Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Mr. 40 Dienstag, beu 3. Aprll 1923
Das Wichtigste.
— In Mannheim haben die Franzosen die Besetzung «uk den Bahnhof Neckar-Bor stadt und die Benz- Werke ausgedehnt.
— Der Banknotenumlauf der Reichsbank hat sich in .der Berichtswoche um 6 8 3.1 Milliarden Mark erhöht.
Poinear^s „Rechtfertigung".
Die Diplomatenkrankheit ist bekannt; in den seltensten Fällen tritt Genesung ein, aber in unserer mit politischer Elektrizität geladenen Gegenwart ist Kranksein weniger bedenklich als Reisen. Schon ein einfacher Besuch, den ein fremdländischer Botschafter einem Auswärtigen Amt abstattet, alarmiert die übernervöse Pariser Preffe. So ist denn auch der deutsche Botschafter in London S t h a m e r, als er von Lord T u r z o n empfangen worden, sofort bezichtigt worden, England zu einer Vermittlungsaktion anstiften zu wollen. Da unmittelbar darauf Herr L o u ch e u r sich nach der Themse- Kadt begeben hat, könnte man auch bei ihm politische Absichten wittern. Aber davon darf nicht die Rede sein: Französische Staatsmänner, aber nur sie allein, reisen nur in Privat- Ängelegenheiten; alle andern sind dringend finsterer Pläne verdächtig.
Kaum war die Kombinationsgabe der französischen Berichterstatter durch dieses Zusammentreffen von Ereignissen aufs höchste gespannt, als ihr eine neue Aufgabe erwächst. Es muß dem Quai d'Orsoy wieder einmal ein die Sicherheit Frankreichs gefährdendes Minimum aus der Ruhrwetterecke gemeldet sein. Ganz unerwartet wurde die Kammer zu einer Nachtsitzung zusammengetrommelt, angeblich, um einige Kreditvorlagen zu erledigen; in Wahrheit wollte P o i n c a r e Gelegenheit zur Rechtfertigung seiner Politik vor den Osterferien nehmen, und darin kamen ihm. die So- von ihm Antwort auf die Fragen verlangten, ob Frankreich, auf "die PersotgMH Ziele im Ruhrgebiet verzichtend, auf Annexion ausgehe und ob es jeden ernstlichen Vorschlag Deutschlands prüfen werde. Man könnte diese Interpellierung als bestellte Arbeit ansehen, hätten nicht die Interpellanten dem Ministerpräsidenten so scharf auf den Zahn gefühlt und von ihm, wenn auch vergeblich, eine präzisere A-usdrucksweise verlangt. ^Las BerlanyMmar berechtigt. ^^nn Painer,^ verschanzte' h hinter seiner im Finanzausschuß abgegebenen Erklärung, deren Kernstück war, es sei gefährlich und verabscheuungs- würdig, Frankreich annexionistische Pläne oder Hintergedanken zuzuschreiben, und es habe keineswegs die Absicht, sich eine einzige Parzelle deutschen Bodens anzueiMen. Indessen schälte er dieses Kernstück sofort wieder zur Befriedigung der chauvinistischen Mehrheit heraus durch die Erklärung, Frankreich werde die Pfänder nur gegen Realitäten herausgeben. Das heißt, von einem an Händen und Füßen Ee- feffelten verlangen, er solle seinem Gefangenwürter^ Hilfe leisten, wenn er befreit sein wolle. Warum setzte sich Frankreich m den Besitz der Pfänder? Weil Deutschland im Jahre 1922 mit 24 Millionen Goldmark an Sachwertliefe- rungen im Rückstand geblieben war, während von Frankreich an die 700 Millionen Goldmark weniger Bestellungen gemacht worden sind. Darin liegt nicht nur ein Verzicht auf Mehr- beftellungen, sondern es ist ein Versuch, Deutschland arglistig ins Unrecht zu setzen. Gleichgelagert ist das Verhalten Frankreichs bei der deutschen G o l d a n l e i h e; es gab zunächst widerspruchslos yi, daß ausländische Zahlungsmittel zur Hebung der deutschen Valuta mit den Dollarschatzanweisungen herangezogen wurden. Die Zeichnungen erfolgten und waren abgeschlossen, dann wurde versucht, die Finanzaktion zu stören und zu sabotieren. Jede Stärkung der deutschen Finanzkraft kommt indirekt Frankreich zugute, aber es will mit allen Mitteln die Unerfüllbarkeit seiner Forderungen bewerkstelligen und die indirekte Annexion verewigen.
