Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 262
Donnerstag, den 14. Derember
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Neuer englischer Fühler.
Anfrage Wege« Garantien für eine Ausländsanleihe.
»-»Der „Lok. A-nz." teilt mit: In Berliner unterricht teten Kreisen verlautet, daß neuerdings eine Fühlungnahme zwischen der englischen und der deutsche« Regie- mng über die Frage einer Anleihe stattgefunden habe
Die Initiative dazu soll von der englischen Regierung ausgegangen sein, die dem Wunsche Ausdruck gegeben habe, von der Reichsregrcruug darüber unterrichtet zu werden, ob die deutsche Industrie unter Umständen geneigt sei, die notwendige Garantie zu übernehmen und, wenn das der Fall ist, unter welchen Bedingungen.
Die Antwort auf den Vorschlag C««os.
»»Reuter meldet, daß die Entscheidung der Ministerpräsidenten über die deutsche Note in der Form einer kurzen und öffentlichen Antwortnote Bonar Laws an Cuno nach Berlin geschickt worden ist. Bonar Law erklärt darin, daß der Brief Cunos von den verbündeten Ministerpräsidenten geprüft worden sei. Er fügt den Ausdruck seines aufrichtigen Bedauerns hinzu, daß die Mlmsterprästdenten nicht der Ausicht seien, in dem öeut- sihen Borschlag unter den gegenwärtigen Umständen eine Losung der Entschädigungsschwierigkeiten zu finden.
Meinungsaustausch zwischen Paris und London.
»»Poincaree und die anderen französischen Vertreter auf der Londoner Ministerkonferenz sind in Paris an- gekommen. Von eingeweihter offizieller Seite wird erklärt, daß der Ministerpräsident Erklärungen in der Kammer nur abgeben werde, wenn ein Zwischenfall ihn dazu veranlassen sollte. Was Poincaree über die Londoner Verhandlungen zu berichten hat, wird er zunächst in einem bereits einberufenen Ministerrat, also unter Ausfluß der Leffentlichkeit, sagen. Man betrachtet die Bonboner Verhandlungen nicht ^gebrochen, sondern als vertagt. In der eümelreicu.. ruse soll zwischen den verbündeten Regierungen, vor allem zwischen Paris London, ein weiterer Meinungsaustausch in der so-i genannte« Pfanderfrage stattfinden.
Poincaree will am 15, Januar marschieren.
" UeMr^aZ"Scheitern derTAöndoner Konferenz wird! »koch gemeldet: Die Konferenz scheiterte wie die Augustkonferenz, weil England nicht in die Besetzung des Ruhrgebiets willigen wollte. Poincaree gab amtlich bekannt, daß er die Ruhr am 15. Januar besetzen werde. Bonar Law erwiderte darauf bestimmt, daß keine britische« Trnppe« dabei mitmachen würden. Die Aussichten auf eine Verständigung im Januar gelten als ganz gering. Ein offener Bruch würde nur vermieden tuS Rücksicht auf Lausanne und die Erwägung, daß er tote auffallende Rechtfertigung für Lloyd George wäre- Eine Meldung der „Times" aus Oppeln bestätigt, das, französisch-polnische Militärabkommen ermächtige Po-- len, gleichzeitig mit der Besetzung des Rnhrgebiets eine Zone in Oberschlesien einschließlich der Städte Beutheu «nb Gleiwitz zu besetze«.
.Wird Amerika eingreifen?
»»London. Der diplomatische Berichterstatter des .Daily Telegraph" erfährt: Falls Frankreich die Besetzung des Ruhrgebietes beabsichtige und Großbritannien seine Zustimmung dazu geben sollte, werde sich die Stimme Amerikas gegen diese „Sanktion" erheben, die als zu schädlich für den Welthandel angesehen werde. Sehr maßgebende amerikanische Kreise hätte«c die von den alliierten Staatsmännern verworfene deutsche Note vor der Unterbreitung geprüft und als mögliche Grundlage einer Erörterung angeseherr.
Poincarees Verteidigung.
»»Paris. Dem „Journal" zufolge will Poincaree erst am Freitag in der Kammer Erklärungen über die Londo- Ic Beratungen abgeben, da Bonar Law Donnerstag tm sterhaus über die Frage der interalliierten Schulden »Paris^iV. 33 Poincaree hat bett Pressevertretern tgeteilt, daß er am Freitag in der Kammer das Wort ergreifen gedenke. Aus den sonstigen Erklärungen ; Ministerpräsidenten ist noch hervorznheben, daß er ßerte, es läge im Interesse Deutschlands, daß es selbst cherveiten für die Pfänder vorschlage. Es sei aber kei- swegs zu erwarten, daß Deutschland derartige Vor- läge machen werde, weil anch die neue Reichsregieruna e Großindustrie gegenüber zu schwach sei.
