Hersfelder Kreisblatt
AmtLicher Rmsiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 26 Donnersmg, den 1. März 1933
Düs WichiiMe voM Tags.
:— $n allen Orten des widerrechtlich besetzten Gebietes gehen ^ie Franzosen zu einem systematischen Terror gegen di e Schutzpolizisten über. Die Beamten sollen restlos ausgewiesen werden.
— Die am 24. Februar errechnete Großhandels- inbexziffcr zeigt einen weiteren 9i ü cE g a n g des Preisstandes um 2.4 v. H.
— Der Bayerische Landtag hat sich für die Einsetzung eines vom Volke gewählten Staatspräsidenten entschlossen.
Krisis in der ZuÄsrm'rffchafi.
Von unserem wirtschaftlichen Mitarbeiter.
Zwei Parlamente — Preußischer Landtag und Reichs- wirtschaftsrat — haben sich bereits in den letzten Tagen mit der Zuckerwirtschaft befaßt, und bei der in den nächsten Tagen zu erwartenden Aussprache über den Etat des Reichsernah- rungsministeriums im Reichtsage dürfte wieder die Zucker- wirtschaft einen Hauptgegenstand und teilweise den Anlaß zu Konflikten bilden. Diese wiederholte und lebhafte Erörterung der mit der Zuckerwirtschaft verbundenen Fragen lenkt die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit auf ein Gebiet, dessen fast ausschlaggebende Bedeutung in Laien- und Verbraucherkreisen viel zu wenig bekannt ist und auf dem sich die Verhältnisse schon bis zu einer für die deutsche Wirtschaft und die künftige Ernährungslage höchst bedrohlichen Krise zugespitzt haben.
Der Rübenanbau brächte in Deutschland vor dem Kriege einen jährlichen Ertrag von rund 350 Millionen Zentner, die in etwa 300 Rohzuckerfabriken, meist in Mittel- und 0ft= deutschland, und in etwa 40 Raffinerien, meist in Bord- und Westdeutschland, verarbeitet wurden. Die Zuckererzeugung betrug 82 bis 54 Millionen Zentner im Jahre, wovon etwa die Hälfte ausgeführt wurde. Der deutsche Zucker war also ein ebenso v-ertvoller wie im Auslande geschätzter Ausfuhrartikel, dessen Verwertung in den Händen eines blühenden und erfahrenen, recht kapitalstarken Spezialhandels lag. Die Einrichtungen für den Handel, insbesondere die Möglichkeit des
TernnnhLndels an den hauptsächlichen Zuckerbörsen, gab den 9iobiii^«abBi^ Ablieferung ber M^n^urO > l -
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lichkeft,^ -^^^rtäufe in Zucker mMW Unk den daraus ihnen zufließenden Beträgen den Landwirten rechtzeitig A b s ch l a g s z a h I u nlzc'n' in solcher Höhe zu gewähren, daß die Einkäufe von Düngemitteln und die Kosten der neuen Felderbestellung damit bestritten werden konnten., Außerdem lieferten die Rohzuckerfabriken in Gestalt der Melasse und der verschiedenen Abfallprodukte das hochwertigste und billigste Kraftfutter, das für
die VieMMung zur Verfügung stand.
Das alles hat sich von Grund auf gewandelt. Der Krieg brächte uns einen Rückgang des Rüben- und Zuckerertrages bis auf fast ein Viertel. Er brächte außerdem die Zwangswirtschaft mit dem Prinzip der Erhaltung des Bestehens und der Rentabilität aller Betriebe durch Ausgleich des Ertrages und der Unkosten der günstig und weniger günstig arbeitenden Raffinerien, ein Prinzip, das bei der abermaligen Einführung der Zwangswirtschaft im Jahre 1022 verstärkte Geltung erhielt. Seine Durchführung bedeutet die Aus- schsltvvL der Derbilligunns - und Ver- be ffervngsmöqlichkeiten, die der freie Wett- bewert der Zuckerfabriken bietet, bedeutet weiter durch die Aufrechterhaltung veralteter oder infolge von, Ver- schiebnug !>sr Anbaugebiete ungünstig arbeitender Raffineriebetriebe nfb die Einführung eines von allen anderen Fabriken zu deren Gunsten zu zahlenden Frachtausgleichs eilte Verteuerung der Gesamterzeugung.
