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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erschein! Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis b 'frägt durch d'?D?8 bezogen monatlich 3000. Mk.. " : Her ' S SSI. M'. Abhs'pr 750. Mk. / , Ameige»- preis für die einspaltige Detlireilt oder deren Raum 50. Mk st auswärts 70. Mk., di Reklame-ei 150. Mk. / / Dr f und Irnag o . abaM ».< C« Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des Vereins Deutscher Zellungs Verleger. / / Für -isGchrifileili»ü8 v-?a«lwi- 6 3 Kur-k in HersfM» / / Fe. s -cr Rr. 6.

Nr. 28 Dienstag, den 6. März 1923

Das Wichtigste vom Tags.

Der Reichspräsident hat eine Ausnahmcver> ordnung erlassen,'in der Spionage und Unterstützung vor Spionen unter erhöhte Strafen gestellt wird.

Im Direktionsbezirk Ludwigshafen haben die Franzose« die Räumung aller Eisenbahner-Dien st wohnun gen angeordnet.

Zur Erhebung der Kohlensteuer bereiten die Franzoscr neue scharfe Maßnahmen gegen die 8 e * « n besitzer vor. ..... - . .

Die Reichsregierung und der neue Rechisbruch.

Bon unserem Berliner politischen Mitarbeiter.

Schon rüstete sich München und Stuttgart zum Empfang des Reichskanzlers Dr. Cuno, und die Reichsboten hatten Berlin verlassen, um mit ihren Wählern Fühlung zu nehmen, als der französische Vorstoß nach Mannheim, Karlsruhe und Darmstadt alle Pläne über den Haufen warf. Das Reichs­kabinett durfte nach den letzten unerhörten Vorgängen an der Ruhr annehmen, es wäre ein Stillstand in der Aktion Poinrarös eingetreten, eine Ruhepause, um neue Rechts­brüche und Gewaltstreiche vorzubereiten. Aber das Un­erwartete geschah: es bedurfte für die Bewegung der räuberischen Soldateska keiner Vorbereitungen; sie sind längst getroffen, und ein Druck auf den Knopf genügte, und die Welt hatte sich mit der Besetzung dreier großer Städte ab- zufinden. Unter diesen Umständen mußte der Reichskanzler seine Reise nach Süddeutschland verschieben und motivierte diesen Schritt mit dem neuen frevelhaften Rechtsbruch Frankreichs und mit der Notwendigkeit, den deutschen Protest in einer besonderen Reichstagssitzung zu erklären. Der Reichstagspräsident Löbe berief den Reichstag zu

Maßnahmen zu beschließen, die als Antwort auf die Be­setzung von Mannheim, Karlsruhe und Darmstadt getroffen werden sollen.

Welcher Art die Abwehr sein wird, entzieht sich selbst, verständlich vorerst der Kenntnis der Oeffentlichkeit, ohne daß damit die Verbreitung von Gerüchten unterbunden wäre. So wird in parlamentarischen Kreisen von einem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Frankreich gesprochen. Indessen wären bei der Anwendung eines fc drastischen Mittels die Vorteile und die Nachteile abzuwägen, die daraus entstehen könnten, und die Reichsregierung Hai das, wie verlautet, bereits getan und sich für die Be- laffung bei dem alten Zustande entschieden. Was in Bochum, Recklanghausen, Gelsenkirchen an französischer Brutalität geleistet worden ist, hätte die Regierung gleich- falls zur Abberufung des deutschen Botschafters in Paris berechtigt, ohne daß die Diplomatie des Auslandes etwas dagegen eingewendet hätte. Hier gibt nicht die begreifliche Empörung den Ausschlag, sondern die kalt abwügende Nützlichkeit.

