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Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Mltgüeb des Vereins Deutscher Zsltungs-Vsrlsger. / / Für die Gchriftleitung verantwortlich Franz Funk in Sersfelb. / / Fernsprecher Nr. 8.

Nr. 27

Sonnabend, den 3. Mär;

1923

Das Wichtigste vom Tags.

Die R h < i n I a u k> k o m m i s s i o n hat ein« Ot^onnanz über di« U s b « r n a h in e der N h e i n ! a n d . B n h n e n in sranjSsisck-belgischr Regie v«rsff«m!icht.

3m Dorsche der Essener Kriwickalpolizet sind die setzt tk Raubüberfklie durch srnnzösische Soldoten sesigestellt morden.

In der letzten Derich'tsmoch« hat sich bei- Notenumlauf d« R S i ch » b a !, k um 410,7 Milliarden Mark osrmshn. Da- mit ist die Örttt. Million sttzerschritten.

Wochenrückblick.

3m Reichstag beanspruchte die Aussprache über den Reichswshretat, einschließlich des der Marine, größere Auf- merksamkeit. Den störn'.ministen, die eine Eroika gegen den Reichswehrmmister Dr. Keßler spielen wollten, waren falsche Notenblätter auf die Pults gelegt worden, und so kam bei der AuffilLrung eine Heiterkeit erregende Katzenmusik heraus, zu­mal ab der Dozialdemokratie, weil der sozialdemokratische Preußische Innenminister Eevering als Staatsstreiche an- gegrifftn wurde, Zurückhaltung auferlegt war. Das zeigte sich auch bei der Besprechung der Marineverhältnisse durch die sozialdeinvkratischen Abgeordneten HUnlich unb Dr. Moses. Dieser fiihrte Klage über die Selbstmorde und deü^Eefund- Heitszustand der Marine, wie gesagt werden dar^ in rein sachlicher Weise. Doch konnten seine Darlegungen durch amtliches Zahlenmaterial bedeutend abgeschwächt werden. Hünlich, der sich derselben Tonart befleißigte, erging sich mehr­fach in Ouisquilieu und versuchte, gestützt auf unliebsame Vorkommnisse, wie sie niemals in geschlossenen Verbänden ausbletk^n, gute Lehren über Erziehungsmethoden und Er­haltung der Manneszucht zu geben. Aber da er einNießen ließ, keinem Sozialdemokraten fiele es ein, die Wehrmacht verächt­lich zu machen, hatte er selber den Boden für eine VoMändi- -OÄe^^ i

Maß zurückzuführen. Die Bewilligung eines Kleinen Kreuzers ohne ausdrücklichen Widerspruch verdient bei dieser Gelegenheit besonders angemerkt zu werden.'

Dagegen wurde im Bayeris dj.en Landtag bei Perhandlung über den auf Schaffung eines Staatspräsidenten für Bayern abzielenden Antrag der Bayerischen Volkspartei Sturm geläutet, nachdem der Kommunist Eisenberger die Partei des Hochverrats bezichtigt hatte. Es entspann sich eine durch Zurufe wie Hochverräter! Landesverräter! Schuft! gewürzte Lärmszene mit Austausch von Püffen und ge­schwungenen Stühlen. Daß der Urheber des Tumults, Eisen­berger, erklärte, er werde künftig die Rednertribüne nur mit einem Revolver in der Hand betreten, ist eine eigenartige Wahrung der Würde des hohen Hauses. Die Aufregung er­wies sich im Verlaufe der Sitzung als höchst überflüssig, da der Antrag auf sich nur 74 Stimmen der Antragsteller, der Baye­rischen. Mittelpartei und bet Deutschen Volkspartei vereinigte gegenüber 56 Stimmen der Demokraten, des Bayerischen Bauernbundes und der Sozialisten. Diese Minderheit reichte aus, um die mit dem Anttag verbundene Verfassungsände­rung, die eine Zweidrittelmehrheit erfordert, zu verhindern, und so hatte das Hornberger Schießen wieder einmal eine ge­räuschvoll« Auflage erlebt.

