Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Akzeiger für den Kreis Hersfeld
Erscheint Dienstag, Donnerstag und Gonnabend. Der Berugspreis beträgt durch die Dost berogen monatlich 300 — Mk., für Hersfeld 300— Mk., Abholer 280.— Mk. / / Anrelgm- preis für die einspaltige Delitreile oder deren Raum 30 — Mk., für auswärts 40— Mt., die Reklamezeile 80.— Mk. / / Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in SerSfeld, Mitglied des Vereins Deutscher Aeituags-Verleger. / / Für die Gchriftleitung verantwortlich Fraur Funk in SerSfeld. / / Fernsprecher Nr. 8.
Nr. 21
Sonnabend, den 17. Februar
1923
Das Wichtigste vom Tage.
M ^ Bei den Verhandlungen in London über die Benutzung der Bahnen im englisch besetzten Gebiet zu Kohlen- INrensporten ist eine Zusammenkunft PoincarLs mit Donar Law in Aussicht genommen worden.
:M — Zm Memel gebiet hat das neue L a n d e s d i re k- ^orium die Regierung übernommen.
i D? — 3n Frankfurt a. M. ist ein G i f t m ö r d e r v e r - stet worden, der als Krankenpfleger seine Patienten M sadistischen Motiven durch Einspritzungen langsam tötete.
‘ ' v*“----------------
P Wochenrückblick.
^ Reichspräsident Cbert hat, nachdem er in Karlsruhe Ms Nord und Süd umschlingende Band der Treue mit der Mahnung zum Ausharren in schwerer Zeit erneut besiegelt -hatte, auch in Mannheim der pfälzischen Bevölkerung für ihre -mannhafte Haltung gedankt und dann in Darmstadt den Bericht über die Bedrückungen durch die französischen Militär- ,behörden entgegengenommen. Ueberall ergab sich dasselbe Bild: Volk und Regierung in Ost und West sind einig im Widerstand und nicht gewillt, in dem seit Jahrhunderten um den deutschen Rhein geführten Kampfe einen Keil zwischen dem Norden und dem Süden Deutschlands hineinschieben zu lassen.
Daß dieser Kampf gegen die Uebermacht Aussicht auf Erfolg hat, daß alle systematischen Brutalitäten, Morde und Mißhandlungen, Plünderungen und Raubzüge die aufrechten Beamten und ie Bevölkerung nicht beugen können, zeigen jeden Tag die lange Reihe von Meldungen über die Durch- Mhrung des Boykotts, die Streike, die Verhinderung von Kohlenzügen nach Frankreich.
Weniger erfreulich ist das Bild, das sich im Land S a ch - jf e n dem Beschauer bietet. Die Einigkeit war dort niemals fehr stark, und der Versuch, durch Neuwahlen zu einer Regierungsmehrheit zu gelangen, ging nach kurzem Anlauf wieder in die Brüche. Das stellte sich bei der Wahl des eÄetitiiiijgrijjÄ
Die Parieren nicht über einen von einer verläßlichen Mehrheit gestützten Präsidenten zu einigen vermochten, und so umß Sachsen mit der provisorischen Geschäftsleitung des gestürzten Ministeriums vorliebnehmen, ein auf die Dauer unhaltbarer Zustand, dem ein deutschnationaler Antrag, den Landtag aufzulösen, ein Ende bereiten will. Ob dieser Versuch zum Ziele führen wird, ist angesichts des Besitzstandes der verschiedenen Parteien und der Feindschaft zwischen Sozialdemokratie und Kommunisten sehr zweifelhaft.
Leider hat die Stützungsaktion der Reichsbank nicht die Besserung der deutschen Lebenshaltung in dem wünschenswerten Maße günstig beeinflußt. Die Herab- minderung des Dollars hat einstweilen zwar angehalten, aber die Teuerung aller Produkte schreitet unaufhaltsam fort, und es ist für die notleidenden Schichten des Volkes ein schwacher Trost, daß sich ein bemerkenswerter Niedergang der französischen Währung vollzieht. Der Wert des französischen Frank fällt. Die ausländischen Besitzer von Frankbeständen entledigen sich ihres Besitzes, weil sie offenbar das Vertrauen auf den Erfolg der Ruhraktion verloren haben, und ieses Mißtrauen findet sich auch bereits bei einsichtigen Franzosen ein, trotzdem die französische Regierung es an nichts fehlen läßt, um "ihre Meute zu immer wilderer Verfolgungswut aufzustacheln.
