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Hersfeloer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Vezugsprels beträgt durch die Dost bezogen monatlich 1000 Mk., für HerSfeld 800. Mt.« Abholer T50. Mk. / / Anzeige» preis für die einspaltige Detitreile ober deren Raum 50 Mk.« für auswärts 70 Mk., die Reklamezeile 150 Mk. / / Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfeld. Mitglied des Vereins Deutscher Ieltungs Verleger. / / Für die Schriftleitung verantwortlich Franz Funk in Sersfelb. / / Fernsprecher Nr. 8.

Nr. 30

Sonnabend, den 10. Mär;

Das Wichtigste wm Tage.

Die Franzofen habe« mit Rheinau bei Mannheim die letzten unbesetzten Rheinhäfe« in das Befetzungsgebiet ein- bezogen.

j- TMrch den englische« Botschafter in Paris sind Mündliche Vorstellungen wegen der vertragswidrigen Ausdehnung des Brückenkopfgebietes und der Ab- schnürnng der englischen Zone erhoben worden.

Der bayerische Landtag hat die Regierungsvorlage über die Abfindung dFe früheren Königshauses mit 92 gegen 26 Stimmen angenommen.

Wochenrückblick.

Die Reichstags rede des Kanzlers hat in jDeutfchland allgemein befriedigt mrd das Gefühl der Zu- ismnmengehörigkeit aller Stämme und Klassen erweckt, aber auch im Ausland weite Kreise geschlagen und die Erkenntnis verbreitet, daß der französische Imperialismus nicht nur welt- beherrschend, sondern auch Ursache der Isolierung Frank- sreichs geworden ist. Die Pariser Presse verhehlt nur müh- sam ihren Aerger über die Aufnahme der Cunoschen 9Iit5= fiihrungen und sucht sie als Selbstverständlichkeiten hin- zustellen, die keinen diplomatischen Widerhall fänden. Das ist insofern richtig, als keine Protestnoten aus den Entente­staaten ergangen sind. Die werden sich vielleicht erst einstellen, wenn die Ruhraktion sich handelspolitisch noch stärker aus- wirkt, besonders in den davon zunächst betroffenen Ländern, in der Schweiz, in Holland und in England. Vorboten dafür haben die Aussprachen im englischen Unterhaus bereits ge­liefert, indem auf eine Anfrage der Unterstaatssekretär int Auswärtigen Amt Neill erklärt hat, der V er Miller Vertrag und das

teils zwischen Mainz und dem Brückenkopf von Koblenz und Köln auszudehnen, ein recht zahmer Einspruch gegen das Vorrücken der französischen Truppen, der allerdings die Volksstinmiung in England derart beeinflußte, daß bei den Nachwahlen zum Unterhaus drei Minister ihre Sitze verloren. Auch sonst hat die Opposition mit ihrer Unzufriedenheit gegen Bonar Laws Abwarten nicht hinter dtzm Berge gehalten. So Lord Robert Lecil und der Führer der Labour Party Macdonald, aber ihre Aufforderung zum Eingreifen könnte nur Erfolg haben, wenn die starke Regierungsmehrheit durch weitere politische Bloßstellungen beseitigt wäre.

Als Erfolg des deutschen Ausharrens ist jedenfalls der Umschwung in der öffentlichen Meinung Englands zu buchen. Es sind schon früher Stimmen laut geworden, die den Vertrag von Versailles als eine Un­geheuerlichkeit bekämpften, wie z. B. Keynes und die Mit­glieder der internationalen Sachverständigenkonferenz sich auf Seite Deutschlands stellten, auch der Italiener N i t t i fei nicht vergessen, aber jetzt rücken ganze Parteien an, weil sie sich, wie Cecil, im Interesse Englands nicht der Be­fürchtung erwehren können, daß gewisse Tatsachen in der deutschfeindlichen Politik Frankreichs beunruhigend bis zum äußersten seien. Das ist ein unleugbarer Forffchritt zur Klärung der Lage.

