Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Geiger Wr öen Kreis Hersfeld
Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt durch die Dost bezogen monatlich 1000 — Mk., für Hersfeld 800 — Mk.. Abboler 750 — Mt / / Anrelap«.
Mitglied des Dereins Deutscher Aeitungs-Derleger. / / Für die Schriftleituag verantwortlich Frau; Funk in Hersfelb. / / Fernsprecher Nr. 8.
Nr. 33
Sonnabend, den 17. März
1923
Das Wichtigst« vcm Tag«.
’ — In der französischen offiziösen Presse wird Auffallend viel von Verhandlnngsmöglichketten gesprochen.
f — Der Reichstag hat bas Gesetz über die Berück- sichtignng der Geldentwertung in den Steuer- gesetzen endgültig angenommen.
— England hat fernen ersten Schuldenabtrag vn Amerika in Höhe von 4 128 085 Dollar (ungefähr 830 000 Pfund Sterliilg) geleistet. . , ■ ■ y -. •
Wschenrückblick.
- Was die Berliner Sürdtvewrdueten-VersaMInlMg be- schkießt, begegnet im Reich gewöhnlich nur recht mäßiger Teilnahme. Aber manchmal horcht man doch auf: Da sollte den -Märzgefallenen auf den Friedhof im Friedrichshain Ein Denkstein errichtet werden, da wieder einmal der 18. März -sich jährt, und dieser Plan wurde von den bürgerlichen Par- sieien einschließlich der Demokraten vereitelt, sehr zum Schmerz -der Sozialdemokvaten und Kommunisten. die von jeher Nie übliche Mürzfeier für sich in Erbpacht genommen hatten. Ganz unberechtigter Weise. 1848 wußte man noch nichts von !der Sozialdenwkratie, und der Völkerfrühlingssturm, der üuch Preußen damals durchwehte, wollte ein einiges Deutsches Reich schaffen. Es war eine im besten Sinne nationale Bewegung, fremd jedem Internationalismus, und das Herz der Demokratie schlug, wie der alte Demokrat Ziegler verkündet, da, wo Preußens Fahnen hochgehalten wurden. Wenn sich auch die Ideale der Freiheitskämpfer in anderer Weise, wie sie sich's gedacht hatten, schließlich erfüllten, ihr Sturmlied „Deutschland, Deutschland über alles" führte Millionen Deutscher aller Parteirichtungen im Zeichen der von allen erstrebten Reichseinheit zusammen, und es ist ein vergebliches Bemühen, durch fortaenull^^^WGMW Jü^^Mhjjejjggwgegg^^ dem roten Banner der ^Mernationale zu begeistern. Dieser Tag gehört der Geschichte' an und sollte nicht zu Demonstrationen für Partei- zwecke mißbraucht werden. Was an jenem Tage das deutstze Volk trennte, ist vergessen, übriggeblieben ist nur das Einigende, und daher ist es zu verstehen, wenn die Berliner Demokraten die Unterstützung eitler Agitation ablehnten, die lediglich das Trennende hervorheben wollte.
Dieselbe Haltung nahm die Demokratische Partei i m Reichstag ein, als es sich mn die Anpassung der ^Steuern an die Geldentwertung handelte. Seil Monaten war um die Vorlage im Ausschuß gekämpft worden, und als endlich zur zweiten und dritten Lesung geschritten wurde, erwies sich der Block der bürgerlichen Parteien als -fest, und ihrer Arbeitsgemeinschaft gelang es, das von den Sozialdemokraten und Kommunisten als Wechselbalg ver- lästerte Kind aus der Taufe zu heben. Verständigerweise hatte die. Sozialdernokratie von Obstruktionsversuchen abgesehen und erwies sich der Staatsnotwendigkeit zugänglich, die zwecks der Steuerveranlagung vor dem Quartalsschluß eine Verabschiedung des Gesetzes verbürgte. Leider war sie von TuruultszenLn begleitet, die das Bild der Einigkeit Deutschlands trübten. Gerade jetzt muß sie um so sorglicher behütet werden, als die Franzosen alles daran setzen, durch die Ruhrgreuel sie zu sprengen.