Weitere französische Pressestimmen.
!»»Paris. Das „Journal des Debats" schreibt zum Abbruch der Londoner Konfercnzt In Londort beginne der Gedanke lebendig zu werden, daß wir eme Art Strafex- pedition vorbercitcn, die unsere nationale Eigenliebe be- sriedigen soll, ohne uns grenbare Vortelle zu verschal fem Eine derartige Amsnnung hatte sich »u der britischen Welt nicht entwickeln können, wenn ustr diefinanziellen Resultate, die wir bei einer Besetzung des Ruhrgebietes eichen, und die durchgreisende
te Licht gesetzt hätten, bereit Durclnührmad'eSane- z der deutschen Finanzen mtb die Lcsttung rcgelma- r Reparationszahlungen ermöglichen wurde. Das Berlin von der Reparationskommilsion aufgestellte gramm ist unzulänglich. Seine VersEr haben sich l der Bestimmung des Versailler Vertrages ange- :, die teilte Einmischung der Alliierten in die inneren fcticit Angelegenheiten gestatte. Ueber diese Bestim- rg muß man sich aber hin,vegsetzen. Wir haben das edingte Recht, als Gegenleistiing für eine neue Kon
trolle von den Deutschen die Streichung dieser Bestimmungen zu verlangen. Wir aber müssen erst genau missen, was unsere Alliierten sagen, was wir wirklich wissen wollen. Das französische Volk hat ebenso wie die Regierung ein Kapitalttfteresse daran. Wenn wir die Geste ausführten, ohne daß man wüßte. welche finanzielle Genugtuung sie bringen soll. so würde sie von unseren Freunden schlecht verstanden, von den Deutschen schlecht ausgelegt, von den Neutralen getadelt werden.
Die Entschädigung-:-- und Schuldenfrage.
r^-Der „Tag" berichtet: Staatssekretär a. D. Bergmann wird von der Reichsregierung in Berlin erwartet. Die Reichsregierung wird erst auf Grund seines Berichtes weitere Entschlüsse fassen. Sie sieht in dem Abbruch der Londoner Verhandlungen nur eine Vertagung der Besprechungen. Während Poincaree die ytbficßt ' hatte, eine Debatte nur über seine Gewaltpolitik führen zu lassen, ist durch die deutschen Vorschläge die Aussprache sogar anf das wirtschaftliche Problem der Ent- schLdignngsfrage gelenkt worden. Das war aber weder für Poincaree eine geeignete Basis noch für Bonar Law, der mit Rücksicht auf die in Washington gepflogenen Verhandlungen sich über das Problem der interalliierten Schulden und der Entschädigungen, «och kein ganz klares Bild hat machen können.
richtes weitere Entschlüsse fassen, bruch der Londoner Verhandlung
Das geht auch aus folgender Meldung aus London über eine Anfrage im Unterhanse wegen der interalliierten Schulden hervor. Die Meldung lautet:
Im englischen Unterhause richtete Abg. Kettworthy die Frage an die Regierung, ob sie in der Lage und gewillt sei, dem Hause irgendwelche Aufklärungen über den jetzigen Stand der Entschädigungsfrage und über etwaige von Frankreich Deutschland gegenüber geplante Zwangsmaßnahmen zu geben. Bonar Law erklärte, er wolle, da die Londoner Besprechungen in drei Wochen in Parttz wieder ausgenommen würden, sich jeder Mitteilung über den Stand der Dinge enthalten. Lediglich in einer Frage glaube er, sich einer aufklärenden Mit- teilung nicht entziehen zu können, nämlich in der Frage der interalliierten Schulden. „Ich habe gesagt," so fuhr Bonar Law fort, „es sei ungerecht, das Problem so zu lösen, daß England hinterher in Wirklichkeit am meisten von den alliierten Staaten Schulden haben müßte. EZ liegt mir vollkommen fern, die Summe der von Deutsch- land erreichbaren Zahlungen irgendwie beliebig hoch festzusetzen, ohne öeit anderen Alliierten zu Wests da ihr doch nicht alles von Deutschland erreichen könnt, was ihr braucht, sind wir willens, unsere eigenen Ansprüche zu beschränken. Ich füge weiter hinzu, daß meiner Ueberzeugung nach jeder es für unklug halten muß, solche Zugcstäudukfse von vornherein zu machen, da doch die ganze Frage in Paris wieder von vorne aufgeworfen werden muß."
Erklärungen Poincarees.
