Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 18
Sonnabend, den 10. Februar
1923
Das Wichtigste vom Doge.
r—PoincarL hat sich geweigert, t»r dem Ä a m ■ tmerausschuß Rechenschaft über die Lag» im Ruhrgebiet abzulegen.
— Der v-Zug Hamburg—Essen ist von d« Franzosen w Wanne Überfällen worden. Das Publikum wurde mi 1 bem Bajonettheraus- und in die Stadt gejagt, dw: Z u S" führer erschlage».
— Das Offenburger Beseßungsgebiet ist arg zwei kleinere Ortschaften ausgedehnt worden, -r-——^»^1
Wochenrückblick.
Die Reisen des Reichskanzlers Dr. Tu-W und der Minister nach dem Ruhrgebiet haben in Paris neben dein üblichen Wutgeheul auch die Erwägung ausgelöst, mit welchen Mitteln man die Wiederholung derartiger Besuche zu verhindern habe. Derartige Pläne können ernstlich nur von Leuten ausgeheckt werden, die die Annexion des Ruhr, gebiets und der Rheinlande als vollzogene Tatsache ansehen, aber sie werden die deutsche Regierung nicht ab halten können, nach wie vor ihre Pflicht zu tun und für das be- schlagnahmte Land als für einen unveräußerlichen und unabtrennbaren Teil Deutschlands zu sorgen. So hat Dr. Luther, der Reichsminister für Ernährung und Land- wirtschaft, der mehrfach die gefährdeten Gegenden bereiste, eine Verbindungsstelle zwischen Berlin und dem besetzten Gebiet bei der Generalbetriebsleitung West der Reichseisen- bahnverwaltung neu geschaffen, um die Volksernährung, auch wenn die Lebensmittelzufuhr von den Franzosen un- terbunden würde, sicherzustellen, eine Fürsorge, die sich nicht nur auf das Einbruchsgebiet beschränkt, sondern das gesamte besetzte Gebiet umfaßt. Das ist eine lobenswerte Maßregel, denn die Teurung im Westen wirkt sich-für die Bevölkerung vor allem auf dem Lebensmittelmarkt durch den Einmarsch der Fvarizosen und Belgier aus, und der Milchmangel ist so gestiegen, daß man in Amerika und Holland $ur Rettung der Säuglinge Büchsenmilch spendet. Den Erklärungen des Ministers im Reichshaushaltsausschuß ist erfreulicherweise zu entnehmen, daß bis Mitte März Vorräte an Brot- getreide und Mehl vorhanden sind, desgleichen Kartoffeln. Auch für Margarine, Schmalz, Speck und Fleisch sind besondere ^4.|~urguiigsiiuiÄugäiyyL »o onoten „au angesichts der Opferwilligkeit der deutschen Gesamtbevölke- rung hoffen, daß das Ost und West unffchließerrde Band durch diese schwere Prüfungszeit nur noch fester wird.
Im Freistaat Sachsen lebt die Regic ung noch immer im Provisorium und führt auch nach ihrem Sturz die Geschäfte weiter. Die Neubildung eines Ministeriunw stößt auf Schwierigkeiten. Einmal war die Red« von einem Zusammengehen der Sozialdemokraten und Demokraten, dann fiel der Plan unter den Tisch, und der Zustand ist derselbe geblieben, wie er an dem Tage war, als die Kommunisten der bürgerlichen Kammerminderheit zum Siege über das sächsische Kabinett verhalfen. Wie ein Ausweg aus dieser labilen Parteikonstellation gefunden werden soll, nachdem sie gerade durch die letzten Wahlen geschaffen worden ist, wird den sächsischen Politikern noch viel Kopfzerbrechen verursachen, besonders da die Kommunisten hartnäckig in Opposition gegen" das provisorische Kabinett verharren.
