Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
Erscheint Dienstag. Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt durch die Dost bezogen monatlich 1000.— Mt.. für Hersfeld 800.— Mk.. Abholer 750.— Mt. , / Anzeigenpreis für die einspaltige Detitzeile oder deren Raum 50.— Mk.. für auswärts 70.— Mt.. die Retiamezeile 150.— Mk. / / Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchbrnckerei in Sersfeld.
Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungs-Werleger. / / Für die Gchriftleitung verantwortlich Franz Funk in Sersfeld. / / Fernsprecher Nr. 8.
Nr. 32 Donnerstag, den 15. März
1923
0a« Wichtigste mm Tag«.
— In Buer sind die drei Opfer der Franzosen i; gllerEtille beigesetzt worden. — Die Ueberführung dei fraszösischen Offiziere erfolgte mit großem ® e, prange. *
— Der französis che Kriegsminister hat erklärt daß Frankreich die B e s a ß u n g s a r m e e im R u h r g e b i e i durch 15 000 Mann verstär k e u werde.
— 5m englischen Unterhaus« haben sich die Redner der Opposition scharf gegen die zuwartende Ruhr- " t i k der Regierung gewandt. Ein Mißtrauensantrag jN>och abg «lehnt.
p o l i M^-de
Die Nachfolge Siephans.
Heinrich v. Stephan, meilanb Generalpostmeister des Deutschen Reichs, werden viele Verdienste nachgerühmt, und er gilt als Postreformator, der, indem er die Thurn- und Taxissche Postschnecke endgültig in das- Antiquitätenkabineti verwies, auch alle anderen Staaten der Welt durch sein be. sorgtes Vorgehen zur Nachahmung reizte. Aber heute muß er als altnwdisch gelten, wenn wir seine Verwaltungsgrund- sähe mit den heutigen vergleichen. Er war nämlich von dem Wahne der Verkehrserleichterungen besessen. Der Verkehr war ihm die Hauptsache, und die Post war eine Einrichtung, ihn zu heben. Die Geldeinnahmen stiegen mit dem Verkehr, und je mehr von der Post Gebrauch gemacht wurde, um so wohler befand sich dabei der Staats- fiskus. Nur war dies ein Nebenzweck.
Davon ist man in der Folgezeit abgekommen; die Post wurde zur melkenden Kuh, aber ist der Nachkriegszeit nicht für den Staat, sondern für die Postbeamten. Ihre Zahl war Legion geworden, die darüber veröffentlichten Angaben klangen märchenhaft, und man wunderte sich, wie es möglich gewesen ist, einen staatlichen Musterbetrieb binnen wenigen Jahren zu einer Hochschule der Faulenzerei umzu- wandeln. Noch heute sind, wie im Haushaltausschuß des Reichstags festgestellt wurde, 20 000 Beamte über- flüssig und, wie selbst auf sozialdemokratischer Seite behauptet wurde, müßten unbedingt noch viel mehr Ent- laffungen stattfinden.
Daß diese Verschwendung von Menschenmaterial der Staatskasse den Boden ausicklaaen
Finanzinann, sondern auch den einfachen Steuerzahler bedenklich stimmen. Wir haben bei 764 Milliarden Mark Einnahme und Ausgaben von 1960,2 Milliarden mit einem Fehlbetrag von etwa 1294,2 Milliarden zu rechnen — wohlgemerkt nur beim Postetat. Die Erklärung hierfür liegt nicht nur in den Gehältern, sondern in bem Sinken des Verkehrsniveaus. Me B r i e f p o st ist um m e h r a l s die Hälfte zurückgegangen, die Paketpost um 43 v. H. Der Auslandsverkehr hat in Europa noch nicht die frühere Höhe erreicht.
