Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
Mi-alted des Vereins Deutscher Zeiruugs.Mrl-grr. . , Für die ©«kurn vdranlworliich Fron, Funk in Her-feld / , Iemsprecher Nr S ^ S-r-feld.
Nr. 17
Donnerstag, den 8. Februar
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Das Wichtigste vom Tage.
— Die italienischen Ingenieure haben trotz großer Bemühungen des französischen Kommissroirsführers Loste Essen »it unbekanntem Ziel verlassen.
Die bisher aus der Besetzung der Stadt Essen erwachsenen lusgaben beziffern sich auf 2 7« Millionen.
Nach französischen Berichten scheint die Regierung ionAngorazu einem Einlenken in den bisherigen Streit- fünften bereit zu sein.
Pointars und Cuno.
i Der Minsterpräfident Poincar 6 hat ein Bankett der canzösischen Journalisten in Paris zum Anlaß einer Rede »enommen, die wesentlich absticht von der Rede des deutschen ' Kanzlers in Münster mrd seiner Berichterstattung in der tabinettssißung über seine Reise ins Ruhrgebiet. Der I kranzose fühlte sich in eure Abwehrstellung gedrängt; statt sie Trikolore des Sieges zu schwenken, verlas er einen langen katalog von Mißerfolgen, betonte seine Unnach- siebigkeit und schloß bezeichnenderweise mit dem^Hinweis auf ien Tag, wo Deutschland bereit sein werde, loyale Vorschläge su machen.
Die Auslassungen des Dr. Luno lassen, wie sich in- wischen Poincarä überzeugt haben wird, die Geneigtheit zu sinem derartigen Entgegenkonrmen vermissen. Ein von sinem Stegreifritter Ueberfallener müßte von allen guten Heistern verlassen sein, wenn er dem Strolch, dessen Pulver 1 turchnäßt ist, trockenes auf die Zündpfanne schütten wollte, j die Worte des Reichskanzlers atmeten Hoffnungs- ireudigkeit, Zuversicht und unbeugsam?
, Festigkeit. Und er durfte diese Haltung einnehmen. Seiner Reise ins Ruhrgebiet war ein voller Erfolg beschie- - den, die Stimmung der Bevölkerung und der Beamtenschaft j ist ausgezeichnet und sticht merklich von dem Wutaabgul d-m Wr4*£iW^i«*t^^ ^-■-‘•W'W’IWt^^ tayaten Vorschlag gemacht hat, Dr. Cuno abzufangen oder wenig» rs auf das unbesetzte Gebiet abzuschieben. Warum man nicht früher darauf verfallen? Der Reiseplan war . Sein Geheimnis; die Aufhebung des Kanzlers wäre, da in | Munster keine deutschen Truppen stehen, ein leichtes ge- | Besen! Fürchtete man am Quai d'Orsay den A u s b r u ch ; >ines Weltskandals oder mißtraute man der j Lammsgeduld der Münsterländer? Das bleibe dahingestellt.
Jedenfalls hatten sie keine Gelegenheit, die vom Kanzler im | Provinziallandtag geforderte „Besonnenheit" zu beweisen, - and die danrit verbundene „Zielsicherheit" hat die Ruhrbe- ‘ völkerung durch ihr entschlossenes Ausharren inmitten Hun- ? dorten von Herausforderungen, lebensgefährlichen Be- 7 drohungen und Vergewaltigung längst seit vier Wochen be- - wiesen.
Hinter ihr steht das ganze deutsche Volk. In den letzten y klagen hat sich auch die Sozialdenrokratie mit einer einstim- - lügen Entschließung ihres Parteiausschusses vernehmen | lassen. Die gesamte Arbeiterbewegung erklärt sich bereit, die | ilbwchc des gewalttätigen französisch-belgischen Einumrsches 5 ^urch zweckdienliche Maßnahmen zu unterstützen und kenn- i ^ichnet das immer wieder von der französischen Regier,rngs- j srvpaganda ausgewärmte Märchen, wonach der Wider- ! Itanb der Llrbeiter. Angestellten unb Beamten auf eine An. J veisung der Reichsregierung zurückzuführen sei, als das, : m§ es ist. Alle diese Gruppen stehen im Kampf aus eigenem I üntrisb w Verteidigung ihrer Menschenwürde und ihrer
i Freiheit gegen ruilitaristische Gewalt. Es hätte Hinzugefügl ! verlor können., daß chie Anweisung der Regierung an die Beamten, nur den Befehlen der Vorgesetzten und nicht der Ua^^ösisckjerseits gegebenen zu gehorchen, dem Verhalten der Veaurterlschast die juristische Grundlage ihrer Tätigkeit in Er mneruirg bringen soll. Nicht zu vergessen ist auch die Mah. nung des Parteiausschusses, auf ausreichend« Versorgung »er Unterstützungsbedürftigen mit notwendigem Lebensbedar;
A Bedacht zu nehmen.
