Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnadenb. Der Bezugspreis beträgt durch die Dost bezogen monatlich 300 — Mk.. für Hersfeld 300.— Mk.« Abholer 280— Mk. / / Anrelgm« preis für die einspaltige Vetitreile oder deren Raum 40.— Mk., für auswärts 60.— Mk., die Reklamezeile 120.— Mk. / / Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchbruckerei in Hersfeld, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungs-Derleger. / / Für die Schriftleitung verantwortlich Franz Funk in Hersfeld. / / Fernsprecher Nr. 8.
Nr. 23 Donnerstag, den 22. Februar 1923
Das Wichtigste vom Tags.
— Ueber die vom Reich geplante Goldanleihe vertäuter jetzt nähere Einzelheiten. Die Anleihe soll noch vor dem 1. März ausgegeben und mit 6 Prozent verzinst werden.
—, Die englisch-französischen Verhandlungen iiber die Eisenbahnfrage sind noch zu keinem Ergebnis ge- langt.
Die französische „S t r a f e x p e d i t i o n" gegen Velsenkirchen scheint zu Ende zu sein. Die Truppen beginnen sich zurückzuziehen.
Der pslnisch-liiauische Konflikt.
Bekanntlich sind zum Kriegführen drei Dinge nötig: Geld, Geld, Gelds Wenn dies fehlt, herrscht Ruhe im Lande, und man sollte meinen, wenn man die Leporelloliste der polnischen, in die Trillionen laufenden Schulden entrollt sieht, der Friede wäre für Polen auf Jahrhunderte hinaus gesichert. Auch die Entente scheint dieser Ansicht zu sein und hat die englischen Kriegsschiffe sowie die französischen mit den Memel räumenden Besatzungstruppen den Memeler Hafen räumen lassen. Damit waren die Litauer in den Vollbesitz des Memel- gebiets, soweit es ihnen von. der Pariser Botschafterkonferenz zugesprochen ist, wobei das Selbstbestimmungsrecht, was stets wiederholt werden muß, mit Füßen getreten wurde. Die Deutsch-Memeler hatten sich mit dem Gedanken eines autonomen Freistaats befreundet und durften hoffen, daß die Entente zustimmen würde. Aber der. Einbruch der Frei- fchärler, die Farce des Herrn Simonaitis, der lediglich als Platzhalter des neuen Landespräsidenten Gailius der Annexion vorgearbeitet hatte, bewies, daß es sich dabei um eine von der Botschafterkonferenz im geheimen gebilligte Aktion handelt.
Nun war noch eine neutrale §one zwischen Litauen unb Polen aufzuteilen. Der Völkerbundrat unterzog sich dieser Aufgaoe und verfügte, daß die beiden Staaten je die Hälfte der neutralen Zone besetzen und in eigene Verwaltung nehmen sollten.
Was nun geschah, bedarf noch der Aufklärung, da wir vor die schwierige Frage gestellt sind, ob wir den Polen oder den Litauern glauben dürfen, oder ob wir beide Teile einschätzen sollen, wie es dem Mönch und dem Rabbi in dem Disput zu Toledo geschah. Die Tatsache allein steht bis jetzt fest: die Zone hat ihre Neutralität eingebüßt, und in einem
unÄ Tote.