Die Reife des französischen Delegierten LeTrocquer nach London rührt an das Problem des Durchgangtransports für Kohle durch das von den Engländern besetzte kölnische Gebiet. Aus den noch nicht abgeschlossenen Verhandlungen, über die Stillschweigen gewahrt wird, ist so, viel klar geworden, daß dabei eine jener Spannungen vorliegt, von denen Bonar Law in der Debatte über die Thronrede sprach. Zwei kleinere Zwischenfälle, wobei es sich um Abgabe von Bunkerkohle und von Gemüse an die Franzosen handelte, zeigen, wie ungemütlich das Verhältnis zwischen den englischen und französischen Besatzungstruppen geworden ist, und es ist nur begreiflich, wenn bei dieser gespannten Lage Le Troc- quer einen Ausgleich zu erzielen sucht. Viel darf sichDeutschland von diesem Streit um Zugeständnisse nicht versprechen, zu- mal da Bonar Law einstweilen, wie seine Erklärung im Unterhaus beweist, nichtgcneigt ist, an eine Revision des Versailler Vertrags heranzutreten.
« Daß die Hoffnung der deutschen Sozialdemokratie auf ^Unterstützung seitens des proletarischen Auslandes gescheitert ‘liit, verdient angemerkt zu werden. Hin und wieder haben L ausländische Sozialdemokraten und Kommunisten zwar Pro- F testversammlungen gegen die Resolution veranstaltet, aber bie j A m st erdamerInternati o n a l e hat, wie ihr Führer jiMpnMr erklären mußte, versagt. Die Proletarier aller U Länder waren wieder einmal selbst bei einem so bedeutsamen
Anlaß nicht unter einen Hut zu bringen, so ist die Sozialdemokratie Deutschlands gezwungen, bei der Stange zu blei- bei und gemeinsam mit den anderen Parteien den aufgenötig. ten Streit auszufechten. Wir sind und bleiben auf uns allein gestellt und dürfen nicht erlahmen, bis der Sieg über die Unterdrücker unserer Leidenszeit ein .Ende bereitet.
Der Reichskanzler an die Landwirtschaft.
Im Rahmen der 52, Plenarversammlung des Deutschen Landwirtschaftsrats hat heute ReichskanzlerEuno folgende Ausführungen gemacht:
»Die Tagung des deutschen Landwirterats findet in der Zeit der höchsten inner- und außenpolitischen Spannung statt. Es gibt keine Schicht unseres Volkes, die nicht die Schwere des Kampfes gegen den Imperialismus und Machthunger des Feindes unmittelbar empfände. Wir schöpfen die Kraft für unseren Abwehrkampf aus unserem reinen Gewissen, daß nichts unterlassen wurde, was uns als Mangel an Leiftungswillen ausgelegt werden kann.
Unsere Waffe«
bestehen in dem einfachen und natürlichen Mittel, dem Feinde die Hilfe bei der Ausführung feiner Pläne zu verweigern. Diese Mittel beruhen im Willen und Herzen unseres Volkes und find unbezwingbar. Unser ganzes Volk führt diesen Kampf. Es gibt keinen Unterschied mehr. Jedes einzelne Schicksal ist mit dem Wohl der Gesamtheit verbunden. Wo sollte das Gefühl hierfür deutlicher werden als bei Ihnen, die Sie mit Liebe zur Scholle aufgewachsen sind. Zeder an der Ruhr schützt nicht das eigene Haus, sondern das g a u z e Land mit dem gesenkten Hammer.
Eine neue Volksgemeinschaft " '
ist erwachsen. Zeder steht an seinem Platz an der Front, so daß jeder auch gleichmäßig zum Siege beiträgt. Außerordentlich viel hängt von der Frage der Ernährung undPreisbildunq MMMMMMIMMMB^^^* retten darf, so daß alles daran gesetzt wird, den
Levensmittelpreis niedriger
zu gestalten. Alle Stände trifft diese Maßnahme in gleichem Maße. Zeder, der Wucher treibt, ist Verräter am Vaterlande. Der Landwirtschaft gebührt der aufrichtige Dank für ihr hochherziges Opfer. Es gilt, in der Arbeit nicht zu erlahmen. Bereiten wir uns lieber auf eine lange Zeit des D u r ch h a I t e n s vor als eine Stunde zu früh zu verzagen. Berauschen wir uns nicht an feierlichen Protesten, erkennen wir den ganzen Ernst der Lage,
stählen wir unsere Nerven
zum Durchhalten, hier und an der Ruhr! Der Kampf wird für uns Opfer über Opfer bringen. Die Reichsregierung wird den geraden Weg, den sie beschreibt, nicht verlassen. Wir kennen das Ende des Weges nicht, nur das Eine wissen wir, daß, wenn wir einig und stark bleiben, uns niemand bezwingen kann. Der Kampf entscheidet über die Freiheit oder die Sklaverei des deutschen Volkes. Wenn Sie, meine Herren, Ihrer Verantwortung gemäß bewußt handeln, treten Sie mit in die vorderste Front des Abwehrkampfes."