Was diese Opferfreudigkeit anlangt, ist eine Herz erfrischende Einmütigkeit aller Berufe und Stände, von juni und alt festzustellen. Auch die Minderbemittelten steuerr j ihr Scherflein bei. Das ist die Frucht einer jahrelang be- । trieben«» Zwangs- und Diktatpolitik, die nicht nur bis jetzt über 250 führende Männer der besetzten Landesteile vor Amt, Beruf und Wohnsitz samt ihren Familien vertrieben ; sondern auch über Millionen Männer unb Frauen, Greis, f und Kinder Elend gebracht hat. .
Auch die Hariptquelle der Ermährung, die L a n b w ur jschaft, beginnt reichlich zu spenden. Bis jetzt sind nun ; 13 500 Zentner Getreide, Hülsen fruchte, Haferflocken, Kar- - loffÄstürke und 86 Wagen Kartoffeln, Zwiebeln usw. zu. h saimnengebracht und an die "ammelstelle Minden jur ver. Heilung an die verschiedenen Zechen abgerollt worden. - uH n
dem habett Länder unb Provinzen vorläufig rund 150 Wa- gen Lebensniittel abgeliefert. Auf diesen „Erfolg" seiner Politik war PoincarS nicht gefaßt; sein Spaltungsplan ist gescheitert; seine Verführungskünste haben nicht verfangen, und der spontan aus dein einmütigen Entschluß des Volkes herausgewachsene Widerstand ist ungreifbar und unüber- windlich. Gegen diese mächtige Strömung tönn Poincarü nicht mit dem Schwert rudern, weil Volk und Regierung eins sind, und dem gab die Rede Eunos in der Kabinetts- sitzung klar Ausdruck, und es war nicht bloß an Deutschland gerichtet, sondern auch an das Ausland, wenn er mit den Worten schloß:
„Ein französisches Blatt hat neulich eingestanderr, daß keine deutschen Vorschläge Frankreich veranlassen wür- den, seine Beute fahren zu lassen. Herrn Poincarös Rede ist eine Umschreibung dieses Zugeständnisses. Das Ruhrgebiet will er behalten, bis von unmöglichen Summen der letzte Pfennig bezahlt ist. Nkcht Verträge, sondern Gewaltherrschaft will er, Gewaltherrschaft ohne zeitliche Grenzen. Der Gewalt setzt Deutschland sein Recht und den Willen zum Leben entgegen."
Da Deutschland in seiner Wehrlosigkeit kein Mittel zu gewaltsamem Widerstände besitzt, muß es abwarten, ob Frankreich erlahmt oder die übrigen Unterzeichner des Versailler Vertrages, beunruhigt durch die steigende Verletzung ihrer eigenen Interessen, den Zuständen im Ruhrgebiet und in Baben anfangen wollen, eine mehr als platonisch? Beachtung zu schenken, „ 7 '
Die Italiener verlassen Essen.
Die von der italienischen Regierung dem ftanzöstsche« Ingeuieurstab zugeteilten drei staatlichen Ingenieure haben Essen verlassen, obwohl EostesieaufjedeWeise durch
die Ingenieure sich entfernt habe», ist «»bekannt. ——
Weitere Besetzungen.
