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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt durch die Dost bezogen monatlich 1000 Mk., für Hersfeld 800. Mt., Abholer 750. Mk. / / Anzeigen­preis für die einspaltige Detitreile ober deren Raum 50 Mk., für auswärts 70. Mk., die Retlamereile 150- Mk. / / Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungs-Derleger. / / Für die Schriftleitung verantwortlich Franz Funk in Hersfeld. / / Fernsprecher Nr. 8.

Nr. 36 Sonnabend, den 24. März 1923

Das Wichtigste.

i' Der Verchskanzler h»t in seiner Münchener Rede er­neut Betont, bog die Vorbedingung aller Verhandlungen die "vor becha l t lose Räumung des R u h r g e b i e t e s ist.

Im preußischen Landtage gab Minister Severing Aufschlüsse über sein Vorgehen gegen die Selbstschutz- orgarrifationem

Räch erfolgtet Verständigung der bürgerlichen Parteien des Reichstages kommt mit Zustimmung der Reichsregierung die ® etteibeUmlage für das nächste Erntejahr in Fortfall.

Wochenröckblick.

Nach zweimvnotelangem Hin und Her ist endlich die f äch f ische Regierung mit einigen Personalverände­rungen wieder gebildet worden, und der neue Ministerpräsi­dent, Dr. Zeigner, wird zu erweisen haben, ob er mit den Kommunisten besser fertig zu werden versteht als sein Vorgänger. Als Preis für diese mühsam erzielte Verstän- diMng zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus ist das Projekt einer sächsischenArbeitebkammeran- zusehen, der weitgehende Befugnisse (Einbringung-von Gesetz­entwürfen, Antrügen usw. bei anderen Körperschaften) einge- ränmt werden sollen, was eine Art Rätes ystem neben dem sächsischen Landtag darstellen würde. Da in Sachsen die Un- abhürrgigen alter Provenienz den Ton angeben und viele Be­rührungspunkte, mit den Kommunisten haben, diese aber das Zünglein an der Wage der Entscheidung sind, erklärt sich die in anderen Ländern unmögliche Bundesgenossenschaft, wobei der Kleine dem Großen sein Uebergewicht fühlen läßt.

Der Versuch, die Entente -K on tro Ilk o m mi s - £»m wieder in Bewegung zu setzen, ist geeignet, rdmltsch-französische Spannung zu steigern. Das Auftreten

'& Spanhau erregtes als er mit anderen KoMmiffronsmitgliedern unter Führung eines deutschen Ma­jors au einer Besichtigung des Betriebes teilnehmen wollte, den Betriebsrat der Werstarbeiterschaft und zwang die Kom­mission zum Rückzug, nachdem der Betriebsrat die Garantie für die persönliche Sicherheit des Belgiers abgelehnt hatte. Es muß hervorgehoben werden, daß es Arbeiter waren, nicht Behörden, die diesen folgenschweren Schritt unternah- men, um dem General Rollet ihr Mißfallen mit seiner Spio­nagetätigkeit auszudrücken.

Während Frankreich auf seine Sicherheit ängstlich bedacht ist und mit dieser schlecht gespielten Angst seinen Ruhrüberfall zu rechtfertigen sucht, fängt man in London an, sich mit der Sicherheit Englands zu beschäftigen. Lord Cecil hat zwar emphatisch in die Welt hinausgerufen, in den nächsten zehn Jahren fei kein großer Krieg zu befürch­ten, aber er wird bei vielen Engländern keinen Glartben finden; sie sind besorgt wegen der Stärke der fran­zösischen Luftflotte, die im Jahre 1925 2180 Ma­schinen (jetzt 1260) betragen soll, während England zurzeit nur über 357 Maschinen verfügt. Der englische Luftfahrt- tninifter hob dieses Mißverhältnis hervor, um die Erhöhung des Voranschlages von 10 895 000 Pfund Sterling auf 112011000 Pfund zu rechtfertigen, und er bezeichnete, wenn man den Einmüchtestarrdard auf die Luftftreitkräfte anwende, sogar eine (Steigerung um weitere 5 Millionen Pfund für geboteir. Aus diesem Gesichtspunkt Hermes ist die vorsichtige Zurückhaltung Donar Laws zu verstehen, die einer erzrmingenen Friedfertigkeit ziemlich ähnlich sieht. Aus einer Rede des Lords Birkenhead im Oberhaus ist zu entnehmen, daß Frankreich das Märchen verbreitet hat, große ^deutsche Lustvorbereitungen seien im Gange, und damit will mich das Oberhausmitglied die Verstärkung der französischen Lufistreitkräfte erklären, und er wundert sich, daß eine Ration, die England riesige Summen schulde, die Mittel für so ge­waltige Rüstungen in einer Zeit finben würde, wo nicht die geringste Aussicht auf Rückzahlung bestehe. Liest man zwischen den Zeilen, so bemerkt man den auf Frankreichs Angriffs­bereitschaft anspielenden Verdacht.

