Hersfel-er Tageblatt
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Nr. 147
Montag, den 26. Juni
1922
WWW« Mim MM v^Berliu. (T. U.) Anf Reichsminister Dr. Rathe- «a« ist Sonnabend während -er Fahrt vo« seiner Woh- i «u«g zu seinen Diensträume« in der Wilhelmstratze ei« Attentat verübt worden. Dr. Rathenau Wurde tödlich verletzt.
Von amlicher Stelle wird die Ermordung bereits bestätigt. Ueber die näheren Vorgänge Lei -er Ermordung wurde bisher folgendes mitgeteilt: Das Attentat hat Sonnabend früh im Gr«ncwal-, Kimigsallee, statt- gefunden. Drei vermummte Männer waren dort im Auto dem Kraftwagen -es Reichsministers gefolgt ««- hatte« bei Erreichnug des Kraftwagens -es Ministers mittels Handgranaten das Attentat verübt. Ein Schwiegersohn des Reichstagsabgeordneten Dernburg soll Zeuge -es Vorfalls gewesen sein. Im Reichstag herrscht größte Erregung. Die Reichstagssitzung wird nach einer Kundgebung -es Reichstagspräsidenten sofort geschlossen werden. Es ist möglich, -atz bei dem Attentat auch ein Maschinengewehr i« Tätigkeit getreten ist, da der Kopf des Ermordeten acht Schüsse aufweist. Die Täter sind in ihrem Auto unerkannt entkomme«.
»-$>Serlitt. (T. U.) Der Mmister Rathe««« fuhr um 10,45 Uhr von der Woh«««g ab. Um 10,50 Uhr ves i reits fielen drei Schüsse, abgefeuert von drei Män«er« in gelben Lederjacke« «n- ebensolche« Le-erkappe». Außerdem saß in dem Kraftwagen noch der gleichgeklei- -ete Chauffeur. Der erste Schutz durchschlug die Rücken-
Polsterung des offenen Autos Dr. RatHenaus und schlug ihm den Brustkasten. Die zweite Kugel drai 1 von seitwärts in die Brust. Der tödliche Kopfschutz
iu deu Mnnd ein. Eine' - - - - - Handgranate durchschlug eutkamen in der Richt««
.i durchaus ihm tS drang
lenderte Mörder
: war verschiedenüich gewarnt , die Begleitung durch Kriminalbeamte
tottg Schmaraeudorf. Dr. Ratheua« gewarnt worse«, lehnte aber leider
Der Eindruck im Reichstage.
Im Reichstag herrschte unter -er Nachwirkung des AttentatS aus Dr. Rathenau äützerste Erregung und Bestürzung. In -er Wandelhalle standen Abge. ordnete in Gruppen in nervös gespanntem Gespräch. Auf die Vertreter der Rechtsparteien entlüde« sich wahre EntrüstnugSstürme. In den AuSschußsitzungen wirkte die Nachricht niederschmetternd. Im Steuerausschuß, -er die ZwangSanleihe beriet, kam es sogar zu einem Handgemenge. Die Abgeordneten Hartleib und Bernstein <Soz.) sprangen aus und riefen Sem sich gleichfalls bestürzt erhebenden Helfferich zu: „Sie sind der Mörder!. Das ist die Wirkung Ihrer gestrigen Rede!" Helfferich versuchte den Saal zu verlaffen, wurde aber von den Abgeordneten der Linkspartei umringt, die ihm mit drohend erhobenen Fäusten immer wieder „Mörder" zuriefen. Abgeordneter Hergt stellte sich schützend vor Helfferich und mit Unterstützung einiger deutschnationaler Kollegen konnte Helfferich schließlich den Saal und auch das Reichstagsgebäude verlaffen.
Inzwischen kam es in -er Wandelhalle zu äußerst erregten Debatten, einige Abgeordnete -er Linken riefen, auf die deutschvolksparteilichen Abgeordneten Brüninghaus und General Schoch zeigend: „Das sind die Schuldigen!" Abgeordneter Schoch erwiderte, -aß er die Bemerkung komisch sände und wurde von den immer erregter werdenden Mitgliedern der sozialistischen Partei in den Sitzungssaal getrieben. Abgeordneter Stampfer rief erregt und laut:
„Er findet das komisch!" Auf eine den Tribünenbesuchern unverständliche Bemerkung des Abg. Schoch riefen die übrigen Abgeordneten laut: „Sie haben gar nichts komisch zu finden! Wer ist überhaupt -er Lump, -er Mör-ersreund? — Aha, -er Herr General!" Andere riefen: „Raus mit dem Lump! die Mörderbande wagt eS noch, hier freche Bemerkungen zu machen!" Wütend stürmten mehrere Abgeordnete auf General Schoch ein, -er sich zunächst
Bezeichnend war, daß von keiner Seite auch nur geringfügige Zweifel über die Urheber -es Mordes laut wurden, und daß sich die allgemeine Empörung spontan gegen die Rechte wandte.