Eine beachtenswerte Parallele bieten die Verhältnisse in Litauen und Anatolien. Weder in Kowno noch in Angara ist die Regierung geneigt, den Weisungen und Wünschen der Entente zu folgen, beide behaupten sich auf dem Boden ihrer kriegerischen Errungenschaften und lassen sich durch französische und englische Kriegsschiffe nicht einschüchtern. Die Litauer sitzen in Memel fest, denken gar nicht daran, das ihnen gestellte siebentätige Ultimatum zu respektieren, und die Türken greifen ihrerseits zu einem Ulti- matum, um die Ententeschiffe aus dem Hafen von Sinyrna Hinauszubugsieren. Ist das ein Sturm im Ententeich oder ein richtiges Seegewitter? Die Verlängerung der beiden Ultimaten scheint auf eine friedliche Beilegung hinzudeuten, was nicht ausschließt, daß die litauischen Freischärler mit schärferen Maßregeln bedacht werden, während die Angora- Regierung zarter angefaßt sein will, seitdem der Niederbruch, der Lausanner Konferenz die Uneinigkeit der Entente und zugleich ihre Schwäche erwiesen hat.
Als Unterpfand gegen den Krieg hat Präsident Hardmg die englisch-amerikanische Schuldenregelung bezeichnet, als die erste lichte Wolke auf dem vom Gewölk 1 des Krieges bedeckten Himmel der schuldbeladenen Welt. Da -Deutschland mit Amerika in einem „erträglich schlechten" .Frieden lebt, kommt ihm mittelbar der Ausgleich der - Interessen der anglosächsischen Brüder zugute; er stärkt vor - allem Englands Stellung gegenüber der unheilvollen Ueber- , macht Frankreichs, und so wird sich automatisch infolge der | wirtschaftlichen Auswirkungen des Ruhrabenteuers auf i
Italien, Holland, die Schweiz und andere Länder eine Isolierung Frankreichs anbahnen, während die Entente nebst Völkerbund ein Scheindasein weiterführen. Das wäre der Anfang einer Wendung zum Besseren. .-^ • _ iXXXi
- - ' '— —--4 pointare in Schwierigkeiten.
Konflikt mit dem Kammerausschuß.
Ministerpräsident Poincars hat dem Vorsitzenden des Karnmernusschusses Lehgues erklärt, er könne dem Wunsch des Ausschusses, vor ihm zu erscheinen, um über die Lage im Rheinland und im Ruhrgebiet Bericht zu erstatten, nicht Folge geben. Er wolle von niemand Ratschläge in Empfang nehmen. Nach der Ere Nouvelle haben Tardieu und eine Anzahl seiner Kollegen sofort nach Kenntnisnahme dieser Weigerung einen Brief an Lehgues gerichtet, er möge eiligst den Ausschuß zusammenberufen.
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Der Pariser Berichterstatter der „Times" meldet dazu! Die Franzosen haben den irreführenden Optimismus der Regierung satt, und da sie einsehen, daß in Wirklichkeit ein hoffnungsloses Durcheinander herrscht, werden sie äußerst kritisch. Während einiger Wochen war es möglich, diese Tatsache zu verheimlichen, aber es wird schwieriger sein, dies auch in Zukunft zu tun. Die Forderung wird erhoben, die Wahrheit bekanntzugeben.
Der Finanzredakteur der „Times" schreibt mit Bezug auf das neue Fallen des französischen Franken trotz seiner Stützung von interessierter Seite, die Kritik in der fran- zösischen Presse an dem Ruhrexperiment zeige, daß die Geschäftsleute in Frankreich anerkennen, daß keine wirtschaftlichen Vorteile daraus entstehen können. Noch bezeichnender sei der Ankauf britischer Wertpapiere durch französische Raptialiften Dieser Ankauf finde in bemerkenswertem Umfange statt. Angesichts der Tatsache, daß das Fallen des Franken diesen Ankauf kostspielig gestalte, müsse aus dieser Bewegung der Schluß gezogen wwcheix daß,auf jeden Fall in manchen Kreisen Frankreichs ernstliche Befürchtungen bezüglich der Auswirkungen dieses politischen Abenteuers auf den zukünftigen Wert des Franken gehegt werden.
Lteberfall auf den Essener DZug.
Der Zugführer ermordet. — Die Fahrgäste miI dem Bajonett vertrieben.
personal gibt darüber folgenden Bericht: Der
Hamburg mußte am 8. Februar gegen 8 Uhr 30 Min. vormittags an der Einfahrt, da sie geschlossen war, halten. Nach etwa zehn Minuten wurde die Einfahrt durch Befehl A freigegeben. Als wir ausfttegee, kamen etwa 80 b i s 40 Franzosen, ausgerüstet mit Gew«tzr«r, Bvechstarrgen und Dorhämmern, von Bahnsteig 8 zur Mafchtn« und forderten Lokomotivführer und Heizer zum Verkäst«, der Mafchi»« auf. Franzosen bestiegen die Ma- schine. Alsdann wurden die Beamten und alle Reisenden auf- gefordert, den Zug und den Bahnsteig zu verlassen. Auch die übrigen Bcchnstetge wurden
gewaltsam geräumt.
