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Hersfelder Kreis blatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag. Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt durch die Dost bezogen monatlich 300. Mk.. für Hersfelb 250 Mk.. Abholer 240. Mk. , / Anzeige«, preis für die einspaltige Detilzeile oder deren Raum 15. Mk.. für auswärts 20. Mk., die Reklamezeile 40. Mk. / / Druck und Verlag von Ludwig Fuuks Buchdruckerei in Hersfeld. Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungs-Derleger. / / Für die Schriftleitung verantwortlich Franz Funk in Hersfeld. / / Fernsprecher Rr. s.

Nr. 6

OBiSSi

Sonnabend, den 13. Januar

1923

Oas Wichtigste vom Tage.

Als Antwort auf den Einbruch ins Ruhrgebiet find zu- «öchst die Kohlenlieferungen an Frankreich und Belgien eingestellt worden.

Die französische Regierung beabsichtigt, die Besetzung auf »achum, Gelsenkirchen und Dortmund auszu-ehnen.

Exkönig Konstantin von Griechenland ist einem Avhienschlag erlegen.

Zwischen Ruhr und Memel.

Deutschland ist zwischen zwei Feuern. Im Westen schirren ^e Franzosen den Brand, im Osten die Litauer und Kor- fantg, der an der polnisch-deutschen Grenze eine Faschisten- bewegung in Szene setzen will. Das Ruhrgebiet ist Kriegsschauplatz mit allen Nebenerscheinungen, unter denen auch eine friedliche Zivilbevölkerung zu leiden hat, ge­worden, und die Franzosen werben um die Sympathie der Rheinländer und Westfalen mit Einquartierungen, Absper­rungen, Kolbenstoßen und den Quälereien eines völlig un­nötigen Belagerungszustanides. Nur der Feind, auf den Herr Tariarin, bis an die Zähne bewaffnet, lauert, ist nicht da. Wo find fie? Wo sind sie, die Feinde? Sie sind un- stchibar, aber vorhanden im Fühlen und Denken eines jeden Ähnlichen Deutschen und unausrottbar bis zu dem Tage, wo Ver sichtbare fvanzöfifche Feind das geraubte Land ver- Mffen hat.

Aehnliche Verhältnisse könnten sich im Memelgebiet entwickeln, wenn die Litauer ihre Putschabsichten durchsetzen. Die litauische Regierung will zwar von derartigem Vorhaben

«ichts wissen und bestreitet, daß reguläre oder irreguläre litauische Truppen die memelländischen Grenzen überschritten Hätten, und behauptet, die schärfsten Maßnahmen dagegen -getroffen zu haben. Wie dies Dementi zu bewerten ist, er- -hellt aus der vom französischen Oberkoinmissar in Memel an- geordneten Verhängung des Belagerungszustandes über Memel, und schon werden Geplänkel zwischen Miliztruppen «nd den Bewohnern der neutralen Zone, Brandstiftungen And Menschenverluste gemeldet, auch ist der Bahnverkehr von «UM«<!->«, nack Manuel «verbrochen, und d-e französische Be­

üänds Haut darf firh ;\;tHA» M

heute jeder Gernegroß Riemen schneiden, und das wäre auch längst schon mit Memel geschehen, wenn es Polen und nicht Litauer wären, die ihren Raubgelüsten nachgehen wollen. Zeitweilig war man in Deutschland geneigt, mi! den Litauern, weil sie von den Polen in Wilna vergewaltigt wurden, zu !sympathisieren; heute erhalten wir die Quittung darüber, und daß es der litauischen Irredenta Ernst mit dem Vorstoß ist, -verraten die gegen die großlitauischen, aus Memel plötzlich verschwundenen Führer Gaigalat, Simonaitis und ändere von der Besatzungsbehörde erlassenen Haftbefehle.

Augenscheinlich hatten die'Verschwörer auf eine Ab­senkung der Aufmerksamkeit durch den Gewaltstreich an der Ruhr gehofft, aber nicht mit der polnisch-französischen Freund­schaft, die das Auge schärft, rechnet. Was würde P o i n - ca r s wohl für Lärm schlagen, wenn Memeler Deutsche mit !den Waffen in der Hand nach Litauen vordringen wollten!