Es fehlt nicht an Zeichen, daß man in Frankreich am fängt, mürbe z u werden. Die Brüsseler Konferenz mrd die auf ihr erörterten Vorschläge bewegen Tausende von Federn, um Pomcars einen Ausweg aus der Sackgasse zu öffnen, in die er geraten ist. Offiziell ist England für eine -Vermittlung nicht zu haben, und Poincare selber weist sie, auch in Gestalt einer internationalen Wirtschaftskonferenz, vorläufig ab. Auch der „Temps", der die Auffassung der französischen Regierung widerzuspiegeln pflegt, verwahrt sich noch in gutgespielter Empörung gegen den Gedanken einer engli-, scheu Intervention, und ein Londoner Blatt beeilt sich gleichfalls, die Meldung zu dementieren, daß Deutschland von England Ratschläge zu erwarten habe. Trotzdem wollen die Gerüchte nicht verstummen, daß eine Fühl un g nah m c maßgebender englischer Kreise mit der deutschen Regierung bereits stattgefunden habe, und dafür soll sprechen, daß der Minister des Auswärtigen Dr. von Rofenberg seine auf Donnerstag festgesetzte Erklärung über die auswärtige Lage aufgeschoben hat. Fühler sind noch keine Intervention, und die Zartfühligkeit Poincorös dürfte doch am Ende sich nicht so mimosenhaft erweisen, daß F« bei jedem die Ruhrfrage streifenden Zufallowörtcheu in Aufregung gerät. Er legt einstweilen den Begriff der „am freundlichen Handlung" — in diesem Falle: eine Intervention ziemlich weit aus, nur muß er sich sagen, daß es noch un- ß freundlichere Handlungen gibt, gegen die er sich nicht wird ^wehren können, wie > D. gegen eine Untersuchung über die ^Schöchigungen, die b« «mupstkanischr Handel durch französische
Zoll- und Absperrungsmaßregeln erfährt. Die ganze Ruhr- aktion ist auf französischer Seite so verfahren, daß Poinrare bald für „Fühler" empfänglich sein dürfte.
England kann allerdings nur durch gutes Zureden eingreifen. Ein Land, das wegen der Unterlegenheit seiner Luftflotte jedem französischen Ueberfall preisgegeben ist, das seine Marinebesatzung um 33 v. H. hat sinken lassen, dessen Arbeiter auf Herabsetzung des Kriegsbudgets drängen, muß gute Miene zu bösem Spiel machen und wird eine andere Macht vorschicktzn müssen, wenn es selber keinem Fühler riskierenwill, . 1 ^ ,^ ' ^ V xxx
Vor Verhandlungen?
Don unserem Berliner politischen Mitarbeiter.
Man gewinnt aus den . Pariser PresseäußerungeO immer mehr den Eindruck, daß Frankreichs Verhaud- lungssehnsucht im Wachsen begriffen ist. In der Wandelhalle des Reichstages werden die Meldungen aus Paris und London lebhaft besprochen, in denen von Derhand- lungsmöglichkeiten die Rede ist. Bei der Parteiführerberatung wurden durch Reichskanzler Dr. Cuno und Reichsaußenminister v. Roseuberg vertrauliche Mitteilungen über die auswärtige Politik des Reiches von allergrößter Tragweite gemacht. Im Reichstag hält sich hartnäckig das Gerücht, daß in der Frage der Ruhrbesetzung, wenn nicht eine Intervention, so doch eine Anregung von einer dritten Machf tatsächlich zu erwarten sei. Es k-eißt, daß eine Fühlungncchmö maßgebender englischer Kreise mit der deutsches Regierung bereits ftattgefunben hat. Für kennzeichnend hält man, daß Dr. v. Rofenberg feine Rede verschoben hat und nicht am Dienstag vor dem Plenum des Reichstages sprechen wird. Ob freilich die erwartete mglische Anregung, wenn sie kommt, geeignet sein wird, eine Verchandlunosbasis Deuti/ la tb &j^^|||fM|^^^
'ide ölpkornäiischön oder priDaten BemühtIngen können sich ja vorläufig auch nur um die Auffindung einer geeigneten Verhandlungsbasis drehen. Wenn Frankreich wirklich bereit ist, den Ruhreinfall rückgängig zu machen, so hat es jetzt sicherlich Gelegenheit, der deutschen Regierung mitzuteilen, unter welchen.Bedingungen es zurückgehen werde. Bisher hat Frankreich nur erklärt, daß es einverstanden wäre mit einer schrittweisen Räumung, je nachdem die Bar- und Sachleistungen erfüllt würden. Deutscherseits muß immer wieder betont werden, daß eine schrittweise Räumung des Ruhr- gebiets für uns überhaupt nicht in Frag« komme, sondern, daß die völlige Räumung unter allen Umständen verbürgt sein müsse.