Die Litauer scheinen sich den Sieg zuzusprechen, wollen Gefangene gemacht haben und beschuldigen die Polen eines vertragswidrigen Vorgehens, während die Polen, nachdem sie den nördlich der Wilja ihnen zugewiesenen neutralen Streifen besetzt hatten, von den Litauern östlich von Ealance angegriffen sein wollen. Die Polen geben ihren Verlust auf einen Toten und vier Verwundete an. Inzwischen hat die litauische Gesandtschaft in Berlin sich über den „polnischen Vorstoß", der sogar rein litauisches Gebiet betroffen habe, beschwert, und befürchtet den Verlust der auf diesem Gebiet liegenden lebenswichtigen Bahnlinie Wilna—Grodno. Das klingt nicht gerade siegesfreudig, läßt aber erkennen, wie weiser Voraussicht sich die Franzosen befleißigten, als sie geräuschlos Memel den Rücken zukehrten. Sie wissen aus mehr- facher Erfahrung, was bei Vermittlungen der Herren Bot- schafter herauskommt. Aus polnischer Quelle hörten wir, der Staatspräsident Sikorski hätte sich optimistisch geäußert: der Kampf werde lokalisiert werden und ein Eingreifen Sowjet- Rußlands sei nicht zu befürchten. Das mag zutreffen, aber damit wissen wir noch nicht, ob überhaupt Polen und L i t a u e n s i ch i m K r i e g s z u st a n d b e f i n d e n. Eins Kriegserklärung ist nicht ergangen, sondern man hat sich, innerafrikanischen Gebräuchen entsprechend, ohne lästige Komplimente und Umschweife gegenseitig überfallen, augenscheinlich nach der oberschlesischen Methode, die an Reger Wildheit gleichfalls nichts zu wünschen übrig ließ. Die Früchte des Versailler Friedensbaumes sind madig, die europäische Zivilst sation versumpft durch das französische Vorbild im Ruhr- gebiet. Was sich die Träger der Pariser culture dort erlauben, muß auch den sarmatischen Schützlingen gestattet sein nur daß diese lange nicht mit ihren Leistungen an den Beschützer heranreichen.
pariser Hoffnungen.
In Paris hofft man noch immer auf den U m fall bei ! deutschen Regierung. Marcel Hütin, der Offiziösus des Ministeriums PoincarG erklärt im Echo be Paris, er habe i bei Besprechungen mit Ministern den Eindruck gewonnen, ' daß man sich im Augenblick mehr denn je der Ansicht nähere, i daß sich Berlin b e r e i t e r k l ä r e n w e r d e, m i t P a r i o 4^ u verhandelt n. Je eher dies geschähe, desto besser. Of- Ufenbar ist hier auch der Wunsch der Vater des Gedankens!
Die Goldanleihe des Reiches.
Ausgabe noch vor März.
In den Vorbesprechungen im Reichsfinanzministerium mit Vertretern einiger Berliner und auswärtiger saniert und Bankfirmen ist ein Einverständis über die Art der Mitwirkung der deutschen Bankwelt bei der Begebung von: LOOMillionenGoldmarkSchatzanweisungen erzielt worden. Es soll ein Konsortium gebildet werden, das 50 Millionen Dollar in dreijährigen Schatz
anweisungen, die von der Reichsbank garantiert werden, zur öffentlichen Zeichnung gegen Bezahlung in Devisen oder ausländischen Noten auflegt. Das Konsortium soll die Anleihe zur Hälfte fest, zur Hälfte in Kommission übernehmen. Die Schatzanweisungen lauten auf den Inhaber. Es werden voraussichtlich Stücke bis zu einem Dollar herunter ausgegeben werden. Die Stücke sollen bei der Darlehnskasse beleihbar sein. Hierdurch erhält das Publikum die Gelegenheit einer Devisenanlage, die jederzeit zu billigen Zins- säßen beleihbar ist, während auf der anderen Seite die Mittel des Reichs und der Reichsbank zur Beeinflussung der Devisenkurse auf lange Frist hinaus gestärkt werden. Ueber die Einzelheiten finden weitere Besprechungen statt.