Der nationale Trauertag.

Der Amtliche Preußische Pressedienst veröffentlicht die fol- zende Bekanntmachung des Ministers des Innern:

Der schwere Rechtsbruch, den Frankreich unter Mißachtung Los Friedensvertrages begangen hab erfüllt das ganze deutsche Volk mit Empörung und tiefer Trauer. Der Ernst der durch die Besetzung geschaffenen Lage bedarf keiner näheren Darlegung. Um den Gefühlen, die die gesamte Bevölkerung bewegen, auch nach Äußen hin in würdiger Weise Ausdruck zu verleihen, hat die Reichs- und Staatsregierung beschlossen, den kommenden Sonn- lag, den 14. Januar. a nationalen Trauertag Allgemein gu begehen.

Zu diesem Zwecke wird folgendes angeordnet: Alle staatlichen «nd kommunalen Dienstgebäude haben am genannten Tage in den Reichs- und Landcsfarben Halbmast zu flaggen. Theater- Aufführungen sowie Vorführungen von Lichtbildern und Licht- Ifpielen haben zu unterbleiben, sofern nrch- der ernste Charakter der Veranstaltung gewahrt ist. Devoten sind alle Öffentlichen Tanzveranstaltungen, Balle und Lust- ibarkeiten. Die Verlängerung der Polizeistunde am genannten -Tage ist ausnahmslos ausgeschlossen.

, In allen Städten des Reiches werden am Sonntag -große Protestkundgebungen stattfinden. In Berlin -hatte van ursprünglich eine einheitliche ü b c r p a r t e i l i ch c !Tra u e r f * ' « r geklant, doch wird diese nicht zustande kommen, ton die Sozi« anErMev aus Lehrveranstaltungen nicht

»erzichten wollen. Das Konsistorium der Mark Brandenburg sibt den Pfarrämtern bekannt, daß am Sonntag, dem 14. d. M., nie angekündigt, im Gottesdienst der Dolkstrauer anläßlich »er französischen Gewalttat gedacht und von 121 Uhr die Glocken geläutet werden sollen.

Der Griff nach den Zechen.

Die ersteRegierungshan-lung" der Ingenieur- kommission.

Donnerstag abend wurde dem Regierungspräsidenten Grütz­ner von Düsseldorf von dem Kommandanten des Brückenkopfes, General Simon, der Befehl erteilt, eine Anzahl namentlich an­geführter Persönlichkeiten des Bergbaues und der Eisenindustrie zu einer Sitzung in Düsseldorf und später ta Essen aufzufordern. Es waren

Stinues, Krupp, Thyssen. Kirdorf

u. a. genannt. Die Herren entsandten zu der Düsseldorfer Sitzung Vertreter. Der Regierungspräsident erklärte dem General Simon in einem Schreiben, daß er keinerlei Einfluß auf die Herren des Kohlensyndikat« habe, daß er den General an seine eigene Regierung weisen müsse. Er selbst habe keine Rechts­unterlagen dem Kohlensyndikat gegenüber. Freitag vormit­tag fand dann unter Vorsitz des Generals Simon um 10% Uhr im Rathaus von Essen die befohlene Vollsitzung statt. Das

Kohlensyndikat war nicht vertreten.

Auch waren keine Zechendirektoren in die Sitzung ent­sandt worden. Von deutscher Seite waren anwesend Vertreter des Arbeitgeberverbandes von Essen und Umgebung, von Krupp, von den Thyssenwerken, von dem Bergbaulichen Verein, vom Zechenverband, außerdem Bürgermeister Schäfer für die Stadt Essen, Landrat Schöne für den Kreis Essen und Regierungs­präsident Grützner von Düsseldorf. Der französische General Simon führte den Vorsitz. Er war begleitet von General D e n v i g n e, dem Oberdelegierten für die deutsche Zivilverwal- tung in Düsseldorf. Außerdem waren französische, belgische und italienische Ingenieure anwesend. Im ganzen eine Truppe von etwa 20 Herrem

