Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 25 Dienstag, den 27. Februar 1923
Das Wichtigste vom Tage.
— Königswinter und Limburg an der Lahn sind von den Franzosen, und zwar durch farbige-Truppen, b e - setzt worden.
— Gegen Bochum bereitet sich eine neue französische Expo- bition vor. Die Stadt ist von der Außenwelt voll- kommen a b g e s ch n i t t e n.
— Das Kabinett hat in seiner letzten Sitzung die Ausgabe der Goldanleihe genehmigt. - -
Die Mächtr und der
Ruhrskandal.
Wenn es wahr ist, daß wir uns erst in den A n fä n g en der Ruhraktion befinden, dann ist es schwer, sich aus» ' zudenken, wie sich die Franzosen deren Fortgang und Ende vorstellen. Anstand, Moral, Rechtsgefühl sind dieser ritterlichen Ration völlig-abhanden gekommen, und die Hemmungslosigkeit des uniformierten Apachentums läßt das Schlimmste | Dr die unglückliche Ruhrbevölkerung befürchten. Deutschlands Jndüstriebezirk in den Zustand der Rechtslosigkeit vcr- '' feist kann nur mit den V e r h ä l t n i s s e n d e s D r e i ß i g - jährigen Krieges verglichen werden, aber wenn wir uns die von Grimmelshaufen in seinem „Simplizissimus" als von einem klassischen Augenzeugen gegebenen Schilde- rungen der damaligen Kriegsführung vergegenwärtigen, so ist ja dort auch viel von Plünderungen und Mißhandlungen der Städter und der Bauern die Rede, aber so, wie die Franzosen von heute haben die Freibeuter und Buschklepper jener greuelvollen Zeit doch nicht gehaust. Es wurde wenigstens der Kriegsbrauch beobachtet, weil seine Verletzung mit Retorsionen geahndet werden konnte. Diese Möglichkeit liegt für Deutschland nicht vor; es ist kein Krieg erklärt worden, nur eine gänz- x kiche Auflösung der staatlichen Ordnung hat mitten im Frie- weitergearbeitet. Ganz allmählich vollzieht sich der Einmarsch, Grenzbestimmungen sind dagegen kein Hindernis. Im Norden entwickelt sich die Absperrung von Holland, und die Mißachtung der holländischen Neutralität durch Beschlagnahme eines holländischen Güterdampfers unterstreicht diesen Plan deutlich. 3m Süden vollzieht sich die Einnistung in den badischen Schwarzwald und Abriegelung des Verkehrs nach der Schweiz. Und das Neueste ist die Besetzung von Königs- winter und der Vorstoß ins Lahntal bis Limburg. In der Schwebe ist die Regelung der Besetzung oder Verschiebung des englischen Truppenkontingents in Köln. Es scheint, als ob England, um jeden Konflikt zu vermeiden, geneigt ist, feinen Truppen eine weiter nördlich von Köln gelegene Stellung anzuweisen, und wer jemals gehofft haben sollte, die Demonstrationen der liberalen Presse gegen die französischen Uebergriffe könnten irgeirdwelchen praktischen " Erfolg zeitigen, der wird nunmehr bekehrt werden.