Poincaree gab französischen Journalisten in London die folgenden Erklärungen: In der Kriegsschulden- frage sind wir einen großen Schritt vorwärts gekommen, da Bonar Law uns zugesagt hat, daß diese Angelegenheit auch ohne Amerika besprochen werden könne. Noch nicht vollständig durchgesprochen ist dagegen die Frage der Zwangssicherung,' sie wird anfangs Januar in Paris erneut aufgerwmmen werden. Ich weiß nicht, ob der französische Standpunkt anerkannt werden wird.
Mein Eindruck ist, daß dafür wenig Anssicht besteht, wenn wir unsere These in ihrer jetzigen Gestalt beibehalten. Aber ich habe mir die volle Aktionsfreiheit vorbehalten und selbst, wenn sich eine Verständigung nicht erzielen läßt, wird diese Meinungsverschiedenheit den Bruch der Entente nicht nach sich ziehen. Andererseits wird, sobald eine Einigung erfolgt ist, sofort eine zweite Konferenz nach Paris oder nach Brüssel einberufen, an der außer den Hauptmächten alle interessierten Länder
(«alten. Aber ich 5, behalten und selbst
teilnehmen sollen.
Die ßamlerrede im lMrWastrrai.
Reichskanzler Dr. C«no führte in seiner beöeut- samen Rede im Reichswirtschastsrat bei dessen erster Sitzung im neuen Dienstgebäude u. a. folgendes aus:
Nicht etwa von heute zu morgen ist der Gedanke des Rcichsmtrtschaftsrates zur Tat geworden. Obwohl heute viel umstritten, wurzelt er fest im Gedanken der
Vergangenheit in der Ueberzeugung, daß politische mi8 wirtschaftliche Kräfte zusammenarbeiten müssen, wenn das Wohl des Vaterlandes fest begründet sein soll. Kein Geringerer als Bismarck war es, der den preußischen Volkswirtschaftsrat ins Leben rief, um alle wirtschaftlichen Fragen zunächst durch Wirtschaftskreise der Beratung zu unterziehen. Es hat dann Jahrzehnte gedauert, bis der Volkswirtschaftsrat in der Verfassung begründet, ins eLben trat und auch heute hat er die- selben Aufgaben, die damals Bismarck dem Volkswirtschaftsrat gegeben hat. Er soll grundlegende Wirtschafts- sragen durch Wirtschaftskreise beraten und begutachten lassen und zugleich der Regierung Anregungen geben, die auf wirtschaftlichem Gebiete liegen. Was auf diesem Gebiet bisher geleistet worden ist, das erlassen Sie mir, an dieser Stelle auszufilhren. Aber Männer möchte ich herausgreifen, die sich ganz besonders um die Arbeit des Reichswirtschaftsrates verdient gemacht haben. Neben dem Präsidium, welches wir auch heute die Freude haben, vor uns zu sehen, waren es zwei Män- ner, die nicht mehr unter uns weilen, die die Arbeiten Und Beratungen des Reichswirtschaftsrates ganz besonders gefördert haben. Es waren Legten und Rathenau, beides Männer des Ausgleichs der Interessen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern und des Ausgleichs zwischen den verschiedenen wirtschaftlichen Auffassungen.
Sie an diese Namen in diesem Lkreise zu dieser Stunbr; zu erinnern, ist mir Pflicht.
Die Regierung ist der Ansicht, daß nur aktive und positive Mitarbeit der Lösung unserer Schicksalsfragen zum Heil gereichen kann. Die Regierung ist der Meinung, daß es falsch wäre, das Schicksal des Volkes lind Landes in die Hand anderer zu legen als der berufenen und verantwortlichen Leiter des deutschen Volkes. Das hat wohl zu dem Standpunkt geführt, daß wir auch in den ersten Tagen unserer Regiernng nicht die Hände in den Schoß legten. Wir glaubten uns deshalb auch laden zu sollen, wo wir nicht hingebeten waren. Und wir glauben, daß dieser Weg auch weiter beschritten werden soll. Wir haben dies getan, indem wir einen positiven Vorschlag vorgelegt haben, der allerdings! keine endgültige Lösung, aber doch ein Vorbote der endgültigen Lösung sein könnte. Dieser positive Vorschlag Ümr — man möge über seine Einzelheiten denken, wie man will — aufgebant auf dem Grundgedanken, daß für die Lösung die Befreiung weiter Gebiete unseres^ Reiches und unserer Wirtschaft von dem Druck der un-> gelösten Reparattonsfrage nötig sei, daß es für alle btefei Ziele der Zusammenfassung der letzte« Kraft des ganzen' Volkes bedurfte und der Zusammenfassung des ganzen Vertrauens des Auslandes, das noch zu Deutichland
besteht.
Der Goldwert des Mienkapilals.