Zu selten des Generals Simon saß der Chef der belgischen Mission, auf der anderen Seite des Generals

der Generalinspektor der französischen Bergwerke

Eoste, der künftige Generalbergbauinspektor des

*

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lienische Mitglied der industriellen Misston. Die

ung

begann mit der Verlesung von zwei Verordnungen, die von Ge­neral Degoutte gezeichnet sind, von d-nen ein» die Voll­machten der Kontrollkommission umschreibt und die andere von der Regelung der Kontrolle der Kohlenverteilung handelt. Re- gierungspräsident Grützner wiederholte seine -christliche Erklä­rung, daß die Regierung an der Kohlenverteilung in dieser Form nicht mitwirken könne, da sie keinerlei gesetzliche Unterlage habe, auf das Kohlensyndikat einzuwirken. Im Anschluß daran gab General Simon die Erklärung ab, daß die Zechen

nicht mehr den Berliner Stellen, sondern den Befehlen der Behörden des besetzten Gebiets unterstanden. Da der Dolmetscher außcrordent- lich schlecht war, bat der Regierungspräsident um eine schrift­liche A u f st e l l u n g. An Hand der Einladungsliste wurde festgestellt, daß vom Kohlensyndikat und den Zechendirektoren

niemand erschienen war. Der General bat Verbindung mit dem französischen und italienischen dig«n, daß man

noch heute in die Bureaus fahren woll«, um die Eisenlieferungen für

um sofortige Sachverstän-

1923 und

1922 zu vergleichen. Vor Schluß der Versammlung gab Rcgie- rungspräsident Grützner noch eine scharfe Erklärung ge­gen den Bruch des Versailler Vertrages, der mit der Besetzung Essens vollzogen fei, zu Protokoll.

Einstellung der Kohlenlieferungen.

Vom Reichskohlenkommissar wird amtlich verfügt: Nachdem Frankreich und Belgien mit militärischer Macht in das bisher unbesetzte Gebiet eingedrungen sind, ist Deutschland nicht mehr in d»r Lage, Re- parationskohleu au diese Länder zu liefern.

Das Deutsche Reich -ästet für ^ah»-., 4« an diese Staaten für Reparationszweck« geliefert oder von ihnen beschlagnahmt sind, keine Zahlung mehr,auchnichtfür die Trans­portkosten solcher Kohlen auf dem Bahn- und Wasserwege.

Soweit die bisher für Reparationszwecke gelieferten Kohlen für die Eisenbahn geeignet sind, sind sie an die Eisenbahnen abzuführen, Gaskohlen an die Gasanstalten, Elektrizi - t ä t s k o h l e n an die Elektrizitätswerke, Hausbrandkohlen sind dem Hausbrand zuzuführ«. Gas-, Elektrizitäts- und Haus- brandkohlen sind in allererster Linie nach Süddeutschland und in das besetzte Gebiet zu schicken, damit die einge- laufenen Abfuhrwege annähernd in dem bisherigen Umfange auf- gelastet werden.

Belagerungszustand in Essen.

Die erste Nacht -er Besetzung ist in Esse« ruhig verlaufen. Am Rathaus wurde Donnerstag «chend um 7 Uhr eine Proklamation des Belage­rungszustandes in deutscher und französisch« Sprache angeschlagen. Die Proklamation ist von G» neral Degoutte unterzeichnet und führt u. a. den Paßzwang ein. Pressefreiheit wird »«gestände» mit dem aufheben-eu Zusatz, daß nichts gegen die Sicher» heit der Besatzungstruppen geschrieben werden darf. Also die Preffe-,,Freiheit" des Rheinlandesk Die grüne Schutzpolizei blieb zunächst in Este«, da die Stadtpolize» nur aus 50 alten««er« besteht.

Gegen Abend sammelte« sich wngehenr« Arbetter­massen am Bahnhofsplatz, so daß die Haupteingänge deck Bahnhofes von deutscher Schupo gesperrt wurden. Die Erregung nimmt noch zu.