Aber die franzosenfreundliche Politik Donar Laws hat dadurch keinen Stoß erlitten, ebensowenig wie durch die Wahlniederlage seiner drei Minister. Im Gegenteil, er hat eine Reihe Aemter der inneren Verwaltung mit ausge­sprochenen Fr a n z o s cn f rc u n d e n besetzt und da­mit die deutschfeindliche Strömung in seinem Kabinett bc- denklich gestärkt, was sich alle die gesagt sein lassen sollen, die auf einen Umschwung der Stimmung in der englischen Mehr­heit hoffen. Die Leiden der Ruhrbevölkerung rühren den . Stockengländer nicht; erst wenn er gar zu empfindlich aus ; seinen Goldnero gestoßen wird, setzt er sich zur Wehr, und so weit haben es die Franzosen trotz mehrfacher Ansätze.nicht

kommen lassen. xxx

Kanzlerrede m Mönchen.

Bei dem Empfang im Münchener Rathaus hielt der Reichskanzler die erwartete große politische Rede. Er sagte darin ungefähr folgendes:

Wo heute deutsche Männer und Frauen zusammenkommen, ist mit ihnen die Not deschcutschen Vaterlandes, beherrscht sie der eineGedanke an Ruhr und Rhein. Gemein­sam ist uns nicht mehr nur die Frage schwererer oder ge­ringerer Rot, sondern die Frage um Leben und Tod der Nation. Klarer und Heller aber auch als je sehen wir heute am fernen Himmel das Ziel der Freiheit.

Zu dem Unrecht im Vertrage ist jetzt das Unrecht gegen den Vertrag gekommen, so sichtbar, so grell, daß sein Feuerschein auch in die erloschenen Augen eines Blinden leuchten müßte. Wie ich denn auch hier ausdrücklich feststellen möchte, ist aus dem seit Unterzeichnung des Der- failler Vertrages veröffimtlichten Depeschenwechsel der rus­sischen Diplomatie der unanfechtbare Beweis zu er­bringen, daß alles, was von der französischen Regierung über Deuffchlmrüs Verhalten bei der Vorbereitung und Ent­stehung des Weltkrieges gesagt wurde, erfunden oder tendenziös entstellt ist.

Was wir wollen,

ist einfach und klar. Wir wollen unseren Staat er­halten. Wir wollen uns die Freiheit erringen in schwerer Arbeit, unter Anspannung aller Kräfte. Wir wissen, daß wir schwere Lasten zu tragen haben und find dazu bereit. Was wir ablehnen und ablehnen müssen, sind Forderungen, die über unsere Kraft gehen, denn damit würde uns wieder ein Strick um den Hals geworfen, an dem der Gegner ziehen und zerren kann, wenx an. Äm beliebt. Daß im Rahmen der Staatshoheit das waffenlose Deutschland zu Wkommen bereit war, bezeugen das 9IngeW des Rheinlandpaktes und unsere Bereitwilligkeit, dem Gdanken andere Formen zu geben. Ein­brüche in die Staatshoheit sind aber unerträglich.