Vor der Trauerkundgebung kam es zu stürmische« tumultuösenZwischenfällen. Abgeordneter Dr. Helfferich erschien in Mitte der 8ahl seiner Getreuen, vollständig umringt von einer Tchutzgarde. DaS war für die Linke das Zeichen zu einem Sturmlauf gegen die Reihen der Rechten. Mit dem Kampfruf: „Raus mit dem Mörder!" versuchte sie Helfferich zum Verlaffen -es Saales zu zwingen. Aber dessen eiserne Garde wankte nicht. »Wir wollen keine Trauerkundgebung mit den Mördern gemeinsam" wurde unermüdlich dem die Glocke schwingenden Präsidenten entgegengerufen. Minutenlang dauert der ohrenbetäubende Lärm an. Dr. Wirth stieg von seinem Kanzlersitz herab nnd versuchte zunächst die aufgeregten Parteien zu beschwichtigen, während man ihm zuries: „Sie solle« das nächste Opfer fein, Dr. Wirth". Endlich, nachdem Präsident Loebe hinwies, wie entwürdigend diese Szenen für die beabsichtigte Ehrung feien, ginge« die kommunistischen und unabhängigen Abgeordneten auf ihre Plätze zurück. Nach den wirkungsvollen Erklärungen des Reichstagspräsidenten und des Reichskanzlers ging das Haus ohne Demonstration in feiet» licher Ruhe auseinander.
Das Kabinett trat zu einer Beratung über die Maßnahmen zusammen. ES sollte sich nur noch um die Formulierung -er Bestimmungen über den bereits beschlossenen Ausnahmezustand handeln. Dr. Helfferich wurde unter sicherem Geleit in das Zimmer deS Vizepräsidenten Dietrich transportiert. Der Kabinettsrat dauerte länger, als vorgesehen war, und die für 7 Uhr anberaumte Plenar-Sitzung konnte erst nach 8 Uhr stattsinden. Dr. Helfferich war nicht erschienen Damit war ein wesentlicher Anlaß zu neuen Er-, regungszuständen genommen. Das HauS hörte ruhig den Ausruf der Regierung zum Schutze der Republik an
er'
ist der
Reichsminister Dr. Rathenau zuur Opfer gefallen, das von allen aufs fchärfste verurteilt werden muß. Es ist umso verabscheuungswürdiger, als es wieder ein trauriges Zeichen verwahrloster politischer Kampseswerse ist Es ist aber auch in demselben Grade verwerflich, weil dadurch die trennende Kluft innerhalb des deutschen Volkes bis zur Unüberbrückbarkeit vergrößert wird. Die innerpolirischen Folgen, die das ruchlose Verbrechen zur Folge haben kann, sind zur Stunde iwd> nicht abzusehen. Nur jeder politisch Denkende, der sein Vaterland lieb hat und es über alles stellt, nmß tiefste Abscheu vor dem verwerflichen Attentat empfinden, denn es ist nur eine feige Kampfeswerse, seinen Gegner mit Mitteln der Gewalt zu beseitigen. Stur in politisch völlig unreifen Köpfen, die sich der Tragweite ihrer verbrecherischen Handlungsweise nicht im geringsten bewußt sind, können solche ^läm entstehen. Dem deutschen Volke und Vaterlande leisten sie dadurch keine« Dienst, sondern fügen ihm unermeßliche« Schaden zu. Es ist ein Zeichen sittlicher und ethischer Verkommenl>eii in Zeiten nationalen Tiefstandes, wenn man glaubt, durch volitifche Verbortheit und Nichtachtung politisch Andersgesinnter, die ihre Ueberzeugung auch aus ehrlichstem Gewissen heraus verfechten, gewaltsam in den Gang der Zeitverhältnisse einzu- areifen, indem volitifche Führer gewaltsam von ihrem Posten durch Anwendung verbrecherischer Mittel zu entfernen versucht werden. Dadurch wird nur die Volks- leidenschaft auss neue aufgepeischt. Das Volk kann nicht zur Ruhe komme«, die unbedingt notwendig ist, wenn die Grundlage« für einen Wiederaufbau und Wieder- ausstieg geschaffen werden sollen. Die Grundbedingung hierfür ist. daß jeder von dem Grundsatz ausgeht, die politischen Gegensätze durch eine sittliche, veredelte Kanrp- sesweise zu glätten und zu verwischen. Noch steht in dem