zwischenfall. Die Arbeiter begaben sich nach zahlreichen Versammlungen in den verschiedensten Stadtteilen am Vormittag in ge­schlossenem Zuge nach dem Augustusplatz, wo noch eine gemeinsame öffentliche Demonstration der sozialdeinokra- tischen Parteren Leipzigs stattfand. Auf der Universität mar gemäß Anordnung der sächsischen Regierung die Reichsflagae gehißt. Als die Demonstration gegen 12 Uhr mittaes ihr Eirde erreicht hatte, wurde plötzlich an­scheinend vmr Studenten auf dem Universitätsgebäude die Reichsflagge heruntergeholt und dafür die Universi- tätsflagge auf Halbmast gehißt. Dieser Vorgang rief unter den Demonstranten große Erregung hervor und die Menge versuchte, in die Universität einzudringcic. de­ren Tor geschlossen ivar. Obwohl einige Arbeiterführer auf die aufgeregte Menge berrchigend einsorachen, gelang es doch einigen Arbestern, durch ein Seitentor in das Universitätsgebäude einzudringen und auf das Dach z« gelangem Die Nutversttätsflagge wurde herpntergerls- sen und auf die Straße geschleudert und von den Demon­stranten zerrisset!. Als die in das Universitätsgebäude eingedrungenen Arbeiter sich wieder auf die Straße zu- rückbegeben wollten, wurden sie im Innern der Univer­sität von Schutzleuten angehalten. ES kam zu einem Handgemenge, wobei die Schutzleute von der ÄMLe» Waise Gebrauch.^.udiUiu.4uui einen Teil der Arbeiter ,«wer verletzte«. Der Zwischenfall hat unter der Arbei­terschaft große Erregung hervorgerufen. Eine große Menge vor der Universität versuchte, sich der an dem Zwischenfall beteiligten Schutzleute und Studenten 8* bemächtigen. .

Ausschreitungen in Je«a.

»-»In Jena ist es zwischen Arbeitern und einer studen­tischen Verbindung zu einer schweren Schlägerei gekom­men, wobei das Berbindungshaus der Burschenschaft Germania" von der Arbeiterschaft gestürmt wurde. Einige Studenten hatten ein Schild mit einer ulkigen Aufschrift zum Fenster des Verbindungshauses heraus gehängt. Die Arbeiterschaft fühlte sich dadurch provo­ziert und drang geschlossen in das Haus ein. Die an­wesenden Studenten wurden von der Menge schwer^ mißhandelt. Schließlich rückte die Polizei an, die das Haus besetztS und die Menge abdrängte.

Eine Schlacht bei Peking.

Aus Peking wird gemeldet: General Fengyuhsiang, christlicher Mllitürgouverneur von Schensil, befehligt die Truppen von Tschihii, die Tschangsintien angreife«. Truppen von Fengtien kamen dem Angriff der Truppe« von Tschihii bei Tatschang zuvor, wo erstere zusamrncn- gezogen waren, durch einen Angriff auf zwei Brigade« der 26. Division, die sie dezimierten. Bet der Ankunft! von Wupet Fus Truppen begann aber ein ernster Kampf von neuem. Eine große Anzahl Verwundeter der Truppen von Fengtien kam durch Tientsin. An drei Fronten wütet jetzt der Kampf mit einer bei Chinese« ungewöhnlichen Heftigkeit.

Zwei chinesische Kreuzer verließen Tschifu am 27. April, nachdem sie angekündigt hatten, sie wollten die Eisenbahn von Peking nach Mnkden nördlich von Schan- Heikwan zerstören. Sollte dieses gelingen, so würde es Fengtien bei den Kämpfen ernste Schwierigkeiten berei- ten und im Falle der Niederlage ihm den Rückgang ab­schneiden.

Einem Neuvorker Telegramm aus Peking zufolge wurde den ganzen Sonntag hirldurch gerümpft. Tschangt- solin soll bei Matschanq siegreich gewesen sein.

Die amerikanische Gesandtschaft ersuchte die Was­hingtoner Regierung, ein weiteres Kriegsschiff «ach Tientsin z« schicken.

Nach einer Reutcrmcldunq aus Peking wurde das Artilleriefeuer gegen Mittag noch heftiger. Ein kleiner Teil des Heeres von Tschangtsolin zog sich in der Rich­tung südwestlich der Mauern von Peking zurück.

Wuvei Fus Heer führt eine Flankenbewegung aus, während Tschangtsolin die Mar^opolo-Brücke über den Fluß Han nnd die ZufahrtswM nach Peking verteidigt.

Die Bauarbeitera«ssperru«g im Industriegebiet.

»»-Bochum. (T. U.) Die Aussperrungen der Bauar­beiter im rheinisch-westfälischen Jndustriebezirk haben in den letzten Tagen weiter an Umfang zugenommen. Es sind weit über 25 000 Bauarbeiter außer Arbeit gesetzt. Mit Rücksicht auf die empfindliche Schädigung, die durch die Aussperrung bei langer Dauer im Wohnungs- und Sieölungsbau im Westen droht, hat der Reichsarbeits- minister beschlossen, einzugreifen und EinignNgsver- Handlungen zwischen den streikenden Parteien einzulei- ten. Der Minister hat für den 2. Mai nach Berlin eine Konferenz der Vertreter der Arbeitgeber im Baugewerbe