Am schlimmsten aber wirkten die Ausschaltung des Handels und die Beschlagnahme des Zuckers schon in der R 0 h z u ck erfahr ik. Monatlich werden von der IuckerwirftchnftssteNe bestimmte Mntingente des lagernden Rohzuckers zum Versand an die Raffinerien abgerufen und erst nach dem wieder längere Zeit nach der Raffination stattfindenden Verkauf Vorschüsse, nicht Endzrhlungen auf den Rohzucker geleistet. Die Rohzuckerfabriken können also nicht nur lediglich ganz geringe Bruchteile der Rübengelder zahlen, so daß der Landwirt bei Düngereimauf und neuer Felderbestellung noch nicht im Besitz der Zahlung für seine gelieferten Rüben letzter Ernte ist ■ |on= brat müsset noch zu hohen Zinsen Krtzh;ie auf. , nehmen, um überhaupt die Verarbeitung der Rüben durchführen zu können, Kohlen, Tücher und sonstigen Betriebs- bedarf zu beschaffen und die Löhnezu zahlen. Bei einem 5 ovrffrprei3 von rund 640 Mark pro Pfund im Meinhande. toben augenblicklich (Ende Februar) die Landwirte im Durch- ; schnitt erst etwa ö 0 0 bis 6 0 0 Mark für den Zenr ner Rüben erhalten. Der Landwirt und die Rohzucker.
fabriren müssen also bisher immer noch die ganze Rübenernte und Zuckererzeugung des laufenden Wirtsachftsjahres finanzieren und dazu die Kosten der Vorbereitung der neuen Ernte, die sich nach dem Stande der Preise und Löhne in der letzten Februarwoche bei gleichem Anbau und bei gleicher Ernte wie im letzten Jahre auf etwa einunddreiviertel Billionen Mark stellen.
Das ist aber einfach eine Unmöglichkeit, und es ist daher weniger böser Wille als Not, wenn die Landwirte immer energischer erklären, daß bei Fortdauer einer derart gesta l teten Zwangswirtschast sie nicht weiter Rüben anbauen werden. Außerdem verlangen sie sofortige erhebliche Abschlagzahlungen oder Reichskredite für die Düngerbeschaffung und Felderbestell mg. Die Regierung zögert mit Aufhebung der Zwangswirtschaft, weil sie die bestehenden Raffinerien erhalten will. Diese sind aber neuerdings auch noch durch neue Erfindungen weiter gefährdet, welche die Erzeugung von Weißzucker aus Rüben in einem ununterbrochenen dreitägigen Her stellungsprozeß mitzwölfprozentigerKohlsnersparnis möglich machen; außerdem möchte sie die Versorgung der heimischen letzten Verbraucher sichergestellt sehen. Gegen den Schutz nicht mehr lebensfähiger Betriebe auf Kosten der Allgemeinheit lediglich im Dienste einer sehr so kostspieligen Arbeitserhaltung wenden sich immer mehr Stimmen und verlangen die Einschaltung des bewährten Vorkriegs- apparates, damit wir im nächstem Jahre überhaupt Zucker und Kraftfutter haben und damit wir wieder mit Zucker auf dem Weltmarkt erscheinen können. -"
Terrsr gegen die Schupo.
Mißhandlung und restlose Ausweisung
General Degoutte hat eine Verordnung erlassen, durch die die Schutzpolizei in Essen-Stadt und -Land aufgelöst wird. Die Waffen, Dienstpferde und Ausrüstungsgegenstände seien unverzüglich den französischen Militärbehörden auszuhändigen. Die Beamten aller Dien st grade der aufgelösten Schutzpolizei werden Was den: besetzten Gebiet ausgewiesen eine Genreindepolizei
"sr Polizei ist von Der ng
des Kommandierenden Generals abhängig. Die Polizisten dürfen eine blaue oder andersfarbige Uniform tragen, jedoch keine grüne Uniform.
In Recklinghsufert
ist das Polizeipräsidium, das Rathaus und die Unterkünfte der Schutzpolizei von französischem Militär umstellt und besetzt worden. Im Polizeipräsidium ist sämtliches Inventar beschlagnahmt worden. Die gesamte Schutzpolizei wurde für aufgelöst erklärt und der Kommandant und der Polizeioberst Berg und v. Willing sind verhaftet und auf Lastwagen ab- transporiiert worden. In Bochum üben die Franzosen seit den frühen Morgenstunden des Mittzvoch
eine unerhörte Schreckensherrschaft
aus. Sie holen die Schupobeamten gewaltsam aus ihren Quartieren, reißen ihnen die Kleider vom Leibe und mißhandeln sie mit Reitpeitschen. Die Stimmung der Bevölkerung ist auf einem Siedepunkt der Erbitterung angelangt, so daß stündlich ernsthafteste Ausbrüche der V 0 l k s l e i d e n s ch a f t erwartet werden können.
SeSbst die Obdachlosen wollen nichts von ihnen wissen.
Die Franzosen haben, rote bereits gemeldet, ^.70 Obdach- " neuer Asyl für Obdachlose festgesetzt. Diese sind nun- - - ~ ' ^egleitwagen tn
setzt worden,
lose im Es,-.— ,-------,- , . „ .
mehr in elf Lastautomobilen und drei Beglertwagen M Offen von den Franzosen au5gef-1 weil sie sich weigerten, für die Franzosen zu arbeiten. Die Offener Ortsbehörde hat für den Weitertransport der Obdachlosen nach Münster gesorgt.
In G e r 0 l st e i N haben die Franzosen 16 Eisen- bahne'rfamilien unter dem Vorwand von Ver. g cI tu n gs maß n ahmen für angeblich auf der Bahn mwübte Sabotageakte gezwungen, innerhalb dreier Stunden ihre Wohnungen zu räumen. e
Bis zum 26. Februar waren im altbesetzten Ge. biet 0 Personen von der Rheinlandkomnnftwn aus- gewiesen worden.
