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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dinstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Derngsprris beträgt durch die Dost bezogen monatlich 1000 Mk., für Hersfeld 800 Mk., Abholer 750. Mk. / / Anzeige»- preis für die einspaltige Detitzeile ober deren Raum so.Mk.. für auswärts 70 Mk., die Reklamezeile 150 Mk. / / Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des Vereins Deutscher Aritungs-Verleger. / / Für die Schriftleitung verantwortlich Franz Funk in Hersfeld. / / Fernsprecher Nr. 8.

Nr. 37

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Dienstag, den 27. Mär;

1923

l Das Wichtigste.

Der, Führer der Argonventruppen, General vor Mudra, ist in Wiesbaden von den Franzosen ver­haftet worden.

Der Reichskanzler ist wegen einer verschleppten Er­kaltung bettlägerig.

Zwischen der Schweiz imb Frankreich ist wegen der Richtratifizierung des Hochsavoyen-Abkommens ein Konflikt ausgebrochen. ,

Parkamentsserien.

, Die Reichsboten haben sich nach Hause begeben. Die sonst üblichen Osterwünsche, womit der Präsident das hohe Haus bei diesem Abschnitt seiner Tätigkeit zu entlassen pflegt, blieben diesmal aus. Der Reichstag war kurz vor seiner .Verabschiedung in Ohnmacht gefallen und konnte trotz mehr­facher Bemühungen nicht daraus geweckt werden, was ver­mutlich seinen Grnnd in Ueberarbeitung hatte. Immerhin, eine Verärgerung war da, denn die Feststellung einer hart­näckigen Beschlußunfähigkeit nach einer so langen Reihe be- deutsanrer Sitzungen ist kein angenehmer Abschluß, und die Pflichtgetreuen mögen nun während der bis zum 11. April währenden Pause den Saumseligen ins Gewissen reden. Daß bei dieser Gelegenheit die Linke der Rechten Vorwürfe wegen ihrer Obstruktion machte, ist begreiflich, aber auch hier gilt der Satz: »Der Kessel schimpft auf den Ofentopf, weil er schwarz ist."' Es ist noch unvergessen, daß auch die Linke von dem geschäftsordnungsmäßigen Mittel, unbequeme Beschlüsse zu verhindern, unlängst ^brauch gemacht hatte. Also haben sich beide Teile nichts vorzuwerfen.

Allzu tragisch sind derartige Kille nicht zu nehmen, da im großen ganzen viel Arbeit geleistet wird namentlich in den B y s

en waren i

oder weniger von der Erregung über die Erei gnisse an der Ruhr durchzittert, und in den Ferien werden die M- geordneten aus dem Westen ihre Kenntnisse von den fran­zösischen Rechtsbrüchen und den handgreiflichen Proben der Pariser Zivilisation durch den Augenschein bereichern können. Einen breiten Raum nahmen die Erörterungen der Vorlage betr. die Anpassung der Steuern an die Geld­entwertung ein. Der Reichsfinanzminister beklagte die Verzögerung der Verabschiedung des Gesetzes, weil dadurch die Veranlagung gleichfalls verzögert würde. Bis zum Mai werden die Reichstagsabgeordneten Zeit haben, Stellung zu nehmen zu der Aufbringung der Unkosten durch Belastung des Besitzes, die die Annahme des Antrages auf $ erbt II i- gung des Brotes zur Folge hat. Hauptsächlich ist die Zwangsanleihe zu diesem Zwecke ins Auge gefaßt.

Besondere Aufmerksamkeit wird die Aufhebung der Ge- treideunüage in ihrer Auswirkung auf die Produktion er­heischen. Da sich selbst die Demokraten zum Grundsatz bet freien Wirtschaft bekannt haben, vollzog sich die vom 'Ernährungsminister Dr. Luther in die Wege geleitete Ab­schaffung der Zwangswirtschaft in verhältnismäßig glatter Form, und die Volksvertreter haben nun Muße, sich mit ihren Wählern darüber auseinanderzuse^n. Da amtlicherseits die Versicherung gegeben ist, daß die Volksernährung bis zum Sonnner gewährleistet werden Kann, dürfen wir auch für die Versorgung der Ruhrbevölkerung das beste hoffen.