Zu gleicher Zeit lief auf Bahnsteig 3 ein Personenzug von der entgegengesetzten Richtung (von Laugendreer) ein; auch dessen Reisende mußt«, sofort den Zug verlassen. Infolge des gleich, zottigen Ausmoisens der Reuenden aus dem v-Zug und dem Personenzug staute sich dieMenge, besonders, da niemand im Augenblick erkennen konnte, was los war. Der Zugführer wollte in Pflichttreue die Türen des Zuges iwch schnell schließen; es kam aber ein französischer Offizier und zog ihn mit den Wor- ten „schnell weg!" vom Zuge fort. Im gleichen Augenblick schlug ein französischer Soldat den 64jährigen deutschen Zugführer
mit bem Gewehrkolben auf den Kops»
so daß er taumelt«; ein Schaffner wollte ihn auffangen; da setzt« ein anderer Soldat dem Schaffner das Bajonett auf di, Brust mit dem 9htfe „schnell weg!" Die Masse der Stauen und Kinder schrie laut auf. Nun zog der Offizier den Revolver hielt ihn auf die Menge gerichtet und fordert« sie auf schnell zu gehen. Die Stauung vor und auf der Treppe würd« so stark, daß Kinder, Frauen und Männer auf der Treppi übereinanderfielen und ein Atenschonknäi^l bildeten In diesen Knäuel
stachen die Franzosen rücksichtslos mit ihren Bajonetten hinein, worauf großes Klagegeschrei uni Hilferufe ertönten. Fluchtartig suchte jeder sein Leben zu retten, von den Franzosen bis auf den Bahnhofsvorplatz getrieben. Dort war eine K a v a I l e r i c p a t r o u i l I e, die die Menge bis weit in die Stadt hinein verfolgte. Vor dem Bahnhos waren drei Maschinengewehre aufgestellt, die auf die flüchtende Menge gerichtet wurden. Irgendein Widerstand des so plötzlich iibcrfal- l«ieu Publikums und der Beamten ist in keiner Weise erfolgt. In acht bis zehn Minuten waren, sämtliche Reisende wett in dir Stadt hinein verschwunden. Das Gepäck der 9ieifcnben ist zum
größten Teil im Zug» geblieben ebenso das auf dem Bahnhof ein- und umzuladende Gepäck. Wieviel Personen verletzt worden sind, ist nicht zu übersehen. Der n ieborgeschla g en« Zugführer ist inzwischen gestorben.
Naubzug auf den Bahnlinien.
Aus Essen wird gemÄdst, daß Me Franzosen die am Freitag besetzten Strecken in der Nacht wieder geräumt haben. Nach Aeußerungen von französischer Seite hat es sich bei diesem Unternehmen nur um einen Raubzug gehandelt, Soweit bisher bekannt ist, sind den Franzosen etwa 150 beladen« Koh« lenwagen und mehrere Lokomotiven in die Händo gefallen. Eine Reihe von Lokomotiven konnten noch rechtzeittg i» Sicherheit gebracht werden. Es muß angenommen werden, daß die Franzosen ähnliche Raubzüge auch ia Zukunft versuchen werden. Die Unternehmungen dieser Art werden ihnen! indessen feine großen Erfolge bringen, sie haben nur die Wirkung, daß das Wirtschaftsleben des Ruhrgebiets noch weiter zerstört wird.
Am Güterverkehr - <_ machen die Franzosen jetzt weitere Schwierigkeiten. An mehreren Stellen wurde der Einkauf und der Auslauf der Wagen kontrolliert. Die Franzosen lassen nur soviel Wagen aus dem besetzten Gebiet heraus als hineinfahren. Mit der Besetzung der! Bahnhöfe Wanne, Unser Fritz, Block Bankau, Block Julia, ferner- der Bahnhöfe Herne und Gelsenkirchen haben die Franzosen die! Köln-Mindener Linie und alle mit ihr in Verbindung stehende«' Linien in Besitz genommen und für jeden Verkehr still«! gelegt
Gpahi-Täiigkeii irr Wiesbaden.