Wie ein Berliner Mittagsblatt hierzu erfährt, ist in Aus- sicht genommen, die Goldanleihe.mit einer 6prozentigen Verzinsung auszustatten. Man hofft, daß dieser hohe Zinssatz zusammen mit den Garantien der Reichsbank ausreichen wird, den Erfolg der Anleihe zu verbürgen. Die Auflegung soll vor dem 1. März erfolgen; der Ausgabekurs beträgt 100 Prozent. Die Stücke werden äußerlich im Format den Zehntaufendmarkscheinen ähneln. Die gesamte deutsche Bankwelt ist für die Uebernahme des festen Betrages von 25 Millionen Dollar interessiert worden. Die Banken hoffen, die Anleihe ohneweiteresplacierenzu können, zumal von ihnen vor dem Eingang ihrer Verpflichtung zur festen Uebernahme Besprechungen mit befreundeten Banken und Industrieunternehmen allerdings unverbindlicher Natur statt- gefunben haben. Uebereinstimn --^r*^ uns au? unsere An- !UUN UUtlU, U»U anleihe zweifellos als ein gr gierung angesehen werden muß. Die Beratungen mit den Danken haben sich naturgemäß in erster Reihe um die Frage der Beteiligung bei der festen Uebernahme eines Anleihepostens gedreht.
KezZe Erklärungen des Reichskanzlers
Reichskanzler Euno äußerte sich einem Vertreter des Pest er Lloyd gegenüber dahin, die Ziele der französisch-belgischen Politik seien die R h e i n g r e n z e und die völlige Auflösung desDeutschenReiches. Darüber bestehe in Europa kein Zweifel mehr. Hinter diese Bestre- bungen stellten sich die w i r t s ch a f t s p o l i t i s ch e n Aspirationen der französischen Gr o ß i n d u st r i e. Die französische Politik strebte, nachdem sie ihre Ziele durch den Friedens- Vertrag nicht völlig erreichen konnte, nur danach, die Verpflichtungen Deutschlands aus dem Friedensvertrage so hoch zu schrauben, daß sie nicht erfüllt werden könnten. Frankreich wollte auf diese Weise wenigstens eine formale juristische Handhab« besitzen, um seine Ziele weiter zu verfolgen. Bei dieser Sachlage hätte es für Deutschland nur ein Mittel gegeben, die Besetzung des Ruhrgebietes zu vermeiden, nämlich die U n t c r w e r f u n g unter die Ziele der französischen Politik. Dies aber sei mit der Existenz und der Souveränität Deutschlands unvereinbar und dürfe daher auch von keiner deutschen Regierung anerkannt werden. Deutschland wird mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln gegen den französisch-belgischen Anschlag als freies und unabhängiges Land kämpfen. G e st ü tz t a u f s e i n R e ch t Un d s ein e E n t s ch l o s s e n h e i t sei sich das deutsche Volk bewußt, daß rhm schließlich der Siegbeschieden sein müsse. Diesen Sieg, so schloß der Kanzler, wolle Deutschland aber nicht so gedeutet wissen, als ob es sich dann d e r M i t a r b e i t a n d e m W i e d e r- a u fb a u entziehen wolle und als ob es die Verpflichtungen, die gerecht und erträglich seien, ablehnen würde.
Aenderungen im englischen Kabinett.
Das Ergebnis der Unterhaussitzung findet in der französischen Presse ein tausendfaches Echo. Alle Zeitungen sind geradezu begeistert vor einigen Tagen hatte man noch dem Wunsche Ausdruck gegeben, daß das Kabinett Bonar Law bald verschwinden möge). Jetzt ist man natürlich aus dem Häuschen, daß der Antrag der liberalen Parteien auf Intervention rn der französischen Ruhr- expedition abgelehnt wurde s ist für Bonar ^aw^ und feine
Parteifreunde vollständig eingenommen. Die englische Presse dagegen kann nicht verbergen, daß die Lasten, die Bonar Law aus sich nehme, allmählich zu schwer werden könnten. Man solle die Arbeitseinteilung von Lloyd George wieder einführen, daß er sich einen Sprechminister ernenne, der die Anfragen im Unterhaus beantworten könne. Das Kabinett Bonar Law, in dem noch zwei Portefeuilles zu besehen sind, wird noch vor Ostern eine Aenderung erfahren.
