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Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

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Nr. 2 Donnerstag, den 4. Januar 1923

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Das Wichtigste vom Tage.

^ In Pari» droht bereits eine Krise, da Poinearö sein«» Reparattonsplan als alleinige Vrr. ' Handlung, grundlage angesehen wissen will.

vi« Pariser Konferenz hat beschlossen, Etaats- selrrtSr Bergmann nicht zum mündlichen Vortrag des deutschen Plan«» »uzulassen.

Set Minister bes Aeußeren von Rosenberg yat bis «ntstellenden Aeußerungen Poincares über den deutschen Ari«d«»»pokt-B»rschlag zurückgewiesen.

Frankreichs Friedenswille.

Das Verhalten Frankreichs gegen Deutschland wird von Planchen als widerspruchsvoll empfunden. Da möchte ». B. Frankreich gern von der vielberufenen internationalen Anleihe einen Teil für sich einstreichen, zugleich versteift es sich auf Finanzkontrollierungen Deutschlands, die das Reich um Selbständigkeit und Kredit bringen würden. Frankreich gibt zu, daß die Reparationen die finanzielle Kraft Deutschlands tibersteigen, gleichwohl wird auf voller Begleichung der Schuld bestanden. Die Beispiele solcher Handlungsweise ließen sich vermehren, aber wenn sie auch auf Widersprüchen aufgebaut find, dürfen wir uns die Mühe der Widerlegung er­sparen. Die französischen Forderungen sind absichtlich aus Widersprüchen zusammengestellt, um aus der Unerfüllbarreit heue Forderungen herausdestillieren zu können, die auf eine Zerstörung Deutschlands hinauslaufen. Man kon- pruiert Pfänder, die uneinlösbar sind, und geht über die Pfänder zur Annexion. Nur um dieses Ziel zu erreichen, lehnt Poincarä jede Annäherung an Deutschland ab und spielt den Unversöhnlichen.

Dafür hat, wie an dieser Stelle bereits bemerkt, die Ham- butger Rede des Reichskanzlers einen neuen Beleg geliefert, indem er erklärte, daß Deutschland durch eine dritte Macht Frankreich angeboten habe, eine gegenseitige Verpflichtung zu unterzeichnen, während eines Menschenalters, ohne durch eine Abstimmung der an der Rheinzone interessierten Staaten dazu ermächtigt zu sein, keinen Krieg zu führen. Der diplomatische Vertreter von Havas hat sich vergeblich bemüht, diese un- bequeme Veröffentlichung zu dementieren. Danach soll der dänische Botschafter -in Washington dem Staatssekretär Hughes eineAnregung'Miberreicht yaven, die dieser wegen ihrer nicht durchgearbeiteten Form nicht nach Paris weiter- geleitet habe. Daher habe Frankreich auch gar nicht ablehnen können. Demgegenüber ist deutscherseits festzustellen, daß die dritte Macht (das nach diplomatischer Gepflogenheit von Dr. Euno nicht namentlich angegebene Amerika) in der Tat die Uebermittlung des deutschen Angebotes angenommen und schriftlich weitergegeben hat. Dies ist in amtlicher Form geschehen, und die französische Ablehnung ist eben­falls amtlich erfolgt.

Gesetzt den Fall, Poincarä hätte alle leicht wegzuräumen- den verfassungsrechtlichen Bedenken überwunden, hätte die neue Friedenssicherung den Akten des Völkerbundes einver- leibt, was wäre die Folge gewesen? Ein Verzicht auf das linke Rheinufer, auf das Ruhrgebiet, auf Pfänder! Das fran. Msche Heer hätte eine bedeutende Herabminderung erfahren können, die Besetzung der rheinischen Lande wäre überflüssig geworden, mit einem Wort: Europa wäre in eine wirkliche Friedensperiode eingetreten und alle Vergrößerungs- gelüste desChauvinismus wären ins Wasser gefallen. Aber man hat die Vernichtung Deutschlands so fest ins Auge gefaßt, hat schon so viel Vorbereitungen für die Zerstückelung und Fran- zösierung des deutschen Westens getroffen, wie die Pläne Dariacsdartun, daß man sich, wenn nicht alle Pariser Chau- vinisten enttäuscht werden sollen, aufs Leugnen verlegen und das Versöhnungsangebot als unbeachtlich hinstellen mußte.