Das gilt au$ für die Haltung des britischen Kabinetts gegenüber der „Beschlagnahme" der 12,8 - MilliardenReichsbankgeld. England ist insofern durch diesem Raub mitbetroffen, als diese Summe zur Lohnzahlung im englischen besetzten Gebiet bestimmt war, und wenn diese jetzt ausbleibt, könnten sich englische Interessen gefährdende Zwischenfälle einstellen. Allerdings hat Bonar Law schon heftigere Rippenstöße ohne Wimperzucken hingenommen und wäre vermessen anzunehmen, er würde den Geldraub zum Anlaß nehmen, die englische Besatzung nunmehr, wenn keine Zurückgabe erfolgt, endgültig zurückzuziehen. Solche Kleinigkeiten übersieht ein Staatsmann wie andere Kleinigkeiten, als da sind die vandalische Zerstörung der Bochumer Handelskammer und die Ausplünderung des Bochumer Land- ratsamts, die Beraubung der Bahnhöfe von Wanne und Reck- linghausen, die Ermordung von Bergleuten, die Nachschübe von französischen schwarzen Bestien. Auch die Errichtung des französischen Schandmals, vollzogen durch die unbeschreiblichen Szenen in Gelsenkirchen, die Vertreibung von Obdachlosen und Waisen, die Einbrüche in Privathäufer bleiben, als nicht zur großen Politik gehörig, in Downing Street unbeachtet. Oder ist das Maß etwa doch zum Ueberlaufen voll? Nach Meldungen aus New Pork soll Präsident Harding eine Intervention in Europa vorbereiten, und englische Blätter bestätigen dies mit dem Hinzufügen, daß Bonar Law den Plack unterstützen soll. Es werde eine internationale Finanzkontrolle eingerichtet werden, nachdem Deutschlands Zahlungs- ffühigkeit, das sich der Kontrolle unterwerfen müsse, studiert und' festgestellt sei.- Das ist schon des öfteren geschehen, und -zwar mit dem Ergebebnis, daß Poincare auf seinen Papier- Uorb hingewiesen hat, wo die verschiedensten von Autoritäten 'verfassten Denkschriften mehr oder weniger ungelesen neben, «einander liegen. Deshalb an . wir diese Botschaft mit.dem lnötigen Vorbehalt aufnehmen- wie ähnliche, die von Zeit zu iZeit die ungeduldige Welt beschwichtigen sollen, wenn der
Ruhrskandal wie in diesen Tagen die Grenzen der Möglichkeit überschreitet.
Mnigswinter und Limburg besetzt.
Sonntag nachmittag gegen 3% Uhr wurde Königs- Winter von den Franzosen besetzt, und zwar durch Marokkaner. Von Oberrassel her kamen etwa 4p Mann Kavallerie und 60 Mann Infanterie. Gleichzeitig landete der Dampfer „Rheinstein" und brächte noch etwa 100 Mann. Sie besetzten das Rathaus, das Zollamt und die Zugänge zum Bahnhof. Der Bürgermeister protestierte gegen die Besetzung des Ortes. Nach 5% Uhr zog sich die Kavallerie wieder nach Oberkassel zurück. Der zum Direktionsbezirk Frankfurt a. M. gehörige Bahnhof Limburg-Lahn ist Sonntag früh am 8 Uhr ebenfalls von den Franzosen besetzt worden. Eingriffe in den dortigen Eisenbahnbetrieb sind bisher nicht erfolgt.
An zuständiger Stelle wird zu diesem Vormärsche bemerkt: KSnigswinirr liegt außerhalb der besetzten Brückenköpfe, und Limburg liegt ein wesentliches Stück außerhalb der Bssatzungszoue. Die Franzosen ziehen neuerdings einfach blindlings in deutschen Landen umher und besetzten, was ihnen gerade gefällt.
Die Frankfurter Zeitung meldet aus Montabaur: Die Stadt, die bisher zur amerikanischen Zone gehörte, aber schon seit zwei Jahren ohne fremdes Militär war, wurde heute mittag von zweihundert Marokkanern besetzt.
Bochum von der Außenwelt
obgeschnitten.
Die Stadt Bochum ist seit Montag morgen vollständig Mt der Außenwelt abgeschnitten, nachdem schon seit der französischen Besetzung der Telegraphen- und Telephonverkehr ruht. Auch die Fernsprechleitung Dortmund- Rotterdam ist von den Franzosen abgeschnitten worden. Die nach Bochum füAmrden S t r a ß en sind an der Stadtgrenze von französisches Truppenabteilungen besetzt. Während die am Freitag abenb auf den Straßen Bochums verhafteten Personen zum größten Teil, namentlich soweit es sich um Arbeiter handelt, wieder freigelassen worden sind, sind in der Nacht vom Sonnabend auf Sonntag etwa 7 00 bis 800 Personen, die sich nach der auf 8 Uhr festgesetzten Sperrstunde noch auf den Straßen bewegt hatten, von den Franzosen verhaftet und nach Hattingen abgeführt worden.