Ein weiterer Forffchritt ist die Besserung der Mark durch das Eingreifen der Reichsbank. Für die Leipziger Messe ist diese Wendung zwar ver­hängnisvoll gewesen. Die Käufer hielten sich zurück, aber auch der Reichspräsident E b e r t und der Reichs- wirtschaftsminister Dr. Becker, indem sie über den volkswirt- fchastlichen Fehlschlag der Messe mit kurzen Worten Hinweg­gingen und sich mit den Ruhrangelegenheiten um so aus­giebiger befaßten. Im Interesse des Handels ist dieser Miß­erfolg zu beklagen, indessen spricht nichts dafür, daß er chronisch sein wird, und mit der Stabilisierung der Mark, auf die mit der im Reichstag beschlossenen Goldanleihe hin­gearbeitet wird, dürfte auch der Warenumsatz wieder in nor- Male Bahnen einlenken.

Dazu gehört auch die Rückkehr zur altbewährten Sparsamkeit in der Verwaltung. Die Reichsregierung hat die Beamten wissen lassen, daß sie nicht in neue Gehalts­verhandlungen für den Monat März ein treten könne, und so wird der Erhöhung der Gehälter wohl ein Riegel vor­geschoben werden, was neue Kämpfe, auch auf dem Lebens- mittelmarkt und in der allgemeinen Lohnbewegung, auslösen ^könnte. Die Regierung will mit gutem Beispiel vorangehen, Andern sie die Verwaltung vereinfacht und verbilligt, und zwar Joll mit der Auflösung des Reichsschatzministeriums am A1. April d. I. der Anfang gemacht werden. Schon vor Iahres- V,frist war die Bau- und Liegenschaftsabteilung vom Reichs- ^finanzmtnisterium aufgesaugt worden, nun soll dies auch mit Wen betreffenden Ministerialabteilungen geschehen. Die ^Industrie-Abteilung wird vollständig aufgelöst werden und als

Aktiengesellschaft zur Verwaltung staatlicher Vermögenswerte weiterleben.

In Bayern ist eine Verschwörungsgesellschaft auf­gehoben worden, die augenscheinlich einem ftanzöstschen Spitzelmanöver ihren Ursprung verdankt. Sie bestand aus lauter politisch unbekannten Persönlichkeiten, was freilich nicht hinderte, daß Gerüchte über einen bayerisch-konterrevolutio­nären Putsch in Umlauf gesetzt wurden. Das energische Ein­greifen des vielangefeindeten Ministerpräsidenten v. Knilling hat jedoch diese Unterstellung im Keime erstickt. ^ XX)

Englische Vorstellungen in Paris.

Reuter ureldet: Die britische Regierung hat mündlich Vorstellungen bei Frankreich erhoben und auf die ernsten Unzuträglichkeiten hingewiesen, die den britischen Behörden im Rheinland infolge des ftanzösischen Vorgehens, welches das von den Engländern besetzte Ge­biet vollständig ei»schließt, erwachsen find. Es ist nachdrücklich betont worden, daß der britisch« Ober- kommissar für das Rheinland keinen Anteil an dem Beschluß des französische« und des belgischen Oberkommissars ge­nommen hat, durch den die Rheinlaudkommisfion die Autorität in diesem Gebiet für sich in Anspruch nimmt, und daß der britische Oberkommifsar sede Verantwortung für bTefe Handlung abgelehnt hat. Es ist dagegen nicht richtig, daß ein formeller britischer Protest bei Frankreich wegen der Besetzung der Gebietsstreffen zwischen den RheinbrückenkSpsen erhoben worden ist. (Es handelt sich hier offenbar um