Allerdings ist es für das deutsche Volk schwer, angesichts dieser letzten brutalen Vergewaltigung ruhig zu bleiben, aber wenn es sich die Worte des Reichskanzlers Dr. Cuno ver­gegenwärtigt, die dieser kürzlich an einen Vertreter eines rheinischen Zentrumsblattes gerichtet hat, wird es fühlen, daß die gerechte Sache Deutschlands in guten Händen ist, und namentlich die Spekulation der Frau- zofen auf den Abfall der Rheinlande nicht nur durch den unerschütterlichen Freiheitswillen", der Rheinländer fehl­schlagen muß, sondern auch durch die sinnlosen, von den Franzosen als preußische Beamte bezeichneten, Ausweisungen und Einkerkerungen echter rheinischer Beamten. Dr. Cuno hat in Berlin den Gebrauchgroßer Worte" abgelehnt, aber niemand zweifelt, daß er richtige Worte finden wird jedes­mal, sobald französischer Uebermut die deutsche, oft auf die Probe gestellte Geduld herausfordert, um durch ein Ueber- schreiten der Notwehr mit einem Schein Rechtens zu Retor- sionen schreiten zu können. An, Dienstag wird der Reichstag wieder einen jener denkwürdigen Tage erleben, die Zeugnis von der Festigkeit und Einigkeit aller Parteien im Protest gegen die französische Gewaltherrschaft ablegen. Nicht daß damit ein Wendepunkt in der deutschen Leidensgeschichte er. /reicht wäre. Der Reichskanzler hat erklärt, wir müßten uns tino^ auf eine längere Zeit der Bedrückung entstellen, aber jedi '.neue Vergewaltigung bildet eine Stufe, auf der Deutschlani P zur Höhe der Befreiung aufsteigt.

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Kein Abbruch der Beziehungen

Von zuständiger Stelle wird mitgeteilt: Es ist selbst verständlich, daß die Reichsregierung angesichts bei ;anz besonders krassen rechtsbrüchigen Gewaltakte, wi, Ke der Einbruch in Darmstadt, Karlsruhe und Mann keim darstelleu, sich nicht daraus beschränken wird, ledig iich den üblichen schriftlichen Protest loszulassen, so» >ern dass sie t n besonders feierlicher öffent icher Weise aufs nachdrücklichste protestieren wird, »nd zwar von einer Tribüne, die in der Welt stärker »eachtet wird, als die schriftliche Form des Protestes 8s kann aber nicht davo« gesprochen werden, daß der Ubbruch der diplomatischen Beziehungen »der gar die Kriegserklärung in Frage käme. Deutschland würde den Franzosen keinen größere« Befallen tun können, als einen dieser Schritte zu »nternehinen. Frankreich würde damit von gewissen Rücksichten der übrigen Welt gegenüber befreit werden, >ie es heute noch zu nehmen hat.

In letzter Zeit verlautet gerüchtweise immer häufiger, > unter der Hand von französischer Seite Verhand- ungsmöglichkeiten vorbereitet mürben. Die­sen Gerüchten kommt schon deswegen keine Bedeutung zu, veil die Reichsregierung nach wie vor den Standpunkt ver- rift, daß Verhandlungen mit Frankreich erst nach der Räumung des Ruhrgebiets geführt werden kön- ren. Wenn inoffizielle französische und deutsche Persönlich- ieiten, die in ihren Ländern keine allzu große Bedeutung »aben, in einer Fühlungnahme stehen sollten, so handeln sie richt im Auftrage ihrer Regierungen, sondern auf eigene jau'fl, ohne daß sie die Politik ihrer Regierungen beein- lussen könnten. , :

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Der Borwand für die Hasenbesetzung.

Die französisch- Regierun.e^ot dem deutschen Geschästs- sSger in Paris nach Vollziehung der neuen gegen Mann- Kim, Karlsruhe und Darmstadt gerichteten Gewaltakte am i. d. M., abends 9% Uhr folgende Note über geben lassen:

Der Rhein-Herne-Kanal, dessen durch Sabo- age beschädigte Schleusen durch die Bemühungen der fran- dsischen und belgischen Behörden wieder in Ordnung ge= »rächt worden sind, ist durch absichtlicheVersenkung

> ov Kähnen gesperrt worden. Die französische Regie- mng hat beschlossen, als Vergeltungsmaßnahmen sie Häfen von Mannheim und Karlsruhe und die Eisenbahn- verkstätten von Darmstadt zu besetzen. Das Ministerium' der sinswärtigen Angelegenheiten hat die Ehre, die deutsche Bot- chaft hiervon für alle Fälle in Kenntnis zu fetzen."