Mit unbekanntem Ziel verschleppt.
Aus Essen wird genielbet: Oberbürgermeister Haven- stein, Bürgermeister Dr. Schäfer und Syndikus Dr. Guyenz befinden sich auf dem Weitertransport von Düsseldorf mit unbekanntem Ziele.
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Als der Vertreter des Landrats bei dem Vertreter des französischen Zivilkommandanten Beschwerde über die Demo- licrung des neben der Handelskammer gelegenen Land- ratsamts fiihrte, war dieser sichtlich überrascht, daß das Stationskommando auch in das Landratsamt einge- btungen war. Der erteilte Befehl scheint sich „nur" auf die Zerstörung der Handelskammer bezogen zu haben. — Die aus der Handelskammer fortgenommenen Möbel und Akten wucVen in die Oberrealschule in der Kipligstraße geschafft.
Die Franzosen gehen in Essen auch dazu über, Straßen- bahnwagen anzuhalten und von den Fahrgästen Ausweise zu verlangen, bezw. alle diejenigen zu verhaften, die ein größeres Gepäck mit sich führen. So wurde Sonntag abend zwischen 10 und 11 Uhr ein Straßenbahnwagen der Linie 16 von einem französischen Kommando mit aufgeflanztem Seitengewehr, das aus einem Offizier, einem Unteroffizier und zwei Ulaim bestand, angcljalten. Die Fahrgäste mußten ihre Ausweise vorzeigen, und mehrere Damen und Herren, die ßres Handgepäck bei sich führten, wurden zur Wache ge-
Sonntag nacht wurde in Herne ein Arbeiter, der 250 000 Mark bei sich führte, von drei französischen Soldaten über- fallen und vollständig ausgeplündert.
Verhaftung einer tapferen Krau.
Sonntag früh wurde das Haus des Bei. nieten Bols- borff in Essen von etwa dreißig französischen Soldaten umstellt. Die Leute drangen mit Gewalt durch die hintere Haus- tür ein und erklärten Frau Bolsdorff für verhaftet. Der Grund für die Verhaftung ist folgender: Seit mehr als vierzehn Tagen versuchten die Franzosen sechsmal, in das Haus
des Beigeordneten einzudringen, um an dem Telephon- gestänge auf dem Dach zu arbeiten. Trotz starrender Bajonette und ausgestoßener Drohungen verweigerte Frau Bols- dorff den Eintritt, bis die Frnzosen sich den Weg ins Haus gewaltsam bahnten. Der Veigeoronete Dolsdorff verlangte, seine Gattin ins Gefängnis begleiten zu bürfen, was nach wiederholter Verweigerung gestattet wurde. In Bredeney wurde nach Aufnahme eines Protokolls erklärt: „Die - Dame kann gehen, der Herr bleibt hier." Beigeordneter Bols- dorff wurde darauf zunächst ins Bredeneyer Rathaus und von dort nach dem Zuchthaus Werden gebracht, wo neuerdings Räume für die Gefangenen frei gemacht wurden.
Die Goldanleihe vom Kabinett genehmigt.
In der letzten Kabinettsitzung wurde der Entwurf eines Gefetzes über die Besckzaffung von Mitteln zur Bildung eines Devisenfonds angenommen, Es soll eine Echatzanweisungs- anleihe in Höhe von 50 Millionen Dollar zur Ausgabe gelangen, bamit das Reich einen jederzeit greifbaren Vorrat an Devisen gewinnt, dessen es zur Stützung der Währung bedarf. Auf diese Weise sollen die in der Privatwirtschaft vorhandenen Devisen, soweit sie nicht für laufende Verpflichtungen gebraucht werden, im allgemeinen Interesse dienstbar gemacht werden. Der Inhaber von Devisen erhält damit die Möglichkeit, die Devisen in ein gleichwertiges Papier un^utauschen, das vor den Devisen den Vorteil hat, daß es belethbar ist. Die Einzahlung soll in ausländischen Devisen oder ausländischen Noten erfolgen. Die Einzahlung in amerikanischen Dollar ist nicht zur Bedingung gemacht; es werden unter entsprechender Anrechnung auch andere hochwertige Valuten geleistet werden können.