Augenblick, da diese Zeilen niedergeschrieben werden, nichts über die Täter fest, und deshalb wäre es verfrüht und falsch, das Attentat an die Rockschöße einer Wärter zu hangen. Aber das muß festgestellt werden, daß auch der Parteikampf häufig Formen annimmt, die die Gesinnung und Denkullgsart, besonders bei fanatisch veranlagten Naturen, vergiften. Wir haben in den letzten Jahren genug der Attentate gehabt, die jeden von dem Unheil und der Erregung, die sie stets über das Volk gebracht haben, überzeugt und gelehrt haben müßten, wie verbrecherisch eine derartige gewissenlose nnd verdanr- «lUNgSwürdige Handlung gegen das Leben eines Mitmenschen ist. Es ist keine nationale Tat, durch Verbrechen aller verwerflichster Art in den Gang der Geschichte einzugreisen: national ist vielmehr, den Haß und die Zwietracht im deutschen Volke beseitigen zu helfen, da- niit sich alle Glieder des Volkes wieder zu gemeinsamer Arbeit znsammenftnden. Noch sind die Wogen der Er- reaung über das an Oberbürgermeister Scheidemann versuchte ruchlose Verbrechen nicht verebbt, da wird schon wieder neuer Zündstoff unter das Volk geworfen. Aufs neue wird die Leidenschaft entfacht, die Brücken, die durch unermüdliche Aussölinmigsarbeit notdürftig zu schlagen versucht worden sind, werden wieder ganz abgerissen.! Viag mtch Rathenau viele Gegner haben, mag auch vie- 4e t was er getan hat, sich nicht zum Besten unseres Volkes erwiesen haben, aber bemweh gibt das feinem Rechte das Leben seines Gegners nicht zu achten. Schon das rein menschliche Empfinden muß sich hier dagegen auf- blittmen, daß das Leben eines Mitmenschen auf so törichte Art vernichtet wird. ,. j..... - t—~- J
auS nach unten führt.
Um 12,80 Uhr erschien Präsident Loebe auf seinem Sitz, gibt ein Glockenzeichen und bemerkt: Ich kann die Sitzung noch nicht eröffnen, öa der Aeltestenrat noch zusammen ist. Gestatten Sie, mir aber die -ringende Bitte, daß Tätlichkeiten in diesem Raum unterbleiben. (Große Unruhe links und fortgesetzte Rufe: RauS mit den Mördern!). Ich möchte alle Parteien bitten, den Sitzungssaal z« verlaffen, bis die Sitzung anberaumt ist
Eine ganze Anzahl Abgeordneter folgte der Mahnung des Präsidenten; es blieben aber noch erregte Gruppen im Saale beisammen.
Das Beileis des Reichspräsidenten.
Berlin, 24. Juni. Der Reichspräsident hat anläßlich der Ermordung des Reichsministers Rathenau an -essen Mutter, an -en Reichskanzler und an die Deutsche Demokratische Partei. Telegramme gerichtet
Das diplomatische Korps.
Berlin, den 24. Juni. Der apostolische Nuntius Monsignore Pacellt ist als Doyen des hiesigen diplomatischen Korps heute morgen im Reichstag erschienen und hat dem Reichskanzler und dem Staatsminister im Auswärtigen Amt, v. Hanel, das Beileid des -iplomatticheu Korps anläßlich -er Ermordung -es Reichsministers des Aeußern Dr. Rathenau aus» gesprochen.
Desgleichen sind schon im Laufe des heutigen Vormittags zahlreiche Vertreter -er hiesigen diplo. malischen Missionen im Auswärtigen Amt erschienen, um gleichfalls ihr Betet- zum Ausdruck zu bringen.
Berlin, 24. Juni. Heute um 12 Uhr mittags sprach der Berliner Sowjetvertreter KrestinSki im Auswärtigen Amt bei dem Letter -er Ostabteilung, Ministerialdirektor Freiherr v. Maltzan, vor, um ihm im Namen der Sowjetregierung sein Beileid anläßlich -er Ermordung deS Reichsministers Dr. Rathenau auszusprechen.
PoinearLs Beileid.
P a r i s, 24. Juni. Ministerpräsident Poincar-s hat heute nachmittag Sem deutschen Botschafter Dr. Mayer sein Beileid anläßlich der Ermordung des Reichsministers für auswärtige Angelegenheiten Dr. Rathenau aussprechen lassen.
