Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 41
Donnerstag, den 5. April
1923
Das Wichtigste.
— Der deutsche Geschäftsträger in P a r i s hat der französischen Regierung eine scharfeProtestnote der Reichs. regierung gegen das Essener Blutbad überreicht.
— Die Zahl der dem Essener Blutbad zum Opfer gefallenen Krupp-Arbeiter hat sich durch den Tod zweier Schwer- verwundeter auf dreizehn erhöht.
— Kardinalerzbischof Dr. von Faulhaber hat eine Reise nach den Vereinigten Staaten angetretcnz , f», , „
Das bulgarische
Scherbengericht.'
Politische Gegner, die besonders starken Einfluß auf die Massen gewannen, pflegte die Demagogie des alten Hellas durch eine Volksabstimmung zu beseitigen. Das nannte man Ostrazismus: Die Bürger kritzelten den Namen der zu Verfemenden auf Tonscherben, und wer von den beiden ge- ' genübergestellten Kandidaten die meisten Stimmen erhielt, . mußte aus dem Lande weichen. Das hat, wenn auch in anderer Form, die Jahrhunderte im europäischen Orient überdauert; ausgesprochene Tendenzurteile gegen unbequeme . Gegner gehören zum Handwerk der Politiker des Balkans'. Besonders blutig fielen sie gegen das letzte griechische Kabinett aus, barbarisch streng in B u l g a r i e n gegen die Mitglieder des Kabinetts Radoslawoff. Der Ministerpräsident und fünf seiner Kollegen wurden durch den Staats- gerichtshof in Sofia zu lebenslänglicher Haft verurteilt, ein General zu 15 Jahren Haft, der Generalissimus und weitere drei Minister zu 10 Jahren, ein General zu fünf Jahren, Sämtlichen Verurteilten wurden die bürgerlichen Ehrenrechte .
. hing für die auf rund 33 Milliarden betragenden Kriegs- schaden auferlegt, P o ?»t a F6 machte offenbar Schule, ohne verhiMk-rfb-zü können, daß die Geldstrafe mit ihrer un- geheuerlichen Höhe ins Humoristische überschlägt. -
, Auf wessen Betreiben wurde dies wahnwitzige Urteil gefällt? Auf das der Entente! Der derzeitige Ministerpräsident Stambulijski, der Führer der bulgarischen Bauern- schüft, hat den Gerichtshof aus feinen Kreaturen zusammen- gestellt, aus fünf juristisch vorgebildeten Richtern und zehn .Bauern, um mit Hilfe eines eigens dazu geschaffenen Ge- setzes die Frage nach der Schuld am Kriege aufzurollen, nachdem die Revolution von 1919 das alte Kabinett gestürzt hatte. Radoslawoff entzog sich der Gerichtskomödie durch seine Flucht nach Berlin. .
Das Verfolgungsgesetz ist ganz im Sinne französisch er R a ch gier gehalten, ein Rückfall in jene finsteren Zeiten, wo das Haupt eines besiegten Feldherrn über die Klinge springen mußte. Da Deutschland diesen Brauch nicht mitmachte und es den Griechen überließ, sich für ihre ana- tolische Niederlage durch die an den Beratern des Königs verübten Justizmorde schadlos zu halten, eine Abscheu er- regende Bestialität, versuchte es Frankreich, die Auslieferung der deutschen Kriegsverbrecher zu erzwingen. Mit . elchem Mißerfolge, wissen wir. Jetzt hat bas von dem blutbefleckten PoincarS übel beratene Bulgarien ihm den Liebesdienst er- wiesen, sein Mütchen an dem gestürzten Kriegskabmett zu kühlen, und so ist das von Parteileidenschaft eingegebene Volksurteil zustande gebracht worden, das die Bulgaren aus . c Liste der gesitteten Nationen streicht. Der G e i st von Versailles hat dieses Bauernvolk vergiftet, hat es, eingekeilt zwischen Nebenbuhler, zur Ohnmacht verdammt und zum Spielball einer kurzsichtigen Demagogie gemocht. Radoslawoff verfolgte eine gegen Rußland gerichtete deutschfreundliche Politik. Der Weltkrieg entschied gegen ihn; aber seine Nachfolger werden sich täuschen in der Sv-v- "ma, daß ihre liebedienerische Fügsamkeit gegen die Qv'f’- -anen Früchte bringen wird. Augenblicklich haben zwar die Bauern die Intelligenz an die Wand gedrückt und den deutschen, auf Hebung des Landes gerichteten Einfluß vernichtet; aber schon während des langwierigen Prozesses war zu, erkennen, daß den Angeklagten die Sympathien weiterKreisezurSeite standen. Der Vorwurf, die Regierung habe den Krieg ohne Genehmigung der Erbrause erklärt, war leicht zu widerlegen; denn über Krieg und Frieden hatte verfassungsmäßig die Krone zu entscheiden. Das sollte durch das Gesetz von 1919 nachgeholt werden, ein absurdes Verfahren, das nur naive Bauerngemüter mit dem Sclfein der Gesetzlichkeit bekleiden können. Es fehlt dem Urteil also jede rechtliche Grundlage, und dieser Umstand mag die Richter wohl abgehalten haben, auf Todesstrafe zu erkennen.