Der Michswirischafismimstsr
tw Hsm Keickskoblsttrai.
ReichsrHrtschaftsminister ür. Becker ytelt vor dem Reichs- kohlenrat eine Ansprache, in der er u. a. sagte:
Mit Kanonen und Bajonetten kann man zwar ein völlig wehrloses Volk bekämpfen, man kann es auch knechten alleräußersten Falles. Eines aber wird man damit niemals erreichen: Man wird Kohle weder fördern, noch Kohle mit derartigen Gewaltmaßnahmen herausbringen (Sehr richtig!), und man wird mit derartigen Mtteln das deutsche Volk niemals dazu bringen, Fronarbeit für fremde Fronherren zu leisten. . . .
Wir werden diesen Kampf zu einem guten Ende führen, wenn wir ihn so wie seither in treuer deutscher Einmütigkeit führen, und wenn die Landsleute da drüben sich von dieser geraden Linie der Besonnenheit nicht abdrängen lassen. Zu diesem Kampf steht hinter der Kampffront das ganze deutsche Volk und die deutsche Reichsregierung. Und ich gebe die ausdrückliche Versicherung, daß die deutsche Regierung so lange in diesem Kampfe an der Spitze des deutschen Volkes marschiert, als das deutsche Volk st, dabei nicht im Stiche läßt —, und ich-glaube, Zweifel daran, daß das deutsche Volk bereit ist, bis zum allerletzten nnszuharren, würden eine Beleidigung gerade für unsere kämpfenden Brüder i m R u h r - und Nheingebiet sein.
Wenn die Bevölkerung treu in diesem Kampfe zusammensteht, wenn das deutsche Volk so einig bleibt können wir hoffentlich in absehbarer Zeit sagen, daß das deutsche Volk auf freiem Grund als freies Volk seiner friedlichen Arbeit wieder wird nachgehen können. (Bravo und anhaltendes Händeklatschen.)
Das mißhandelte M^
Das gewaltsame Eindringen der Franzosen in Gastlokale und Lebensmittelgeschäfte in Essen wurde am Donnerst«^ fortgesetzt Zu einigen Lokalen wurden die Gäste wiederum heransgetrieben, und mit Gewalt nahmen sich die Eindringlinge Getränke un& Lebensmittel. Die ,Wilhelm°Tell"-Aufführung tat; Stadttheater führte zu spontanen Kundgebungen. Das, Publikum sprach beim Rütli-Schwur stehend die Schwurworte nach' und sang das Deutschlandlied.
Eine von über 1000 gastwirtschaftlichen Angestellten besucht». Versammlung nahm zu den Vorkommnissen der letzten Tage Stellung. In der Diskussion wurde besonders hervorgehoben, daß öte gastwirtschaftlichen Angestellten nicht gewM seien, als französische Sklaven und unter Bajonetten in den Betrieben zu arbeiten. In einer einstimmig angenommenen Entschließung lehnen die Gastwirtsangestellten es ab, den Befehlen der französischen Soldaten und Ofiziere Folge zu leisten. Ferner werden Dienste und Arbeite« für die Angehörigen der Besatzungsarmee entschieden verweigert.
Donnerstag mittag gegen 12 Uhr wurde die Reichsbankstells »on einer Abteilung Soldaten besetzt. Eine kleine Menschenmenge sammelte sich auf dem Platz vor dem Kaiserhof an. Durch eine in den Nebenhäusern bereitgehaltene weitere Abteilung wurde »araufhin der Platz sofort geräumt. Obgleich die wenigen Passanten ser Aufforderung zur Räumung sofort und ohne Widerstand nach- iamen, wurden sie von den französischen Soldaten mit Bajo - letten und Fußtritten mißhandelt.
Die Märtyrer von Gelsenkirchen.
