Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 29 Donnerstag, den 8. Mär; 1933
Das Wichtigste vom Tage.
— Im Reichstag begann die Aussprache über die Protest «rede des Reichskanzlers.
— In Karlsruhe find als Verstärkungen erneut farbige Franzosen eingerückt.
— Die Nationalversammlung von Angora hat Ue Unterzeichnung des Lausanner Friedensvertrages »bgelehnt.
Lunos Gegenstoß.
Bon unserem parlamentarischen Mitarbeiter.
Die Rode des Reichskanzlers Dr. Cuno war in erster Linie für das Ausland bestimmt. Ein rein äußerlicher Umstand unterstützt diese Annahme: nicht nur die Tribünen für das Publikum waren überfüllt, sondern auch die Diplomaten- ioge, wo Kopf bei Kopf Fachmänner den Ausführungen lauschten, die ohne Pathos, in schlichter Nüchternheit, lediglich durch die Wucht der vorgebrachten Tatsachen jeden Zuhörer packen und überzeugen mußten. Klagen, die wie Bitten um Mitleid hätten gedeutet werden können, hätten auch auf die zahlreich vertretene englische und amerikanische Journalistik nicht gewirkt, statt dessen vernahmen sie eine wuchtige Anklagerede, meisterhaft aufgebaut auf der Bilanz der letzten sieben Wochen mit ihren Scheußlichkeiten, bis zu dem Schlußappell an die Welt, an „jene Mächte, deren Namen unter dem Vertrag von Versailles stehen, und die damit ihren Namen, und doch wohl mehr als ihren Namen, für die Aufrechterhaltung des Vertrages verpfändeten und an der Entwaffnung teilnahnren". Der Kanzler wollte die Unterzeichner nicht anklagen, aber er richtete die Frage an sie, ob der Gedanke des Rechts so ganz gestorben sei, und er stellte M, daß nach siebenwöchigem Kampfe ums Recht unseres Volkes und das Recht der Völker Deutschland noch heute allein steht. An das deutsche Volk, das er vor leichtem Optimismus warnte, appellierte er um so ftärmr zum ernsten und schweren Kampf und erzielte damit einen tiefen, der Nach- Haltigkeit sicheren Eindruck. Selbst die Tribünen stimmten mit ein, bloß auf den Bänken der Sozialdtzmokraten und der Kommunisten wurde kein Beifallslaut, kein Händeklatschen vernehmbar, ein befremdliches Verhalten in einem historisch so bedeutsamen Augenblick, aber die Macht der Rede
am ist
ein Haß entstanden,
s w auch unmöglich und unbegreiflich gewesen an- gefichts des vom Reichskanzler entrollten französischen Schanbregisters. Hin und wieder machte allerdings ein Kommunist einen Zwischenruf. So, als der Kanzler ausrief: „Unser Schild ist Manll" — „Wer lacht da!" schallte es von der äußersten Linken, aber der Entrüstungssturm auf allen Seiten des Hauses erstickte diese Anzweiflung der deutschen Ehre. Die Einheitsfront steht fest, sie kann durch derartige Nichtsnutzigkeit einzelner nicht gesprengt werden, dafür legte die Empörung Zeugnis ab, die vor Eintritt in die Tagesordnung entstanden war, als Präsident Löbe mit- teilte, daß Kinder, die vom Roten Kreuz für eine Fahrt nach Dänemark ausgesucht waren, wegen verbotener Ansammlung militärisch auseinandergesprengt worden sind. Auch wies er auf die Androhung von Todesstrafe und Zuchthaus für die hin, diesem deutschen Vaterland die Treue bewahrt haben. Das war der Auftakt für die Kanzlerrede. Seit dem Ueber- fall auf das Ruhrgebiet haben sich Morde, Raub, Diebstähle, Ausplünderungen, Vergewaltigungen, Mißhandlungen von Frauen und Kindern durch die Unmenschlichkeit der französischen Generale und ihrer Soldateskabestien von allen Hautfarben so gehäuft, daß die Berichterstattung vieler Zei- tungen nicht folgen konnte, zumal da die Presse vielfach mundtot gemacht ist.' Dr. Cuno unterzog sich der Aufgabe, ein schauriges Gemälde dieses Terrors zu geben und so die Einzelheiten wieder aufzuftischen. Das wird vor allem im Ausland gelesen werden als eine Zeugnissammlung aller Leiden, die ein im Frieden lebendes Volk durch französische Kriegs- geeichte, die nichts weiter find als ein Sammelsurium von Justizmorden, zu erdulden hatte und noch hat. Es ist eine beweiskräftige, mit Dokumenten belegte Darstellung aller Uebergriffe, und sie schlägt unwiderleglich der Ritterlichkeit bet Franzosen die Parade durch. Diesen Gehalthabern wird, wenn sie überhaupt noch Ehre im Leibe haben, die Lharakterisierung ihres ritterlichen Ehrbegriffs einigermaßen peinlich sein.