Darüber herrschen keine Zweifel, weder im Ausland noch auf der Linken der französischen Kamme:, und zu allem Ueber - iluß ist das Gedächtnis der Men'bheit noch nicht so geschwächt, daß sie die Geheimberichte Dariacs, die auf die Ksrfranzosung des linken Rheinufers und des Ruhrbezirks nit liebevoller Ausführlichkeit abzielen; vergessen haben sollte, die Ableugnung der Annexionspläne ist eine geradezu toteste Unverschämtheit, ein hundertfach durchlöcherter Deck- nantel für die Schamlosigkeit, leicht zu durchschauen von dem, )er sehen will. So ist auch die abgestufte Räumung der be- Letzten Gebiete nur ein scheinbares Entgegenkommen, 'denn artan weiß, daß ohne Räumung des vergewaltigten Ruhr- Dezirks Deutschland sich auf keine Verhandlungen mit Frank- eich einlassen will und kann, und alle gegenteiligen Aus- . treuungen über eine deutsche Sinnesänderung und nur be« sinnst, Verwirrung in der ö'fentiichcnMsi» tuna des Auslandes zu stiften, dem allmählich die Augen Sex die französischen Machtgelüste aufgehen. Aus diesem
Gesichtspunkt heraus dürfen wir mit der letzten Erkläruni Poincares zuftieden fein; sie ist präzis genug, um die fran zöfischen Absichten in ihrer gangen Nacktheit zu enthüllen
—nd.
Blutiger Zusammenstoß in Essen.
Maschinengewehrfeuer in die Menge.
Am Sonnabend vormittag gingen die Franzosen dazu über, in der ganzen Stadt die Auto Hallen zu besehen und die Autos zu beschlagnahmen. Sie besetzten auch die Autogarage der Firma Krupp in der Alten- dorfer Strasse. Auf diese Nachricht hin wurden sämtliche Sirenen der Firma Krupp in Tätigkeit gesetzt, und die Arbeiterschaft verliess die Betriebe. Zehntausende von Arbeitern strömten auf der Altendorfer Strasse, die mitten durch die Kruppschen Werke führt, zusammen. Die Menge staute sich besonders zwischen der Haupt- fcucrwache und dem Kruppschen Hauptverwaltungs- gebäude, zwischen denen die Kraftwagenhalle I liegt, so dicht, dass der Straßenverkehr eingestellt werden muffte.
Als nach einer Stunde die französischen Offiziere und Ingenieure sich im Automobil entfernt hatten, setzt« sich der Kruppsche Betriebsrat mit den Truppen in Verbindung und erklärte ihnen, der Betriebsrat werde die Räumung der von den Arbeitermassen umlagerten Fabrikrore und Strassen veranlassen. Inzwischen wuchs die Menge -er Arbeiter, die Kopf an Kopf gedrängt die Strasse besetzt hielten, unter dem ununterbrochenen markerschütternden Geheul sämtlicher Fabriksirenen immer mehr an. Die Menge nahm aber keine aggressive Haltung an.
