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Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt durch die Dost bezogen monatlich 300 Mk., für SerSfeld 250 Mt., Abholer 240. Mt. , / Anzeigen« preis für die einspaltige Detitreile ober deren Raum 15- Mt., für auswärts 20 Mk., die Retlamezeile 40- Mt. / / Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in SerSfeld. Mitglied des Vereins Deutscher Iritungs-Verleger. / / Für Sie Gchriftleitung verantwortlich Franz Funk in SerSfeld. / / Fernsprecher Nr. 8.

Nr. 5

Donnerstag, den 11. Januar

1923

Das Wichtigste vom Tage.

Der französische Bormarsch ist um vierund- zwanzig Stunden aufgeschoben worden, angeblich, weil die Mitwirkung Italiens abgewartet werden soll.

Der Reichskanzler hat im Auswärtigen Aus­schuß des Reichstags eine Erklärung gegen den französischen Vertragsbruch abgegeben. Der Reichspräsident wen­det sich in einem Aufruf an die Bevölkerung des Ruhrgebietes.

In Essen ist ein französischer Oberquartier, m a ch e r eingetroffen, der die Bereitstellung größerer Gebäude für französische Truppen verlangte.

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Aufruf des Reichspräsidenten.

Der Reichspräsident hat durch Anschlag folgen­den Aufruf an die Bevölkerung des von der neuen Besetzung betroffenen Gebietes verbreiten lassen: , _

Mitbürger!"

Gestützt auf militärische Gewalt, schickt sich fremde Willi ir an, erneut das Selbstbestimmungsrecht des deutschen Volkes zu verletzen; abermals erfolgt ein Einbruch unserer Gegner in deutsches Land. Die Politik der Gewalt, die seit dem Friedeus- schlusse die Verträge verletzt und die

Menschenrechte mit Füßen tritt,

dedroht das Kerngebiet der deutschen Wirtschaft, die Hauptquelle unserer Arbeit, das Brot der deutschen In­dustrie und der gesamte« Arbeiterschaft. Die Ausfüh­rung des Friedensvertrages wird so zur absoluten Un- dtöglichkeit, und zugleich werden die Lebensbedingunge« des schwer leidenden deutschen Volkes «och weiterhin zerrüttet.

Der Vertrag von Versailles sollte den Völkern den «rsehnten Frieden bringen. Was hier geschieht, ist aber Fortsetzung des Unrechts und der Gewalt. Es ist ein Vertragsbruch, angetan einem entwaffnete« und wehrlose« Volke. Deutschland war bereit, zu leisten, soweit seine Kraft reicht. Trotzdem wird es nun über» Jollen. Diese« Gewaltakt klagen wir an vor Europa

und ag.&^-^ laut erheben wir unsere Stimme, daß hier fremde Macht das heilige Recht des deutschen Volkes am eigenen Boden, sein Recht 3 n m Leben vergewaltigt. Nun sollt ihr für das ganze deutsche Vaterland das harte Los der Fremdherrschaft «kleiden; harrt aus in duldender Treue, bleibt fest, bleibt ruhig, bleibt besonnen!

Im Gefühle unseres guten Rechts tretet in ernster Würde den fremde» Gewalthabern entgegen, bis der Morgen tagt, -er dem Recht seinen Platz, euch die Freiheit gibt. Wir aber geloben euch Treue uwd Hilfe, unsere rastlose Sorge wird es sein, und nichts sott ungeschehen bleiben,

die Dauer der Fremdherrschaft abzukürzen, eure Not zu lindern und den Weg zu einem wahren Frieden zu finden. An deutschem Gemeiusinn und opferfreudiger Vaterlandsliebe werden die fremden Machtplane zer­schellen. Haltet alle Zeit hoch die deutsche Einheit «ud unser gutes Recht!

Berlin, 9. Januar 1923.

Der Reichspräsident (gez.) Ebert. Der Reichskanzler (gez.) Cuno.