Schmerzlicher dürften freilich die Politiker und Finanz. ) genies an der Seine berührt werden durch die aktenmäßiger Bescheinigungen ihrer volkswirtschaftlichen Mißerfolge. Ihr« * Ruhrkohlenaktion hat ihnen nur Windeier geliefert, und di« | Bevölkerung Frankreichs wird eines Tages,, trotz der be- ^kannten Totschweigepolitik der Regierung, erfahren, warun 3
die Kohlen so verteuert und die lothringischen Hochöfen aus geblasen sind. Frankreich hat vom 11. Januar bis zum 5. Mär anstattLiMillionenTonnenKohleimganze, 74 000 Tonnen erhalten, d.h. nur etwas mehr als bei früheren täglichen Betrag. Das ist ein katastrophale Ergebnis für die Franzosen, ein Ansporn für jeder Deutschen, fortzufahren mit den Mitteln der passiver Resistenz, und auf die Wirkung dieses finanziellen Nieder bruchs auf das ftanzösische, in seinen Erwartungen so fabel haft enttäuschte französische Volk scheint Vonar Law zr lauem, wenn er erklärt: „Wir glauben in diesem Augenblic nicht, daß ein Eingreifen nützlich wäre." Die weitere Wen dung: „Es würde von Frankreich als eine feindliche Hand lung aufgefaßt werden. Wir sind nicht bereit, einen solcher Schritt zu tun", heißt nichts weiter als: wir wollen Frank reich die Suppe, die es sich eingebrockt hat, selbe: auslöffeln lassen. Wenn auch der Kanzler vor Optimismus gewarnt hat, Hoffnungslosigkeit erfüllt ihn nicht „Fort mit dem Gerede über Verhandlungenb hat er gesagt und versichert, seine Regierung werde kein Unterschrift leisten, deren Erfüllung unmöglich ist. Das wirst überall verstanden werden als Richtlinie für erwünschte uni unerwünschte Vermittler.
Die Rede des Kanzlers.
In seiner großen Rede vor dem Reichstag führte Reichs kanzler Dr. Cuno aus:
„In den Morgenstunden des 3. März haben ohne jed- pebe Ankündigung ftanzösische Truppen den Rhein über schritten, das Hafengebiet, die Zoll- und Werftanlagen vor Mannheim besetzt, die Herrschaft über den Hafen vor Karlsruhe ergriffen, Ersenbahnwerkstätten und Elektri. jitätswerk der Lan-desha.üftadt Darmstadt besetzt Würde das irgendwo sonst unter zivilisierten Staatei zeschehen, so würde die Wr lt voll Entrüstung übe! anen solchen Friedensbruch sein. (Sehr war!) Da es a r Deutschland geschieht, so hält man es als eine klein« Erweiterung der Ruhrakton, keines besonderer Aufhebens wert. (Hort, hört!) Und Frankreich selbf bemüht sich kaum, den Schein des Zusammenhangs dieser Unrechts mit dem Unrecht an der Ruhr herzustellen.