Damit wird freilich nicht die Wahrheit unterdrückt, und sie erhält Unterstützung durch die Veröffentlichung der Telegramme Iswolskis an Sasonow aus Bor­deaux vom 80. September/13. Oktober 1914. Diese Dokumente beweisen durch ihren Wortlaut unwiderleglich, daß Frank- «ichs Wünsche und Forderungen darauf gerichtet waren, die politische und ökonomische Kraft Deutschlands zu vernichten. Schon damals stand ein vollkommen ausgearbeiteter Ver- nichtungsplan in Ausführung und hinter ihm der Vernich- tungswille aller ftanzösischen Staatsmänner, mögen sie Del- cassö, Vriand, Elemencenu oder Poincare heißen. Dieser Ge- danke, Deutschland zu vernichten, spiegelt sich ja längst in der ganzen Geschichte Frankreichs wider, und es ist keinem Fran- ^ofen jemals eingefallen, daraus ein Hehl machen zu wollen. kNur am Konferenztisch, an dem auch Vertreter anderer -Mächte sitzen, muß man sich Zwang antun und den fried- ^fertigen Vertreter der französischen Zivilisation markieren. 'Saturn wird der tote Iswolski noch toter gesagt, darum ist V niemals ein deutsches Bürgschaftsangebot für Frieden richtig jam Quai d'Orsay abgegeben worden, und darum will man

augenscheinlich auch die Aussprache Mann gegen Mann nach Möglichkeit unterbinden, da gegen die Mündlichkeit kein von Havas noch so wahrheitsliebend verfaßtes Dementi Mas aus* richten kann. " vck.

Die erste Pariser Sitzung. 1

Berg man wird nicht zu gelassen.D

Di« erste Statu e der Konferenz der alliierten Mk» nifterprSfideuten * tt Dienstag nachmittag, wie schon kurz gemeldet, P grammithig um 2 Uhr unter dem Borsitz Poiuear«S im Ministerium des Auswärtige« be­gonnen und dauert« bei glattem Verlauf etwa andert­halb Stunde«.

An die französisch« Abordnung, der bekanntlich auch d« La» steyri« und Perrett della Aoera angehörea, schloffen sich nach recht» hin die Engländer mit Bonar Law, Philipp Lloyd ®teame und dem Unterstaatssekretär Eyr » Grew an, nach link» dt« Ztalieneemit della Torretta und Avezzano. Gegenüber hatten schließlich die belgischen Delegierten Theunt» und Ja spar Platz genommen. In einem benachbarten Salon hielten sich die Sachve-ständtge» bereit, um im gegebenen Augen­blick gehört werden zu können.

Poineart eröffnete die Sitzung

und legte die Politik feinet Regierung vor, die darin bestehe, Garantien und Pfänder wirtschaftlicher und finanzieller Art zu erhalten, fall» Deutschland weiterhin ein Zahlungsaufschub gewährt werbe. Der deutsch« Kanzler habe gebeten, daß die Kon- streng ben Staatssekretär Bergmann anhörr, der die Vorschläge der deutschen Regierung darlegen soll«. Poincart erklärte, daß er grundsätzlich mit einer Prüfung der deutschen Vor­schläge einverstanden wäre, es könne jedoch eine mündliche Dar- legung der Vorschläge Bergmann» nicht »ulaffen. Die Konferenz beschloß daraufhin, die

Zulassung Bergmanns abzulehnen.

Nach PoincarL sprach Bonar Law. Er wies darauf hin, daß die englische Regierung zwar grundsätzlich mit Strafmaß- nahmen einverstanden wäre, sie aber im gegenwärtigen Augenblick noch nicht angewendet wissen wolle. Der italienisch« Delegierte della Torretta referierte dann über die italienischen Vorschläge. Es wird darin der französische Stand- Punkt, daß wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen notwendig wären,

unterstützt. Auch über die

Frage derabsichtlichen Verfehlung^

Deutschlands wurde kurz gesprochen. Bonar Law erklärt«, eine weitere Feststellung in dieser Hinsicht wäre im Augenbick uner­wünscht. Er stehe im übrigen durchaus auf dem Standpunkt, den in der letzten Sitzung des Wiederherstellungsausschusse» der englisch« Vertreter Bradbury eingenommen habe.