Die Meldungen verschiedener französischer Zeitungen, daß zwischen den Generalen Payot unb GodIey bereits ein festes Uebereinkommen wegen der Benutzung der Eisenbahnen im englischen Brückenkopf von Köln ge­troffen sei, sind unrichtig. Das englische Kabinett wünscht vor allen Dingen, daß die Frage der Handelsbezie­hungen zwischen England und Deutschland in befriedigender Weise gelöst werde. Der englische Ober­kommissar in der Rheinlandkommission, Lord Kilmanrock, fordert die Beachtung der folgenden beiden Punkte:

1. Vollkommene Durchgangsfreiheit für Waren aus England in das besetzte und nicht besetzte Deuffchland auch über die Besatzungszone hinaus,

2. Durchfuhr von Waren zwischen dem besetzten und nicht besetzten Deutschland.

Diese Fragen sind für die Franzosen natürlich sehr pein­lich, denn die deutschen Eisenbahner lehnen es ab, klaren zu transportieren, die nicht mit dem deutschen Erlaub­nisschein für die Ein- und Ausfuhr versehen sind. Die Franzosen lassen diese Waren bekanntlich auch ohne Erlaub- nisschein durch. Die Engländer fordern endlich auch die W- änderung der ftanzösischen Beschlüsse wegen der Rhein - s ch i f f a h r t. Der Matin meldet aus London, daß Bonar Luv den Franzosen keine Zugeständnisse in der Eisenbahnfrage machen wolle, wenn die Franzosen in der Frage der Ein- und Ausfuhrerlaubnisscheine keine Nachgiebigkeit bekunden.

Giandr'ges Vordringen der Franzosen.

Freitag vormittag 11 Uhr ist Crouenberg bei Elberfeld von einer Kompagnie Infanterie und einer Schwadron Kavallerie besetzt worden. In Mit- t e n an der Ruhr ist eine Aktion gegen die Schutzpolizei unternommen worden, die Polizei wurde entwaffnet und die Beamten abgeführt. Die blaue Polizei ist un­behelligt geblieben.

Sie Franzosen haben Donnerstag gegen 2^4 Uhr nachmittags in Stärke von 120 bis 130 Mann bei Rheinfähre den Rhein über­schritten. Sie besetzten den Hafen von Rheinau, einet Vor­stadt Mannheims, unb gehen gegen Rheinau vor. Auf der Strecke Darmstadt Frankfurt, noch innerhalb des Dienstbereichs des Hauptbahnhofs Darmstadt, ist das von Frank­furt im Bogen nach Westen in den Hauptbahnhof Darmstadt füh­rend« eine Gleis dieser Hauptstrecke von französischen Patrouillen besetzt, so daß die Strecke nur eingleisig betrieben wer­den kann. Die Franzosen haben anscheinend an den Schie­nen Lockerungen vorgenommen und behindern die Streckenwärter an der Begehung der Gleisstrecke. Der Verkehr sann auf diesem Gleis daher nicht mehr aufrechterholten werden.

Die Schreckensiättgkeit

der Kriegsgerichte»

Das französische Kriegsgericht in Mainz verurteilte bw Sanbrat Schwebe! aus Geisenheim, weil er dem Beseht der Besatzungsbehörde betreffend die Verordnungen 131 bis 134 der Interalliierten Rheinlandkommission Beschlag­nahme der Steuern, Zölle usw.) keine Folge geleistet hab«, zu fünf Jahren Gefängnis und fünfzehn Mil­lionen Mark Geldstrafe.

Postdirektor Mathias aus Offenburg hatte den ihm Don einem ftanzösischen Offizier übermittelten Befehl, bett telegraphischen und telephonischen Dienst in seinem Amtsb» reich aufrechtzuerhalten und Ort und Art der Berbindungs­zentrale des Postamts Offenburg den Besatzungstruppen mit- zuteilen, nicht befolgt Er wurde deshalb zu einem Iah« Gefängnis verurteilt.

