Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt durch die Dost bezogen monatlich 120.— Mk., für Hersfeld 100.— Mk., Abholer 00.— Mk. / , Anzeigenpreis für die einspaltige Delitzeile ober deren Raum 10.— Mt„ für auswärts 12.— Mk., die Reklamezeile 30.— Mk. / / Druck und Verlag von Ludwig Funks Bnchbruckerei in Hersfeld.
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Nr. 257
> London.
" Der französische Ministerpräsident Poincaree wird sich nun doch mit seinen Verbandskollegeu in London treffen, um sich mit ihnen über die Brüsseler Konferenz zu besprechen. Es hat lange gedauert, ehe sich die ehemaligen Verbündeten darüber einig geworden sind, ob sie diese Konferenz überhaupt abhalte» wollen oder nicht. Die Schwierigkeiten sind habet wieder von Frankreich ausgegangen, das sich, wenn es sich darum handelt bte Undurchführbarkeit der deutschen Entschädigungszahlun- amr zu erörtern, mit allen Kräften dagegen auflehnt, eine Besprechung hierüber zuzulassen, ohne dadurch seinem volitischen Ziel der völligen Zerreißung und Vernichtung Deutschlands durch Abtrennung der Rheinlande und Besetzung des Ruhrgebiet.es näherzukommen. Poin- -rtyp« r.Af Hfh nach langem Zögern, das er aber für d>e Vorbereitung seiner Pläne bis aufs äußerste ansgenutzt hat, bereit erklärt, sich nach London zu erner Vorbesprechung für die Brüsseler Konferenz. zu begehen. Es Meint so, als ob er dieses Mal zu einem Haupischlage aeaen Deutschland ausholen will. Er hält den gegen- wärtigen Augenblick am allergünsfigsten für bte ^nrch-> führung seiner imperialistischen Pläne. Er sieht■ sich beule der Verwirklichung dieser seiner Plane auch umso, näher als er hofft, daß ihm, die politischen Erelgniise Ni^ Italien, die dort den Faszismus aus Ruder gebracht haben und der Regierungswechsel in England der durch die Neuwahlen bekräftigt worden tst, zustatten kommen werden. Sollte England sich trotzdem dieser Faustman^ öervolitik widersetzen, so hat Pomearee noch genügend, Trümpfe im Orient in den Händen, die ,er gegen Eng-, land ausspielen kann. Poincaree geht mit ememsesten, bis ins kleinste ausgearbeiteten Programm nach Lon-, don. Er hat zu diesem Zweck den Kriegsrat in Paris unberufen, der die Forderungen, um ihnen mehr Nachdruck zu verleihen, fest formulieren mußte Das Kriegsgeschrei der französischen Presse sollte das übrige tun, um den Kontinent in Furcht und Schrecken zu bringen. Poincaree wird seine Verbandskollegen in London vor ein fait accompli zu stellen versuchen, umso mehr mit der Hoffnung auf Erfolg, als er dieses Mal vEmchein- lich in Mussolini einen getreuen Lekundanten finden wird. Die Aeußerungen Mussolinis, bte bssher übest seine Absichten in der Entschadigungspolitik bekannt geworden sind, lassen wenigstens darauf schließen.