In Sachsen spielen sich bei verschlossenen Türen Ver­handlungen (b. h. der Kuhhandel) über die Wahl des Mini- sterprSsidsnien zwischen den Sozialdemokraten und Kommu­nist«« ab. Diese werden von den sozialdemokratischen Füh­rern offenbar als daskleinere Uebel" angesehen und jeder bürgerlichen Partei vorgezogen. Ein Uebel sind sie jedenfalls, denn pe sind trotz ihrer geringen Zahl stets in der Lage, der größeren Partei ihren Willen aufzuzwingen, und wenn sie jetzt für ihren Eintritt, wenn nicht in das Kabinett, so doch für die Wahl eines sozialdemokratischen Präsidenten, die Be­dingung stellen, daß entweder der süddeutsche Senat beim Staatsgerichtrhof aufgehoben oder neben ihn ein mitteldeut­scher Senat gestellt toh*, dürfte sich eine Einigung der feind­lichen Brüder erziele« lassen, da die Bewilligung dieser For­derung keine Kosten verursacht und sich als Demonstration recht gut macht.

An wenn auch schwaches Licht ist über die Haltung Italiens zur Ruhrfrage durch eine Erklärung Mussolinis im Ministerrat verbreitet worden. Der Premierminister hütet sich, selber Vermittlungsvorschläge zu machen, sondern er­wartet sie von fetten Frankreichs ober Deutschlands. Es müßte ihm bekannt sein, daß die Vorbedingung für deutsche Verhandlungen mit Frankreich die Räumung des Ruhrge- - biete» ist und daß keine Wnaeidjen für einen Abmarsch der : Franzosen vorliegen. Mussolini will sich keinem Versuch zur raschen Wiederherstellung der Ruhe entgegenstellen, spricht ) sich für schnellste Regelung aus, aber seine faschistische, aus eine autonome Außenpolitik eingestellte Regierung ver- ] langt für VUndutsaÜscblllsseGarantien", augenscheinlich ge-

roitzigt durch die Erfahrungen, die Bonar Law durch das Fehlen solcher Garantien gegen französische Eigenmüßigkeii gemacht hat; auch hält es Mussolini für einen unverzeihlichen Fehler, sich auf ein italienisch-französisches Kontinental- Bündnis einzulassen, was eins Ausschaltung Englands be­deuten würde, ein Wink, der in Paris verstgyden werden dürfte. J -i XXX

OtdoMSNz 65er die

Bahn-Beschlagnahme.

Nach eine« Havas-Meldung aus Koblenz hat die Interalliierte Rheinlandkommisston unter dem Vorsitz des französische« Oberkommissars Tirard die Ordonnanz unterzeichnet, bie an Stelle der deutschen Eisenbahnder- ivaltuug eine Regie der Eisenbahnen des be- setzten Gebietes einrichten will.

In einer Anlage der Ordonnanz erinnert die Rheinland- kommission an die Haltung der deutschen Regierung, der na­mentlich Sabotageakte zur Last gelegt werden, die die Sicher­heit und den Unterhalt der Vesatzungsarmeen sowie die In­teressen der Bevölkerung in den besetzten Gebieten in Gefahr gebracht hätten. In dem ersten Arttkel der Ordonnanz wird dein Oberkommandierenden General der alliier­ten Armeen bis erforderliche Vollmacht übertragen, hin­sichtlich der Eisenbahnen zweckmäßige Vorkehrungen zu treffen, um den Bedürfnissen der Besatzuirgsarmeen und der Zivilbevölkerung Genüge zu schaffen.

Die Regie

ist befugt, Einberufungen von Personal vorzu- nehmen und kollektive oder einzelne Entlassungen zu veran­lassen. Doch kann sie durch Sonderentscheidungen gewisse Strecken oder Teile dieser Strecken, bie nwächft ibtLHIllslSÄli

u, ine ute« erien Behörden und Kommissionen im gleichen Verhältnis, in dem bisher die deutschen Behör­den zu ihnen gestanden haben. An der Spitze der Regie wird ein französischer Direktor stehen, beut zwei Unterdirektoren, ein Franzose und ein Belgier, beigegeben sind. Der Sitz der Regie wird Koblenz sein, vorläufig arbeitet sie jedoch von Düsseldorf aus. Die Ordonnanz tritt sofort in Kraft.