Der vorstehende Aufruf mit seinem Appell gegen die Verletzung der Menschenrechte, gegen den französischen Ver­tragsbruch spricht für sich selber und wird seine Wirkung auf das unter eine unbarmherzige Fremdherrschaft geratene Volk nicht verfehlen. Mehr als jemals tut uns Einigkeit not, Verzicht auf jede Eigenbrötelei, Vermesiwng von parket- politischer Gehässigkeit. Der jetzt im Lande sitzende Feind !lauert auf die Gelegenheit, vorhandene Gegensätze zu ve» tiefen, um nach der alten RegelTeile und befiehl' seinen unersättlichen Imperialismus zu befestigen und dir dauernd« Angliederung deutscher Gebiete an Frankreich durchzusetzen.

Auf die Treue der von dem Ueberfall betroffenen Be­völkerung können wir bauen. Jede neue Vergewaltigung iwird sie um so enger an Deutschland schmieden. 4Regierung und Volk sind eins im Abwehrwillen; hinter ein (einmütiges Kabinett haben sich alle Spitzenverbänd, bes deutschen Unternehmertums gestellt, und ihnen werden der .Reichstag und alle Landtage folgen und alle Volkskräfte zu , einer Einheitsfront zusammenschließen. Schon hat der am (schwersten bedrohte Ruhrbezirk die Antwort auf die frivole

Anschuldigung einer vorsätzlichen Verfehlung bei Kohlen- lieferungen an Frankreich gegeben, indem das Kohlensyndikat seinen Sitz von Essen nach Hamburg verlegt hat, was di< Bedeutung der Inpfandnahme der Kohlenschätze erheblich herabmindern und den französischen Ingenieuren eine un­lösbare Aufgabe zuweisen wird. Zwar erheischt diese Ab­wehrmaßregel auch von uns Opfer, aber ohne sie läßt sich der uns aufgezwungene Krieg nicht erfolgreich durchführen.

Die Industrie des besetzten Gebietes wird selbstverständ­lich versuchen, das Wirtschaftsleben ohne wesentliche Stö­rungen aufrechtzuerhalten, wie z. B. die Kruppsche Verwal­tung von der Stillegung ihrer Betriebe abgesehen hat. Gleichzeitig hat sie die Franzosen vor Eingriffen wirtschaft- licher, militärischer und politischer Art wegen der davon zu befürchtenden Folgen gewarnt, und in diesem Sinne muß auch auf den leitenden deutschen Teil eingewirkt werden, um Reibungsflächen abzuschleifen. Die ganze Aktion ist auf Provokation angelegt, aber sie wirkt als solche auch auf andere Mächte. Je opferfreudiger wir uns auf die Seite der Bedrückten stellen, je einiger wir den Bedrückern entgegentreten, um so eher dürfen wir eine DtzxkürzMg dies«: Leidenszeit erwarten.

Vierundzwanzig Stunden Aufschub«

Der Vormarsch der französischen Truppen ins Ruhrgebiet ist um einen Tag hinausgeschoben worden. Die Pariser Blätter bezeichnen als Hauptursache hierfür das Ausbleiben der amtlichen Bestätigung aus Rom, daß die italienische Regierung mit dem Vormarsch einverstanden sei und technisch geschulte Kräfte schicken werde, die an der Durchführung der Zwangsmaßnahmen mitwirken sollen. Es ist jedoch nach allem, was über die Haltung Mussolinis bekannt geworden ist, nicht daran zu zweifeln, daß diese Zustimmung jeden Augenblick eintreffen kann.

Die französischen Blätter weisen darauf hin, daß es sich nicht um eine große militärische Aktion handele, sondern um eine Ueberwachung der Umgebung Essens. Die Zahl der an der Besetzung teilnehmenden Truppen werde daher nur klein sein, und man werde die Truppen so unterbringen, daß sie mit der Bevölkerung möglichst wenig in Berührung kamen. Die französischen, belgischen und italienischen Ingenieure wurden nicht die Leitung der großen Betriebe übernehmen, sondern nur an den Stellen, wo sich der Abtransport der Kohle vollziehe, eine Kontrolle^y1 ^ -Ü^ - "