Die Kundgebung im Reichstag.
Der Reichstag erlebte gestern eine beispiellos erschütternde Trauerkundgebung für Dr. Rathenau. Präsident Loebe und Dr. Wirth, in deren Stimmen noch die schmerzvolle Erschütterung über den Meuchelmord nachklang, widmeten Dr. Rathenau herzliche Nachrufe, die vom ganzen Hause stehend angehört wurden. Die sehr eindeutige Mahnung an die RechtS. parteien: „Geehrte Herren von der Rechten, so geht es nicht weiter" fand die einmütige nachdrückliche Unterstützung deS bis aufs äußerste erregten Hauses.
Der Kampf um das Vrs ?
«-»-Die Einigungsverhartdungen unter den Kv-illiv - parteien des Reichstages über die Frage der Getreid umlage wurden am Freitag bis in die späten ' stunden fortgesetzt. Während am Nachmittag i Handlungen schon soweit gediehen zu sein schien man glaubte, von einer Lösung -es Problems unter Parteien sprechen zu können, mußten schließlich Erwarten die Berhanölungen abgebrochen werden, daß eine endgültige Lösung gefunden war. Das tere wird nunmehr von den Beratungen des Volk schaftlichen Ausschusses abhäugen, die am
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Jen aber die PreiSf jedoch ist diese stritten.
Ausschuß wird darüber verhandelt, einen für das Brot festzusetzen. Im übrigen soll« Bestimmungen der Gesetzesvorlage über die sctzung unberührt belassest werden, nigungsgrundlage noch sehr stark n
vormittag fortgesetzt werden.
Weiter wird aus Berlin gemeldet: Soviel man ist eine Einigung darüber erzielt worden, daß Grundstücke bis zu 10 Hektar von der Umlage frei ben sollen. Dagegen ist sowohl die Lieferungsmeng«
233 Milliarden Anleihebedarf des Reich
Dem Reichstag ist eine Ergä«zm-s zum Reichsbau haltspla« zugegaugen. Infolge der fortgesetzten Ge entwertung gibt der eigentliche Haushalt kein ; des Bild mehr für die Finanzgebarung des Rechnungsjahres. Deshalb bringt der Grgä' eine neue Uebersicht über die Einnahme« und Ausgaber des Reiches. Wir entnehmen daraus folgende Ziffern: j
Der ordentliche Haushalt schließt mit rund 11ch5»DM liarden Mark in den Einnahmen und rund 98 Militär« den Mark in den Ausgaben ab. so daß ein Ueberschutz von! 16,5 Milliarden Mark verbleibt.
Im außerordentliche« Haushalt Sageae« stehen bis Einnahmen in Höhe von rund 3,4 Milliarden Mark AuK gaben in Höhe von rund 6,9 Nrilliarden Mark gegenüber, so daß sich hier ein Fehlbetrag von etwa 8,5 Mrlüardeq ergibt.
Die Betriebsverwaltungen ergeben einen Fehlbetrag vo« rund 20 Milliarde« Mark, die durch Anleihe zu decken siuS.
Die Ausführmrg des Versailler Vertrages erfordert einen Anleibebedarf von rund 210 Milliarden Mark, so daß der gesamte Anleihebedarf des Reichs sich auf rund 233,8 Milliarde» Mark belauft. , 1
Die Einnahmen des ordentlichen Haushalts belaufen sich aus den direkten Steuern und den ErtragSstcuern auf 68,2 Milliarden Mark, den Zöllen und Verbrauchs- steuern auf 38,1 Milliarden Start dazu Einnahmen auS sonstigen Abgaben in Höhe von rund 5 Milliarden Mark. Diesen Einirahmen stehen fortdauernde Ausgaben für die Reichsverwaltung in Höhe von rund 91,5 Milliarde» Mark und einmalige Ausgaben in Hohe von 7,5 Milliarden Mark gegenüber. Bemerkenswert ist es, daß diq Erträge der direkten und Verbrauchssteuern gegen das Vorjahr um fast das Doppelte zugenommen haben, die Erträgnisse aus den Zöllen und Verbrauchssteuern haben um mehr als das Doppelte, um rund 24 Milliarden Mark, zugenommen.
Bei den Verkehrsverwaltungen ergibt sich bei der Reichsdruckerei ein Ueberschutz von 6% Millionen Markt Bei der Eisenbahn ist der Haushalt inS GleichgewrÄt gebracht, .Er schließt in Einnahmen uns AuSaaLn mit