Stürzt einmal die heutige Regierung, dann ist nicht aus- L geschlossen, daß eines Tages mit Waffen von derselben Güte U gegen sie vorgegangen wird. Und dieser Sturz ist unver- Ä weidlich. Schon melden sich Anzeichen einer Slbbroaelung S selbst in der Bauernpartei. Das Organ Stambulifflis beklagt Ä sich, daß die aufgeklärte ländliche Bevölkerung in die Reihen L der Kommunisten getreten sei. Zudem haben anarchistische K Banden in Sofia und Tamboli Unruhen hervorgerufen was A auf Sowjet Machenschaften hindeutet. Es sst russische H Tradition, sich in bulgarische Verhältnisse, zu mischen um.
■ den Terror gegen Andersdenkende auch im uusuuwe zu
pflegen. Der Ministerpräsident hat, als der Prozeß sich feinem Ende zuneigte, Vorsichtsmaßregeln getroffen, um sich der Angeklagten zu versichern; sie wurden in Slivno nicht etwa im Sofioter Gerichtsgefängnis festgesetzt, was nicht gerade für ihre allgemeine Unbeliebtheit spricht. Dann erfolgte nach einer dreißigtägigen Verteidigung ihre Verurteilung, ein Scherbengericht, das, wie der eine Verteidiger hervorhob, nur bestimmt war durch die nach Deutschland und nicht nach der Entente orientierte Politik Radoslawoffs. Was auch an stichhaltigen Gründen gegen den Justizmord vorgetragen wurde, es verfing nicht. Die Richterbank gehorchte nicht der Stimme der Vernunft, sondern jener aus Paris eingeführten Rechtsprechung eines Kriegsgerichts, das bereits lange, bevor es den Gerichtssaal betritt, den Urtsilsspruch fix und fertig in der Tasche hat. —nd,
Die ^ruppdirektorer» im Zuchihaus.
Die von den Franzosen verhafteten Direktoren der Krupp-Werke sind im Werdener Zuchthaus untergebracht worden. Bisher war mit ihnen kein« Verbindung zu erlangen. Es heißt, daß die Direktoren schon Ende dieser Woche vor ein französisches Kriegsgericht gestellt werden.
Die Beisetzung der Toten, deren Zahl sich auf 13 erhöht hat, wird voraussichtlich erst Ende der Woche erfolgen. Es ist beabsichtigt, die Opfer in einem gemeinsamen Grabe auf dem während des Krieges angelegten Ehrenfriedhof in Essen beizusetzen. Die Kruppschen Werke, auf denen nach Beendigung des 24|tünbi= gen Proteststreiks die Arbeit wieder aufgenommen worden ist, werden an dem Tage der Beerdigung abermals stilliegen.
Feststellungen französischer Aerzte.
