Hersklöer Tageblatt
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Nr. SOS
Dienstag, den ÄS. August
1923
Die Stmwungsfrage.
Entscheidung am Mittwoch.
»-»-Die Reparationskommission, an deren Sitzung am Smrnaberid sämtliche Delegierten und zwar die Frank- rerchs, Englands, Italiens und Belgiens sowie inoffi- 8teH der amerikanische Botschafter teilnahmen gab an die Presse folgenden Bericht aus: Die Kommission ist der Auffassung, daß sie über das von der deutschen Re- grerung am 12. Juli eingereichte Stundungsgesuch nicht vor kommenden Mittwoch eine Entscheidung treffen kann. Die Kommission hat die ' Reichsregierung darüber verständigt, daß sie geneigt ist, im Laufe des Mittwochs bevollmächtigte deutsche Vertreter anzuhören, falls die deutsche Regierung von ihrem in Artikel 234 des Versailler Friedensvertrages vereinbarten Recht, ihrerseits ihre Meinung zu äußern, Gebrauch machen will. Der Beschluß ist einstimmig gefaßt worden. Die allseits gewünschte rasche Entscheidung dürfte Mittwoch abend zu erwarten sein, falls die deutschen Vertreter, als die man hier Dr. Hermes und Bergmann bezeichnet, am Dienstag nnt der Rearationskommission in Verhandlungen eintreten.
Poincaree besteht auf produktiven Pfändern.
fc* Zu dem deutschen Vorschläge der Garantierung der Holz- und Kohlenlieferungen bemerkt der „Temps": Die Auslegung der deutschen Regierung sowie gewisser Alliierten, daß durch eine anderweitige Garantieleistung für diese Lieferungen eine Kontrolle der Minen und Forsten von selbst hinfällig würde, sei irrig. Ministerpräsident Poincaree habe in seiner Besprechung mit den französischen Delegierten Mauelere und Dubais erklärt, daß die Garantie der Minen und Forsten weiterhin die unerläßliche Vorbedingung für ein Moratorium bilden müsse.
Das Gold der Reichsbank.
»-»-Der „Temps" scheint nicht damit zu rechnen, daß die ftnnzösische Regierung mit der Garantie der staatlichen Minen und Forsten durchdringen werde. Er schlägt von sich aus vor, die deutsche Reichsbank solle bei der Bank von England oder irgendeiner anderen ausländischen Bank eine Goldreserve deponieren, die dem Wert der vom August bis November fälligen deutschen Barzahlungen entsprichtz-his- die,Ailiierten meyararkonKpEleMs im Zusammenhang mit dem interalliierten Schüldenausgleich gefunden hätten. Belgien würden von der Bank Kredite eröffnet werden, über die es nach Gutdünken verfügen könnte. Dadurch würde Belgien sein Prioritätsrecht als gewahrt erachten.
Lloyd George nimmt au der Bölkerbundstagnug teil.
»-»-Wie in London an gut unterrichteter Stelle verlautet, wird sich Lloyd George zu der am 80. August - statrfindenden Tagung des Völkerbundsrates nach Genf begeben.
Entsendung deutscher Bevollmächtigter nach Paris.
»-»-Montag vormittag um 11 Uhr findet eine Chefbesprechung der Reichsregierung unter dem Vorsitz des Reichskanzlers statt, in der über die in Berlin angegangene Mitteilung der Reparationskommission beraten und wegen der Entsendung der Delegierten und der ihnen mitzugebenöen Instruktionen Beschluß gefaßt werden soll. Unter den Delegierten befindet sich, wie verlautet, jedenfalls Staatssekretär a. D. Berg- Mann Ueber die weiteren Mitglieder der deutschen Ab- orduuM ist vor der Chefbesprechung noch keine Feststellung erfolgt.
Der reiche deutsche Staatsbürger.
^Die „Sunöay Times" veröffentlichen eine Erklärung Bradbnrys bei seiner Rückkehr ans Berlin. Es heißt darin: Ich bin überzeugt, daß Deutschland ernste An- strenaungeu machen wird, um die Forderungen der französischen Regierung zu erfüllen. Ich bin fest davon überzeugt, daß die französische Regierung ebenfalls ihr möglichstes tun muß, um Konzessionen zu machen. Dagegen behauptet der „Matin"-Korrespondent, die Delegierten Hütten erklärt, Berlin sei eine Stadt von be- wunderungswürdiger Tätigkeit, und es fehle niemanden an Geld. Die Delegierten hätten ein Land gesehen, dessen Bürger reich sind, während der Staat unmittelbar vor dem Bankerott steht.
Immer neue französische Forderungen.