Statt Verkehrserleichterungen zur Belebung des Verkehrs zu schaffen, hat man zu Erschwerungen durch ungeheuerliche Tariferhöhungen im gesamten Postwesen gegriffen und damit dies Ergebnis erzielt. Und nicht ungewarnt hat die Postverwaltung diesen verhängnisvollen Weg beschritten. Wenn sie auch Stephans Lehren vergessen hatten, erinnerte sie der Wettlauf zwischen Einnahmen und Ausgaben daran, daß die Ueberspannung der Tarife ihre Grenze hat. Das trifft vornehmlich die Briefpost. 5m geschäftlichen Verkehr hat die Zahl der Briefe zwar um ein weniges zugenommen, und das sei als ein Aufschwung zu einer besseren Wirtschaftslage gebucht, aber die materiellen Interessen allein entscheiden nicht die Kulturhöhe eines Volkes. Diese muß durchgeistigt werden, wenn sie Früchte tragen soll, und so ist von jeher der schriftliche Austausch von Meinungen kulturfördernd im Höchst c Grade gewesen. Der Briefwechsel hat stets im Geistesleb: der Völker eine große Rolle gespielt, und durch diese kleinen Kanäle hat nicht nur die Gelehrtenwelt Anregungen erhalten und weitergegeben, sondern auch tiefere Schichten sind dr^ch geschriebenes Wori in ihren Anschauungen nutzbar beeinflußt worden. So mal die Post ein Kulturfaktor. Jetzt hat sie ben Brief getötet und mit ihm auch störend auf das Familienleben ein gewirkt, insofern die Pflege des Familienlebens durch Seiest wegen des hohen Portos unterbunden wird. Die Band, zwischen Eltern und Kindern lösen sich, und unerschwinglich« . Fahrpreise der Eisenbahnen tun ein übriges, um den Deutschen auf den Verkehrsstandpunkt jenes Zeitalters zurückzu , werfen, wo Deutschland auf einige wenige Bahnlinien be , schränkt war.
Die Schädigung des kulturellen und des Familienver- 2 kehrs ist offenbar und wird von der Verwaltung auch zuge geben, aber sie weiß anscheinend kein Mittel, dem Uebel ab
zuhelfen. Sie hat das Geständnis ablegen müssen, daß bas' Postdefizit noch größer ist als die gesamten Reichseinnahmen aus direkten und indirek - tenSteuern, und daß sie nicht imstande ist, dieses Defizit rbzubürden. Ob sie nicht versuchen wird, in die Nachfolge Stephans einzutreten und durch Herabsetzung der Post- zebühren den Verkehr wieder zu beleben? Es nutzt nichts, wenn ein Kreis arbeitsamer Verdiener von einer Staatsein- richtung Nutzen hat und ein anderer, nicht nur materiell gerichteter Teil Not leidet. Hier hat der Staat die Pflicht, Wandel zu schaffen, und das, was durch die Verkümmerung des Lebens nach der Seite des Geistes und des Gemütes auf bem Spiel ist, dürfte einen Versuch zur Rückkehrzube- wührtenUeberlieferungen wert sein.
Mbeiis-Armsen für
das Ruhrgebiet.
D i e neuen Maßnahmen.
Nach dem „Intvansigeant sollen drei Maßnahmen Kirchgeführt werden, um Kohlen zu bekommen:
L Die aufgestapelten Kohlen sollen ab - transportiert werden.
2. Die längs dem Rhein-Herne-Kanal liegenden Kohlen sollen zusammen gesucht werden.
3. Sollen verschiedene Bergwerke für die
Verbündeten Kohle fördern.