Ber-Oing von Bochlinier Mridleitem.
Bochum, 28. Februar.
Eine im Verwaltungsgebäude der Maschinenfabrik Balcke tagende Konferenz von Leitern der Bochumer Maschinenindustrie wurde durch ein starkes französisches Truppenaufgebot, das mit Tanks die Zugänge sperrte, gewaltsam aufgehoben. Von den Industriellen, die über die Wetterführung der Betriebe und Sicherung der Arbeiterschaft berieten, wurden zwölf Herren verhaftet, darunter Generaldirektor B a I ck e, Ingenieur B a l ck e, die Direktoren Schuhmacher und Klüwer, die Fabrikbesitzer Dreyer und E i ch h 0 r st.
Verschleppung Deuischer nach ausländischen Gefängnissen?
Nach einer Havas-Meld««g aus Koblenz hat die Interalliierte Rheinlandkommisfion unter Vorsitz des französischen Oberkömmiffars Tirard eine Verordnung über die dou den Militärgerichten der Besatzungsdehörde verhängten Gefängnisstrafen angenommen. Künftig werde für die fünf Jahre übersteigenden Strafen der Kommandierende General der Besatzungsarmee die Entscheidung treffen können, daß die Strafe anstatt in deutschen Gefängnissen im besetzten Gebiet in französischen, englischen oder belgischen Gefängnissen avznbüßen sei.
Bürgermeister Scharfer, Oberbürgermeister Haven - st e i n und Dr. Guyenz befinden sich im Männergefängnis in Düsseldorf. Sie sind in Einzelhaft und sollen nach Mitteilung der französischen Unterorgane wie politische Gefangene behandelt werden. Bis jetzt haben sie Gefängniskost erhalten. Versuche, ihnen Erleichterungen zu verschaffen, sind bisher daran gescheitert, daß die Franzosen die hierfür notwendigen schriftlichen Bescheinigungen nicht ausgestellt haben. Wie sie belpndelt werden, geht daraus hervor, daß ihnen kein Licht, keine Kerze, keine Lampe zur Verfügung gestellt wird.
Aus London wird gemeldet. In einer Rede über die weltpolitische Lage bemerkte LordCurzonzur Richrsrage u. a.: Das englische Volk stimme mit seiner Regierung darin überein, daß die militärische Besetzmrg des Ruhrtales, ob diese zu Recht oder zu Unrecht erfolgt sei, a u f j e d e n Fall eine unkluge Handlung bedeute und daß Errglaüb recht habe, nicht daran teilzunehmen, aber die Stellung seiner Truppen am Rhein solange als möglich auftechtzuerhalten; denn England sei ebenso wie die andern an der Lösung des Problems interessiert. Die Lösung des Reparationsproblems könne nicht Frankreich, Belgien und Italien allein Vorbehalten bleiben. Es sei ein internationales Problem, das alle gleichermaßen angehe. Alle ersehnen den Tag, an dem es durch eine internationale Aktion feine Lösung finde.
Zu der Fortnahme der 12 Milliarden Mark durch die Franzosen schreibt Daily Chronicle, die Welt erlebe das außerordentliche Schauspiel,daß eine aliierte Regierung das Geld der anderen stehle und sich weigere.es wieder zu erstatten, nachdem sie auf den Diebstahl hingewiesen worden sei. Daily Chronicle fragt, ob dies so aussehe, als ob die Franzosen viel Achtung vor Bonar Law hätten oder ihn für einen gerade sehr starken Mann hielten.
Zwei Milliarden Goldmark an England bezahlt.
Der englische Schatzkanzler teilte in einer schriftlichen Antwort dein Unterhaus über die von Deutschland an England geleisteten Reparationen mit: Bis zum 30. 4. 22 habe England erhalten in bar 637 Millionen Gold- mark, direkt an das britische Besatzungsheer seien gezahlt worden Papiermark im Werte von 103 Millionen Goldmark. Die Sachleistungen einschließlich Einkünfte nach den Repara- tionsbedmgungeir betrügen 413 Millionen Goldmark, dies, mache zusammen 1,153 Millionen Goldmark. Zwischen dem 1. 5. 22 und 31. 12. 22 sei eine weitere Summe von ungefähr 1000 Millionen Goldmark für Abgaben nach den Re- parationsbedingungen an Farbstoffen usw. eingegangen.
Aus dem Reichstage.
In der Dienstagssitzung des Reichstags, bei der zweiten Lesung des Etats des Wehrministeriums, behauptete Abg. Ledebour (b. f. F.), daß die Reichswehr weiter Fügung mit Orgsschbanden halte. Abo. K ü n st I e r (Soz.) verlangte . vom Wehrminister eine offene Erklärung, ob noch immer Verbindungen von Offizieren zu verbotenen Organisationen bestehen.
Reichswehrminister Dr. Keßler erklärte, die Bevölke-