Die Sitzung ging um K4 Uhr zu End«. Dann hatte Poimart eine Unterredung mit Millerand, der auch verschiedene Mit­glieder des Kabinetts beiwohnten. Es wird mitgeteilt, daß dieser Ministerrat da. Verhalten PoimarLs vollkommen gebilligt habe.

Die drei Pläne.

Der Konferenz liegen zurzeit, wie oben angedeutet, tret Pläne vor, nämlich der französische, der englisch« und der italienische. Am weitesten geht natürlich Herr PoincarS. Er will durch die Reparationskommission einen vollständigen Organisationsplan für die deutschen Finanzen diktieren lassen und zu dessen Durchführung das Garantiekomitee mit diktatorischer Vollmacht nach Berlin senden. Beim geringsten Verstoß gegen den Plan sollen dieSanktionen* eintreten. Dafür wird dann gütigst ein Moratorium auf zwei Jahre gewährt, die Sachlieferungen und die Besatzungs- kosten müssen aber weiter bezahlt werden.

Als Pfänder verlangt PoincarS das Recht auf Kon­trolle der Ruhrkohlenförderung sowie das Recht, im besetzten Gebiet Fusatz-Holzfällungen und Requisitionen vor­nehmen zu lassen. Ferner fordert er Abgabe auslän­discher Devisen von deutscher Ausfuhr aus dem besetz­ten und dem Ruhrgebiet, Beschlagnahme der Z ö lle und bei Kohle nsteuer ebendaselbst. Als Sanktionen sieh! der französische Plan die militärische Besetzung bei Bezirke von Essen und Bochum und des von Marschall Fach näher bestimmten Teile» des Ruhrbeckens und die Er- richtungeinerZollini« östlich des gesamten besetzten Gebietes vor.

Die Umrisse des britische« Planes können wie folgt zusammen gefaßt werden: Der Plan streicht die deutschen Verpflichtungen für die nächsten vier Jahre. Für die folgeitben zwei Jahre wird ein jährlicher Betrag von zwei Milliarden Goldmark festgesetzt, für die an­schließenden zwei Jahre ein solcher von 2# Milliarden. Nach sehn Jahren hätte eine Zahlung von 3K Milliarden oder ein

geringer« Betrag, der jedoch nicht niedrig« als 2H Milliar­den sein dürfe, zu erfolgen. Me genau« Höhe dieses träges soll von einem unparteiischen Komitee fefb gesetzt werden. ~

Für die Ueberroachung des deutschen Finanzwesens wirst die Einsetzung eines ausländischen FinanzrateD in Berlin vorgeschlagen, der sich aus Persönlichkeiten zusan» mensetzen soll, bie von Großbritannien, Frankreich, Belgi«« und Stoßen ernannt werden. Ferner sollen ihm ein A m e « rikaner und ein Vertret« einer neutralen «uro» pLisch«« Macht angehören. Den Vorsitz hätte der beut« f4t Finanzminister zu übernehmen.

Sollt« Deutschland verschlen, die überwachend«! Autort- täten zufriedenzustellen, müsse es sich irgendwelche» Maßnahmen unterwerfen, die von den verbündeten Mchten einstimmig beschlossen würden und bis die gs- waltsame Uebernahme der deutschen Staatseinnahmen und Bestände «inschlössen, ferner die militärisch« Be» s« tz u n g deutschen Gebiete» außerhalb der bestehenden B» setzungszon«.

De» italienisch« Plan beruht hauptsächlich auf dem S» danken derproduktiven Pfänder*, wie Kontroll« tat Zollerhebung und der Staatsbetriebe und Staatsberg» werft. In Berliner politischen Kreisen wird der ftanzä- fisch« Plan als ganz undiskutabel bezeichnet,^ vend der englische immerhin eine gewisse Verhandlungsgrund» lag« darstellen könnte, wenn in ihm auch die Leistungsfähig­keit Deutschlands wesentlich überschätzt würde,

Schon Krise?