Eine Beruhigung in dieser Hinsicht war um so notwendi­ger,' als uns die Denkschrift, die der Reichsschatzminister dein Reichstag übergeben hat, die Augen über die Kosten der Rheinlandbesetzung öffnet. So trocken diese Zäh- .lenreihen sind, so erschütternd wirken sie doch, wenn wir er­fahren, daß die vormalige Belegung mit deutschen Truppen sich durch den Franzosmeinbruch mehr als verdoppelt hat. Was sonst noch an Quarfierlasten der Einwohnerschaft unter Vertreibung aus ihren Wohnungeir aufgebürbet wird, was die Beamten durch ihre Ausweisung zu halben haben, wird durch die Denkschrift ins hellste Licht gestellt und gibt ein er­greifendes Bild des über pflichttreue Männer verhängten M ü r t y r e r t u m s. Besonders sind alle im Verkehrswesen beschäftigten Beamten ohne Unterschied ihrer Stellung von dieset Barbarei betroffen, in erster Linie auch die Post. Sie ver­sucht trotz aller Bedrückung die Verbindung mit dem unbe­lebten Deutschland aufrechtzuerhalten und ihrem Bemühen ist es zu verdanken, daß der Geist der passiven Resistenz unb des ».geduldigen Ausharrens vorbildlich weiterwirlt. Ohne diese «Beamtenschaft wäre der Kampf um die Ruhr nicht durchzu- sfübren, darüber sind alle Parteien einig, und die Pflicht eines lieben Deutschen ist es, den Opfern ihres Berufs nach Kräften s beizuspringeil. Auch nach dieser Richtung hin muß die Parla- k mentspaule agitatorisch ausgenufit werden, und wenn die 1 Neichsboten unter dem frischen Eindruck ihrer Beobachtichgen 'j wieder zusammentröten, wird dies hoffentlich geschehen im

Geiste jener Einmütigkeit, die an der Ruhr die statt« zösische Gewaltherrschaft bereits ins Wanken gebracht hat.

General v. Mudra verhaftet.

Auf Grund der belgischen Aus li efer u»g s li st e.

Die Frankfurter Zeitung meldet aus Wiesbaden: Der bemannte Preussische Heerführer General von Mudra ist von den Frauzosen verhaftet wor­den. Von Mudra war der Führer der Argonuentruppem

wird, ist bis jetzt noch zu ermitteln. Auf der französischen Auslieferrmgsliste steht der General von Mudra nicht. Auf der belgischen Liste kann er unter den dort verlangten nicht namentlich aufgeführten Kommandeuren der erstenArmee Inbegriffen fein, die beschuldigt werden,-

Da General von Mudra schon seit 1919 ganz unbehelligt in Wiesbaden wohnt, war anzunehmen, daß man ihn nicht zu den Stommmcheuren des ersten Korps rechnete, deren Aus­lieferung verlangt wurde. Woher diese plötzliche Sinnesände­rung? Will man durch die Veranstaltung eines Prozesses wegen sogenannter Kriegsverbrechen die öffentliche Meinung in den neutralen und verbündeten Ländern, die das Vorgehen Frankreichs unb Belgiens im Ruhrgebiet verurteilt, untftirnmen? Will man die Erinne­rung an das, was Frankreich und Belgien im Kriege erlitten haben, wieder lebendig umchen, um sich milderndeUm- stände für die im Ruhrgebiet begangenen Ver­brechen bewilligen zu lassen? Das wäre ein zu vollkommenem Mißlingen von vornherein verurteilter Versuch. Denn, was ein im Kriege gegen eine ungeheure Uebermacht um sein float« liches Dasein kämpfendes Volk tut, muß anders beurteilt meiden , als was eine in ein friedliches Land vertrags­widrig einbreche

Me-srirachiige Behandlung her verurieilien Samten,

I« Gefängnis ZWerbrücke«, in dem zurzeit die Mehrzahl der vo« de« Franzose« zu Gefä«s«iS- strafe» Verurteilten deutsche« Beamten untergebracht ist, herrschen nach Mitteilungen, die an den zuständigen Stelle« in Berlin eingegange« sind, die unwürdig ste« Zustände. Den Gefangene« werden alle Vorteile, die sonst politischen Gefangene« gewährt werde«, verweigert. Das Rauchen ist ihnen verboten, Lektüre wird ihnen vorenthalten, und jede Korrespondenz ist untersagt. Die Beschaffung einer auderc« Kost ist de« Gefangenen verboten, die Behandlung ist die gemeiner Verbrecher, mit denen sie Msommem gesperrt sind. Die schlimmste Form der Einzelhaft wird angewendet, und die Bewachung erfolgt durch T « r k o s.