Unter diesem schlimmen Omen wird bte Londoner Konferenz beginnen. Es ist zwar wahrscheinlich, daß! auch das England Bonar Laws den sranzosischen Wim- schen den größten Widerstand entgegemetzen wird. Oh mit Erfolg, wird davon abhangen, ob bei neue britische Premierminister ebenso wie Lloyd, George nur eine P o- [iHt b<v Augenblickserfolge oder eine Politik bet langen ~^'^ Die ^n^urw y^x- i^y;yv^^5«*^
K färben%SoSeeän dem Pariser Kriegsrat für den ^isch geschlagen hat, daß es in Europa in allen Ecken krachte. Man Übersicht in Loudon nicht, welche
bern auch in seinen Bestrebungen nach ber europäisch n ML.d°Sch-/»Su^
N»EEZS gelingen seine Machtpolitik in Europa durchzusetzen, tSÄÄK® S
SMMM ÄÄ “"‘^6™ ***** gSS"BiiBsS ßWsWZWWM a,L Dieses Mal sieht das deutsche Volk, geläutert durch beschweren Schicksalsschläge, dem.Kommenden mutiger tanzen deutschen Vaterlands bett größten Emtru- mnasstUMi Krvorgerusen mib kräftiger denn je er- D^nMen R chVMd vor allem silld es auch dort die Ge- WifeÄSS lÄ'ÄfÄ
1ME Die Erkenntnis bliebt sich.immer mehr.im.dcnt-
Sonnabend, den 2. Dezember
Tfbeit Volke Bahn? daß es oen Acacyiyavern in Paris weniger darum zu tun ist, finanzielle Entschädigungen zu erhalten, als die deutsche Reichseinheit zu zerstören unb das deutsche Volk für immer zu einem Sklavenvolke herabzudrücken. Ueber diese Erkenntnis wird der Weg zur nationalen Einigung süßten. Das deutsche Volk ist von seinen Feinden zu oft auf das schändlichste betrogen worden, als daß es heute nicht in allen seinen Teilen die französischen Pläne durchschaut und ihre Tragweite erkennt. Wie das rheinische Volk jetzt seinen Brüdern im übrigen Reiche zuruft, daß es auf das schwerste bedroht ist, aber mutig, opferwillig und geschlossen für das deutsche Vaterland und Deu,tfchtum einstehen will, so schallt ihm auch aus allen ©anen des großen Vaterlandes der Ruf entgegen: „Treue um Treue", und an dieser Treue und Geschlossenheit eines in der Stunde bitterster Not und größter Gefahr geeinigten 6N-Millionen-VKlkes wird und muß der Vernichtungswille des welschen Feindes zerschellen. wk.
Vorkonferenz am 9. Dezember.
Die Londoner Ministerzusammenknust findet, wen« Mnssolini Bonar Laws Einladung ««nimmt, wahrscheinlich am 9. Dezember statt. Londoner amtliche Kreise sind der Ansicht, daß die Anssichten für Dentschland ungünstiger seien als bei der vorigen Anwesenheit Poin- carecs in Londo«.
poincarees Stellung^Mittlern
k^-Aus P aris wird gemeldet: Die Gerüchte über ein« bevorstehende Regiernngskrise habe« neue Nahru«g dnrch die angeblich in einer der letzte« Mittisterrats- sitznngen zutage getretenen Gegensätze zwischen Poincaree und Millerand erhalten. In französischen amtlichen Kreisen hält man es für wahrscheinlich, daß Poincaree im Falle eiues «egative« Ausganges der Londoner Vefprechnngen freiwillig zurücktreten werde, um Lonchenr Gelegenheit zu gebe«, anf neuer Grundlage die Lösung der Entschädigungfrage durch eine Berstän- bignng mit den Verbündeten und mit Deutschland zu versuchen. Ma« versichert, daß Präsident MilleranS für die Pläne Lonchenrs gewonnen sei.
Es ist nicht das erste Mal, daß Gerüchte von einer bevorstehenden Erschütterung der Stellung Poincarees sprechen, ^m Augenblick scheint aber Poincaree durch seinen nationalistischen Rummel im Pariser Kriegsrat fester denn je im Sattel zu sitzen. Es hätte auch gar keinen Sinn, die Kriegsfansaren ertönen zu lassen, wenn Poincaree im Falle emes negativen Ausganges der Londoner Besprechungen freiwillig von Tewem Posten die allgewaltigen Ondusiriekretse,' die in ankreich dw Treiber der Ausbeutungs- und Bergew^mungspolrttr gegenüber Deutschland sind, sich doch infolge des denkbar ungünstigsten Echos, das der Panier Kriegsrat M der ganzen Welt gefunden hat, sich eines anderen besonnen haben und vor einem so ungeheuren Rechtsbruch
zurückschrecken. Vorläufig wirb das deutsche Volk aber
gut tun, keine Hossnung aufkommen zu lauen, daß durch eine Wandlung in der französischen Polittt die uns drohenden Gefahren abgewendet würden. Das beutybe Volk darf sich durch solche Meldungen aus Paris nicht verwirren lassen, sondern muß etuta und geschlm/n bt^ ihm drohende Gefahr zurückweisen und den Gegnerm keinen Zweifel darüber lassen, daß sie bei diesem flagranten Rechtsbruch auf den scharzsten Wideritaichj des ganzen Volkes stoßen werden
Poincarees Entschädignngsplark.'