Räumung aller Eifenbahner- DienAWshuungeu.

Der Eisenbahnkrieg in der Pfalz.

Nachdem das pfälzische Eisenbahnpersonal sich ge veigert hat, unter französischem Befehl weiter Dienst zu Htn, wurde in Ludwigshafen von der französischen I3esatzungsbehörde durch Plakate mitgeteilt, daß all» Dienstwohnungen bis zu in 8. März geräumt sein müssen. Diese Maßnahme erstreckt sich nicht nur auf die eigentlichen Dienstwohnungen, sondern auch auf die Wohnungen, die von der Eisenbahnbaugesellschaf! gebaut' wurden. Im ganzen werden in Ludwigshafen rtwa 100 Wohnungen davon betroffen. In Ger- nersheim beträgt die Zahl der beschlagnahmte» Woh- »nuge» 14.

Die Lage im Reichsbahndirektionsbezirk Ludwigshafen hat sich somit wesentlich verschärft. Nachdem in der Nacht oom Freitag auf Sonnabend das Personal der Reichsbahn- direktion Ludwigshafen den Betrieb noch durchzuführen, ver­sucht hatte, setzte am Sonnabend eine planmäßige Verdrängung des deutschen Eisenbahnpersonals ein. Das deutsche Personal wurde von der militärischen Unter­kommission und deren'Bahichofskommissaren aufgefe rt, zu erklären, ob es den Dienst unter französischem Best weiter versehen wolle. Da dies überall abgelehnt wurde, erfolgte sofortiger Befehl, die Diensträume, Stellwerke, Werkstätten usw. zu verlassen, da der Betrieb in französische Hände über gehe. Das Personal wurde durch fran­zösische Besatzungstruppen und von französischem Eisenbahn- personal im Laufe des Tages auf den Hauptbahnstreckeu ver- )rängt. Auf den Nebenstrecken wollte das deutsche Eisen- xchnpersonal den Betrieb weiterführen, die Franzosen haben Sieg jedoch nicht zugelassen und verbieten jeden Eisenbahnbetrieb innerhalb der Pfalz nach deutschen Bestimmungen.

Daumenschrauben fürdieZecherrbesitzer

Die Franzosen wollen von jetzt ab versuchen, wenigstens ein Ziel zu erreichen, das sie sich bei der Besetzung des Ruhr­gebietes gesteckt haben, nämlich die Kohlen nach Frankreich zu bekommen. Nach einer Düsseldorfer Mel­dung sollen alle Staatsbergwerke beschlag­nahmt werden. Man will auch auf die gleiche Art ver­suchen, von den privaten Zechen Kohlen zu bekommen, so­bald die Eigentümer es abgelehnt hätten, Reparationskohle zu liefern. Man behauptet, daß zwei MMonen Tonnen auf den Abtransport warten; diese sollen nach Frankreich geschafft werden. Im Zusammenhang mit einer neuen Ver­ordnung über die Erhebung der Kohlensteuer wird die Be­schlagnahme der Kohlen erfolgen. Die Kohlensteuer wird monatlich, und zwar am 15., zu bezahlen sein. Falls bis zum 18. der Betrag nicht bezahlt wird, würden die Fran­zosen Eigentum im Werte der zu entrichten- den Kohlensteuer fortnehmen. Dazu kommen noch 50 Prozent als

Strafmaßnahme gegen die Bergwerksbesitzer.

Falls am 26. jeden Monats die Kohlensteuer noch nicht be­zahlt ist, wird das Eigentum des Besitzers b e - fchlagnahmt werden. Am Ende des Monats würden die Besitzer vor einem Militärgerichtshof gestellt werden und solange ein gesperrt gehalten,bis siebezah- l e m Die Zahlungen haben an die Rheinische Diskontobank oder an jede andere von der Interalliierten Bsrgwerrskom- mission genehmigte Bank zu erfolgen. 50 Prozent der Steuer müssen in auswärtiger Valuta bezahlt werden. Die Franzosen sagen, daß man im Monat Februar 9 Millionen Dollar an Steuern hätte erheben können.