Die Ingenieurkommission hat endgültig ihren Sitz von EssennachDüsseldorf verlegt. Die belgischen Sage- nieure sollen von nun an eine besondere belgischtechnische M i s s i o n bilden. Der Brüsseler Korvespon- dent der „Daily Mail" hatte mit einer der ersten Persönlichkeiten der belgischen Regierung, wohl mit Theunis, eine Besprechung, in der erklärt wurde, Belgien habe nochumls
mehrere Tausend freimütige Arbeiter
ins Ruhrgebiet gesandt, um den Franzosen bei der Verladung der Kohlen auf den Ruhrschächten behilflich zu sein. Frankreich habe auch die Absenkung weiterer belgi- scher Truppen aewünsckEwo-u
Ein Vertreter des „Echo be Paris" erhielt vom französischen Kriegsminister M a g i n o t die Erklärung, daß die französische Regierung 15 000 Mann ins Ruhrgebiet absende, rvelchs vor allen die Hauptaufgabe haben, die Zollbeamten zu unterstützen, ferner französischen und belgischen Arbeitern
beim Verladen von Kohle beizustehen und die Eisenbahn zu überwachen. Maginot erstürbe weiter, daß die Moral der Truppen trotz des starken Dienstes ausgezeichnet wäre. Die Ermordung der beiden französischen Offiziere sei nichtvon Bedeutung, die Tat müsse aber schnell bestraft werden. Nach der Ausweisung der aufrührerischen deutschen Beamten und der 8000 Schupoleute könne man nunmehr a u f R uhe un d O r d n u n g (!) im Ruhrgebiet rechnen.
Zwei Leichenbegängnisse.
Beerdigung der Deutschen im Morgengrauen. Prun-kvolle Ueberführung der französischen Offiziere.
I n a l l e r S t i l l e sind in der Frühe des dämmernden Mürzmorgens die drei von den Franzosen erschlagenen und erschossenen Deutschen auf dem Friedhofe in Buer beigesetzt worden. Wie es befohlen war, durften nur die aller- n achsten Angehörigen dem Zuge folgen. Die Franzosen hatten nicht einmal gestattet, daß der aus Gelsenkirchen stammende Kranführer Fabeck nach seiner Heimatstadt gebracht und dort beigesetzt wurde.
Bei der Beerdigung der beiden französischen Offiziere dagegen, die von ihren eigenen Leuten erschossen worden sind, wurde alles Gepränge aufgeboten, dessen die Franzosen nur fähig sind. Am Rathaus ist ein großes, Fruppenaufgetzot in Paradeaufstellung gebracht worden, und rine Unmenge Offiziere in Gala nahmen an der Beerdigung teil, darunter General Laignelot, der Armeckorpskom- mandeur von Recklinghausen. Es heißt, daß sogar General Kegoutte selbst dabei gewesen sei. Nachdem der franzö- isech Armeebischof die erste Feier im Rathause abgehalten Me, wurden die Leichen unter den Klängen der Militär- Hoellen und von dem langen Zuge des Militärs begleitet, tut katholischen Kirche gebracht, dort nochmals aufgebahrt ind nach einer Seelenmesse zum Bahnhof Buer-Nord geleitet, >on wo aus die Ueberführung nach Frankreich erfolgte.
Me Franzosen wollten der Bevölkerung offenbar ein großes militärisches Schauspiel liefern, um. sie weiter einzuschüchtern. Die Einwohnerschaft von Buer hielt sich aber anerkennenswerterweise sehr zurück, die Strafen waren nicht mehr belebt als sonst. Die Stimmung ist nach den Ereignissen der letzten Tage, da jeder Bürger vogelfrei ist und einfach erschlagen und erschossen werden kann, außerordentlich erbittert. Sie wird noch verschärft durch den krassen Gegensatz, der in der Behandlung der deutschem und französischen Toten zum AuÄwuck kommt. 4
Meutereien unter den französischen Truppen.
Die Gerüchte über Meutereien unter den französischer Soldaten beleuchten die Disziplin der Besatzungstruppen ir eigenartiger Weise, namentlich im Hinblick auf die Tat der beiden Alpenjäger, verübt an ihren Offizieren. So wird vor Augenzeugen behauptet, daß in der Nacht von Donnerstag auf Freitag zwischen 2 und 3 Uhr mehrere Franzosen in der Nähe der Hohenzollernftraße^ wo es den Kaiserberg hin- aufgeht, von Marokkanern erschossen worden sein sollen. Ebenso sollen in der vorigen Woche an der Mauer der „Steilen Fabrik" in Duisburg, Düsseldorfer Straße, desertierende französische Soldaten standrechtlich erschossen worden sein. Bezeichnend ist auch folgende Meldung: Ein junges Mädchen erfuhr, als es seinen Bruder im Dincenz-HospiMl besuchen wollte, daß dieser schon gestorben und in der Totenhalle sei. Darauf ging es allein zu der Totenhalle. Dort sah es auf der Erde eine Anzahl her- umliegender toter Franzosen. Die Leichen dieser Franzosen wurden in Verbindung gebracht mit der standrechtlichen Erschießung einer Anzahl französischer Soldaten in Wesel als Folgen einer Meuterei.