Donnerstag nacht wurden in Wiesbaden an den Litfaßsäulen und Straßerlecken Plakate angeschlagen mit einer Kundgebung der
gegen 11
Behörde» und der Körperschaften, in der gegen die letzten Bekanntmachungen der Rheinlandkommission wegen der Unterordnung Der Beamtenschaft unter die Anordnungen der französischen Behörden Stellung genommen und erklärt wird, daß für dre deutschen Beamten nur die Anordnungen der preußischen Staats- und, der Reichsregterung maßgebend sein könnten, und daß sie ihre Pflicht tun würden, komme, was da wolle.
Im Laufe des folgenden Vormittags fanden vor diesen Plakaten große Menschenansammlungen statt, bis
"")r französische Radfahrerpatrouillen die Stadt durchzogen, die Plakate entfernten uno die Menschenansammlungen zu zerstreuen suchten. Auch mehrere Trupps berittener S p a h i s, die gegenwärtig in Wiesbaden in Garnison liegen, wurden mobil gemacht und ritten teilweise auf den Fuß- <i«is«ii her Stinten, um tne MeilickiesiNienaer. &U zerstreuen. In der e^-as^sM^jä^ "" “ — “‘"“"■■“■i " '- - - *MMwM __ endete, daß der Deutsche zu flüdjten versuchte, woraus oeik^TMMW 'einen Revolver zog, hinter dem Flüchtigen Her- Duette und ihn auch traf. Ob die Verwundung schwer oder eicht ist, konnte noch nicht festgestellt werden, da bei den Behörden noch nichts Näheres zu erfahren war. In den Nachmittagsstunden herrschte in der Stadt wieder Ruhe.
Ausdehnung des BesehungSgebietes Appenweier.
Französische Kavallerie hat in den Orten S ch u t. terwald und Legelshurst Quartier gemomrnen. Schutterwald liegt südwestlich von Ossenburg, Segels- Hurst nordwestlich von Appenweier. Es hat sich noch nicht festste«-« lasse«, ob diese Besetzung nur vorüber- gehend oder eine dauernde ist. Mit der Besetzung von Schutterwald und Legelshurst würden die Franzosen - über den bisher besetzten Bezirk hinaus- gegangen sein.
Sireislichier.
Da die Zechen sich andauernd weigern, den Besatzungstruppen Kohlen zu liefern, haben die Franzosen erklärt, daß ne die Kohlen beschlagnahmen werden, mormmer sie können. Tatsächlich sind bereits mehrere Kohlenladungen und auch Deputatkohle in bett Straßen Essens beschlagnahmt worden.
Vor dem französischen Militärpolizeigericht Diainz hatten sich sieben junge Leute im Alter von 15 bis 20 Jahren zu verantworten, die bei den Straßenkundqebunqen am 24. Januar nach dem Thuncu- prozeß in Mainz verhaftet worden waren. Einer der Angeklagten erhielt d r e i M o n a t e G e f ä n g n i s , während die übrigen mit Rücksicht auf ihre Jugend Gefängnisstrafen von 10 bis 15 -ragen erhielten.
Das Hauptzollamt Kreuznach, dessen Amtsräume bereits von Franzosen besetzt stich, hatte in der Mülheimerjtraße erne vtcks- UcUc eingerichtet, die am 8. 2. von französischen Soldaten und Zollbeamten auch besetzt worden ist. Die Beamten, Oberzoilrnjpek- toren Weber und Meirich, Maffiftent Schirmer, dre vupernmne- rare «chall und^Schlott, Zollwachtmeister Schmrtt, sind vermutet worden. Akten und Formulare würben besauagnadmt.
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Der Oberpostmeister Sessendrup in Homberg am Riederrbein ist heute morgen von den Belgiern verhaftet worden, wen er sich weigerte, der Besatzunasbehörde b;' Aamen von den Sexte. ' r n einer bestimmten politi n i a g c s s e 11 una mam* teilen. Es ist dies ein Verlangen, dem seitens der Vostan..:!:en nicht einmal den Behörden des eigenen Landes gegenüber startge- 8eben wird.