Das Ganze hatt? >

Die ftanzösischen Truppen, die in der Nähe von Mülheim teils schon auf unbesetztem Gebiet ausgeladen worden sind, wur­den nach Duisburg zurückgezogen. Die Vorbereitun­gen der Franzosen machen sich bisher hauptsächlich an den Gren­zen des besetzten Gebietes bemerkbar. Es sind im ganzen 73 Militärzüge gefahren worden, die etwa 50- bis M 000 Mann herangebracht haben. Die Dörfer an der Grenze des besetzten Ge­bietes sind stark belegt. Englische Korrespondenten wollen Informationen haben, wonach mit der Möglichkeit des Aufgebens der Besetzung immerhin zu rechnen wäre. Jedenfalls dürfte der Einmarsch der Franzosen und Bel­gier in das Ruhrgebiet nicht vor Donnerstag erfolgen. Nach pri­vaten Meldungen wird der Abmarsch der französischen Truppen aus dem Konzentrationsgebiet zu einer Stunde während der Nacht erfolgen, die es den Franzosen und Belgiern ermöglicht, vormit­tags zwischen 7 und 8 Uhr in Essen einzutreffen. Es ist das Ge­rücht verbreitet, daß auf einen Einspruch' der italieni­schen Regierung hin der Einmarsch bis zum 15. Ja­nuar verschoben werden solle. (Vergl. die Meldung an anderer Stelle. D. Red.)

Quartiermacher in Essen.

Die Stadtverwaltung von Essen ist aufgefordert, grössere Gebäude zur Verfügung zu stelle«. So muffte das neue Verwaltungsgebäude in der Friedrichstrasse und die neue Polizeikaserne hinter der Ausstellung hierzu hergegeben werden.

Nach den Informationen englischer Korrespondenten in Essen ist dies« Quartierbestellung durch einen französischen Ober- quartiermeister erfolgt. Der Bürgermeister der Stadt er­klärte, daß er bisher keine offizielle Mitteilung er­halten habe und nicht wisse, ob die Franzosen kommen oder nicht. Er bestand darauf, daß keine Quartiere aufzutreiben wären, da bereits in Essen 20 000 Deutsche ohne Behausung waren. Die Direktoren Krupps gaben an, daß die meisten der Beamten und Arbeiter in ein oder zwei Räumen lebten und es ein Skandal wäre, Privathäuser zu beschlagnahmen.

Besonders groß ist die Erregung natürlich bei der Schutz­polizei. Sie muß nicht nur dafür Sorge tragen, daß die Waffen und Munitionsvorräte nicht in die Hände der Franzosen fallen, sondern auch in fliegender Hast chr Privateigentum aus >den Kasernen räumen und rechtzeitig in Sicherheit bringen, da

zu befürchten ist, daß nach der Beschlagnahme durch die Fra»- zose« eine Fortschaffung der Privaffachen nicht mehr möglich ist Gin Teil der Schutzpolizei von Essen wird das Ruhrgebiet ver­lassen müssen. Es werden wahrscheinlich nur die Leute hierbleb ben, die im Rheinlaude und Westfalen geboten sind.

Die Gewißheit der unmittelbar bevorstehenden Besetzung hat in der Essener Bevölkerung eine ziemliche Aufregung hervor» gerufen. Auf den Straßen, in den Restaurants, auf der Elek­trischen und in den Dorortzügen wird nur eine Frage diskutierte Was wird uns die Besetzung bringen?' Stimmen daß esuns gleichgültig sein könnte', und daß wir noch etwas dabei erben könnten', wie man sie noch bis vor kurzem härstig in radikalen Arbeiterkreisen hören konnte, werde« angesichts des unmittelbar drohenden Einmarsches immer sel­tener, und immer häufiger hört man dafür in der Arbeiterschaft die Forderung nachdem Generalstreik.

In den Gewerkschaftskreisen ist die Meinung geteilt. Es ist, aber wahrscheinlich, daß der Einmarsch nur mit einem ein-, tägigen Proteststreik beantwortet werden wird. Ueber» laufen werden die Zeitungen, die sich der telephonischen Anfrage» kaum erwehren können. Dabei können auch sie natürlich feine genaue Auskunft geben über die Stunde des Einmarsches, die Marschroute und die Starke der einziehenden feindlichen Truppe«. Nach den vorliegenden Mitteilungen ist es wahrscheinlich, daß des Einmarsch über Düsseldorf, Rattingen, Kettwitz und. Werden erfolgt. Auf den Bahnhöfen um Düsseldorf und Duis­burg herrscht ein lebhafter Transportverkchr. Aus Duisburgs werden besonders starke TruppenkonzenKationen gemeldet.