„Daily Telegraph" erinnert daran, daß Poincaree auf der Londoner Konferenz im letzten August keinen, ausführlichen Plan für die Entschädigungszahlunge« und die Kriegsschulden vorgelegt Habe, daß er aber wahrscheinlich dieses Btal ein genanes Prozekt unterbreiten werde im Zusammenhang mit einem Entwurf, wonach Frankreich die völlige finanzrelle nnd wirtschaftliche Ausbeutung des besetzten Rheinlandes und, me eines großen Teiles des Rnhrgebietes in die Hand nehmen würde. Dabei wird in erster Stute bet staatliche deutsche Besitz an Gruben und Wäldern herangezogen werben.
Aufschub der Antwort an Deutschland.
m. In politischen Kreisen in Paris wird versichert, daß die Entfchädigrtngskouin-ission ihre Entscheidung über daS deutsche Msratorinmsgesuch erst nach -erKonftrenz der Ministerpräsidenten in London treffen wird. Dieser
England gegen Frankreichs Gewaltpolitik.
»-»Paris. Der Londoner Berichterstatter des „Petit Parisien" schreibt über die bevorstehende Londoner Konferenz zur Beratung der Regelung der Reparationsfrage: Bonar Law sei bekanntlich ein entschlossener Gegner unüberlegter Lösungen. Es würde nicht überraschen, wenn ein Moratorium von kurzer Dauer vor- geschlageu würde, damit die alliierte« Sachverständigen erneut beraten und neue Vorschläge machen können, ehe endgültige Entschließungen getroffen würden. Wenn die Mitteilungen aus politischen Kreise« stimmten, so hätte das englische Kabinett bereits an ein Moratorium von zwei Monate« gedacht.
Eine gewundene englische Erklärung.
<w London. Die Presse weist darauf hin, daß Bonar Law auf der bevorstehenden Londoner Konferenz der alliierten Premierminister zum ersten Male als Lauvt
1922
der Regierung auswärtige Angelegenheiten verhandeln wird. Alles in London sei firr die Zusamuienkunft der alliierten Premierminister vorbereitet. Die Londoner Verhandlungen werden in der Hauptsache zum Ziele haben, sich mit den neue« Reparationsvorschlägen Frankreichs und den Vorbereitungen für die Brüsseler Konferenz zu befassen. Der britische Standpunkt ist, wie verlautet, der, daß in Anbetracht der Tatsache, daß der französische Reparationsplan weiter vorgeschritten ist als der englische, abgewartet werden müsse, welche Vorschläge Poincaree zur Reparationsfinge machen werde. Fn London wird die Erklärung der Rcgiermtg Bonar Law in der Reparationsfrage dahin ausgelegt, daß sie zu einer Abänderung der Balfournote bereit sei/
Italien «uterstiitzt die französische Gewaltpolitik.
b* Rom. Die italienische Sekfiou der Reparationskommission arbeitet gegenwärfig einen Plan aus, der den Stand der deutschen Finanzen als blühend bezeichnet und die Markentwertung grötzteMeils auf den schlechten Willen der deutschen Reichsregiermrg zurückführt, die dank ihrer bedeutenden Goldreserve den Marksturz auf- halten könnte. Italien werde den französischen „Sanktionen" zustimmen, wenn der italienische Anteil an den Reparattonen von 10 auf 13% Prozent erhöht werde.
Rußlands Programm für Gaulanne.