Unrechts mit dem Unrecht an der Ruhr herzustellen. Seit den Einmarsch in das Ruhrgebiet hat die französische Regierunc bet Kette ihrer Rechtsbrüche Tag für Tag ein neues 'blieb hinzugefügt. Sie ist in der Verfolgung des an
>en wieder ab zutragen eine ungeheuer chwere Aufgabe sein wird. Die letzten sieben Wochen ind an unserem Volke nicht spurlos vorübergegangen ks sind Wochen gewesen, wie sie niemals einem Kulturvoll n Friedenszeiten zugemutet worden sind. Ein unter den ürchtbarsten Opfern aufgezwungener Friede, an deffeir Er- Teilung unser Volk bis zur buchstäblichen Verarmung gearbeitet hat, wird von Frankreich mit Füßen getreten, ohn« »aß einer der zahlreichen Garanten
auch nur den Finger rührt,
im das gemeinsame Werk zu schützen." Der Kanzler reih kann in wirkungsvoller Aufzählung die Greueltatei t n b Un Menschlichkeiten aneinander, die Frm»oser tnb Belgier in der kurzen Spanne begangen haben und Mi a aus der Presse hinreichend bekannt sind. Er fährt bann ort: „Den Vorwurf der Greuel erhärtet schon das Wenige oas ich darüber gesagt und was selbst Herr PoincarS niW »streiten kann, weil es die absolute Wahrheit ist. An du
Zeiten des Dreißigjährigen Krieges
jemahnt, was an Verbrechen gegen Leib und Leben, Gelt and Gut in den Zeiten der Ingenieurkommission an Ruhr and Rhein im Jahre 1923 geschieht. Und haben diese In- zenieure wenigstens zu den fehlenden Mengen an Kohl« and Koks verholfen? Das Gegenteil ist der Fall, und da- aiit kommen wir Kam zweiten Posten, der Passivseite der französischen Bilanz. Frankreich hat geglaubt, des willigen Fleißes freier Arbeiter nicht zu bedürfen. Das Ergebnis ist, daß es in der Zeit vom 11. Januar bis 5. März an Kohle statt 2,1 Millionen Tonnen, die ihm zu liefern gewesen wären und die es wie bisher ganz oder bis auf einen geringen Rest erhalten hätte, imganzen74 000 Tonnen erhielt, etwas mehr als den täglichen Betrag, der zu liefern gewesen wäre. Als dritter Posten auf der Passivseite erscheinen die ungeheuren Auftvendungen für Entsendung und Unterhalt der Truppen, die nur zu einem nicht nennenswerten Teil gedeckt sein können durch die durch Raub and Diebstahl ihnen zugefallenen Papierr-orkbeträge sowie die Werte, die die Truppen zur Unterstützung der Tättg- seit der Ingenieure im Ruhrgebiet SagfürSaginftei- »enden, Maße vernichten, und die Ausgaben, die dem Reich» zur Aufrechterhaltung des wirtschaftlichen Lebens
und zur Fürsorge für die Bevölkerung täglich erwacksen. S» sieht die Passivseite der ftanzösisch-belAschen Ruhr- und Rheinbilanz aus, und damit ist die Bilanz zu Ende- denn
eine Aktivseite hat sie nicht.
So wenig die ersten Erfolge der Etappe der Invasion, so wenig die zweite Etappe der Installation etwas erreichen konnte, so wenig wird Herr PoinearS mit der dritten Etappe der Abschnurung und des Terrors ein wirtschaftliches Ziel erreichen. Eins aber hat er schon erreicht: stärker und einmütiger ist die Geschlossen bett der deutschen Bevölkerung an Ruhr und Rhein, zum Widerstand entschlossener als je zuvor geworden. Tanks und Maschinengewehre haben dort ihren Sinn verloren, wo sich ihnen niemand gegenüberstellt. Der Schwerthieb geht in die Luft. Waffenlos im groben Sinne des Wortes hat Deutschland seine starke Wehr im Willen des freien Mannes , der dem Rechte gehorcht, sich der Gewalt aber mit verschränkten Armen entsagt. Geschütze und Dynamit mögen gut sein, eine Fabrik oder ein Bergwerk zu zerstören, nicht aber, um sie zu betreiben. Mit Armeen mag man Ko- lonialländer erobern und die Eingeborenen in Schreckens setzen, mag man die „friedliche Durchdringung" afrikanifcher Sultanate betreiben, aber man wird k e i n e m I n d u st r i e- gebiet Produktion abgewinnen können. Es ist eine
Mißachtung des Geistes, wenn man glaubt, die räumliche Besitzergreifung entscheide. Und gerade dieses Gebiet an der Ruhr hat seine eigenen tiefen Geheimnisse und Geietze, die sich am Vergewaltige! rächen. Und würden die Franzosen noch lange, lange Zeit im Ruhrgebiet stehen und statt der deuffchen Arbeiter fremde Kolonnen bringen — der Fluch der Unfruchtbarkeit würde sie verfolgen. Das Land der reichsten industriellen Schöpferkraft, der angespanntesten Tätigkeit wurde ihnen weniger bringen als die Kosten ihres Aufenthalts. Das Land, aus dem freier Wille des Arbeiters täglich ungeheure Leistungen nach Frankreich strömen ließ, würde
an Frankreichs Kraft zehren Tag um Tag.