Deutschland soll den Anfang machen.
In der offiziösen französischen Presse wird der Vorschlag gemacht, Deutschland möge sich, wenn es nicht direkt an die Franzosen herantreten wolle, sich mit den Vorschlägen a n die Reparationskom mission wenden. Der New- Aork Herald betont aber, daß Frankreich es vorziche, Ver- Handlungen direkt mit Deutschland zu führen, bc befürchtet wird, daß Italien und England in der. Repa- rationskomnnfsion gegen Frankreich und Belgien Stellung nehmen tönten. Frankreich sei geneigt, von seinen ersten hohen Forderungen
manches «achzulafleu, um überhaupt Verhandlungen zu erreichen. Zwa Forderungen würden aber aufrechterhalten werden, daß bei erste Schritt von Deutschland erfolgen müsse, uni daß das Ruhrgebiet besetzt gehalten werden soll, solange die Verhandlungen kein befriedigendes Ergebnis hätten. New Zork Herald sagt, daj Frankreich erwarte, daß Deutschland innerhalb bei nächste« 14 Tage einen Schritt tun würde. Staatssekretär Hughes mürbe benachrichtigt, daß Frankreich jedes Angebot von deutscher Seite in ernste Erwägung ziehen würde. Auch Belgien wäre sehr befriedigt, wenn Verlzarid- lungen deinen würden. Denn die Opposition der Sozialiften wird immer stärker. Wenn Deutschlaird
50 Milliarde» Goldmark
als Gesamtsumme der Reparationskommission anbieten würde, würde man schnell zu einem Abschluß gelangen. Die belgischen Sozialisten senden in den nächsten Tagen eine Kommission ins Ruhrgebiet, um die Verhältnisse ju prüfen, und eine nach Paris, um mit den französischen Socialisten zu verhandeln. §X:ß die Mannschaften der 7. Division, die am 31. März entlassen werden sollten, nunmehr Unter den Fahnen bleiben müssen, um die Truppen im Ruhr- gebiet abzulösen, wird in Belgien mit großer Unzu- friedenheit ausgenommen.
Reuter meldet, Staatssekretär Hughes hat ein n mt l i ches Demc n ti der Pressemeldungen, wonach Groß- britannien Vorschläge für eine amerikanische Vermittlung zwischen Frankreich und Deutschland in der Ruhrfrage gemacht haben sollte, veröffentlichen lassen. In London wir^
von zuständiger Seite erklärt, daß Großbritannien, wenn sich die Gelegenheit ergeben würde, seinen Entschluß wiederholen werde, zwischen Deutschland einerseits und Frankreich und Belgien andererseits n i ch t zu vermitteln. Es werde erklärt, die Frage gehe England nichts an insofern, als es Deutsch-
Koridauer des Terrors in Buer.
Beseitigung der deutsche« Zeugen.
Die Terrormatznahmeu der Franzose« in Buer dauern fort. Die Zeitungen dürfen nicht erscheine«. Die deutschen Zeugen, die unter Eid bekundeten, daß nur Franzosen als Mörder der erschossenen französische« Offiziere in Betracht kommen könnten, find verhaftet worden. So wurde von den Franzosen ein Zivilist verhaftet, der Deutschen gegenüber angab, daß er die französischen Mörder der frauzostschen Offiziere bei der Tat beobachtet habe.
