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Hersfelder Kreisblatt

KmEÄLr Anzeiger für den Kreis Hersfelö

Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt durch die Bost bezogen monatlich 300. Mk., für Hersfeld 300. Mt., Abholer 280. Mk. / / Anzeigen­preis für die einspaltige Betitzeile oder deren Raum 40. Mk., für auswärts 60. Mt., die Retlamezeile 120. Mt. / / Druck und Derlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungs-Verleger. / / Für die Schriftleitung verantwortlich Franz Funt in Hersfeld. / / Fernsprecher Nr. S.

Nr. 22 Dienstag, den 20. Februar 1923

Das Wichtigst« Dem Sage.

Gelsenkirchen ist einer förmlichen Plünderung ausgesetzt worden. Alle Passanten wurden angehalten, und die Vorgefundenen Geldbeträge über 50 000 M. ihnen ab- genommen.

Die Minister Ergn er und Severing haben sich am Sonnabend im Ruhrgebiet aufgehalten. Regierungs­präsident Grützner ist ausgewiesen worden.

Polnische Truppen sind in litauisches ® c - Met eingedrungen und haben bereits Gefechte mit litauischen Formationen gehabt.

Die Helden von der Ruhr.

In einem unlängst ans Licht gezogenen Geheimbesehl des Generals Degoutte war zu lesen:Strenge persön- ssche Sanktionen an leitenden Persönlich­keiten werden viel mehr Wirkung haben als eine blinde Zwangsmaßnahme gegenüber der Masse." Dieser Anweisung ist denn auch prompt der Regierungspräsident Dr. Grütz- ner in Düsseldorf zum Opfer gefallen durch Verhaftung und Ausweisung, einer von Hunderten, und wenn die Franzosen so fortfahren, werden es taufende sein, und alle leitenden Persönlichkeiten des besetzten Gebiets werden entweder abge­schoben oder durch Justizmord in die schmutzigen französi­schen^ und belgischen Gefängnisse eingekerkert sein.

Aber über die Wirkung dieser Brutalitäten täuscht sich derGeneral: gerade die Masse, die er mit Zwangs­maßnahmen verschonen will, spürt, daß sie von aufrechten Männern geleitet wird, die sich nicht feige ducken, sondern alles Ungemach zum Besten der Allgemeinheit auf sich neh­men. Sie sind es, die in der ersten Linie der Front stehen und den übrigen Kämpfern ein leuchtendesVeispiel von Pflichttreue geben. Volk und Regierung sind eins, das lehrt jeder neue Tag der Ruhrbefetzung. Arbeit­nehmer und Zechenbesitzer und Beamte bilden einen Ring, den keine jeder Gesetzmäßigkeit bare Gewalt zu sprengen ver­mag.

Wenn einmal die Geschichte dieses letzten französischen und Urenkel stolß sein dürfen, solche Marksirer als Vorfahren gehabt zu haben, und das durch seine Schand­taten befleckte Frankreich wird vom Weltgericht aller Völker sein Urteil empfangen. Der Krieg hat Deutschland zer­schmettert, hat in einen» durch Hunger und Entbehrungen ge­schwächten Volke alle bösen Instinkte entfesselt, als der über­mütige Sieger ihm den Fuß auf den Nacken setzte und es vollends auszusaugen begann. Aber er hatte die moralische Widerstandskraft unterschätzt und diese wurde zum Jung- Lrunnen für das Deutsche Reich. In langem Zuge wird die Märtyrerschar durch die Weltgeschichte gehen, nicht nur die leitenden Persönlichkeiten, sondern auch die freventlich ermordeten kleinen Kinder, die wehrlosen Greise und Frauen, auf die sich, entgegen der Degoutteschen Anweisung, seine bestialische Soldateska stürzte, eine Schmach für die Mensch­heit und ein Ansporn für die Bevölkerung des unbesetzten Gebiets zur Hilfsbereitschaft und Opferwilligkeit.

Viele Tränen sind zu trocknen, viel Elend ist zu lindern.

