Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 9 Sonnabend, den 20. Januar 1923
Das WichiiMs vom Tage.
— ®« Staatsbergwerks nördlich Essen sind vo, französischen Truppen besetzt und einige Direkt Toren verhaftet worden.
— Der Landesfinanzamtspräsident in Düsseldorf Dr. Schlu> >iue ist wegen „Ungehorsams gegen die Besatzungsbehörde* Der- haftet worden.
— Die Reichsregierung hat Poincarö in einer Note daraus ««fmerksam gemacht, daß seine Truppen bei weiterem Vorrücken t»d«n Bereich der deutschen Garnisonen kommen.
Wochenrückblick.
Innerhalb einer einzigen Woche hat der Dollar seinen Markwert verdoppelt: von 12 000 M. ist er auf 24 000 ge- gn, ein die Weltwirtschaft auftüttelnder „Erfolg" der ösischen Räuberpolitik. Es ist angesichts der sich über- mden Ereignisse unmöglich, auch nur annähernd den M der Aktion zu berechnen; nur so viel erhellt aus den englischen und amerikanischen Meldungen, daß man an der Themse und am Hudson noch nicht die abwartende Haltung aufzugeben gewillt ist. Ein Londoner Blatt will zwar wissen, daß England eine offizielle Stellungnahme nicht mehr lange aufschieben wird, und die vom amerikanischen Staatssekretär Hughes gestellten Anfragen, ob nicht ein Mißverhältnis obwalte in der Entsendung von 45 000 Mann französischer Truppen (tatsächlich seien es 100 000 Patt der ursprünglich angegebenen 7500) und der zum Schutze der Ingenieure benötigten Mannschaft, läßt erkennen, wie Amerika über den Raubzug denkt. Wir müssen uns zunächst mit der Auffassung vertraut machen, die England die Rolle eines wohlwollenden Neutralen zuweist.
An einer Stelle verrät sich die Lähmung Frankreichs, ob- schon das Dunkel auch dort, nämlich im Memellande, nicht ganz gelichtet ist. Die Vorgänge in Memel haben sich schnell entwickelt, und die bisherigen Darstellungen bedürfen einer Ergänzung. Der französische Oberkommissar Pötisne hat zwar mehr Bewegungsfreiheit erhalten, aber trotzdem ist er noch immer der Greis auf dem Dache, der sich nicht zu helfen weiß. Neben ihm hat sich eine memelländische Regierung aufgetan und den Platz des Landesdirektoriums eingenommen, das mit feiner Flucht nach Rossitten ein unerfreuliches Gegenstück zu dem mannhaften Ausharren der deutschen Beamten und Redienbetoer
oo hat der Großlitauer Simonaitis freie Hand, terrori- pert Stadt und Land mit seinen Frelschärlerbanden und scheint nicht übel Lust zu haben, das rollende Material der Bahn Königsberg—Memel zu konfiszieren. Bis jetzt ist nur ein englisches Kriegsschiff zur Wahrung der englischen Interessen eingetroffen; auf die beiden französischen wird noch gewartet, und Frankreich hat tatsächlich die Masten vor dem litauischen Einkäsehoch gestreckt, während doch ein einziges Linienregiment genügen würde, den vertragsmäßigen Zustand wiederherzustellen. Es kann nicht ausbleiben, daß Polen unter diesen Umständen seinen alten Wunsch nach einer Verbindung mit der Ostsee wieder aufninnnt. Als Schützling Frankreichs hat es Anspruch darauf, gehört zu werden, und wenn England oder der Völkerbund nicht Halt gebietet, dürften die Polen die von den Litauern vom Baume geschüttelte Frucht in ihre Tasche stecken. Der ganze Rummel des Ueberfalls auf Memel scheint ein abgekartetes Spiel und zugleich eine Illustration zu der Gewissenhaftigkeit zu sein, mit der Frankreich auf. alle Bestimmungen des Versailler Vertrages achtet.