Die französische Besatzungsbehörde fordert von Deutschland die Errichtung eines Benzindepots mit 340 000 Liter Fassungsvermögen auf dem Exerzierplatz Ebenberg bei Landau mit Bahnanschluß an die Bahn- liiiie Landau—Weißenburg. Kostenpunkt: 11 Millionen Mark! — Wir Habens ja. ~
„Reparation" und Teuerung.
»-»Berlin. <T. U.) Wie die „T. U." hört, wurde in der Chefbesprechung, die am Vkontag früh 10 Uhr in der Reichskanzlei über die Reparationen stattfand, beschlossen, der Reparationskommission mitzuteilen, daß die ! deutsche Regierung bereit sei, ihren Standpunkt am Mittwoch in Paris darzulegem Staatssekretär Schroe- der vom Finanzministerium wird als deutscher Vertreter nach Paris entsandt werden. Ihn begleitet je ein Referent der beteiligten Ressorts. Die Pläne, die der Reparationskommission vorgelegt werden sollen, sind ^entgegen anders lautenden Meldungen noch nicht fertiges gestellt. Doch rechnet man bestimmt damit, daß sie bis S zum Mittwoch abgeschlossen der Reparationskommission si vorgelegt werden können. — Um %12 Uhr fand eine st Sitzung der Ministerpräsidenten der Länder über die -'Maßnahmen zur Linderung der Teuerung statt. Der
Reichskanzler legte den Vertretern der Länder tn langen Ausführungen die Lage in der Revarationsfrage dar. Um 5 Uhr wird eine Kabinettssitzung über die Wirtschaftslage stattfinden, und um 6 Uhr findet eine neue Konferenz mit dem Ministerpräsidenten und den Ministern der Länder statt. Es ist anzunehmen, daß die Besprechungen mit den Ländern am Montag abend zu Ende geführt werdem
Die Lage «ach wie vor ernst.
** London. lD. A. Z.). Nach den Informationen der englischen Presse muß Sie Lage weiterhin als kritisch bezeichnet werdem Es liegen keinerlei Anhaltspunkte dafür vor, daß Poincaree seinen Standpunkt in irgendeiner Weise geändert habe und daß sich Frankreich einem Mehrheitsbeschluß der Reparationskommission unterwerfen würde.
Für eine Einstimmigkeit.
»^ Paris. Nach dem „Matin" hat die Vertagung der Entscheidung der Reparationskommission keineswegs den Zweck, den Deutschen noch einmal Gelegenheit zu geben, ihre Gründe ausführlch darzulegen. Es handele sich vielmehr darum, eine Einstimmigkeit herbeizufüh- ren. Die Anregung dieser Vertagung geht von Belgien aus. Belgien wird das Opfer auf sich nehmen, während der nächsten 6 oder 3 Monate statt Barzahlungen Sachlieferungen anzunehmen. Theunis erklärte am Sonntag, er könne seinen Vorschlägen noch keine bestimmte Form geben, aber er werde dies tun können, nachdem er den Ministerrat gefragt habe.
^ Paris. Nach dem „Echo de Paris" ist in der Re- parationskommission der Gegensatz zwischen der französischen und englischen These unüberwindlich gewesen. Bevor man aber zu einem Entschluß kam, sei die Entscheidung noch einmal vertagt worden. Die Vertagung fei einstimmig beschlossen, ob aber die Entscheidung auch einstimmig erfolge, sei zweifelhaft.
Hegen die drohende Erniffjrungslirilß.
Ueber das Ergebnis des Ministerrats am Sonnabend über die Frage der Steuerung der wirtschaftlichen Not wird ein amtlicher Bericht veröffentlicht, der in seinen wesentlichsten Punkten folgenden Wortlaut hat: Gegenstand der Beratung war die innere Lage des Rei- ches, namentlich ~
ren Wochen verscharste Teuerung und die dadurch für das Reich und die Bevölkerung für den konnnenden Winter drohenden Schwierigkeiten. Zur Einleitung der Besprechung berichtete der Reichskanzler über die Chef- besprechung, in der diese Gegenstände bereits verhandelt worden wären. In der sich anschließenden Aussprache gaben die Vertreter der Ressorts ein Bild der Lage, wie sie sich in ihrem Aufgübenkreis darstellt, und erörterten die Möglichkeiten gesetzgeberischen oder verwaltungsmäßigen Vorgehens.