> Aber von allen Seiten strömen Spenden herbei, und die edlen Eigenschaften eines im Niederdruck) seiner Macht ver­schütteten Volkes haben sich wieder emporgerungen. Auch die deutsche Landwirtschaft will nicht hinter den anderen Wohltätern zurückbleiben und sie hat auf dem Frankfurter Landbundtag sich dafür eingesetzt, daß der Hunger unsere Braven an der Ruhr »richt zermürbt. Das deutsche Landvolk wird seine Pflicht erfüllen, und in diesem Sinne hat sich der Reichslandbund bereiterklärt, bis zu 500 000 Kinder aller Berufsstände der Ruhrbevölkerung aus dein Einbruchsgebiet aufzunehmen. Da auch andere Berufs- ftänbe nicht im Wohltun zurückbleiben, besonders organisierte Verbände es baran nicht fehlen lassen, ist die Front der Gebe­freudigen geschlossen und die aus der Heimat vertriebenen Dulder, die im Gefängnis schmachtenden Beamten, alle, die persönliche Sanktionen" erlitten haben, werden aus dieser Einmütigkeit Trost schöpfen und die Hoffnung, daß die von ihnen erzwungene»» Opfer nicht umsonst dargebracht sind zum Heile des Vaterlandes.»R

j Weiterer Vormarsch der Belgier.

! Belgische Truppen haben am Sonntag Morgen die Lippebrücki v bei Surften überschritten und mit starken Kräften in HoIster - hausen und H e r v e st -D o r st c n die Bahnhöfe besetzt, zum 1 Teil in Schulen Quartier bezogen. Infolge der Besetzung dieser 1 beiden Bahnhöfe ist nunmehr auch die Eisenbahnstrecke Haltern bis i Wesel aus dem Durchgangsverkehr ausgeschieden.

Plünderung Gelsenkirchens.

In Gelsenkirchen sind die Franzosen daran gegangen, die der Stadt auserlegte Kontribution durch offenen Straßenraub einzuziehen. Arbeiter, die mit der Eisen­bahn heimkehrten, mußten am Bahnhöfe nicht weniger als sechsRevisionen" über sich er­gehen lassen. Verschnürte Pakete und Aktentaschen wurden eingehend aus Geldgeprüft". Besser geklei­dete Bürger wurden mit entsprechender Bewegung des Bajonetts zur Uebergabe ihrer Brieftasche aufgefordert. Wer Beträge über 50 OOO M. bei sich trug, wurde um den überschietzenden Betrag beraubt. Irgendwelche Bescheinigungen wurden nicht ausgestellt. Ein Kolbenstoß war die Quittung. Damit war jedoch dieRevision" keineswegs, beendet.

An jeder Straßenkreuzung wiederholte sie sich und schien ganz im Belieben des einzelnen Soldaten zu liegen. Andere Abteilun­gen erschienen wiederholt in den öffentlichen Kassen, um zurequirieren". Die Beamten und weiblichen Angestellten der Post und des Finanzamtes wurden bis zum Abend zwangsweise in den Gebäuden festgehalten, gleichgültig, ob sie hungerten oder dürsteten. In der Post, deren Tore man geöffnet ließ, wurden unvorsichtigen Geldeinzahlern darunter zahl­reichen Frauen die Beträge einfach abgenommen. Im Finanz- amt beschlagnahmte man 20 000 M. und bedrohte die Beamten, da doch mehr Geld da sein müsse". In der Erbschaftssteuerkasse wurden gleichfalls 17 000 M. gestohlen.

Im Rathause wurde das gegenwärtige Stadtoberhaupt, Beigeordneter Arendt, verhaftet, weil er sich weigerte, einen Millionenbetrag aus der Stadtkaffe anzuweisen. Als die übrigen Beigeordneten vorstellig wurden und dem französischen General Schuhler erklärten, daß über derartige Dinge doch zunächst einmal die gesetzmäßigen Kör­perschaften gehört werden müßten, trieb der General die Beige­ordneten aus der Tür mit den Worten:Dann holen Sie diese sofort zusammen I" Dadurch, daß bis in die fünfte Nachmittagsstunde

immer neue Truppenkommandos

in die Stadt zogen, erneuerten sich auch ständig die Durchsuchun- daß die Stadt einer regel­rechten Plünderung unterworfen werden sollte. Einer Zeitungsverkauferin wurde die Geldtasche entrissen, die Ex­trablätter wurden beschlagnahmt und die kränkliche Frau mißhandelt An der Bahnüberführung keuchte ein altes Mütterlein mit einem Paket über die Straße. Als sie den Anruf des Postens überhörte, wurde ihr brutal das Gepäckstück entrissen und die gebeut« Trägerin durch einen Kolbenhieb zu Boden gestreckt. Man zerrte sie dann neben das Gepäck ... Da auch der Straßen­bahnverkehr verboten war wegen der Kontrolle, mußten viele Angestellte, die in der Essen-Gelsenkirchener Vorstadt woh­nen, den nicht ungefährlichen Spießrutenweg durch die franzö­sischen Kontrollen nehmen. Zu diesem Zweck waren