Von der Willkürherrschaft an der Ruhr
In Brambauer, Landkreis Dortmund, drang eine französische Kompagnie in die Küche der Speisung der Amertkahilfe ein und verlangte die Abgabe der Kochkessel. Obschon darauf hingewiesen wurde, daß es sich um amerikanisches 3entum handelt und daß Hunderte von Kindern hungern zten, wenn man ihnen die Kochkessel wegnehme, beschlagnahmten die Franzosen doch diese Kessel.
♦
In dem Polsterwarengeschäft von Thiel in Bochum wurden nach der Kölnischen Volkszeitung am Sonnabend morgen von den Franzosen SOMatratzen im Werte von 5 Millionen Mark requiriert Da Thiel die freiwillige Hergabe verweigerte und erklärte, die vorhandenen Matratzen seien an arme Leute verkauft, wurden die Matratzen ihm gewaltsam entrissen und in einem Auto fortgeschafft. In dem Herd- geschäft von Wupper nahmen die Franzosen gleichfalls Reginsi- tionen vor. Sie erschienen in großer Stärke und wollten K e i! e l- ö f e n haben. Da diese nicht vorhanden waren, zogen sie wieder ab, kamen aber später wieder und beschlagnahmten 2 Kochherde, einen Dauerbrenner, 10 Waschkessel, 4 Ofenrohre und 4 Ofenkniee.
Der bekannte Rassenbiologe Dr. Ion Alfred Mjoern, ein Bruder des norwegischen Reichstagsabgeordneten und Vorsitzenden der parlamentarischen Militärkommission, wurde auf einer iRene von Köln mit seinem Auto in VohwinkeI von französischen Posten a n g e h a l t e n. Dr. Mjoein, der in Köln Vorlesungen gehalten hatte, wurde mit seiner Familie unb, fernem Gepäck auf d ie Straße gesetzt. Erst nach einer stundenlangen Verhandlung mit dem französischen Kommandanten gelang es ihm, das Auto frei zu bekommen. In Gelsenkirchen wurde der Chauffeur des Autos durch französische Soldaten mit Bajonetten erneut zum Halten gezwungen. Die Tochter des Dr. Mwern, drs vermitteln wollte, wurde von den Soldaten in brüsker Werfe mit den Gewehren zurückgestoßen.
Dom französischen Polizeigericht wurden die verantwortlichen Schriftleiter der „Rheinischen Warte", der „Koblenzer Zeitung^ des „Koblenzer Generalanzeigers" und der" „Koblenzer Volks- zeitung" zuje 4 v 000MarkGeld strafe oder zwei Monaten Gefängnis verurteilt, weil Jte es abgelehnt hatten, ewe Be- kanntmachung der Rheinlandkommission in den politischen Teil ibrer Blätter auizunebmea. Der Militärstaatsanwal: hatte
Die Verhandlungen zwischen den Generalen 'bar, a t und ® o b l e ij über die Benutzung der Bahnstrecken des englisch besetzten Gebietes dauern immer noch an. England scheine den Wünschen der Franzosen nicht weiter entgegenkommen zu wollen. Paris müsse sich wohl oder üb-l^damit abftnden, und in unterrichteten Kreisen sagt man schon, daß man sich unter diesen Umständen mit dem begnügen müsse, was England zu- aestehen wolle. Jedoch bleibe Payot bemüht, die Grenze der zu gestandenen Waggons weiter heraufzuschtauben. Ein französischer General wurde nach London abgesandt, um dort zu versuchen, weitere Zugeständnisse zu erhalten Die Franzosen möchten nämlich die Zahl der Waggons in Anspruch nehmen, tue z u r Z e i t d e s st 8 r k st e n V e r k e h r s zugebilligt waren. wahrend die Engländer eine Durchschnittszifjer wünschen, wie sie sich bei regulärem Verkehr ergeben hat.
Zu den französisch-englischen Berhandlungen über die Transportfrage.
Die Besatzungszonen der Franzown. Belgier und Englau. er.