Aus dem Bezirk Elberfeld-Barmen wird gemeldet: Von Opladen fuhren am Mittwoch 30 Lastkraftwagen mit Militär um 12 Uhr in Richtung Wermelskirchen hier durch; Bergisch- Born, Lennep und Krebsöge wurden besetzt. Dadurch werden die Umleitungen im Wuppertaler Bezirk weiter sehr er- schwert. Es hat den Anschein, als ob der Wuppertaler Bezirk abgeriegelt werden soll. Auch
im badischen Einfallgebiet
hat die Besetzung eine Ausdehnung erfahren. Die Ge- meinde U r l o f f e n bei Appenweier ist von etwa 120 Mann besetzt worden. Im neubesetzten Gebiet des Brückenkopfes Kehl haben die Franzosen der Bevölkerung sehr drückende Laste n auferlegt. Aus ihren geringen Beständen müssen die Landwirte Stroh und Heu an die Besatzungstruppen abliefern. Kartoffeln und andere Vorräte werden vielfach gewaltsam b e s ch l a g n a h m t. Die französische Besatzung ist zurzeit damit beschäftigt, eine eigene Fernsprechleitung vom Rathaus und Postamt nach Kehl herzustellen. Wahrscheinlich versuchen die Franzosen dadurch, aus der Reichs-Hauptdrahtlinie herauszukom- wen. Französisches Militär hat das Offenburger Postamt von neuem besetzt. Das deutsche Personal forderte die Zirrückziehung der Posten und vor allem die Freigabe des Schalter- r a u m e s und der Reichsleitungen. Da die Franzosen dieser Forderung nicht nachkamen, hat das Personal den Betrieb still- gelegt. Die Beamten wurden daraufhin von den Franzosen, zunl Teil gewaltsam, aus dem Gebäude entfernt, Postdirektor Krieg und Oberzwstsekretär Frey verhaftet.
Das Chaos im Transportwesen.
Die Eingriffe der Franzosen in das Eisenbahnwesen machen sich für das Wirtschaftsleben von Tag zu Tag empfindlicher störend bemerkbar und drohen, die schlimmsten Folgen zu zeitigen. Die Betriebsstockungen reichen vom Osten des besetzten Gebietes bereits bis Esten. Die für die Transporte benötigten Leerwagen find zwar vorhanden, können aber aus verstopften Güterbahnhöfen nur mit Mühe herausgezogen werden. Die Zuleitung an die richtigen Stellen ist außerordentlich schwierig.
Es ist dadurch fast unmöglich, die Betriebe innerhalb des besetzte» Gebietes, vor allein die lebenswichtigen Betriebe, ord- nungsmäsig mit Kohle zu beliefern. Die Klagen der Das-, Waffer- und Elektrizitätswerke werden täglich lauter und ein- bringlicher. Das W a s s e r w e r k i n M ü hlheim - St y r u m , welches außer der Bevölkerung 38 Zechen und viele Bahnhöfe allein versorgt, schreibt an die hiesige Esseubahndirektion, daß es in kürzester Zeit d e n B e t r i e b einstellen müste, wenn es nicht um-tehend nnk^Whle beliefert werde. Das gleiche gilt für
die übrigen Gas-, Wasser- und Elektri-ijäts w erk« des widerrechtlich besetzten Gebietes.
Die Eisenbahndirektto« SSl« '
bat ihre Beamten angewiesen, die Posten, welche sich zur Anler- Stellwerken befinden, zum Derlaffen aufzufordern und sonst die Arbeit niederzulegen. Der Betrieb im gesamten Kölner Bezirk wird vermutlich vollkommen »um S t. ü ft a n d kommen. Seit Dienstag nachmittag werL/ aZ sämtliche Züge angehalten. Di« Reisenden und ihr Gepäck werden revidiert.
In H ö r d e sind auf den nach Osten führenden Straßen Tubr- werkskontrollen eingerichtet. Fuhrwerke mit Kohlen r^rd.n ichlagnahmt. In Lunen-Nord zwingen die Franzosen die Bev- fonenzüge zum Halten. Sie kontrollieren die Packwagen. In den Guterzügen entfernen sie bet geschlossenen Wagen o i e PI o m b e n und untersuchen den Inhalt der Wagen genau.
Im Bezirk Trier
Saargebiets. Weiter Hei furt—Darmstadt, Neckar—i
sind folgende Strecken, stillgelegt: Saarbrücken-Trier, Koblenz- 2xier—®iebenijo«n, die Hunsrückbahnen in Achtung Herbesthal, Munster am Stein bis zur Grenze des Saargebiets Weiter liegen still die Strecken Mainz-Frank- furt-Darmstadt, Neckar-Riedzdahl. Der Personenverkehr wird
Strecken noch durchgeführt. — Die ftanzösischen Kon- trollstationen haben u. a. auch aus dem besetzten Gebiet nach dem unbesetzten laufende leere ' ' nicht durchgelaffen.
s o r g u n g der '
e, bedeckte Wagen (G-Wagen) en. Hierdurch wird die Lebensmittelver- deutschen Bevölkerung gefährdet.
Der französische „Erfolg".