Völlige Verwüstung
der Rheinland-Korsien
Die Kölnische Zeitung meldet aus Trier: Die Absetzung der deutschen Forst- und Zollbeamten hat Z ustän de geschaffen, dienn haltbar sind. Das Ausbleiben jeglicher Kohlenzuftchr zwingt die ärmere Bevölkerung, sich Hausbrand im Walde zu holen, wobei wahllos alles niedergehauen wird. Unermeßlicher Schaden ist bereits an= gerichtet. Wenn es so weitergeht, dann ist der Fortbestand großer Strecken Waldes aufs höchste gefährdet. Me Entblößung der Grenzen von deutschen Zollbeamten hat den: Lebcnsmittelichmüggel nach
werden kaum noch von den Braern reichtet, >o vap me oererm heruntergegangenen Preise für Butter und Eier wieder sprunghaft zu steigen anfangen.
Warnung an Frankreich.
Protestnote gegen die Deutschenmorde in Buer.
In Paris ist von. dem deutschen Geschäftsträger eine Note übergeben worden, in der es nach einem Protest gegen die Greueltaten von Buer u. a. heißt: „Die Bevölkerung des Ruhrgebiets hat gegenüber der Besatzungs- armee bisher eine beispiellose Selbstbeherrschung bewiesen. Sie hat trotz wachsender Erbitterung über die z a h l r e i ch e n unge sühnten Bluttaten französischer Soldaten, über die -fortgesetzten Mißhandlungen auf der Straße und über die Vergewaltigung ganze r Städte die Ruhe bewahrt und ihrerseits alles getan,- um ernstere Zusammenstöße zo vermeiden.
Das ist um so bewundernswerter, als die Verwaltung des Gebiets durch feine Abschnürung vom übrigen Deutschland sowie durch die Entfernung der meisten leitenden Beamten führerlos gemacht und der Sicherheitsdienst durch die Beseitigung' der Schutzpolizei zerstört worden ist. Maßnahmen, wie sie jetzt von dem französischen General in Buer durchgeführt oder angedroht werden, sind jedoch dazu angetan, die Bevölkerung zur Verzweiflung zu treiben unb unabsehbares Unheil heraufzubeschwören.
Wenn der französischen Regierung noch daran liegt, dies zu verhüten, so ist es ihre Pflicht, bem Vorgehen der militärischen Befehlshaber Einhalt zu gebieten. Die Verantwortung für Die Folgen fällt sonst allein auf sie, nicht auf die deutsche Regierung, noch auf die deutschen Behörden, noch auf die deutsche Bevölkerung."
Neue Nuhr-Oebatte im Llnierhaus.
Das englische Unterhaus beschäftigte sich am Diens-, tag zum fünftenmal in der bisherigen Sitzungsperiode mit der Ruhrbesetzung.
Im Laufe der Debatte erklärte UnterstaatssekrMr M a t Neil I, wenn die Regierung sich auch des furchtbaren Ernstes , der Lage voll bewußt sei und anerkenne, daß die Schwierig- 4 leiten bis zu einem gewissen Grade noch zugenommen hätten, r so fei sie doch ebenso ängstlich wie bisher darauf bebamt. die Freundschaft init Frankreich, wenn möglich,« aufrecht; verhalten, und sie wünsche einen enbgüb i tigen Bruch, wenn irgend möglich, zu vermeiden. Die Re- s Serring sei jetzt noch in derselben Lage wie zu der Zeit, als | onat Law seine letzte Erklärung abgegeben habe.