Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 16 Dienstag, den 6. Februar 1023
Das Wichtigste vom Tags.
I " — Die Franzosen haben die badischen Städte Of fe n bur $ ■liftb Appsnweier und da« hessische G o d d e l a u besetzt. Als Borwaich zur Besetzung wird die angeblich verzögerte Abfertigung der direkten Züge Frankreich—Polen angegeben.
! — 3« Düsseldorf hat ein französischer Korporal ohne jeden Anlaß zwei Kinder durch Schüsse schwer verletzt.
— Der Reichskanzler hat eine Reise ins neubesetzte Gebiet Unternommen. .
> Die neueste „Ganttiou".
■ , ^^ biste der Dergewalt ig ungen, Rechtsbrüche/ brutalen Mißhandlungen und Morde hn Nuhrgebiet schwillt unheim- lich am Jeden Tag sind neue Schandtaten der entmenschten französischen Cxfjetgen zu melden: in Essen Aliaschinerrgewehr- salven auf eine Volksmenge, in Jngelheim ein blutiges Massaker bei einer Zugentgleisung, in Düsseldorf Mord-anfall auf eine Kinderschar. Das ist die Ernte des Todes innerhalb 24 Stunden. Weher Leben noch Eigentum ist sicher in dieser Periode sanktionierter Verbrechen und einer Gesetzlosigkeit, die an den tiefsten Tiefstand der Menschheit erinnern. Aber welchen Grund haben diese sinnlosen Bestia- li täten? Setzt sich das gemißhandelte Volk zur Wehr oder hat es seine Peiniger herausgefordert und zur Wut entflammt? Es ist nicht ein einziger Fall von An- grifeu auf Französen bekanntgeworden, obschon man Ueberschreitungen der Notwehr als selbstverständlich dunehmen müßte. Der Grund ist in der Erfolglosigkeit der französischem Ruhraktion zu suchen. Der passive Widerstand der Ruhrbevölkerung hat sich organisiert und ist mit Be- Men und Zwangsmaßnahnien nicht zu brechen; der- erhoffte Gewinn blieb aus; Verluste über Verluste stellten^kch in dies«» Reparationsfeldzug ein. Das erzeugte eine an Wahn-
7 witz grenzende Nervosität bei den Siegern, und so tre-bt sie ^^ ^ ^"Uwr immer loexter, und Ponrcarö, der sich in der Rolle des Europa beherrschenden Napoleons gefällt, glaubt, noch stärker zu sein als dieser und den Kreml, sobald er nur in seinen Händen ist, vor einem Bernichtungsbrand schützen zu können.
Immer weiter dehnt sich die Besetzung Deutschlands aus. Der letzte Vorstoß traft die Stadt Offenburg im Breisgau und den benachbarten Bahnknotenpunkt Appenweier.
Als Rechtfertigung dieses Gewaltstreichs hat die Interalliierte Rheinlandkommission angegeben, die deutsche Eisen- bahuverwaltung habe der Durchführung der internationalen Füge Paris—Prag Schwierigkeiten bereitet. Das Schaf, das dem Wolf das Wasser trübt, ist wieder einmal gefunden und in den beiden besetzten Städtchen herrscht bereits die übliche Willkür mit Einquartierung, Polizeischikanen und Versamm- lungsverboten. Don Kehl bis Appenweier ist es ein Katzen- fswung; Baden lag ohnehin schon unter den Geschützen Frankreichs und besitzt keine Grenzbefestigungen. Eine Aus- Dehnung des Brückenkopfes von Kehl war also überflüssig, pmal sich Lahr bereits einer französischen Besatzung erfreut. Die Beschränkung des internationalen Zugverkehrs, die Deutschland zur Last gelegt wird, mag eingetreten sein, vor allem auch die Anhaltung der Kokszüge von Moransnaka— Ostava, die für die Hochöfen von Hayingen bestimmt waren. Aber die Franzosen haben die Tür, über deren Unpassier- larkeit' sie sich in einer Note beklagen, selber verriegelt, in- dein sie den Eisenbahnverkehr in den Bezirken Ludwigshasen, Niainz und Köln betriebstechnisch unmöglich machten. Deutschland einer Verletzung des Artikels 321 des Versailler Vertrages wegen Zurückweisung der tschechischen Kokszüge zu beschuldigen, heißt nichts anderes als einem Mann ein Bein nbschnerden und ihn dann, weil er nicht marschieren will, b.e- • strafen. <