Nach Mitteilungen der französischen Presse sollen die Fran- josen bisher 64 000 Tonnen Kohle nach Frankreich geschafft haben., Eine Mitteilung, die jetzt sogar von französischer Seite als wenig glaubwürdig bezeichnet wird. Nach den Nach- clchten des Reichskohlenrates ist von den Franzosen die Ziffer v o 11 i g aus d er Luft gegriffen worden, um der franzö- uchen Bevölkerung einen „Erfolg" der Ruhraktton vorzu- tauschen.
Nach den genauen Feststellungen sind seit dem 15. Januar von den Franzosen insgesamt 21 993,6 Tonnen Kohle und 17 000 Sonnen Koks beschlagnahmt unh.m<"
nLi«nms> e»ni«y>»deu .-.«, um um Ko^ieune-erun- gen vergleichen, die vor der Besetzung an Frankreich gegangen sind. Früher erhielt Frankreich, Luxemburg und Belgien zusam- nun arbeitstöglich 4 5 000 Tonnen Kohle, davon allein 30 000 Tonnen Koks. Wenn man diese Ziffern mit dem jetzigen Ergebnis der Ruhraktion vergleicht, dann erficht auch der Laie, daß die Franzosen im Verlaufe eines halben Monats nicht einmal die Hälfte von der Kohlenmenge erzielt haben, die sie sonst von uns an einem einzigen Arbeitstage er- jsielten.
Kohlenraub auf den Werken.
Seit Mittwoch versuchen die Franzosen, auf industriellen Werken in Werden a. d. Ruhr die Werkvorräte an Kohle zu beschlagnahmen. Auf den Einwand der Besitzer wurde den Firmen erklärt, sie könnten sich ja neue Kohlen von den Zechen beschaffen. Die Stahl- und Eisenwerke stillzulegen, wird den Franzosen nicht gelingen, sie sind mit Material reichlich versehen. Die Kohlenlaye Frankreichs ist aber überaus ernst, insbesondere in bezug auf Koks. Deutschland kann es in dieser Be- ziehung weitlänger aushalten als Frankreich. Selbst eine Erz sperre im Ruhrgebiet würde die deutsch« Produktton auf mindestens ein Vierteljahr nicht behindern.
Die Folierkammer von Mainz.
Von einer angesehenen Persönlichkeit in Mainz wird der Frankfurter Zeitung mitgeteilt, daß neuerdings unter irgend- einem Vorwand Passanten der Paß abgenommen wird und ihnen aufgegeben, sich am nächsten Tage im Hause Leibnizurage 8 zu melden. Dort angekommen, werden sie von vier Marokkanern mit aufgepflanztem Seitengewehr empfangen, in ein Zimmer verwiesen, wo sie höhnisch in ein anderes Zimmer und dann in ein drittes Zimmer geschickt werden. Hier werden sie von einem r i e s e nh a f t e n Z i v i l f r a n z o s e n aufgefordert, alle Tasche« zu leeren und sich mit dem Gesicht der Wand zuzuwenden. ytun werden sie in Gegenwart zweier Soldaten mit Tritten uno Schlägen halb zu Tode gemartert, und dann, da 1« kaum noch in der Lage sind, sich fortzubewegen, mit Swßen um Fußtritten ins Freie befördert. Mehrere Personen mußten i schreckliche Behandlung durchwachen. .
Von einer anderen Seite wird der Frankfurter Zettung gemei- det, daß ein Herr in angesehener Stellung auf der Schrllerpratze versehentlich an einen französiscken Soldaten anstieß und, durcy einen zufällig vorübergehenden Offizier mit Hilf« von zwei, eol- baten festgenommen wurde. Er wurde in ein § t n t c rg c b au oe des Offizierkasinos gebracht und erfuhr dort genau ite gleiche Behandlung wie oben geschildert.
Allgemeiner Verachtung preisgegeben
des den
Bekanntlich haben sämtliche Referenten mhö gingestc 1 c Einser Ein- und Ausfuhramtes, nachdem, das Amt durm Sieichskommissar für Aus- und Einfuhr aufgelöst worden war, Arlwit niedergelegt, mit Ausnahme von wer „Dame» . Mez besonders „liebenswürdige" Beziehungen zu der Ajterad. - ‘ ß Untertommiffion unterhielten. Nunmehr daben sich zu i meng Damen auch zwei Herren gesellt. sind incs dw ^nen S mann und Kreienberg, Die lub oen nranjocn gur^ ^ 8 führung des Betriebes zur Verfügung gestellt «E- ^.^R
wegen Schleichhandels mit O\fängnijt-beftrajtc unt aus icm . -«»M entlaffene Lokomotivführer Karl «chlnzein luffelbor, für die Franzosen Lokomotivführerdieuste. |