Schliesslich, nach 11 Uhr, schienen die Franzosen sich doch entschlossen zu haben, die Kraftwagenhalle zu räumen Als die Menge der Aufforderung, die Strasse freizugeven, augt gteich gejMl LW- MLS. die französische Truppenabteilung mit Maschinengewehren vor und schoss blindlings in die dichtgedrängte Menge hinein, die in grösster Aufregung Panikartig auseinander stob. Soweit sich bisher feststellen liess, sind durch die Maschinengewehrschüsse der Franzosen ein A rHesfe« g^etöt ^ t ^ - etwa zehn Arbeiter mehr oder weniger schwer verletzt worden
Als bald nach dem Abzug der Franzosen ein französisches Automobil, dessen Insasse anscheinend ein Offi- zier war, durch die Altendorfer Strasse kam, stürzte sich die aufgeregte Menge der Arbeiter, die nach dem Abzug der Franzosen wieder dicht gedrängt die Strassen füllte, auf den Wagen, warf ihn um und mißhandelte den Fusassen schwer, der schliesslich durch die Kruppsche Feuerwehr in der Hauptfeuerwache in Sicher- heit gebracht werden konnte.
Giürmische RachLsihung öer französischen Kammer.
Die französische Kammer ist, bevor sie in die Ferien ging, überraschenderweise noch einmal zu einer N a ch t s i tz u n g zusamengetreten, die außerordentlich stürmisch verlaufen ist. Es handelte sich um die Bewilligung der Budget-Zwölftel für April unb Mai. Der Abgeordnete H e r r i o t richtete in der Generaldebatte
zwei Fragen an Poinear«:
Erstens: „Man behauptet in der ganzen Welt, da, wo man Frankreich verkennt, daß wir'aufgehört hätten, im Ruhrgebiet wirtsschastlicheZiele zu verfolgen, und daß wir nunmehr politische Zwecke zu erreichen suchen, ja, daß wir selbst auf Annexion ab- gielen."
Zweitens: „Ich fordere die Rgierung auf, zu erklären, daß Frankreich mit Gerechtigkeit jeden ernsten Vorschlag prüfen wird, den Deutschland Frankreich oder der Gesamtheit der Alliierten machen wird."
Der Ministerpräsident erklärt dazu: „Ich glaube wirklich, daß meine Antwort überft' im ' ^ch habe sie im voraus gegeben und habe sie auch SA be«. Finanzausschuß der Kammer wiederholt. Ich bin nicht b^^Verfasser des Protokolls über die letzte Sitzung, aber es gibt getreu meine Gedanken wieder. Ich habe in erster Linie erklärt, daß wir keinerlei Versuche -u einer offiziösen oder in - direkten Verl ,-d lung annehmen werden. An dem Sag, an dem die deutsche Regierung zur Wirklichkeit zurück- gekehrt ist und erkennen wird, daß eine Verlängerung des
Widerstandes Deutschland selbst nur schädlich sein kann, an dem Tag, an dem die deutsche Regierung uns, als» Frankreich direkt, oder der Gesamtheit der Alliierten, präzise und ernsthafte Vorschläge überbringen wird, werden wir sie in einem Geiste der Gerechtigkeit und Loyalität prüfen. Ich habe hinzugefügt, daß es gefährlich, daß es verabscheuungswürdig wäre, Frankreich annexionistische Pläne oder Hintergedanken zuzuschreiben. Wir haben immer erklärt, daß wir in das Ruhrgebiet gegangen sind, um dort wirtschaftliche Ziele zu verfolgen. Wir haben keineswegs die Absicht, uns eine einzige Parzelle deutschen Bodens anzueignen. Aber wir wollen uns nicht mehr durch ein deutsches Manöver täuschen lassen. Deshalb werden wir die Pfänder nur gegen Realitäten aufgeben. Wir werden uns aus dem Ruhrgebiet nur in dem Maße und im Verhältnis der erlangten Zahlungen zurück, ziehen, und diese müssen sich der Gesamtheit der Schäden anpaffen. Deutschland hat keine äußere Schuld, Deutschland ist im Augenblick weniger belastet als Frankreich, es hat wegen des Marksturzes kaum noch eine innere Schuld, deshalb glaube ich, daß es gerecht und notwendig ist, daß das gesamte Uebel repariert werde."