Verlegung des Kohlensyndikats

Das Kohlensyndikat ist von Esfe » n «<9 Hamburg verlegt worden. Der Abtransport der wichtigste« Aktenstücke erfolgte in der Nacht zuue Mittwoch.

Der Sonderberichterstatter des Berliner Lokal-Anzeige» telegraphiert dazu seinem Blatt:

Die Verlegung des Kohlensyndikats von Essen nach Hamburg ist eine Tat. Die erste wirkliche Handlung nach den Wortprotesten der letzten vier Jahre. Nach sehr langes Sitzung wurde gestern in den späten Abendstunden von dem Herren der schwerwiegende Entschluß gefaßt. Man beschloß, lieber das Instrument zu zerschlagen, als es den Franzosen in die Hände zu geben. Sie sollten keinen aufgezäumten Gaul zum Reiten vorfinden. Es gab Augen-, blicke von tragischer Größe, als die Herren, deren.Gebens-' arbeüwj^-*-^-^

sur Aussetzung des Syndikats stimmten. Der ^««chluß wurde einstimmig gefaßt. Die Beamten, die zurückge- halten worden waren, wurden dann verständigt, sich zup Abreise bereit zu machen. Sie folgten mit großem Opfersinn dem Beschluß. Noch in der Nacht brachten ihre Frauen da» Reisegepäck in die Räume des Kohlensyndikats, während alle Mann ununterbrochen an der Räumung arbeiteten. Die vollständige Verladung aller Atten und Registraturen wurde bis Mitternacht etwa durchgeführt. Eine große Menschenmenge stand vor "dem hellerleuchteten, mächtigen Ge­bäude und sah stumm und wie benommen der Aussiedlung! zu. Nach längerem Autotransport wurden die Akten daran auf die Bahn verladen.

Der Schritt des Kohlensyndikats, dessen Bedeutung feste! stark ist, dokumentiert sich natürlich als ein Akt der Industrie, die volle Handlungsfreiheit hat, den Ort des Syndikats, oder! seine Handlungsfreiheit zu bestimmen, wie sie es für richtig hält. Irgendwelche internationale Vertrages werden durch diese Verlegung nicht berührt. Die Frcm» zosen werden jedenfalls weder Beamte noch Unter»! lagen in Essen vorfinden, die es ihnen ermöglichen, die gesamte deutsche Industrie durch die Kontrolle der Kohlen», lieferungen in die Hand zu bekommen. Diese furchtbare Be­drohung hat der Schritt des Kohlensyndikats zunächst aus; der Welt geschafft. Die ftanzösischen Ingenieurkommissionen, müssen sich direkt an die Zechenverwaltungen mit den beab­sichtigten Maßnahmen wenden. Die Absicht, mit einem, Griff die Kehle der deutschen Wirtschaft 3 m umklammern, ist, wie gesagt, schon jetzt gescheitert. Mit Opfermut hat sich die Kohlenindustrie vor die deutsche Wirtschaft, mit der sie lebt und verwachsen ist, gestellt. Be­reit, die Konsequenzen zu tragen in dem Bewußtsein, daß ein " passives Ausliefern den Anfang vom Ende bedeutet hätte., !Die Räume des Syndikats sind bis auf wenige Por» Itierbeamte leer.

Abwehrakiion der Zn-ustrie.

Die Spitzenverbänd« stellen sich dem Reichs- j kanzler zur Verfügung.

Die Spitzenverbände -es gesamten deut» scheu Unternehmertums haben insgesamt Dienstag nachmittag bei dem Reichskanzler vor» gesprochen und in Anwesenheit des Reichswirtschafts­ministers namens ihrer Verbände die Versicherung ab­gegeben, datz sie bei der Abwehr der dem Deutschea Reiche drohenden Vergewaltigung den Reichskanzler