Es ist mit der

Gesamtentlassung aller deutschen Eife«Sahne»

zu rechnen, soweit sie sich nicht von der neuen französisch- belgischen Zivilverwallung anwerben lassen wollen. Man be­hauptet, daß bereits 600 Eisenbahner gewonnen worden seien. Wenn dieses richtig ist, ist die Fahl doch sehr klein, wenn man berücksichtigt, daß 120 000 deutsche Eisenbahner vorhanden sind.

Die stanzösischen Behörden beginnen bereits, Muster von Anstellungsverträgen an die einzelnen Eisenbahndienststellen zu richten. Außer ben üblichen An­lagen enthalten diese Einstellungsanttäge die bemerkenswerte Vorschrift, daß die Angestellten

zu einer zehnstündigen Arbeit

unter Kontrolle der stanzöstschen Behörden sich verpflichten. Die Entschädigungsfrage bei eventuellen Unfällen bleibt aus­drücklich offen. Erst zu einem späteren Termin ist ein eigent« licher Arbeitsvertrag vorgesehen. Bis dahin steht es beiden IntereffenteN-frei, von dem vorläufigen Vertrag mit so­fortiger Wirkung zurückzutteten.

Die gewülisame Räumung.

Die Ausweisungen werden immer härter. In Kettwig mußte z. B. ein 72jähriger pensionierter Eisenbahner und Rentenempfänger mit seiner 68jährigen Fran innerhalb weniger Minuten seine Dienstwohnung verlassen, ohne die geringsten Kleinigkeiten mitnehmen zu können. In Ober­hausen wurden Eisenbahn erstarren unter'scharfer Bewachung gezwungen, die Betten in ihren geräumten Wohnungen noch frisch' zu üb er ziehen, dann durften sie die Woh- nungen erst verlassen. In Vollmarstein sind vier, in Ober- wenaern zehn Eisenbahner-familien von ben Franzosen auf­gefordert worden, zum 2. März ihre Wohnungen zu räumen.

In Hengstey haben die Franzosen einen Eilgüter------ Lebensmitteln, den sie bisher täglich ohne Schwierigkeit , , , steten ließen, angchalten, weil die deutsche Brauerei, die ihnen bisher täglich drei Hektoliter Bier lieferte, diese Lieferung ein« eilt hätte. Nach Verhandlungen und nach bet Lieferung

Bieres ließen sie um drei Uhr nachmittags den Lebens­

.-zug mit iten pas- .. ... deutsche Brauerei, die ihnen Bier lieferte, diese Lieferung ein« ' der Lieferung

mittelzug weiterfahren.

Fliegeraufklärung vor den Nauvzügen.

Donnerstag früh haben die Franzosen die Bahnhöfe Mülheim (Hauptbahnhof), Mülhcini-Styruul, Miilhcim- Eppinglloven und Mülheim-Broich besetzt. Die Strecke Mül- beimAefhuig ist dadurch stillgelegt. Bei den Beutezügen der Franzosen, die auf die Wegnahme von Lokomotiven und

belabenen Kohlenwagen hinzielten, ist beobachtet worden, daß regelmäßig vor der Einkreisung eines Bezirkes von i c a n - zösischen Flugzeuge« aus bie Bahnhofs- anlagsn beobachtet und photographiert wer­den. Zeigen die Aufnahmen genügend beladen«'Warn-, dann ' wird der betreffende Bezirk umstellt und ausgeräuber:

Der Bahnhof Obechaufen-Wsst, der feit dem 23. Januar von den Franzofen besetzt war, ist nunmehr wieder geräumt worden. Die Franzosen haben in den Anla^n ganz furchtbar gehaust. Sänttliche Stellwerke sind zer­trümmert. Die Hebel der Weichen usw. sind mit schweren tämmern abgeschlagen worden. Das ganze Mobiliar, die elephoiw, Bilder usw. stirb zerstört. Keine Scheibe ist mehr ganz. Von den Verwüstungen sind bereits photographische Aufnahmen gemacht worden, die dem Auslande em'Sdb von dem Treiben der Franzosen geben sollen.

ie

In Oberhausen liegt beim DahnhofskonmAndanten für alle diejenigen, die Gdpäck abholen ober bringen oder sich für die Beschäfttgung bei der militärischen Eisenbahn zur Arbeit anmelden, ein Revers zur Unterschrift vor, der u. a. 'Agen­den Satz enthält:Ich verpflichte mich, für die fran; ö si * sche Rheinrepublik folgende Arbeiten auszuf.)ren...