Wieder eine schwere Bluiiai.

Der 27 Jahre alte Berg man nKarlBracht wurde

am Sonnabend an der Bahnstrecke zwischen Vorhalle und Bollmarstein von einer französischen Pa- trouillberschosseu. Bracht lrefand sich auf der Reife von Hagen nach Bochum imb mußte wegen der Zugunter- brechung in Vorhalle aussteigen. Er versuchte dann, mit Mixn Mitreisenden seine Reise zu Fuß fortzusetzen, geriet da» bei in die Nähe der militarisierten Bahnstrecke VorhalleVollmmstein, die er jedenfalls in Unkennt­nis der erlassenen Bestimmungen zu über- s ch reiten vers u ch t e. Dabei wurde er von der franzö­sischen Vtchnhofmvache erschossen. Die Zeugenvernehmungen hübe« keinerlei Anhaltspunkte für die von

. . t französischer Seite verbreitete Darstellung ergeben, daß von deutscher Seite auf die französische Wcrche Schüsse abgegeben worden seien. Trotz wiederholter Bcmühmrgen von deutscher Seite ist die L e i ch c bisher nicht freigegeben worden.

Anscheinend auf Grund der fvMizösisch-belqischen Regie- verordnung sind in Worum bereits 38 Inhaber von D i e n st w o h n u ii g c n, die sich den Franzosen nicht gefü­gig zeigten, innerhalb 24 Stunden aus ihren Dienstwohnun­gen ausgewiesen morden. Auch inKarthaus wur­den 14 Eisenbahnbedienstete, die unter den Franzosen nicht arbeiten wollten, ausgemiefen. Ferner ist der Vorstand des Betriebsamt in Worin 2, Regierungsk«urat Jordan, ver­haftet und a u s g c w i e s e y worden. Die Familie hat in­nerhalb vier Tagen zu folgen.

Maschinenraub in Offenburg und Düsseldorf.

Nach Meldungen der zuständigen Stollen in Karlsruhe haben die Franzosen sämtliche Reparaturnlasd>inen der O f sen bu r ger R e i ch s b ahn we r kst Ü tte n a ch S tr. bürg abtransportiert. Die Franzosen haben a^t) von dort

her drei schwere Kräne hevmgcholt, um nun auch die großen Maschinen abzumontieren und nach dem Elsaß abzu- transportieren.

Ein belgischer Beamter der Wiesbadener Bureaus für Requisitionen hat seine Tätigkeit nach Düsseldorf verlegt und dort in einer Maschinenfabrik 1300 Tonnen In- dustriematerial beschlagnahmt, das einen Wert von 5 Millionen Frank repräsentiert. Dieses Material wird zwischen Frankreich und Belgien aufgeteilt werden. Aehnlich wurde auch in Duisburg vorgegangen. Sonnabend vor­mittag haben die Franzosen 120 Millionen Mark Lohngelder aus den Wohnungen der Meister der Rhei­nischen Metallwerke in Duisburg, wo sie wegen der Besetzung der Werkstätten ausbezahlt werden sollten, beschlagnahmt. Das Werk ist stillgelegt.

Zur Auflösung der

DeuischvöMschen FreiheiiSpariei.

In Thüringen sind Abgesandte der bayerischen HÄlergarden fest genommen worden, die einen Alarmbefehl an die Thüringer Mitglieder der 34. Hundertschaft mitführten, wonach diese sich Sonnabend mittag 2 Uhr in Hof zum Ab­marsch noch unbekanntem Ziel einfinden foßten. Auch in Gera und anderen thüringischen Orten sind Verhaftungen erfolgt.