waffnetc

Deuffchland einer Sicherheit bedarf, mehr noch als Frankreich, das Land der größten Landarmee und der größten Luftflotte? Nichts vermag die Tatsache aus der Welt zu schaffen oder auch nur zu be­schönigen, daß der französische Einbruch völlig rechts­widrig erfolgt ist. Sehe Diskussion über die Beendigung des gegenwärtigen Konfliktes muß daher von der vorbehalt­losen Räumung des Einbruchsgebietes ausgehen. Solange das Regime der Gewalt und der Rechtlosigkeit nicht endgültig aufgegeben ist, ist ein Regime der vertrags­mäßigen Erfüllung undenkbar. Herr Loucheur hat in Grenoble angekündigt, daß es auf nicht weniger ab­gesehen sei, als auf die Loslösung des Rheinlandes von der deutschen Souveränität. Solchen Plänen gegenüber gibt es nur ein unbeugsames Rein! Daran vermag das Gesumme von den angeblichen deutschen Dermittlungsbitten und Verhandlungsfühlern, mit denen von Paris aus die Luft erfüllt wird, nichts zu ändern. Kein Wort ist wahr daran. Die Reichsregierung hat niemand um Vermittlung gebeten, dagegen gar manche Fühler empfangen, nicht, wie Herr Herbette vom Quaid'Orsay behauptet, täglich drei, wohl aber

jede Woche einen.

Wir sind allen nachgegangen, aber immer traten die Ver­mittler schlecht legitimiert oder die Vorschläge ein Attentat auf Ehre und Vernunft. Bei aller Bereitwilligkeit zu einer vernünftigen und ehrenhaften Ber- ftündigung konnten und können wir uns auf derartige Fühler nicht ein lassen.

In meiner Reichstagsrede habe ich darauf hingewiesen, wie sich im bedrohten Gebiet Männer und Frauen aller Par­teien längst die Hand gereicht, im gemeinsamen Kampfe sich achten und schätzen gelernt haben. Davon haben wir alle im Binnenlande zu lernen. Jetzt ist keine Zeit zu Hader und Zwiespalt, sondern es heißt, Anschauungsgegensätze zurück- zustellen und auch im gegnerischen Parteilager die Gemein­schaft deutscher Brüder zu achten, die in einem Kampfe stehen.

Heute, da wir vor der Schicksalsfrage stehen, ob wir im zähen Abwehrkampf in einer dem drängenden Herzen müh­sam abgerüngenen Selbstbeherrschung unserem Weg treu bleiben, brennt heller und leuchtender als je das Feuer der Erkenntnis, dack wir eins fein müssen und treu. Einigkeit! unsere Waffe gegenüber allen Versuchen, uns zu zerspalten im Kampfe der Parteien und Stände unter­einander! Recht unsere Waffe gegen Gewalt! Freiheit das Ziel! Hock, Bayern, und Deutschland über alles!

Der Kanzler m Stuttgart.

Reichskanzler Dr. Euno hat Freitag früh 8 Uhr München wieder verlasse» und ist am Mittag in Stuttgart ein- getroffen. Am Bahnhof wurde er vom württembergiseen Staatspräffdeuten empfangen. Der Reichskanzler hat die Ab­

sicht, das Staatsministerium zu besuchen und später die Presse zu empfangen. Er wird sich dann in den Landtag begehen wo ihn die Vertreter der Fraktionen und das ^taats- ministerium begrüßen werden. Später findet ein Essen im kleinen Kreise im Staatsministerium statt. Auch mit Ver­tretern der Industrie, Wirtschaft und Kunst wird im Handels- Hof eine Aussprache stattfinden.

Keine Rede von Verhandlungen!

Die ganze ftanzösische Presse ist über die Münchener Kanzlerrede außerordentlich entrüstet. Es fei gleichgültig, wird gesagt, ob die Reichsregierung verhandeln wolle oder nicht. Kapitulieren müsse sie doch. Nur die Blockade würde Frankreich im Laufe der Zeit größere Genugtuung verschaffen. Das »Journal" fuhrt aus, von Ver­handlungen könne keine Rede sein, sondern nur von einer Unterwerfung Deutschlands. Es gäbe nur ein Programm für die Erledigung der Ruhrgebietsfrage, nämlich jenes, welches von dem Sieger den Besiegten aufgezwungen werden würde. Mit Deuffchland werde man nicht sprechen. Deutschland müsse die Dinge nehmen, wie sie ihm dikttert würden.

poincare über seine farbigen Brüder.