Bon der Besetzung.

werden noch folgende Einzelheiten berichtet: Um 2Uhr 15 Minuten kamen die Truppen in der Nähe des Bahnhofs an. Es wurden sofort Maschinengewehr« in Stellung gebracht und eine Reih» öffentlicher Gebäude besetzt. Zuerst erfolgte die Besetzung de» Postgebäudes und des Bahnhofs. Die Post wurde sofort geschloffen und der gesamte Postverkehr wurde auf längere Zeit unterbrochen, insbesondere wurde der Fernsprech- und Telegraphenverkehr ein­gestellt. Französische Offiziere drangen in die Telegraphensäle ein und richteten nach Wiederaufnahme des Fernsprech- und Tele­graphenverkehrs eine Kontrolle ein. Die Personen, die sich bei der Besetzung der Post im Gebäude befanden, wurden festgs- halten und nach etwa einer Stunde wieder frei gelassen.

Das Kohlensyndikat

das sich ebenfalls in der Nähe des Bahnhofs befindet, mttr5e, durch größere Kavallerieabteilungen sofort be­setzt. Danach rückten neue Truppen ein, an deren Spitze sich der General Rampond befand. Der General, von zahlreichen Offi­zieren begleitet, ritt an der Spitze des Zuges. Hinter ihm folgte Kavallerie, eine Radfahrerabteilung, Panzerwagen und Infanterie. Der militärische Zug unterband längere Zeit vollständig de» Verkehr, insbesondere den Straßenverkehr. Die Bevölkeruug verhielt sich beim Einzug der Truppev -------------- ^«KkummLn iditorincnb. _ _________ Die Geschäfte waren im 'geZtrum der Stadt, ebenso wie in den Außenbezirken, geschlossen. Die einziehenden französischen Truppe« marschierten auf den Rathausplatz. Nach längeren Vorverhand­lungen begab sich der französische General in das Amtszimmer de» Oberbürgermeisters Dr. Luther.

Der französische General teilte Oberbürgermeister Dr. Luther mit, daß er im Auftrag» seiner Regierung gewisse Maßnahmen in Essen durchzn- führen habe, und zwar im besonderen die Besitzergreifung öffentlicher Gebäude, unter anderem der Eisenbahn, der Post, des Telegraphenamtes und der Kanalbaudirektion. Er- erklärte weiter, daß er beabsichtige, einen Teil der Truppen aus Essen wieder zurück; u ziehen, wenn die Besetzung durchgeführt sei und die Ruhe und Ordnung nicht gestört werde. Zum Kommandanten für die öffentliche Sicherheit und zum Ver­bindungsoffizier habe er den Obersten Clemen^on bestimmt.

Auf die Mitteilung des französische" Generals erklärte

Dr. Lnth«". daß er sich nur unter dem Zwang de- militärischen Gewalt füge.. Namens der Stadtverwaltung erhob »r gegen die Ausübung dieser. Gewalt Einspruch. Der General nahm diese Erklärnng des Oberbürgermeister Dr. Luther schweigend zur Kenntnis. Damit war die Unterredung beendet, die sich äußerlich in korrekten For­men abgespielt hat.

Soweit bisher bekannt, sind in Bredeney Quartiere für 3000 Mann und 1000 Pferde angefordert worden, in Altenessen für zwei Generäle, 30 Offiziere und 200 Mann. Die Quav-' tierzahlen für Essen sind noch nicht bestimmt. Er kann angenom­men werden, daß noch weitere Truppen in Essen oder in den Außenbezirken der Stadt eintreffen werden.

Auch Gelsenkirchen, Bochum, Dortmund?

Nach Meldungen aus Parts soll die französische Re­gierung beschlossen habe», als Gegenmaßnahme gege» die Berlegung des Rheiuisch-Westfälischen Kohlensyndi- kats nach Hamburg sich nicht auf die Besetzung EffeaS zu beschränken, sondern methodisch nach dem Plan Fm^ Wcygand die französischen Verbände in drei Etappe» bis an die Ost grenze -es Rnhrreviers vor- zuschieben. Von den wichtigsten Industrie» en sollen außer Essen auch Gelsenkirchen, Bochum vnd Dortmunb besetzt werden. Die Durchführung dieser Maßnahme» erfolgt im Anschluß an die Besetzung Essens »«- soll