Von wesentlicher Bedeutung in der Untersuchung der Oftertragödie auf den Kruppwerken war der B e s u ch e i n e r französischen Ar zt,e ko mrsti s s i o n in Essen, die die Leichen der bei der Schießerei auf den Kruppwerken getöteten deutschen Arbeiter untersuchte. Dabei wurde von französi- scher Seite festgestellt, daß fünf von den getöteten deutschen Arbeitern Rückenschüsse erhalten haben. Ferner haben von den 43 Verwundeten 29 ihre Der- wundungen durch Schüsse erhalten, und von diesen wiederum 14 (also 50 Prozent) Rückenschüsse, ein Beweis dafür, daß die französischen Truppen geradeaufdiefliehenden Arbeiter geschossen haben und daß die französische Behauptung, die Arbeiter hätten eine aggressive Haltung ein- genommen, hinfällig ist. .
Weiter haben die französischen Ärzte festgestellt, bap 14 von den Verwundeten Quetschungen dadurch erhalten haben, daß sie von den Dächern gesprungen oder beim Hinweglaufen gestürzt sind.
Französische Lügen.
Die französische Presse versucht weiterhin mit allen möglichen und unmöglichen Argumenten die Schuld an den blutigen Vorgängen in Essen von den Franzosen abzuwalzen. Die offiziöse Agentur Havas veröffentlicht eine ausführliche Darleaung der Vorgänge, worin gesagt wird, daß alle deutschen Darstellungen unrichtig feien, auch seien die elf Arbeiter nicht von rückwärts erschossen worden. Der Düsseldorfer Havas-Vertreter behauptet, daß der Reuter-Korrespondent am Tage der blutigen Zusammenstöße gar nicht in Essen anwesend war. Der Korrespondent habe seine Meldung aus deutschen Quellen geschöpft.
Das „Journal" meldet aus Krefeld, daß „deutsche Nationalisten" versucht hätten, die Eisenbahngleise auf dem ganzen von Belgiern besetzten Gebiete zu verstören. Von Friedrichsfelde aus, das außerhalb der Besatzungszone liege, seien neun Züge und zwei Lokomotiven ohne Lokomotivführer und Heizer gegen Wesel abgelassen worden. Die Entgleisungsei furchtbar gewesen. 70 Waggons seien umgestürzt. Drei Personen seien als mutmaßliche Täter verhaftet worden.
Der prviest der Reichsregierung.
Der deutsche Geschäftsträger in Paris ist beauftragt worden, der französischen Regierung eine Note zu überreichen, in der wegen des von französischen Soldaten unter der K r u p p s ch e n A r b e i t e r s ch a f t angerichteten Blut- dades und wegen der willkürlichen Verhaftung der schuldlosen Kruppschen Direktoren feierlicher Protest erhoben und volle Genugtuung verlangt wird. Unter eingehender Darlegung des durch eidlich erhärtete Zeugenaussagen festgestellten Sachverhalts werden die Versuche der Havas-Agentur, den Tatbestand zu fälschen und über das schwere Verschulden der Besatzungstruppen einen Schleier. zu werfen, gebührend zurückgewiesen. Aehnlich lautende Noten sind auch den Hauptsignatarmächten des Der-
sailler Vertrages zugestellt worden. _
Neue Zechenbesehungen.
Dienstag vormittag 8 Uhr besetzten die Franzosen mit grossem Truppenaufgebot außer der Zeche Bergmanns- glück auch die staatliche Zeche Waltrop in Buer und außerdem die private Zeche König Ludwig bei Reckling- Hausen. Es handelt sich allem Anschein nach um eine Be- setzung von längerer Dauer, zu dem Zwecke, die auf den Zechen lagerndenKoks- undKohlenvorräte abzutransportieren. Die Belegschaften der Zechen arbeiten nicht. In der letzten Zeit wählen sich die Franzosen zur Besetzung der Zechen, wie auch in diesem Falle, immer einen Sonn- oder Feiertag aus, an welchem die Arbeiterschaft nicht auf den Zechen anwesend nst.
Auf den neubesetzten Zechen sind folgende Anlagen besetzt worden: Auf Zeche König Ludwig die Kokerei und die Anlagen für die Klarierung von Nebenprodukten. Fremde,.in französischem Lohn stehende Arbeiter sind bisher nicht eingetroffen. Abtransportiert wurden nur zehn Wagen mit Koks und zwei mit Kohlen beladene Wagen, die die Franzosen schon beladen vorfanden, sowie ein Kesselwagen. Auf Zeche Waltrop besetzten sie die Kokerei und die Anlagen für Gewinnung von Nebenprodukten sowie den Zechenbahnhof. Der Grubendetrieb ruht seit der Besetzung. Die Zeche Bergmannsglück ist ganz besetzt.