Zm Lause des Freitags trafen sechzehn von den in Reckling- saufen gefangengehaltenen Gelsenkirchener Schupobeamten wieder in Gelsenkirchen ein. Wie sie aussagen, wurde ihnen das erste Brot und je ein Teller Suppe am Mittwoch mittag gereicht, das iweite Essen erhielten sie am Donnerstag. Andere Speisen zu zenießen, wurde ihnen nicht gestattet. In der Zelle mußten sie auf siner dünnen Schicht Streu während der ganzen Zeit liegen. Es vurde ihnen nicht erlaubt, auch nur eine Stunde stchend zuzu- dringen, lediglich am Donnerstag wurde ihnen gestattet, kurze Zeit mfrecht zu stehen. Mehrere der Beamten waren verwundet: ?m vurden weder verbunden, noch ihre Wunden he- »chtet. Freitag morgen legten die Gefangenen durch einen Dol- rutsche: Protest gegen ihre Gefangennahme ein, worauf nach- MDDMDMDMMMW ^"ta
lindern entlassen wurden, um Aufsehen auf -er Straße zu ver. neiden.
Die BerkehrsLage.
st im großen und ganzen unverändert. Die Güterblockade wird «eutlich schärfer. Alle Produkte aus Eisen, auch klein« kisentcile, als Stückgut verpackt, werden zurückgehalten Sie franzosen erbrechen die Stückgutwagen, öffnen die Listen usw. Auch sämtliche Waren aus Eisen, die für das Aussand bestimmt sind, werden zurückgehalten. So befinden sich in 8uenen-Nord drei Wagen mit Maschinenteilen, die für Argentinien «stimmt sind. Die Franzosen haben auch alte und gebraucht« Sruckereimaschinen nicht durchgelassen. Auch Sand und Kalk verden nicht mehr durchgelassen. Der GLterverkchr liegt bis aus kebensmittel dort völlig still. Man nimmt an, daß die Güter- »lockäde allmählich auch auf den übrigen Stationen
in radikaler Weise durchgeführt wird. Personenzüge. die aus dem unbesetzten Gebiet in das Einbruchsgebiet fahren, werden mehr und mehr aus Waffen hin untersucht. Züge aus dem Einbruchsgebiel ts das unbesetzte Gebiet können durchfahren. Die Dauer ber Kontrolle der Personenzüge aus dem unbesetzten in das besetzte Gebiet ist verschieden. Zn Dorsten sind fünfzehn Minuten vorgeschrieben. Zufolge der Verstopfung der Bahnhöfe ist der Aufenthalt der Züge sehr viel länger.' Die Verspätungen betragen in vielcr Fällen Stunden.
0er Invsneiai vor dem Rsichslag-
Präsident Lobe eröffnete die Donnerstag-Sitzung des Reichstages mit der Mitteilung, daß eine amtliche Nachricht der bäuerischen Regierung über die Aushebung der bayerischen Ansrnchme- verordnung eingegangen sei.' Darauf wurde die zweite Lesung des Znnenctats fortgesetzt. Abgeordneter Dr. Barth (Ehemnitz, dnatl.) kritisierte die politischen Verhältnisse in Sachsen und Thüringen. Der sächsische Minister 2 i ■ pinski best ritt die Richtigkeit der Ausführungen des Vorredners und erklärte: Wegen ihrer politischen Gesinnung seien Beamt« in Sachsen nicht entlassen worden, sie seien höchstens auf gefetzlichew Wege pensioniert worden. Die sächsische Polizei, tue durchaus ihre Pflicht. Der deutfch-volkspartciliche Sprecher Dr. Maretzki wies darauf hin, daß auch diejenigen, die eine andere Staatsform lieber sehen als die republikanische, den Staat in seiner gegenwärtigen Form gegenüber den französischen 01 e- »altincs nahmen ver teidig e n. Der Demokrat D e • lins verlangte schärfste Maßnahmen gegen Schlemmerei und Völlerei und sprach die Hoffnung aus, daß bald eine Berffändi- gung über das Reichsschulaefetz zustande kommen werde. Eine freiheitliche Gestaltung des Beamtenrechts sei notwendig. Abaeord- neter Leicht (Bayer. Vp.) brandmarkte die Schamwsipkeit der französischen Gewalttaten, für die auch der Kommunist Eich» ■ Horn scharfe Worte der Kritik fand. Dara: r wurden die Be- ' ratungen abgebrochen und auf Freitag- vertagt.
Zm H a u sh al ts n u s U’ - i des Reichstages ,wurden am? Freitag T e u e r u n q s in aßna 6 m f n f ü r M ilit 8 rr. ‘ ner beschlossen. Es'werden dema-mäß die im Januar f, v <ten y Teuerungszuschläge für Februar auf mehr als das Doppelte erhöht; f