Wie sich die italienische Regierung zu diefem und anderen Rechtsbrüchen stellen will, ist noch nicht geklärt. Mussolini trägt Verlangen, sich als Vermittler einzu- mtschen, hat. jedoch, indem er eine Art Paßspecre über Bayern wegen der dort scharf ausgeübten Fremdenpolizei verhängte, kaum Aussicht, von Deutschland mit offenen Armen empfangen zu werden. Die italienische Presse ist dem Abenteuer Poinearäs abgeneigt, verwirft seine territorialen Vergrößeruiigsgelüste und widerspricht jeder Störung des europäischen Gleichgewichts, wenn man überhaupt bei der heutigen Machtverteilung vom Gleichgewicht reden kann Die Meldung, Italien wolle sich den englischen Standpunkt zu eigen machen, ist noch unbestätigt, und da dieser davon abhängt, welchen Erfolg die französische Räuberei haben wird, ist auch Mussolini zum Abwarten verurteilt.
R u ß l a n d hat sich bedingungslos gegen Frankreich und aus Deutschlands Seite gestellt wie alle neutralen Länder. Nachdem sich die Beziehungen zwischen Amerika und Japan freundschaftlich ausgestaltet haben und 'be- mische Botschafter befriedigt von Tokio geschieden fs! die Japaner mehr Ellbogenfreiheit für Verhand- ltrn ..it Rußland erhalten. Das Streitobjekt ist die Insel Sachalin, auf dessen Räumung die Sowjet Regierung besteht. Seit 1920 wurde die Nordhälfte dieser kohlen- und
ölreichen Insel von den Japanern besetzt, und ste behielten diese trotz der auf dem Kongreß in Washington 1921/22 gefallenen Entscheidung, die ihnen nur die Südhälfte zusprach. wieder einer jener Fälle, wo die Macht der Mplomatie und der von ihr entworfenen Verträge sich als problematisch gegenüber einem geschlossen austretenden Volkswillen erweist.
XXX.
Gewaltakt über Gewaltakt.
Organisierung der Zoll- und Steuerbeschlag, nahme. — Militärische Besetzung der Reichs- bankstellen. — Sperrung von Reichsbankkonten.
Die Interalliierte Rheinlandkommission hat zu der Beschlagnahme der Kohlen steuern im besetzte« Gebiet, der Zolleinnahmen und der Ausbeutung der Domänen» Waldungen folgende Ausführungsbestimmun» gen erlasse«:
1. Die Hauptzollämter und Steuerkommissionen von Ludwigshafen, Mainz und Wiesbaden werden zwecks Einnahme der Zölle, der Staatseinnahmen und der Kohlensteuer in Landesfinanzämter und in ein Oberfinanzamt umgewandelt. Ihr Machtbereich soll sich auf die Pfalz und alle in Rheinhessen und Hessen-Nassau besetzten Gebiete erstrecken.
2. Keine Aenderung des deutschen Per- s o n a l s, soweit dieses der Oberkommission unterstellt ist, darf durch irgendeine Behörde außerhalb des besetzten Gebietes vorgenommen werden. Eine solche wird nur mit vorheriger Genehmigung der R h e i u l o n d k o mmis si»n oder mit Genehmigung ihrer Vertreter zugelassen.
3. Die deutschen Beamten obengenannter Aemter können ihren Dienst ohn« Erlaubnis eines Delegierten der Interalliierten Rheinlandkommission nicht verlassen. Die Tätigkeit dieser Beamten, die sich bisher auch auf das nicht- befetzte Deutschland erstreckte, soll nunmehr lediglich auf das besetzte Gebiet beschränkt bleiben.