3» Park betritt große Spannung. Zu einigen Blätter» wirb schon bob der Möglichkeit gesprochen, daß die Konferenz noch am Sennerstag zu Ende gehen könne. Den Aa» laß hierzu könnte der Antrag geben, den Poincare sehr bald stelle» wirb und der darauf hinausläuft, daß von jetzt ab die B«- ratungen sich nur noch auf bie französischen Bor* (4 18 g« erstrecken sollen, womit alle von anderer Seite her» rührenden Vorschläge, namentlich auch die englischen, unter de» Tisch gefallen wären. Daß die Engländer hierfür nicht zu habe» sind, ist selbstverständlich, und so steht man unmittelbar vor der rrsten Ktts«. Wahrscheinlich wollt* Bonar Law diesem ständ­ischen Vorstoß biet Spitz» abbrechen, als er beantragte, die Dr- "ISHaryt-^weteg^ jws- «r'ötRhowpnnswgew-tjewr-ge^^ i/aitu*' » ich ein Urteil über bie eingebrachten Vorschlag« zu dikdon.

Dieser Antrag gelangte nicht zur Abstimmung. Er wird Mittwoch zur Sprache kommen und von Poincare hextig bekämpft werden. Dieser glaubt, daß sein oben erwähnter Antrag auf Unterstützung Belgiens und Italiens rechnen kann, in welchem Falle bt« Engländer in eine recht peinliche Sage ge­raten würben. Sie englischen Vorschläge finden natürlich in der französischen Press« eine sehr schlechte Aufnahme. Allgemein wird batauf Hinaewiesen, daß die Annahme dieser englischen Vor­schläge gleichb«d«ut«nd sei mit einer Zertrümmerung bes Versailler Berttages. Poincare selbst erklärte Zourna» listen, daß dies feine Ansicht sei, und daß deshalb nur bis Kammer befugt sei, diesen Plan anzunehmen. Er werbe es aber nicht wagen, der Kammer solche Vorschläge zu machen, da er dann mit seinem sofortigen Sturz rechnen müsse.

Bonar Law,

der bisher in der ftanzösischen Presse eine so günstige Beurteilung fand, muß sich jetzt Kritiken gefallen lassen, wie sie kaum am LIoyd Georg» geübt worden sind. Noch schlechter weg kommen Bradbury und der englische Botschafter in Berlin, d Aber» non, den man für den eigentlichen Spiritus rector dieser Vorschläge hält. Sehr übel nimmt man den Engländern auch ihre Bemühun­gen, die Wiederherstellungskommisslon zu beseitigen ober sie doch wenigstens eines Teiles ihrer großen Befugnisse zu berauben. Man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, daß eine Aeuße­rung eines hohen Beamten vom Quai d'Orsaynachteiligere Von- schlage für Frankreich hätte auch Deutschland nicht machen Kinnen , auf PoincarL zuruckführt.

Der abgelehnte Friedenspakt.

Aas Washington wird offijitff gemeldet: Das amerikanische Staatsdepartement teilt mit, daß der do» Reichskanzler Enno in seiner Rede vom vergangene» Tonntag erwähnte Borschlag von dem StaatssetretS, Hnghes deshalb nicht der französischen Regiernng amt­lich übermittelt wurde, weil durch eine vorherige FSH- lungnahme festgestellt wurde, daß dieser V o rschla, von Frankrelch abgelehnt werden würde.

Der Reichsminister des Auswärtigen vr.von Rosenberg hat sich baju dem Berliner Vertreter bet Associated Preß folgen» dormaßen geäußert:Eine Rückfrage der französischen Regierung, weshalb Deutschland bie Geltungsdauer des von ihm vorge­schlagenen Rheinpaktes auf ein Menfchenalter beschränkt, ist uns weder durch bie vermittelnde Macht noch auf anderem Wege za­ge gangen. Hatte bie französische Regierung eine längere Geltungs­dauer angeregt, so wäre dieser Anregung selbstverständlich gern entsprochen worden. Der dehnungsiähige A usdruck Menschenalter' war ja gerade mit der Absicht gewählt warben.