Läden beschlagnahmt,

in denen die Passanten durchsucht wurden. Man respektierte hier nicht einmal die Geldtaschen der Damen. Man ging seines Weges, bis plötzlich ein Poilu auftauchte, das Bajonett zückte und mit dem RufeForce!" die Gefangenen in den Laden trieb.

Austreibung der Waisenkinder.

Wie brutal die Franzosen vorgehen, beweisen die Vorgänge am Waisenhause. Dieses wurde frühmorgens um 8 Uhr vollständig geräumt. Die Schwestern und Kinder wurden sämt­lich auf die Straße gejagt, viele davon barfuß und nur notdürftig bekleidet. Die armen weinenden und frierenden Kinder standen i m f u ß t i e f c n Schnee herum; so weit möglich, werden sie von mitlej^igen Bewohnern in ihre Wohnungei» mitgenommen.

50 Millionen Stadtnotgeld erbeutet.

Wie verlautet, sollen die Franzosen bisher 70 Millionener­beutet" haben. Diese 70 Millionen bestehen aus 50 Millionen Mark außer Kurs gesetzten G c l s c n k i r ch e n e r Stadtnot­geld, die übrige Summe ist in Form von Schatzbüchern, städti­schen Reichsbank- und Postscheckkonten und von Privaten den Franzosen in die Hände befallen.

Gröner im Ruht" Met

Die durchbrochene Sperre. Der Minister bei den Eisenbahnern.

Nachdem seit dem französischen Einreiseverbot für unsere Mi­nister der Kultusminister Boclitz und der Reichspostminister Stingl die Zustände ihrer Verwaltungen im neubesetzten Gebiete persön­lich geprüft haben, ist nun auch der Reichsverkehrsminister Gröner dort erschienen, um mit den Cisenba n-rorganisatio- neu die gegenwärtige Lage der Eisenbahnbetriebe : Ruhrbezirks zu besprechen.

Auf den von Franzosen militarisierten Strecken hat der Pra- Ent der französischen Feldeisenbahnerabteilung nämlich den tschen Beamten Reverse überreichen lassen mit dem Befehl, innerhalb 48 Stunden nach Ueberreichung des Schriftstücks zu erklären, ob sie unter französischer Oberhoheit arbeiten wollen oder nicht. Die Vertreter sämtlicher Organisationsrichtungen er­klärten, daß diese Befehle nicht unterschrieben wür­den. Ferner wurde dem Verkehrsminister ein französischer Befehl an die Reichsbankstellen unterbreitet, wonach den ReichsbanKassen die Gehaltszahlung an die Eisen­bahner verboten worden ist Zahlungen an andere Be­amtengruppen haben die Franzosen gnädigst gestattet.

Der Minister konnte mitteilen, daß auch diese Gewaltmaßnahme durch entsprechende Verfügungen illusorisch gemacht worden ist. Auch die Frage der bevorstehenden Ueber­gabe eines Teils der Eisenbahnen in der englischen Rhein- landzone an die Franzosen wurde gestreift. Voraussichtlich wird die Strecke'ren Neuß den Franzosen überlassen werden; die Eisenbahner dieser Strecke hatten von ihren Organi­sationen Verhaltungsmaßregeln gefordert. Hier wurde ebenfalls im Einvernehmen sämtlicher Parteirichtungen eine Enischließung gefaßt, in der betont wird, der Betrieb sei bis zum äußersten wciterzuführen, jedoch keinesfalls unter französischer Oberhoheit.

Auch Severing in Oorimund.