4. Unter keinen Umständen dürfen Beamte des unbesetzten Gebietes wegen Kontrollmaßnahuren, De- fehlserteilungen, Inspektionen sich an die Beamten wenden, die der Rheinlandkommission unterstellt sind, wenn sie nicht vorher von dieser Kommission dazu die Er- l a u b n i s erhalten haben. „ ,,
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In Mainz, Wiesbaden, Worms, Binsen und Bonn sind auf Anweisung der Interalliierten Rheinlandkommission die Bestände der dortige« Reichsbank stellen beschlagnahmt und Zahlungen verboten worden. Die allgemeine Beschlagnahme wurde zwar wieder aufgehoben, dagegen die Beschlagnahme der Guthaben der Zoll- und Finanzämter aufrechterhalten. Ausserdem ist die Aushändigung von Aktien verboten worden.
Zu Paris wird mitgeteilt, daß dem englischen Oberkommissar Kilmarnock Anweisungen seiner Regierung zugegangen seien, sich der Durchführung dieser Maßnahmen nicht zu widersetzen. Das Ruhrgebiet unterliege besonderen Bestimmungen, die ausschließlich von den Militärbehörden ausgehen. Sie werden aber gleichlautende Befehle erlassen. Französische, belgische und italienische Zollbeamte sind in Koblenz eingetroffen, ebenso Forstbeamke, welche die Leitung der Maßnahmen bezüglich der Domänenwaldungen übernehmen sollen.
Der Einbruch in die Reichsbank. erfolgte in Mainz in den späten Abendstunden. Alle Auszahlungen, jedes Fortschaffen von Wertpapieren, Aktenmaterial und sonstigen Effekten wurde durch persönliche Ueberwachung verhindert. Der Zugang zur Reichsbank blieb offen. Einzahlungen werden entgegengenommen. Der Doppelposten vor der Bank hat starke Erregung in der Bevölkerung hervorgerufen.
Beschlagnahme der Staaisbergwerke.
Die Staatsbergwerke in B u e r, W e st c r h o l d und H orst. Emscher sind am Freitag militärisch besetzt worden. Der Vorsitzende der staatlichen Bergwerke, Geheimer Oberbergrat Raiffeisen in Recklinghausen, sowie mehrere Direktoren wurden verhaftet. Ein französischer Oberst setzte sich mit den Betriebsräten in Verbindung. Es wurde ihm an einer Stelle erklärt, wenn Gewalt angewendet werde, so werde die Belegschaft sofort in den Streik treten. Die Truppen verliessen darauf den Zechenplatz und schlugen ihr Lager in den anliegende« Strassen auf. Auch das Kohlenver- sandburcau ist besetzt worden. Oberbergrat N e i t h a r t wurde Aufenthaltsbeschränkung auferlegt. Die verhärteten Herren sind nach Düsseldorf gebracht worden. Der Betriebsrat der Bergwerksdirektion Recklinghausen er
klärte, bei weiteren Verhaftungen seine Arbeit einftelle« zu wolle«.
Neichsbefehl an die Eisenbahner.
Amtlich wird gemeldet: De« Beamte» »»d Arbeiter« der Reichsbahn ist, de« Bestimmungen des Kohleukommiffars entsprechend, untersagt wor. de«, Kohlen für Frankreich ««d Belgien 3« befördern oder bei der Umleukung deutsche» Kohlenzüge «ach diese« Ländern mitzuwirke«.
*
Ja einer weiteren amtlichen Mitteilung heißt es: Der fra» zösische Oberkommissar in der Rheinprovin, hat von dem A»»- fuhramt in Ems unter Androhung von Strafe verlangt, daß dieses den Laudesfinanzämtern in Köln, Düsseldorf, Kassel, Wür^> bürg und Darmstadt eine Mitteilung zugehen lasse, wonach Reparationslieferungen von Kohle und Koks eines Ausfuhrschein« der Emser Ausfuhrstelle nicht bedürfen. Das Ems« Au», fuhramt hat daraufhin den betreffenden Laudesfinanzämtern i* Erinnerung gerufen, daß das Ausfuhramt in Ems für die Erteilung von Aus- und Einfuhrbewilligungen für Kohle und Kok» nicht zuständig ist.