schreibt, Poincar^ habe eine sWc dringende Mitteilung nach London über die Frage der Eisenbahnen im Kölner Gebiet gesandt, in der um weitere Zugeständnisse an die französischen Mlitärbehörden ersucht werde. Paris sei nicht befriedigt von ben neuen, zu sehr beschränkten Erleichterungen für den Kohlenverkehr, die durch General Godleys Abtretung des Neuß—Dürener Abschnittes gewährt wurde. Man fordere AbtretungeinerweiterenSchmal- spurbahn durch die britische Zone ein wenig weiter östlich.
Der Pariser Berichterstatter der „Westminster Gazette" meldet, er habe besonderen Grund ' zu der Annahme, daß die Verschiebung der britischen Truppen nach einer weiter stromaufwärts am Rhein gelegenen Stellung ein Gedanke sei, der in besonders maßgebenden Kreisen viel Anklang fände. Durch die ' Entfernung der britischen Truppen aus Köln würde England nicht nur aufhören, die Franzosen zu behindern, sondern die britischen Truppen würden auch weniger als bisher Gefahr laufen, in einen Konflikt verwickelt zu werden. Der Berichterstatter teilt mit, er habe in dieser Frage sowohl in britischen als auch in französischen Kreisen Nachforschungen angestellt, und habe genügend Ursache zu der Annahme, daß diese Lösung der augenblicklichen Schwierigkeiten für besser angesehen würde, als eine Lösung, wie sie berbetge führt würde durch Gewährung einer beschrankten französischen Besetzung der HauptmendahrUtnien, die England augenblicklich kontrolliere.
preußischer Landtag.
In der Mcmtaossttzrmg des Landtages wurde die Beratung des Landwirttchastsetats fortgesetzt.^ Abg. ® ras EtoIb « rg - Weraigerode (D. Bp.) sprach sich gegen du Fuckerzwangswirtschaft aus, die der Ruin der Roh- juderfabriten sei und einen Rückgang der Anbaufläche bedinge. Statt an neue Zwangswirtschaft zu denken, solle man die Enß- pvffcinfuhr verbilligen und eine verständige Devisen- und Geld- *outtt und eine vernünftige Tarifpolitik treiben.
Landwirtschaftsininister Dr. Wendorff erklärte es werde alles geschehen, um die Bolksernährung zu sichern. Der Landwin- fchaft gebühre großer Dank für ihre opferbereite Beteiligung an der Ruhrhilfe. Die Ernte von 1922 habe uns leider in ritfit unerheblichem Maße im Stich gelassen. An Getreide sei ein R ü & gang von 53 Prozent, an Brotgetreide allein von 50 Prr-ent eingetreten. Daraus ergebe sich, daß die Umlage eine außer- ordentlich schwere Belastung der Landwirtschaft dar» stelle. (Lärm bei den Kommunisten.) Bis zum 22. Februar s^i.n gleichwohl 1.1 Millionen Tonnen abgeriefert worden. Auch -d-r. Pferdebestand wets« einen erheblichen Rückgang am bedenklichsten sei aber der Rückgang in der R i n d vie bh a I -ü t n n g. Trotz allem fei alles geschehen, um besonders dic jetzth von den Franzosen besetzten Gebiete mit Fleisch und Milch znq versorgen Der Vertrag mit Holland komme uns dabei w ' :ms zur Hilfe. Der Minister mir« darauf hin. daß die Franz o i e sich nicht gescheut hätten, o. cie Milch zu b« schlagn b m e n und has sieben unserer SSuglince und der jüngster. : kommenschaft zu gefährden. Gegen Wucher und Schteberwirtschatt^ 0M*C mit aller Entschiedenheit ein geschritten.