Am Sonnabend weilte der preußische Minister des Innern Severing, der vor Vertretern der Industrie, der Gewerkschaften und Behörden zu einigen wichtigen Fragen der Besetzung Stellung nahm, in Dortmund. Der Minster gab seiner Genugtuung darüber Ausdruck, daß die Widerstandskraft der Bevölkerung nach wie vor ungebrochen sei. Er erklärte, daß die preußische Regie­rung alles tue, was in ihren Kräften steht, um die Bevölkerung in ihrem schweren Kampfe zu unterstützen. Der Mi­nister begab sich von hier nach Solinger», wo er in einer von den Engländern gestatteten öffentlichen Versammlung sprach.

Sirafkonirihuiion für Ministerbefuche.

Halbamtlich wird in Paris verlautbart: Wegen des erneuten Besuchs deutscher Minister im besetzten Ruhrgebiet ist ein Bor- schlag des Oberbefehlshabers Degoutte in Erwägung gezogen wor­den. Er prüft die Frage, ob es angängig fei, den Städten, die den Besuch von Ministern erhalten, Sanktionen in Form von Strafkontributionen aufzuerlegen. Auch andere Sanktionen seien nach dieser Richtung in Vorbereitung. An Ber­liner zuständiger Stelle wird dazu mitgeteilt, daß auch durch diese Drohung sich die Reichs- und preußischen Minister, wenn ihre An­wesenheit erforderlich sein sollte, nicht abhalten lassen werden, das deutsche Gebiet zu besuchen.

MB» , WWWW^WWWMMWM MgreruWWWKeni Grützner ausgewiesen.

Sonntag nachmittag 31» Uhr wurde Regierungspräsi­dent Grützner in feiner Wohnung in Gegenwart von zwei von der Völkerbundstagung in Genf zurückkehrenden schwedischen Reichstagsabgeordneten, die ihn über die Lage im Einbruchsgebiet befragen wollten, von französischer Polizei verhaftet und zu General Simon gebracht. Der General eröffnete ihm, daß er aus Befehl des Generals Degoutte ausgewiesen würde. Der Grund der Ausweisung bestehe darin, daß der belgische Oberkom- mandierende in Aachen die Ausweisung bei Degoutte beantragt habe wegen des Protestschreibens, das der Regierungspräsident an den belgischen General in Duisburg gerichtet hatte wegen der er- neuten Verhaftung des Oberbürgermeisters Iarres anläßlich dessen Rückkehr nach erfolgter Ausweisung. Regierungspräsident Eriitz- ner wurde im Auto von zwei französischen Gendarmen und einem bewaffneten französischen Soldaten nach Wesel gebracht.

Gegen Kranke und Krauen.

Wie erst jetzt besannt wird, unternahm der Generaldirektor der Deutschen Nickelwerke, Geheimrat Fleithmann, am Frei­tag eine Reise im Kraftwagen nach Dortmund, um sich dorr einer Operation zu unterziehen. Kurz vor Dortmund wurde das Automobil von französischen Posten jum Halten gebracht. Der schwerkranke Generaldirektor wurde herausgeholt und auf offe­ner Landstraße ausgesetzt, der Kraftwagen bcschlag- nahmt und hinweggeführt. Geheimrat Fleithmann ist an den Folgen dieser Brutalität g e st o r b e n.

Das Kriegsgericht der Okkupationsarmee hat, wie erst jetzt besannt wird, am 30. Januar HelcneMaskc aus Essen wegen Umgehung des Ausweisungsbefehls zu sechs Monate»'. Ge­fängnis und wegen Eindringens in das besetzte Gebiet ohne Ausweiskart« zu einem Monat Gefängnis verurteilt.

Aus Sprockhövel wird gemeldet, daß ein Franzose auf eine F^ur schoß und sie schwer verletzte. Die Bedauernswerte wurde 'in das hiesig« Krankenhaus ausgenommen.

Am 15. Februar wurde gegen 10^ Uhr abends auf bem Gym- nicher Weg in'Aachen der Aachen stationierte Schaffner Files er­schossen.

Berechtigte Rotwehr.

Sonnabend nachu^ rg kam es in Essen auf der Altendorfer » Straße zu ^nem Zusammenstoß zwischen einem Schutzu;ei- beamten und zwei f r a n 30 sisch e n Offiz»e' e n. AI einer b der französischen Offiziere den Schutzpolizeibeamten mit der Reit- t peitsche ins Gesicht schlug zog der Beamte seinen Revolver anb s feuerte einen Schuß auf den Offizier ab, wodurch liefert schwer verwundet wurde. Wie verlautet, hat sich eich