Gteuer-Erpreffungs-Bersuche.

Die Pariser Blätter melden aus Düsseldorf, General Degoutte habe eine Verordnung erlassen, bitrd die die Erhebung der Kohlensteuer auf Ruhrkohle sichergestellt wer­den soll. Die Verordnung bestimmt, daß die Bergwcrlsbe- sitzer, die nicht die in ben deutschen Gesetzen vorgeschriebenen Erklärungen abgeben, von Amts wegen von der interalliierten Bergwerkskontrollkommission nach den. zurzeit geltenden Sätzen eingeschätzt werden sollen. Um den Eingang, der Steuern zu sichern, werden Strafuwßnahmen angeordnet, und zwar in folgender Staffelung: 1. Beschlagnahme,

2. Freiheitsstrafen, 3. Aufhebung der Aus -

Nachdem alle Verordnungen des Generals Degoutte be­züglich der Steuern und Zölle ergebnislos geblieben sind, ist jetzt eine Verordnung des Generals bekanntgemacht nwrden, wonach die Caf6-, Restaurant- und Hotelbesitzer eine e e f t =, Zigarren- und Zigarettensteuer an die Alliier­ten zu zahlen hätten. Bei Weigerung würden ihre B e - triebe geschlossen werden. Diese Verordnung bezieht sich auf das Ruhrgebiet und die Städte Düsseldorf und Duis­burg.

Neuer Bsrsisß nach Gelsenkirchen.

Mai der

Aus Gelsenkirchen wird unter dem 2 März gemeldet: Die Stadt ist heute früh von neuem von den Franzosen besetzt worden. Diesmal galt der Vormarsch der Entwaff­nung und Verhaftung der Gelsenkirchen, er Schupo. Gegen 6 Uhr vormittags rückten Kavallerie-masse« gegen die Stadt vor und gingen gleich durch zur. Fentralunter- kunft der Schupo auf dem Flugplatz. Znzwisckrn waren sschincngewehrkompagnien und Tankgeschwader im Innern

Stadt angekommen und sperrten die innere Stadt ab. Darauf gingen die Franzosen zu einer systematische« Durchsuchung der .einzeln cn- S ch u p o w o 4 e n in den Stadtteilen vor. Sie fanden jedoch nicht einen einzigen Grünen mehr vor, sondern nur die Beamten der stät rt-chen Polizei, die den Revierdienst versahen. Auf einem Revier wurde ein Polizeikommissar verhaftet. Im übrigen ist bet neue Vorstoß der Franzosen völlig erfolglos ge­blieben. Das Rathaus und das Polizeipräsidium sind von starken Tankgeschwadern und Infanteriewachen umgeben.

Ab vier Lthr Verkehrssperre.

In den Bestimmungen über den verschärften Be­lagerungszustand in Bochum ist eine neue Vcrsanrfung eingetreten insofern, als die Stunde des Eeschäftsschiusses unb des Inkrafttretens der V c r k eh r s f p er r e a u f v i e r Uhr nachmittags festgesetzt wurde. Donnerstag abend sind zahlreiche Zivilpersonen, die angeblich die französischg Verkehrssperrenverordnung übrschritten haben, verhaftet und in der robeften Weise unter den Augen französischer Offizier« mißhandelt worden.

Oberbürgermeister Dr. Iovy von Gladbeck ist aus dem Bett heraus verhaftet worden. Er wurde in einem Last- auto fortgefahren. Als der verhaftende Offizier die Pistole zog, erschollen aus der Menge, die sich vor dem Hause an- gesammelt hatte, Pfuirufe. Verschiedene Leute stimmten das Deutschlandlied an. Als der Oberbürgermeister am Auto an­gekommen war, winkte er der Menschenmenge mit dem Hut zu. worauf das Volk mit Hurra- und Mschiedsrufen er­widerte. Inzwischen war die belgische Wache alarmiert und ging mit aufgepflanztem Bajonett gegen die Menge vor. Jetzt entstand ein Gedränge, wobei Diele Schulkinder zu Boden fielen.

Eine Schwadron französischer fa r b i g er, 2 öl« * daten (Spabis) rückte Donnerstag vormittag in Sim - o »ein eut Für die farbige Münnschaft mußten Bürger- J