Die ganze französische Presse behauptet, daß die deutschen Arbeiter im Ruhrgebiet widerstandsmüde seien. Die Fran­zosen sollen es aber nur versuchen, sich der Kohlen zu be­mächtigen, dann wird es sich ja zeigen, ob ihre Behauptungen richtig sind!

Neue Bluttaten in Essen.

Aus Essen wird gemeldet: Nachdem am Sonnabend abend in der Nähe des Hauptbahnhofs ein deutscher Zivilist von einem kranzösichen Posten erschossen worden stehengeMÄen^mn soll, wurde fast zur gleichen Stürbe'im Stadtteil West ebenfalls ein Essener Bürger durch - Kugeln der Besatzungssoldaten getötet. In der Bonner Straße hätte die Besatzung die dort befindliche Polizeiwache aufgehoben. Ein im zweiten Stock des Hauses wohnender junger Mann käm abends spät nach Hause und öffnete die Haustür. Kaum hatte er die Tür geöffnet, als zwei Schüsse fielen, die ihn in den Bauch trafen und auf der Stelle töteten.

Sonnabend mittag kurz vor 12 Uhr, kam ein fran­zösisches Panzerautomobil in schneller Fahrt durch die Unterführung am Essener Hauptbahnhof in der Richtung nach der Stadt und fuhr mitten in di« Menge, die sich anläßlich der Besetzung des Hauptbahnhofs angesamnielt hatte. Drei Personen, ein Erwachsener und zwei Knaben, kamen unter den Koloß, vor dem die Meng« schreiend auseinanderstob. Die drei Ueberfahrenen wurden eine Strecke weit geschleift. Alle drei wurden blutüberströmt in das Luisenstift getragen. Bei der äußeren Untersuchung ergab sich vorläufig, daß der Erwachsene am ganzen Körper Schürfwunden hatte und daß der rechne Arm gebrochen war. Die beiden Schulknaben trugen Verletzungen am Schädel bzw. im Gesicht davon.

Handeln, nicht verhandeln!

©entring über den Kampf der Ruhrarbester.

Am Sonnabend hielt der preußische Innenminister Se- v e r i n g in M ü n st e r eine Rede, in der er die Stellune. der deutschen Arbeiterschaft zum Einbruch ins Ruhrgebiet beleuchtete. Der Redner betonte ausdrücklich, daß es vor allem seine Absicht sei, im In- und Auslande die 41 u f fassung zurück zuweisen, daß die deutsche 4! t = beiter schaft zum Abwehrkampf kom.nan- diert worden sei durch die Parole der Regierung. Sie sei sich bewußt gewesen, daß man den Franzosen beweisen müsse, daß man mit Bajonetten keine Kohle fördern oder deutsche Arbeiter wie Sklaven zur Arbeit zwingen könne.

Die Aufforderung von linksrädikaler Seife, daß die Sozmldemokratie den Kamp - gegen Pvincarä und Fach, aber auch gegen dieRegisrung Cunoführeu müsse, erklärte Herr Severing als eine politis che Kinderei. Sticht um Parteimeinunqen und nebensächliche Dinge gehe es jetzt, sondern im Interesse der deuffchen Arbeiterschaft liege es, Poincars und den größenwahnsinnigen Militaristen in Frankreich zu beweisen/daß die Macht des Rechtes stärker sei als das Recht der Macht.

Auch Severing lehnte die Einleitung von Verhandlungen von deutscher Seite schroff ab. Den Leuten, die der Curw-Regierung zuriefen: Verhandelt! müsse man erwidern: Wer t m mer von Verhandln i? zen flennt, der gibt fich den Anschein, als »seife er auf dem letzten Loch.. Dcrs sei bei uns »och lange nicht der Fall. Deshalb solle man nicht vom Ver­handeln reden, wo Handeln notwendig sei.