»»Tschitscherk« empfing am Abend vor seiner Abreise nach Lausanne in der russischen Botschaft in Berlin Ver-, tretet der ausländischen Presse. Er führte u. a. folgendes aus: Das Programm Sowjetrutzlands in der Meer- cugeufrage ist die Forderung nach der politischen Souveränität des türkischen Volkes. Rußland lehnt iebe internationale Einmischung in die Rechte der Türkei ab. Die andere Forderung ist die vollständige Schließung der Dardanellen für die Kriegsschiffe aller Nationen mit
Llusnahme der türkischen Kriegsschiffe. Die Türkei wirb in diesen Änderungen die Unterstützung Rußlands finden. Das türkische Volk fordert ferner, daß auch das wirtschaftliche Leben der Türkei in den Händen der Türken selbst und nicht in denen bet Fremden liege. Es wird auch hierin von Rußland unterstützt werden. Ich bin nicht sicher, sagte Tschitscherin, ob Lausanne eine de- -initive Entscheidung bringen wird. Aber eine Ent-! cheidung ist möglich, die dem Nationalbewtttztsei« de^ ; ürkische« Volkes gerecht wird. Das russische Programm üt Lausanne ist dasselbe Friedensprogramm, das für? Sie jetzt beginnende Abrüstungskonferenz der Oststaatenj in Moskau bestimmt ist Auf dieser Abrüstungskonferenz wird Rußland definitive Vorschläge zur Abrüstung machen. Auf der Konferenz in Lausanne wie auch auf
elbe Friedensprogramm,
Frieden und Sicherheit beruht und die Konfliktmöglich- keiten zwischen den Völkern ausschallet.
Vertaguugspläne.
»-»Aus Lausanne wird gemeldot: Die Gerüchte über eine Vertagung der Orientkonferenz am 15. Dezember verstärken sich immer mehr. Von englischer Serie wird für die Vertagung angeführt, daß man aus diese Wecie in die Lage versetzt würde, die Brülleler Entschädigungs- konferenz entsprechend dem Wunsche Frankreichs über Weihnachten und Neujahr bis Mitte Januar durchzu- füßren.
Wiederkehr der Seiten des Kriegsbrotes.
Die Frage der Brotversorgung hat in der Bevölke- rung eine starke Erregung yeroorgerufem Wie dies „T. U." von zuständiger Seite erfährt, erscheint.die Lage? leicht gebessert, obgleich sie noch nicht als befriedigend bezeichnet werden kann. Das erste Drittel der Getreide- umlage, dessen Abliefernngstermin am 30. November? ablief, ist tnsolge einer Menge von 603 000 Tonnen bisher eingekommen. Diese Menge bebeittet etwa 72 Proz. der Gesamtvrenge. Hiervon hat beispielsweise Preußen 83 Proz. seines Ablieferungssolls erfüllt Altenburg uirtz Anhalt haben sogar mehr als das Drittel abgeliefert. Mit einer Streckung des Brotgetreides wird aller Wahrscheinlichkeit nach im Frühjahr gerechnet werden müssen,; obgleich die Reichsregierung sich .rar sehr ungern hierzu entschließen wird. Die späte schlechte Getreideernte uttb; die gute Kartoffelernte legen eine Mischung des Brotgetreides mit Kartoffelmehl nahe.
Angesichts der Geldentwertung ist natürlich mit einem erhebliche« Anziehen der Brotpreise zu rechnen. An einzelnen Geuleiuden ist der neue Brotpreis auch bereits festgesetzt. Der Abgabepreis der Reichsgetreide- stelle ist durch Kabinettsbeschluß auf etwa das Dreifache, von 30 000 auf 90 000 Mark für die Tonne, erhöht worden, und dieser erhöhte Preis wird sich demnächst mr Brotpreise auswirkem
Ei« Ruf nach der Zwangsmirtschaft.
Im Braunschweiger Landtag wurde ein soztaldemo^ kattscher Antrag angenominen, der die Landesregierung^ beauftragt, bet der Reichsregierung auf Wiedereinführung der Zwangswirtschaft für Lebensmittel «nd Be- / darfsgegenstände zu dringen, desgleichen ein Antrag auf J Entsendung einer aus Mitgliedern des Landtages und j Vertretern der Verbraucherfchaft bestehenden Kommission « nach Berlin, die mit der Reichsregiernng über eine 8 Besserung der Lage der am schwersten leidenden Volks-s kreise verhandeln soll.