Gelegentlich des Landesparteitags der Dentschnatio- nalen Volkspartei in Halle sprach Staatsrmmster. a. D. Dr. Helfferich vor dem deutschnationalen Zndustr>eaus- schutz über Industrie und Reparationsfragcn. Er luörte u. a. aus: In welchem Maße die in Gold berechnete Rentabilität der deutschen Aktien durch die Folgen des Krieges und das Friedensdiktat herabgedruckt worden sei, zeigt folgende Gegenüberstellung:
Ende 1913 betrug der Nennwert des Kapitals der deutschen Aktiengesellschaften etwas über 17 Milliarden Goldmark, der Kurswert nahezu 31 Milliarden Goldmark. Am 1. September 1922 war der Nennwert auf mehr als 80 Milliarden Papiermark „gestiegen", das durchschnittliche Kursniveau war um viele Hunderte Prozent höher geworden, der gesamte Kurswert bey Aktienkapitals stellte sich auf nahezu tausend Milliarden Papiernlark. Zu dem damaligen Dollarkurs in Gol» umgerechnei machte jcoocy trmtirrototti de^-säm'neben deutschen Aktien nur noch 3,1 Milliarden Gold- mark aus. Wenn also heute die sämtlichen deutschen Aktien zu ihrem anschentend so hoch getriebenen Kurswert der Reparattouskomnlission ausaehündigt werden würden. Aber von diesen drei Milliarden ist im Wege der durch die Fortsetzung der bankerotten Erstillungspo- littk erzwungenen „Ueberfremdung" minbeffens ein Drittel, und zwar das wertneafte, und für die Entente interessanteste Drittel in ausländische Hände übergegan- gen, so daß der gegenwärttge Goldwert des im deutschen Besitz verbliebenen Akttenkapitals auf uicht mehr als 2 Milliarden Goldmark veranschlagt werden kann.
Noch ungünstiger als dir Wertberechnung auf Grund der Börsenkurse stelle sich die Ertragsberechnung. So stelle sich der Jahresgewinn de Akttonäre aus der Firma Krupp auf allerhöchstens 15 Millionen Mark, das seien in Gold umgerechnet — ganze 7500 Mark aus der ersten deutschen Jndustrieftrma.
In welchem erschreckenden Maße das deutsche Kapitalvermögen zerstört sei, ergebe eine Gegenüberstellimg! des Ertrages der Kapitalertragssteuer und der Einkommensteuer 47.3 Milliarden Steuerertraq entsprechen einem Halbjahreseinkommen von rund 350 Milliarden Mark. Das ©albiabrcscinfummcn aus Kapitalvermögen betrage nur 10 Milliarden Mark, also noch nicht einmal 3 Prozent des Gesamieinkonunens. Aus diesen Ziffern ergebe sich ein Ank stt für d«e geradezu erschreckend engen Grenzen, die heute der Leisturmssähigkeit der Industrie und des Kapitals für Reparationszwecke gezogen sind.
Blutige KSmpfe in Würi emverg.
Nach in München vorliegenden Nachrichten ist es in Stnitgart und in anderen Württembergischen Fabrikorten zu schweren Zusammenstößen und Kämpfe» zwischen Nationalsozialisten und Marxisten aefammen. In Göppingen wurde eine nationalsozialistische Versammlung verboten. Eine aus München gesammelte Hundertschaft der Nationalsozialisten wollte sich dann geschlossen in ein Lokal begeben, wurde aber unterwegs von 6000 Arbeitern überfallen. Es kam zum Hanöge- menge und zum Feuerkampf, in dem die Münchener allein 10 bis 15 Schwerverwundete hatten. Es soll sogar mit Maschinengewehren gefeuert worden sein. Es ist noch nicht bekannt geworden, ob es auf der Gegenseite auch Tote gegeben hat. Jedenfalls haben die Mar- xisten aber ebenfalls zahlreiche Verwundete und Schwerverwundete. In Stnitgart, Etzlingen, Geißlingen wurden die nationalsozialistischen Versammlungen von den Marxisten gesprengt; auch dort ist es zu Schlägereien! und zu förntlichen Kämpfen gekommen.
StraßenKämpfe in Warschau.
fr* Warschau. (V. 33 Nach den Straßenkämpfen an S Mag ist eine gewisse äußere Ruhe eingetreten, üi« wohl in erster Linie auf die energische Haltung der Regierung wie auch der Arbciterfchaft zurückzuführe» ist, die gezeigt hat, daß sie vor nichts'suriicfWerten werde, falls sich der Skandal wicberholen würde. Noch Dienstag sind der Innenminister und der Warschauer Polizeipräsident kurzerhand verabschiedet worden. Am Mittwoch vatroulliertL Militär und Polizei durch Hie