Das ist der passive Widerstand, den Frankreich uns zur Schuld anrechnet, den es zu brechen versucht, uni den es doch so lange nicht brechen kann, als der Will« des deutschen Volkes dahintersteht. Wir bekenne» uns heute erneut zu diesen» passiven Widerstan! |alS der Waffe der Gewaltlosigkeit und des Friedens in.
_____ Und wir werden nicht müde werden diesen Widerstand weiterzuführen, bis das Ziel erreich ist, das wir uns von Anfang an gesetzt haben: kein Zic des Diktates oder der Beherrschung, wohl aber das Zie einer freien, vernünftigen, ehrlichen, einet wahrhaften Frieden ficherstellenden Verständi gung. /
Wir haben für Paris Dorschlüge ausgearbeitet uni haben die Mächte in aller Form gebeten, diese Dorschläg, von uns schriftlich entgegenzunehmen und sie uns gründlich erläutern.zu -äffen, Vorschläge, bei deren Annahme der fram zösische F. heute anders stünde, als er zufolge des Ruhreinbruchs steht. Hinter diesem Vorschlag stand die Kraft der deuffchen Wirtschaft als Sicherheit. Wir haben ferner Der- Handlungen angeboten, um die Zusammenarbeit der deutschen Wirtschaft mit der französischen Wirtschaft und ihre gegenseitige Stärkung zu begründen und die beiden Systeme in ein e n g e s, d e r Weltwirtschaft dienendes Verhältniszueinander zu bringen. 91H das wurde nicht gehört. Der Grund ist heute ganz offenkundig: die Ruhrbesetzung war
schon vorher beschlossene Taffache.
(Lebhafte Zustimmung.) Das franzöm : Gelbbuch und das englische Blaubuch zeigen klar, daß fein deutscher Vorschlag imstande gewesen wäre, Herrn Poincar6 »on dem Einmarsch zurückzuhalten. Was will Frankreich? Vor sieben Wochen sagte ich hier, daß es sich im Wesen der französischen Aktion, der wir gegenüberstehen, nicht um Reparationen handle, sondern um jenes alte Ziel, das seit mehr als vierhundert Jahren der französischen Politik eigen ist: die Zerst örungDeutichlands. Nicht deswegen ist Frankreich die Verständigung der Völker. Nicht deswegen ist Frankreich ins Ruhrgebiet eingefallen, weil wir nicht verhandeln wollten und weil es eines Druckes auf uns bedurft hätte, uns dazu zubringen, sondern deshalb allein, weil Frankreich nicht verhandeln wollte. (Sehr richtig!) Darum
fort mit dem Grrede über Verhandlungen! Angebote zu machen ist nicht an uns, und ist auch »unmöglich, solange wir täglich mit Wertvernichtungen hu Ruhrgebiet rechnen müssen, die uns jede Klarheit übex unsere Leistungsfähigkeit nehmen. Wenn uns ein Weg geöffnet wird, der frei von Lutzerem Druck, uns zleichberechtigt in offener Aussprache zu Kecht und Vernunft zurückführt, so wird die Regierung