Auf dem Gebiete des allgemeinen Wirtschaftslebens sind vom Reichskabinett zwecks Verringerung des Bedarfs an Einfuhrdevisen bereits Beschränkungen in der Einfuhr von Luxusgegenständen beschlossen: ferner werden Erhöhungen der AusfnhraSgabe in den nächsten Tagen bekannt gegeben. Es sind Maßnahmen in Vorbereitung, um die reine Devisenspekulation durch eine periodisch erfolgende nachträgliche Kontrolle der getätigten Devisengeschäfte zu unterbinden, ohne daß durch diese Maßregel der notwendige Devisenhandel für die Bedürfnisse des Geschäftsverkehrs behindert werden soll. Ob auf dem Gebiete des Geldwesens und der Valutagestaltung, insbesondere im inneren Geldmarkt noch weitere Maßregeln getroffen werden können, unterliegt noch der Prüfung.
Der besonders wichtigen Sicherstellung der Volks- ernährung sollen folgende Maßnahmen dienen: Die an- gebahnte Regelung der Kartoffelversorgung für den Winter wird durch nachdrückliche Förderung des Ver- tragsabfchlusses zwischen Erzeugern und Verbrauchern weiter verfolgt werden. Die Verwertung von Kartoffeln in den Brennereien wird aus das mit Rücksicht aus die Viehhaltung gebotene Mindestmaß beschränkt. Durch geeignete Maßnahmen wird eine sachgemäße Verteilung des Zuckers im nächsten Wirtschaftsjahr herbeigeführt werden; die Verwendung von inländischem Zucker zur Herstellung von Trinkbranntwein wird verboten, die Verwendung von inländischem Zucker zur Herstellung von Süßigkeiten weitgehend eingeschränkt. In Aussicht genommen ist ferner nach Einvernehmen mit den Ländern ein Verbot der Herstellung starker Biere. In der angesichts der hohen Fleischprerse besonders wichtigen Frage der Versorgung der Bevölkerung mit Seefischen soll auf eine genügende Versorgung der Hochseefischerei mit deutscher Kohle hingewirkt werden: die Belieferung mit deutscher Kohle würde es gleichzeitig ermöglichen, ein Verbot des Löschens in fremden Häfen an deutsche Fischdampfer zu erlassen. Ferner soll ein Ansfuhrocr- bot für Seefische erlassen werden. Dem ärgerniserre- genden und widerlichen Treiben tn den Schlemmergast- stätten und in manchen Vergnügungslokalen muß Einhalt geboten werden; es ist Aufgabe der Länder und Gemeinden, durch Steuern und sonstige durchgreifende Maßregeln diesem wachsenden und beschämenden Unfug entgegen zn treten. In der preußischen Staatsregie- rung ist bereits eine Verfügung vorbereitet dahin, daß bei 'Behandlung von nenen Konzefsionsgesuchen für Schanklokale das Bedürfnis grundsätzlich verneint werden solle.
Auf dem Gebiete der Fürsorge für die notleidende Bevölkerung sind vor allen: verstärkte Hilfsnraßnahmcn für Kriegsbeschädigte, Kriegsüinterbliebene, Sozial- und Kleinrentner eingeleitet. Die Teuerungszuschüsse für bedürftige Kriegsbeschädigte und Kriegsbinterbtiebene
sind mit Wirkung vom 1. August 1922 erhöht worden und erhöhen sich mit Wirkung vom 1. September 1922 um durchschnittlich weitere 66% Prozent. Die Hauptfürsorgestellen sind ferner ermächtigt, für Kriegsbe-cha- digte und Kriegshinterbliebene Wintervorräte vorschußweise zu beschaffen. Auch die Mittel der sozialen Fürsorge für Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene sind verdoppelt. Die Verdoppelung der Mittel für Kleinrentner steht bevor. Verhandlungen über weitere Maßnahmen stehen vor dem Abschluß. Um eine bessere und sparsame Ernährung besonders bedürftiger Volkskreise zu ermöglichen, soll der Ausbau und die Erweiterung der Volks-, Kinder- und Stndcntenspeiseanstal- ten, soweit wie irgend möglich, angestrebt werden.
Auf dem Gebiete des Transportwesens sind von der Reichsbahnverwaltung alle Vorbereitungen getroffen, um für den Winter einen möglichst geregelten Abtransport der Kohlen, der Kartoffeln und des Getreides zu sicherm
Das Reichskabinett ist entschlossen, in Erkenntnis der Gefahren, denen bei einer Verfchlechierung der wirt- schafllichen Lage weite Bevölkerungsschichten ausgesetzt sein würden, mit schnellen und umfassenden vorbeugenden Maßnahmen einzugreifem
Wege zur Sparsamkeit in der Verwaltung.