Poincare hielt in der Französischen Gesellschaft für Handelsgeographie eine Rede über die farbigen Truppen. Er führte aus, daß Frankreich, ;$£ es im August 1914 angegriffen wurde, sofort die Unterstützung bei allen seinen Kolonien gefunden hätte und daß sie den französischen Truppen halfen, Deuffchland zu besiegen. Frankreich werde nie vergessen, daß alle seine Kinder, ob sie weiß, gelb vder schwarz seien, es gerettet hätten. Deuffchland habe aus Neid über die nationale Kraft Frankreichs eine Der- lcumdungskampagne gegen bb Smrbigen Truppen begonnen, aber kein einziger französischer Soldat habe sich so ausgeführt, wie die deutschen Soldaten in Frankreich ,

Severing gegen die Selfischutzverbände.

Am Freitag stand auf der Tagesordnung des Preußi­schen Landtages die sozi a l d e m o kr ati s ch e Inter- pellation wegen der Selbstschutzorganisatio- h e n. Zu ihrer Begründung nahm der Abg. Hauschild- Tassel das Wort. Er führte aus: Die sozialdemokratische Partei muß Klarheit haben über die Maßnahmen, die zum Schutz der öffentlichen Ordnung getroffen werden. Es er­geben sich aus den Nachrichten, die int Lande verbreitet werden, drei Lesarten: 1. das Bestreben der Selbstschußverbände, die republikanische Regierung mit Waffengewalt zu beseitigen, 2. einen Bürgerkrieg zu entfesseln und 3. die Lesart, daß an diesen Bestrebungen auch staatliche Organe teilnehmen. Jede Regierung, die mit derartigen verbotenen Formationen Ver­bindungen anknüpfe oder eine derartige Verbindung zulasse, verletze gröblich ihre Pflicht. Trotz alldem sei es erwiesen, daß zwischen der Reichswehr und den verbotenen Selbstschutzverbänden Verbindungen be­standen hätten. Die Bemühungen des Ministers des Innern, diese Zusammenhänge zu lösen, seien durchkreuzt worden.

Auffallend sei das sichtbare Interesse, das General Lu- d e n d o r f f den Selbstsämimrwnisationen entgegenbringe. mit demselben Interesse habe er auch den Kapp-Putsch bc= gleicht. Auch bei Herrn Helfserich zeige sich das gleiche Intresse. Der Redner bezeichnete es als eine Anmaßung der Selbstschußorgansationen, sich zur Bekämpfung einer roten Armee polizeiliche Befugnisse zuzulegen. Stuf der schwar­zen Liste dieser S e l b st s ch u tz v e r b ä n d e stehe a n erster Stelle Rlinifchr Severing.

Minister des Innern Severing:

Ich hoffe, daß die heutige Aussprache in ihrem Effekt doch das ersehnte Ziel unkrstüßt, nämlich die Ruhrkämpfer zu überzeugen, daß die Vernünftige- i m L a n d e, die p r e u ß i s ch e V o I k s v e r t r e t u n ; hinter ihnen stehen, und sich wie ein Mann gegen Sie wenden wollen, die durch ihre Handlungen dft"Einheitsfront an der Ruhr stören (Lebhafter Beifall). Es ist nicht richtig, daß ich einen Schlag gegen die nationalistisckwn Verbände führen will. Richtig ist' daß ich gegen jeden Gegner des Staates vorgehen will, ganz gleich, welchen Mantel sie sich umgingen, und welches Etikett sie sich geben. Der iübgeord- nete Hauschild hat darauf hil,gewiesen, daß behauptet worden sei, die Selbstschutzorganisatiruen seien die Cadres zur Orga­nisation des Bürgerkrieges. Staatsorgane seien baran her­vorragend beteiligt. Die Lesart daß die Selbftschutzorgani- sationen das Rekrufferungsgebiet für derartige Formalionen ss seien, ist wahrscheinlich unterstützt worden durch die TalAAe.T daß viele junge Leute sich in den ersten Tagen des Ruhnüi: h Marsches zur Einstellung in die Reichswehr meldeten. Ichs) möchte aber doch meinen daß diese Bewegung nicht ohne8 weiteres mit den Sell>stkckmtzbestrebungen zusamniengeworfenk werden kann, ^a^ Reichswehrministerküm hat durch alles seine militärischen Stellen diese jungen Leute abgelehnt. Wasss