Das Verlangen des französischen Oberkommissars stellt natürlich den Versuch dar, Kohle und Koks für Frankreich und Belgien nach wie vor unvermindert durch die deutschen Zollstellen durch, zubringen. Die deutsche Regierung macht die betreffenden Finanzämter und sämtliche in Frage kommenden Zollstellen darauf aufmerksam, daß Reparationslieferungen an Kohle, Set» und Briketts an Frankreich und Belgien verboten sind, und daß Sendungen von Kohle, Koks und Briketts, ausgenommen die Reparationslieferungen an Italien, die Grenze nur mit Ausfuhrscheinen der Ausfuhrstelle des Reichs- Kommissars für die Koh lenvertellung passier« dürfen.
Verhaftung des Düsseldorfer
Finanzamtsprasidenien»
Der Präsident des Landesfinanzamtes Düsseldorf Dr. Schlutius, ist von der französischen Besatzungsbehörde verhaftet worden, nachdem er vergeblich auf» gefordert worden war, die finanziellen Unterlagen der Oberfinanzkasse dem Finanzsachverständigen der fra«. zöstschen Besatzungsbehörde dorzulegen. Er wurde unter Bewachung im Auto fortgeführt; wohin er gebracht wurde, ist unbekannt.
in Düsseldorf vr. Grützne
r ein Schreiben gerichtet, in dem er von der Durchsuchung in dem von Dr. Schlutius geleiteten Landesfinanzamt Mitteilung macht und erklärt, infolge dieser Durchsuchung würden gegen diesen Beamten Massregeln ergriffe« werde», erstens Wege« Gehorsamsverweigerung gegen die Befehle der MMtarbehörde, zweitens „Wege» äusserster Unverschämtheit" (!!), die er im Verlaufe von Unterhaltungen mit verschiedenen in amtlicher Eigenschaft zu ihm gekommenen französische« Beamte» bewiesen habe.
©onnerstag abend wurde in Altenessen ein Schutzpolizei Beamter von der Besatzung-behörde verhaftet, weil er ein« französischen Offizier nicht gegrüßt hatte.
„3w Verfügung des Kriegsgerichts."
Die französischen Divisionsgenerale in D.ebenen und Alten- essen haben den Polizeipräsidenten von Essen und fünf Herren der Industrie seines Bezirks zu einer Besprechung im Rathause in Dredeney aufgefordert und an de« Polizeipräfidenten das Ersuchen gestellt, die Herren, falls sie nicht freiwillig erschienen, polizeilich vorführen zu lagen. Der Polizeipräsident hat dieses Ansinnen zurückgewie- s e n und erklärt, daß er die Herren lediglich von der Desprechnng benachrichtigen werde, aber selbstverständlich jede polizeiliche Zwangsmaßnahme gegen sie ablehnen müsse.
Sämtliche fünf Herren, und zwar die Herren Generaldirektor Kosten, Dergassessor Olso, Direktor Spindler, Generaldirektor Senget- mann und Generaldirektor Wüstenhöfer, haben sich dann freiwillig bei der Division eingefunden, wo sie als Einleitung eines gegen si« bmbsichfigten kriegsgerichtlichen Verfahrens zu Protokoll eines Gerichtsoffiziers über ihre Weigerung, Reparafionskohl« zu liefern, vernommen wurden. Sämtliche Herren hielten ihr« Weigerung unter Berufung auf das ihnen vom Reichskohleniommif- sar erteilte Verbot aufrecht. Den Herren wurde zum Schluß eröffnet, daß von ihr« Verhaftung vorläufig Ab- stand genommen werde, daß sie sich aber jederzeit zur Verfügung des Kriegsgerichts zu halten härten.
Der Oberbürgermeister von M ü l h e i m erhielt von der ranzösischen Bejatzungsbehörde in Dredeney den Aukirag, ver- chieöene Großindustrielle, darunter Fritz Thysse», auftu-, ordern, Donnerstag abend 9 Uhr im Hauptquartier in ^.redeuey zu erscheinen. Eventuell sollten die Herren durch Fwungsmaß» touuijuis ssw^og u-^aom usöunmkoü uoui.PjrJ mul uswhou