Eine durchgreifende Verwaltungs- und Personalreform hat der Magistrat von Bochum durchgeführr. Vom 1. Oktober 1919 bis zum 1. April 1922 wurde die Zahl der Beamten und Angestellten von 1023 auf 844 vermindert. Die Arbeitszeit setzte man von 46 auf 48 Wochenstunden herauf, beschränkte die Bezahlung von Ueberstunden und die Sitzungen des Beamten- usw. Ausschusses, bildete die Beamten durch theoretische Schulung zu höheren Leistungen heran, legte Ortsbriefe zu- fammen und ließ sie durch Boten bestellen, sammelte nach auswärts gehende Briefe und verschickte sie gesammelt. Ferner löste man die Zentralregistratur des Bauamtes auf, legte Heizungs- und Ortskohlenamt zusammen und wählte zu ihren Angestellten Leute, die kleine Ausbesserungen selbständig mrsführen können, ließ die Gas-, Wasser- und Stromzähler gleichzeitig mit der Einziehung der fälligen Gelder ablesen und ver- irmfaßt das Jugendamt, das Fürsorgeanct und Wohlfahrtsamt für Kriegsbeschädigte,- Gesundheitspolizei und Tuberkulosefürsorge gehören zum Gesmrdheitsawck Die Kriegseinrichtungen sind fast alle aufgehoben, die Bezirke der Ermittlungs- und Zustellungsangelegenheiten werden vergrößert. Auch durch Unterstellung der juristischen und Straßenbahnangelegenheiten unter das Hauptamt spart man Personal. Die Etirkommensteuer- abteilung ist aufgelöst. Die Beförderung von Beamte« in Gruppe G ist "hur bei nachgewiesener persönlicher oder organisatorischer Befähigung zulässig. Sie kann durch Ernführung von Vereinfachungen erbracht werden. Damit find die Maßnahmen zur Verringerung bei Ausgaben nicht erschöpft. Magistrat und alle Beamter sollen weiter ein wachsames Auge haben, wo gespart werden kann. Die Beamten werden dazu durch Belohnungen besonders angespornt.
4kin Vorschlag amerikanischer Bankiers.
Äus Williamstown wird der „Chicago Tribune" gemeldet: Die amerikanischen Bankiers hielten eine inoffizielle Konferenz ab, um den Plan für die wirtschaftliche Wiederherstellung Europas zu erörtern. Diese laufen im Grunde darauf hinaus, daß allen alliierten Schuldnern Amerikas, mit Ausnahme Englands, die Schulden nachgelassen werden sollen, aber für diese Hilfe sollen Amerika und England, die beiden einzigen Gläubigerstaaten, den übrigen Ländern Bedingungen auferlegen. die dazu führen könnten, das wirtschaftliche Gleichgewicht und normale Handelsbedingungen wieder herzustellen. Der Generaldirektor der Chase national banc von Neuyork Dr. Anderson, stellt folgende Forderungen auf, die als Bedingung für die Schuldenan- nullieruna zu gelten hätten: 1. Reform der öffentlichen Finanzen und Steuererhöhung, 2. Einstellung der Pa- pieraeldinflation im kontineMalen Europa, Wiederherstellung der Goldbasis, wobei aber eine billigere Golö- priorität hergestellt werden soll. 3. Wirtschaftliche Behandlung der Reparationszahlungen in Verbindung mit einer großen Verminderung der gesamten Revara- iionssumme, Gewährung eines Moratoriums für drei oder fünf Jahre, das nur dann unterbrochen werden sollte, wenn eine auswärtige Anleihe Deutschland in die Lage versetzte, die Reparationssumme zu bezahlem 4. Beseitigung der hohen Zollsätze, die in den verschiedenen europäischen Staaten nach dem Kriege eingeführt wurden.
Internationaler Gerichtshof für die Kriegsverbreche«.
Auf der internationalen Konferenz, die ihre Arbeiten in Buenos-Aires wieder ausgenommen hat, sind 40 Delegierte der verschiedensten Länder vertreten. Der Vorschlag des Engländers Bellot, einen ständigen internationalen Gerichtshof zur Aburteilung aller Kriegsverbrechen zu schaffen, wurde mit 31 gegen 22 Stimmen, angenommen.
Weitere Erhöhuuge« der Postaebühre«. 4 »-^Berlin. lT. U.) Halbamtlich verlautet: Die beav-I sichtigte Erhöhung der Postgebühren ist durch die mzwi-ß scheu notwendig gewordene Aufbesserung der Bcamten-1- kezüge überholt und muß daher durch eine neue ergänzt» werden. Diese neue Gebührenordnung erhält zum Teil - erheblich höhere Sätze als ursprünglich vorgesehen war.;, Dabei muß es mehr als fraglich erscheinen, ob angesichts