Nach dieser Erklärung verlangte der Linkssozialist 2 6 o n Blum von Poincarä eine präzisere Ausdrucksweise, wird aber von den Abgeordneten der Rechten und der Mitte derart heftig unterbrochen, daß seine Worte unverständlich werden. Da er sich nicht Gehör verschaffen kann und deshalb zur Rednertribüne enlporsteigt, verdoppelt sich der Lärm, Als er weiter sprechen will, ruft ihm der Aog. Magn« zu: „Genug, genug!" Blum schlägt mit der Faust auf das Pult und schreit seinerseits: „Ich habe gen^tg davon", was wiederum eine große Lärmszene hervorruft. Nur mit Mühe kann der Kammerpräsident die Ruhe wiederherstellen. Blum droht mit seiner Fraktion den Sitzungssaal zu ver- laffen, doch gelingt es dem Präsidenten, ihn durch eine Erklärung zum Bleiben zu bewegen, so daß die Abstimmung un- gesuyroet vor sich j^hLN konnte. Die Budget-Zwölftel wurden dann bewilligt. ; M M .
Ausgrabung der Toten von Buer.
Wegen der Ermordung des KriMinalpolizetbeamten- Burchhoff und des Elektromonteurs Wittershagen, die am 11. März abends in Buer von den Franzosen nach schwersten Mißhandlungen meuchlings erschossen worden sind, hatte die deutsche Regierung bekanntlich an Poincarä eine Note gerichtet, in der sie eine unparteiische Untersuchung der Leichname forderte. Diese Note blieb unbeantwortet. Nunmehr ist durch eine aus neutralen und deutschen AerztengebildeteKommissiondie Exhumierung und Untersuchung der Ermordeten vorgenommen worden. Der Bericht über das Ergebnis der Untersuchungen der u. a. Professor Lubrasch, Berlin, teilgenommen hat, ist der deutschen Regierung bzw. dem Auswärtigen Amt eingereicht worden.
Vergewaltigung einer Fünfzehnjährigen.
Am Sonntag abend würde in Essen ein 15^jähriges Mädchen von zwei betrunkenen französischen S o l o a t e n vergewaltigt. Eine französische Streife nahm die beiden fest. Bei der Vernehmung des Mädchens wurde ihm mitgeteilt, daß die beiden Täter vor ein Kriegsgericht gestellt werden sollen.
Osterkundgebungen zum Volksopfer.
Die preußischen Oberpräsidenten wenden sich zu Ostern mit einer besonderen Kundgebung zum Deut- schen Volksopfer an die Bevölkerung ihrer Provinz. Die Kundgebung des Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg lautet:
„Noch immer steht der rachsüchtige und habgierige Feind an Rhein und Ruhr in deutschem Lande. In heiligem Gefühl des Rechts und der Vaterlandsliebe verteidigen das Deutschtum durch leidvolles Dulden und stolzes Beharren unsere Brüder und Schwestern am Rhein und an der Ruhr.
In glänzender Weise haben bisher alle Marker in Stadt und Land, besonders auch die Landwirtschaft durch Lebensmittel, ihre opferwillige Hilfsbereitschaft be- wiesen. Birgt auch die gute Tat in sich den Lohn und Be- friebigung, so ist es mir eine freudige Aufgabe, namens des Brandenburgischen Provinzialausschusses für das Deutsche Volksopfer allen Spendern Dank zu sagen für ihr gutes vaterländisches Werk. Stehen wir weiter fest mit werktätiger Tat zu unseren Volksgenossen am Rhein u^v an der Ruhr, dann muß der Sieg uns bleiben."
Der Oberpräsident von Oberschlesien sagt u. a.:
„Gerade wir Oberichlester haben ein besonderes Derü ind- nis für die ungleich schlimmeren Gewalttaten ^er Franzosen im Ruhrgel!rt und wollen mit bel onders Opfer«