Diese Vertragsverletzung gehört zu jener französischen Familie, die sich kaninchenhaft vermehrt und nach Brot, nach deutschen! Brot natürlich, schreit. Die Schuldbegrüvduug ist im vorliegenden schon deshalb gar nicht stichhaltig, weil nach dem angeführten Artikel der Durchgangsverkehr nur ein Au- recht auf gleiche Behandlung wie der innerdeutsche Ver- kehr hat, und da dieser für Güter und Personen in weitem Umfang eingeschränkt werden mußte, ist es klar, daß du Klage über Vertragsverletzung, wie so viele andere »Ver- iehlungen", nur ein fadenscheiniger Vorwand für die Ausdehnung eines französischen militärischen Spazierganges ist. Nicht nur Baden steht an seiner Rieft grenze den Franzosen " pfsen, sondern, wenn sie es wollen, auch der Süden bis zum ) Dodensee, und da PoincarS in seinem Tatendrang eine Zeit- > -i spanne von fünf Jahren für die Besetzung weiterer Länder. . * strecken in Aussicht genommen hat, konnte allmahuch rbs : ^i größerer Teil Süddeutschlands von Fach unb Genossen ab i > Manövergelände beansprucht werden auf Grund eines um i :> nusfindbaren Paragraphen des Versailler Vertrages. r as
jeder dieser Verstöße jede RLpMltiottskeistMg in steigendem Maße illusorisch machen muß, wissen die Gewalthaber an der Seine sehr wohl, und das ist auch ihr Zweck. Sie wollen einen Verfalltag für Pfänder schaffen, und dazu ist ihnen jedes Mittel recht. Nur dürften sie, wenn sie wie bisher fort- ähren, im Eisenbahnverkehr in internationale Verwicklungen zineingeraten und die Kohlenausfuhr Deutschlands so koren, daß andere Staaten sich zu Protesten aufraffen. Im Badischen Landtag hat unlängst die Ab- ordnung der Ententekommission einer Sitzung von der Tribüne aus beigewohnt. Ein großer Teil der Abgeordneten verließ darauf demonstrativ den Saal. Heute würden wahrscheinlich sämtliche Landtagsmitglieder den unerbetenen Gästen den Rücken kehren, nachdem sie selber eine Probe von der Behandlung erfahren haben, die ng Ruhrgehiet gang und, gäbe ist. .....s - •
Einfall in Baden und Hessen.
Sonntag vormittag kurz nach 9 Uhr ist französische Kavallerie in Stärke von mehreren Schwadronen in Offenburg (Baden) eingerückt. Der Bahnhof, das Postamt, die Kaserne und die große Eisenbahnbrücke find mit Wachtposten und Maschinengewehren besetzt worden. Auch Appenweier und die erste Station der von Offenburg nach Konstanz durch das Kiuzigtal führeuden Schwarzwaldbahn, Ortenberg, wurde« von srarrzöfise^r Jnfanierie besetzt. , .
Die Interalliierte Rheinlandkommission hat dem Reichskom- srissar für die besetzten Gebiete in Koblenz eine Note zugeleitet, In der sie Mitteilung von dem Beschluß der französischen Regierung »rächt, Offenburg und Appenweier mit Rücksicht auf die von der deutschen Eisenbahnverwaltung bei der Durchführung bei internationalen Züge Prag—Paris bereiteten Schwierig, feiten z u besetzen. Im Anschluß hieran habe die Interalliiert« Rheinlandkommission beschlossen, Offenbure und 9[r>rK>nmoi»T
wte i>MxMücheniW Kehi. Demgemäß habe sie ihrem Delegierten in Koblenz Vollmacht auch für diese neue Besetzung gegeben.