Das evangelische Pfarramt in Rüsselsheim hatte letzte« Sonntag in den kirchlichen Nachrichten des Lokalblattes ange- kündigt, daß während des Sonntagsgottesdie» st es eine Kollekte für diedeutsche Ruhrhilfe stattfindet. Die Kollekte wurde auch eingesammelt. Gegen den Pfarrer ist nunmehr von der ftanzösischen Besamingsbe- Horde ein militärgeri chtliches Verfahren ein» geleitet worden, weil der Aufruf zur Beteiligung an der Ruhrhilfe auf Grund einer Derordnur^ der Rhein landkou» Mission verboten ist.

Der Amtmann von Herpen ist zu zwei Monaten Gesän.-- nis und 200 000 DL Geldstrafe verurteilt worden. Der Oberbürgermeister vonBuer ist wegen Verweige­rung der Abgabe von Elektrizität, Gas, Kohlen und Licht von den Franzosen zu 10Millionen M. Geldstrafe ve» urteilt worderr.

Französische Riggerwerbungen in Amerika.

New Dorks BeftrrfRt" daß er im Auftrag des fran­zösischen Arbeitskommissars Louis Ianea « 2 5 00 bis 5000 Neger für die Ruhrgruben zu engagieren versucht hat. Diesen Auftrag hübe er schon am 16. Januar erhalten. Er habe den Plan aber endgültig auf­gegeben, weil sich noch nicht 100 Mann gemeldet hatten. Die öffentliche Meinung in Amerika ist durch diese Enthüllungen sehr erregt Ein Amerikaner hatte von diesem sauberen Plan in Paris gehört und veröffentlichte ihn sogleich nach seiner Rückkehr nach New Pork, indem er noch an Bord der Schiffes »Majestic" die Journalisten unterrichtete. Staats­sekretär Hughes erklärte daraufhin, daß ihm nichts von dem verwerflichen Plan bekannt fet

!!!!

Die Reise Poincarss gewinnt immer mehr a» Bedeutung. Es wird jetzt zugegeben, daß Poincar« von dem Kriegsminister und dem Minister für öffent« liche Arbeiten und dem Direktor für politische Ange­legenheiten auf dem Quai d'Drsay begleitet werden soll. Außerdem werden sich auch der Oberkammissar für die Rheinlande Tirard und General Degoutte in Brüssel einfinden. Der New York Herald sagt, daß diese Persönlichkeiten in genügender Weise bekunde«, daß die Zusammenkunft mit Theunis und Jaspar einer eingehenden Prüfung der Lage gelte. Eine Persönlichkeit, die dem Quai d'Orsay sehr nahe steht, erklärt dem genannten Blatt, daß die Staatsmänner sowie die französischen und belgischen Sachverständige» ein Programm ausarbeiten werden, welches et» Minimum von Bedingungen enthalten wird, das die Alliierten annehmen wollen, falls Cuno sich bereit« erklären würde, zu verhandeln. Dieser Augenbliik sei sehr nahe. Falls aber Deutschland keinen Ber- Handlungswillen bekunde, würden in Brüssel auch die Maßnahmen besprochen werden, um eine« weitere» Druck auf Deutschland auSzuüben. Man sieht also, daß es in Brüssel sehr viel zu besprechen gibt. Da» Kablogranrm meldet, daß wahrscheinlich auch der italienische Gesandte in Brüssel zu den Erörterungen zugelassen würde.

(Steuern und Geldeniweriung. Aus dem Reichstage.

Der Reichstag wandte sich ant Donnerstag der zweiten Lesung des Gesetzentwurfes über die Berücksichtigung derGeldentwertung in den Steuer­gesetzen zu.

Der Berichterstatter Abg. Keinath (Dem.) teilte aus »den Verhandlungen des Ausschusses mit, daß er bei dem Ver- suche gescheitert sei, das Grundproblem der festen Rechnungs- einheit für die Steuergesetze schon jetzt zn lösen. Aus Zeit­mangel habe er sich den Grundlinien des Regte- rungsentwurfs angeschlosse». Dieser beschränkt sich darauf, die dringendsten Aenderungen in Anpassung an den gegenwärtigen Geldwert vorzunehmen und eine raschere Zah-