Auch in Breslau wurden Haftbefehle erlernen, und zwar gegen den Ingenieur Erich W i t t, den Ingenieur Heinz Wistinghausen, Frau Irmgard v. Reichenau und den Kaufmann Hans Werner S t i r i« s, sämtlich aus Ares- lau, ferner gegen den Kaufmann Johann T o e l ler in Treb- nitz und den früheren Leutnant Horst v. Tettenbo er . in Berlin. Die Polizei nahm eine Reihe von Haussuchungen vor, bei denen Material zutage gefördert wurde. "3n Hannover sind der Herausgeber der deutschvslkischen Zeitschrift, Sturm, und einer feinet Mitarbeiter, Brink- m LN n, verhaftet worden. inui

Minister Severing hat an die Oberprasidenlen fol­gendes Rundtelegramm geschickt:

boten. arte gegebenenfalls schärfstes Zu greifen. Innenminister.^

Die Führer der Deutschvölkischen Freiheitspartei, die Zlb- geordneten v. Graefe, Wulle und Henning. hatten, wie derBerliner Lokal-Anzeiger" meldet, am Sonnabend beim Reichskanzler um eine Besprechung nachgesucht. Sie haben ferner beim Untersuchungsrichter in Moabit be­antragt, unter Eid vernommen zu werden, damit sie, wie sie erklären, die Haltlosigkeit der gegen die Deutsch- völkische Freiheitspartei erhobenen Vorwürfe restlos aufklären können.

Am Sonnabend ist ein von Nationalsozialisten besetztes Auto auf der Fahrt nach Erdling in der Nähe Münchens ver­unglückt, und zahlreiche Insassen sind schwert verletzt worden. Das daraus entstandene Gerücht, es handle sich um einen Ueberfall gegen die Nationalsozialisten, erwies sich als unrichtig.

Gavoyen-Konfliki zwischen

Frankreich und der Schweiz.

Die französische Regierung hat in einer Note vom schwei­zerischen Bundesrate die D u r ch f ü h r u n g des vor einem Monat in der schweizerischen Volksabstimmung mit un­geheurer Mehrheit verworfenen 8 o n c n a b t o m m c n s gc^ - fordert und diese Bo lksa b st imm u n g als ungültig erklärt. Diese Haltung Frankreichs hat in der Schweiz tief­gehende Ueberraschung und Erregung hervor- gerüfen. Das Journal de GenSve wie die Gazette de Smts. sänne und die Genftr 6ui|p betonen, daß die französische Forderung ungerechtfertigt, unbegreiflich und unannehmbar sei und daß die Bevölkerung sich erb schlössen hinter die ablehnende Antwort stellen werde, die 8eü^ Bundesrat nach Paris gesandt hat.

Der Borschlag der Schweiz, die Frage der Freizonen vor das Haager Schiedsgericht zu bringen, ist von Frankreich auch abgelehnt worden. Die französische Regie stellt sich auf den Standpunkt, es fei bei der Unterzeuch des Freizonenabkommens nicht vorgesehen gemessn,

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.............. , vorgesehen gewesen, dieses der Ratifikation durch eine schwewizerische Volksabstim- mutig bedürfe.

Lniekaüiierie Sozialiften in Berlin.

Die Besprechung zivischen Vertretern der Sozialdemokra- tifcheu Partei.Deutschlands und der von der Pariser Es- ' S'"stMkonferenz bet interalliierten Länder nach Berlin ent-

ten Abordnung nahm am Sonnabenb im Reichstags- Mmude ihren ^lnsaua. Die Alwrbnmiq, bestehend atss demH Abgeordneten Dom Shaw (England), Vincent Auriol undft Grunrbach (Frankreichs, Hunsnmns ^lolgien) und Makieottitz (Iwlien), erstattete Bericht, über die Pariser Perhandlungen.» nüchrend von deutscher Seite die Ansätzurungen der CeSal d dkinokratifchen Partei bargt legt wurden. Nach der aligt g meinen Ältss^rüche trat man beginnend mit dein Repaftü-x tionsproblem, in die Spezialdebatte ein. £