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Amtlich wird über den Einmarsch französischer Truppen in das Gebiet von Offenburg und Umgebung folgendes mitgeteilt:
In der Nacht von Sonnabend, dem 3., auf Sonntag, den 4. Februar, sind französische Truppen aller Waffen durch das Gebiet des Brückenkopfes Kehl nach dem bisher unbesetzten badischen Gebiet vorgerückt. Die Hauptmacht war in Schlettstadt zusammengestellt worden und wurde mit der Bahn bis Straßburg gebracht. Zwischen 11 und 12 Uhr gab der französische Kommandant in Offenburg dem Vertreter der Staats- und Gemeindebehörde
eine« Befehl
bekannt. Danach verfolgt die von den französischen Gruppen aus- geführte Operation keine militärischen Zwecke: sie richte sich nicht gegen die Bevölkerung, sondern fei als »6 a n 11 i o n* zu betraf ten gegen „gewisse Machenschaften*, die im Widerspruch zu dem Sriebensvertrage stäuben (Einstellung internationaler Rüge usw.) Von Arontag abend ab wird jeder Bahnverkehr zwischen Offenburg und Appenweier eingestellt. Durchgelaffen werden nur bie internationalen Rüge Holland— Schutz. „ ,
Im neubesetzten Gebiet wird die Polizei und Gendarmerie der französischen Militärbehörde unterstellt, die ihre Ausrüstung und Diensttätigkeit festscht. Ansammlungen von mehr als fünf Per- fönen worden verboten, desgleichen Versammlungen. Jedermann muß stets einen Personalausweis bei sich führen. Alle öffentlichen Lokale müssen von 9 Uhr abends an geschloffen sein. Der Verkehr auf Straßen und Wegen ist vom 9 Uhr abends bis 6 Uhr morgens verboten. Der Tagesverkehr zwischen den neubefetjten Ortschaften und dem unbesetzten Gebiet wird einer Kontrolle unterzogen. Jeder V e r k e h r m u ß begründet werden.
Für die Einhaltung dieser Befehle kündigt der Generalbefebls- Haber des Bnickonkopfes Kehl, Michel, »Sanktionen* an, indem er jede Zuwiderhandlung mit Festnahme und Vorführung vor das Militärgericht l-edroht. Gegen Unruhen, Widerstände und Feind, felic-keiten werde W a f f e n g e w a l t angewenbet werden Wenn eine Wasfenabteilung Überfällen werde, so werde sie sofort von ihrer Waffe Gebrauch machen.
Der Oberamtmann von Offenburg hat sogleich erklärt, daß Behörden das, Behörden und Beamte nur Befehle von deutschen Be- Horden annehmen, und er hat am Nachmittag dem franseftfdicn Kommandanten ausdrücklich mitgeteilt, daß sämtliche Reichs- und Landosbeamten e s a b l e b n e n , sich den französischen Befehlen zu unterstelle«.
Aufruf der badischen Regierung,
Die badische Regierung hat an das badische Volk einen Aufruf gerichtet, in welchem sie gegen das uner- hörte Vorgehen der Franzosen schärfste Verwahrung einlegt. Die vadische Regierung vestreitet der französische» Militärmacht jedes Recht, im neuvc-ctzte« Ge- biet die Bcamtenschast des öffentlichen Dienstes der französischen Befehlsgewalt zu unterstellen. ^ic hat somit die Beamtenschaft angewiesen, keine Vefehle der Beamte« der Besahungsbch »den entgegen- zunehme» und aüSzufiihrcn. Von de- Beamtenschaft er- umrte die Landesregierung strikte Bef '.gung der an sie ergangsnen Befehle, den sran»önschen Anordnungen keine Kola« äu neben.
Auch Goddelan besetzt.
Die Frankfurter Zeitung meldet aus Gobdelau bei Darmstadtr Französische Truppe« besetzte« Sonntag vormittag den BaHuhof Godbelau und schnürten damit den Gise«bah«verkehe zwischen Fraukfuri »m Main und Man«Heim bzw. Worms völlig ab. Der Bahnhof ist abgesperrt. Die Truppe« haben sofort mit be» Verladung der auf dem Güterbahnhof aufgestell. iea großen He«, und Strohvorrüte deutscher NMW für die Besatzungsarmee begonnen, , -
Kindermord!
3* Düsieldorf M am Sonntag durch einen krau« »öfische« Korporal eine verabscheuuugswürdkse Bluttat verübt Word««. In der Vorhalle des Bahn- Hofs Bitt stand eilte Abteilung französischer Soldaten, der eine Anzahl Kinder zuschaute«. Plötzlich legte, ohne eine« erkennbare« Anlaß, ein fran- zösisc^r Korporal sein Gewehr an und schoß in die Kinder. Ein Kind wurde schwer verletzt, ein anderes leichter verwundet. Das schwerverletzte Kind ist kurz darauf gestorben.