Me Franzosen geben jetzt selbst zu, daß zwei Alpenjäger am Abend der Ermordung der frauzöstschen Offiziere verschwunden sind. Trotz dieser Festfiellung widersprechen sie aber den deutschen Zeugenaussagen, daß die Verschwundenen die Täter sind, sondern behaupten ohne die Spur eines Beweises, die Alpenjäger würden von den Deutschen heimlich umgebracht und ihre Leichen beseitigt worden sein. Während die Franzosen bisher lediglich erklärten, die Oeff- nung der Leichen der beiden franzöfischen Offiziere, zu der man deutschen Aerzten den Zutritt verweigerte, habe ergeben, daß die tödlichen Schüsse aus einer Parabellum-Pistole abgegeben seien, heißt es in einer neuen französischen Erklärung, daßdieKugelnsichnicht hätten aus den Körpern entfernen las se n.
Aus Paris wird gemeldet: In RMinghaufen haben französische Posten auf d r eiD e u t s
Brei DeuffchensindköokiH"getroffen worden. Ueber eine solche neue französische Mordtat liegen noch keine deutscheyMeldungen vor.
Zu dem Mord in Bochum.
an dem Kolonialwarenhändler Ludwig, der vor einigen Tagen in Bochum von einer französischen Patrouille erstes: en worden ist, wird auf Grund amtlicher deutscher FeststeHungcu noch folgendes bekannt: Ludwig hatte an einer Beerdigung und darauf folgender Trauerfestlichkeit teilgenommen. Als er sich mit zwei Bekannten gegen 10 Uhr abends auf bem Heimwege befand, wurden sie unterhalb der Bahnunterführung in der Hernerstraße von zwei französischen Soldaten angehalten und nach ihren Päs s en gefragt. Ms Ludwig seinen Paß nicht schnell genug zur Hcuw hatte, wurde er v c r h a f - tet. Seine beiden Begleiter hörten bald darauf einige Hunderte Schritte entfernt Schüsse fallen und darauf verzweifelte Hilferufe. Als sie zurückeilten, fanden sie Ludwig blutüberströmt auf der Straße liegen. Ein hinzugerufener, Arzt konnte nurnoch den Tod feststellen.
•
Wie erinnerlich, wurde auf beut Bahnhof DüfseKorf-Bilk ein kleines Mädchen von einem ftxrnzösischen Korporal erschossen. Dieser wurde jetzt vom Kriegsgericht in Düsseldorf zu zwei Monaten Gefängnis mit 6traf = aufschub verurteilt.
Die Franzosen haben in der Oberpostdiroltion Düsseldorf sämtliche Marken der Angestellten- versicherung weggenommen. Da in der Angestelltem Versicherung das Dkarkerwerfahren erst vom 1. Januar 1923 an zur Einführung gelangte und der geraubte TKören- bestand, den für die Postanstalten bestimmten ersten Bedarf barftcHte, ist das gesamte Ruhrgebiet noch ohne Marken. Es ist bezeichnend, daß die Franzosen selbst nicht davor zurückschrecken, die Durchfiihrung der sozialen Gesetze zu unterbinden. *
An qhme des Gisuergesehes im Reichsiag.
Die Beratung des Reichstags am Donnerstag wurden eröffnet mit der all reinen Aussprache über die dritte Lesung der Vorlage ü; die Anpassungder Steuern an die Gel den ier tung. Der Sozialdcurokrat Dr. Hertz stellte fest, rß durch die Vorlage das Problem der Anpassung der Steu... esetze an die Geldentwertung nicht gelöst »erbe.
Minister Dr. Hermes erklärte, der Entwurf tolle nurvorübcrgehendcBcdeutung haben. Bei der • Erhöhung der Bewertung mußte auf die vorl-andene Kredit- 's not Rücksicht genommen werden. Berücksichtigt werden te.nt nur der Wert" der Papiere nach dem Kursstand vom 31. Pe> sember 1922. Die Evt'"'" -n 1. Januar mu§^ imßer Ansatz bk . . -s). Wir müssen un
hüten, einen zu großen Druck durch einez« w ertx gehende Stützungsaktion auf die fremden DeoWn s, üuszuüben. Es wäre "sinnlos, die Wirtichaftsgrundlage zu'