Testa bei den Eisenbahnern.
Monsignore Testa hatte mit Vertretern der Gewerkschaft deutscher Eisenbahner eine längere Unter- redung, um sich über die Besetzung des Ruhrgebietes und deren Wirkungen zu unterrichten. Die Gewerkschaftsvertreter konnten durch reichhalfiges Material dem päpstlichen Abgeordneten ein Bild über die Vorkommnisse im Essener Bezirk geben. Besonders wurden die wirtschaftlichen und moralischen Schäden, welche immer mehr als Folgen der Besetzung yervorrrelen, eingeheno oesprocyen. mit -verlauf der Unterhaltung wurde immer wieder betont, daß alle religiösen, geistigenundmoralifchenMächte der Welt wirksam sein müßten, um der Menschheit einen gerechten Frieden zu geben.
Nach allen aus den Reichsbahnbezirken Frankfurt a. M., Ludwigshafen, Mainz, Trier und Karlsruhe eingelaufenen Meldungen haben die Eisenbahner den Befehl des Gene r a l s De g o utt e, die Arbeit unter französischer Regie bis zum 3. April früh 8 Uhr wieder aufzunehmen, einmütig ab gelehnt. Von Gegenmaßregeln der Franzosen ist bisher nichts bekannt geworden.
Erhöhung der Beamtenrenien.
Durch Verordnung der Reichsregierung vom 19. März 1923 (R.G.Bl. I S. 169) sind die nach § 7 des Besatzungs- personenschadengesetzes zulässigen Höchstrenten wesentlich erhöht worden. Die Reichsregierung beabsichtigt durch eine neue Verordnung, deren Entwurf in den nächsten Tagen dem Reichsrat zugeleitet wird, die Renten betrage aber- mals mit Wirkung vom 1. Januar 1923 zu erhöhen. Die Renten sollen von jetzt an aus G r u n d b e - trägen und Teuerungszulagen, die den Teue- rungszuschläqen der Beamten entsprechen, bestehen.
Die monatlichen E-samtgebührmsse eines Erwerbsunfähigen betragen nach dem Entwurf der eVrordnung im Januar 1923 64 350 M., im Februar und März je 135 460 M., bei Hilflosigkeit erhöhen sich diese Beträge auf 84150 M und 177 140 M. Dazu kommen für jebes Kmd unter 18 Jahren, für das der Beschädigte zu sorgen hat, im-Januar 1923 mt Höchstfälle 9900 M., im Februar und Msfrz fe 20 840 M Um die Ansprüche der Beschädigten nach Möglichkeit s o fo r t zu befriedigen, sind die Regierungen der Lander gebeten worden, die zu gewährenden Vorschüsse schon fetzt an die neuen Rentenbeträge anzupassen.
Das Moskauer Bluiurieil vollstrecki.
Wie der Vossischen Zeitung aus Warschau gemeldet wird, ist das Urteil gegen den einen der beiden zum Tode ver- urteilten katholischen Geistlichen, gegen den Prälaten B u d - k i e w i t s ch , am Karsonnabend nach Bestätigung durch das Zentralexekutivkomitee vollstreckt worden. Infolge einer zweitägigen Störung in der telegraphischen Verbindungmit Moskau wird die Nachricht erst jetzt bekannt. Die Warschauer Blätter geben sämtlich der Vermutung Ausdruck, daß von selten Sowjetrußlands aus Furcht vor den Folgen der Vollstreckung dieses Todesurteils die telegraphische Verbindung mit Westeuropa absichtlich unterbunden worden ist.
Ein politischer Mord in der Türkei.
Der Oberst O s m a n Pascha, der das fDHtglieb der türkischen Nationalversammlung Ali S ch ü k r t P a - ch a meuchlings ermordet hatte, wurde von Gendarmen . gestellt und erschossen. Eine starke Gendarmerieabteilung um-