Der Kommandeur der Besatzungstruppen hat dem Beigeordneten Dr. Haas mitgeteilt, daß der Korporal vor ein Kriegsgericht zestellt werden würde. Von dem französischen Kommando wurde versucht, den Vorfall so darzustellen, als ob die Erschießung des Kindes durch die unvorsichtige Hantierung des fran- köstschen Korporals mit dem Gewehr verursacht worden sei. Der Kommandant der französischen Besatzungsbehörde hat den Eltern ^ erschossenen Kindes als Entschädigung für den Tod des Kindes l00 0OO Papiermark angeboten. Der Regierungspro- ident Dr. Drützner hat die Besatzungsbehörde darauf hingewiesen, daß das Angebot einer solchen Entschädigungssumme unge« > örig sei. und empfohlen, daß die Eltern der französischen De- fa^ungsbevürd« a&avnW^ ^ ‘~‘^ ^-' ^-.v-' ------ ^!„,.ü.\_.—^^_^-
Aar^srcicyrn xpe;egvuch Pellen mögen. Regreruttgsprafwent vr. Drützaer hat als vorläufigen Beitrag für die notwendigen Kosten der Bestattung des getöteten Kindes sowie für sonstig« Auslagen den Eltern einen Betrag von 200 000 SO?. Gewiesen.
Weiiere ^uWurfafen.
den, worauf der
Das Bild, das
Nachdem nach Zurückziehung der französischen Posten von dem lenzer Hauptbahnhof die Arbeit teilweise wieder ausgenommen Hauptbahnhof neuerdings besetzt wor- trieb wieder völlig stillgelegss wurde, bes Eisenbahnarbeitern bot, als sie mit der ----toirb wie folgt wiedergegeben:
Arbeitsaufnahme begonnen wird wie folgt wiedergegeben:
Die Franzosen haben auf der Eisenbahnbetriebswerkstäite fürchterlich gehaust. Alle Kisten und Behältnisse der Eisenbahner sind mit Gewalt erbrochen worden. Die Kleider der Beamten wurden
Die Loko»
herausgerissen und in den Schmutz getreten. Die Stiefel geworfen, die Geschäftsbücher zerrissen, das Bettzeug zerschnitten und die Oelbchälter zum Auslaufen gebracht. Der Raum ist vollständig mit Kot beschmutzt. Motiven stehen ohln: Feuerung und ~ s Wochen unbrauchbab gemacht.
me Feuerung und sind zum Teil für lange
Zu Hattingen sollte auf dem Rathaus eine Kohlenver- t e i l u n g für Minderbemittelte, Sozialrentner usw. stattsinben. Diese Verteilung ist von den Franzosen verhindert worden, die die zur Verteilung gelangten Kohlenmengen dosäüag- nahmten und die gefüllten Körbe wieder ausleerten, weil der Dürgerineister sich geweigert hrute, die Besatzungsiruppen mit Kohle» yt versorgen.
Maschinengewehrsalven in Effen.
Sonntag abend 7 Uhr 30 Min. ist es in Essen zu Schieße^ reie» gekommen. Nach kommunistischen Versammlungen im Saalbau zogen starke Gruppen nach dem Bahnhof, wo sich auf dem Dohnhofsplatze ein starker Menschenauflauf bildete. Obwodl bis französischen Posten durch die Polizei vollkommen frei gehalten wurden, brachten sie doch ein Maschine ngewehr in Stellung und gaben einige Maschinengewehr- unb Gewehrsalven ab. Soweit bisher festgestellt werden konnte, sind Menschen nicht verletzt worden.
OievölkerrechiswidrigeKohlenblockado
Als Antwort auf die Notifizierung bet Kohlensperre ist in Paris und Brüssel eine Rote Übergaben worden, in der es u. a. heißt:
»Die französische Regierung erneuert den Versuch, die Verantwortlichkeiten zu vertauschen, indem sie die berechtigten 9 mr- inaßnahmen Deutschlands gegen den rechtswidrigen Eint m das Nuhrgebiet als Anlaß für neue Gewaltmaßnah» . > . .'• zeichnet. ... In Wirklichkeit liegt der Grund für den ne; es Gewaltakt in den für Frankreich unbefriedigende», Ergebnissen des ersten ll »rechts. ... Die von de«^ französischen Regierung angedrohte Maßnahme stellt eine b es sonders schw -ra Ver letzung des Vertrages v o»S Versailles ini^xn dar, als nach Artikel 251 dieses Vee« träges der notwendige Bedgrf Deutschlands an Kohlen her. b'g-H Kttiar ^st^er."-y ergeht und unter allen U in st a :: d e rofteüt werben muß. |
>e - Mtfcbe Regierung weiß »h eins mit der $em::ien«| sch, st der betroffenen Gebiete, wenn sie erklärt, daß die ErrcgunM