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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt durch die Dost bezogen monatlich 1200. Mk., für Hersfeld 800. Mk., Abholer 750. Mt. / / Anzeigen­preis für die einspaltige Petitreile oder deren Raum 60 Mk., für auswärts 70 Mk., Sie Rekiamezeile 150 Mk. / / Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckrrei in Hersfeld, Mitglied des Vereins Deutscher Aeltungs-Verleger. / / Für die Gchriftlettung verantwortlich Franz Funk in Hersfeld. / / Fernsprecher Nr. 8.

Nr. 42

Sonnabend, den 7. April

1923

Das Wichtigste.

Bei einem Raubzuge gegendieBochumerVan- k e n haben die Franzosen 508 Millionen erbeutet.

Mitglieder des Krupp-Betriebsrates sowie Herr Krupp d. Bohlen-Halbach sind vom Reichsprä­sidenten und Reichskanzler empfangen worden.

Der frühere französische Minister Lauch eur hat in London dem englischen Ministerpräsidenten B o n a r Law einen neuen Reparationsplan unterbreitet.

Wochenrückblich

Unbekümmert um die Empörung der gesitteten Kultur­welt, ungerührt durch den Entsetzensschrei der Opfer und ihrer Hinterbliebenen, scheinen die Franzosen aus dem blutigen Oftersonnabend Kraft und Ermutigung zu neuen Freveln schöpfen zu wollen. Für jeden Unparteiischen ist die Schuldfrage geklärt durch die Aussagen vieler Augen­zeugen und Sachverständigen, aber mit frecher Stirn leugnen die französischen Generale die offiziell festgestellten Unter­suchungsbefunde und verdoppeln und verdreifachen die Aus­weisungen und die Maßregelungen der Eisenbahner, die nach wie vor sich den französischen Wünschen nicht gefügig zeigen. Auf die mannhaften, vernichtenden Anklagereden des Re­gierungspräsidenten Grützner und seines Stellvertreters Lu tt e r beck haben die Generale kein Wort des Widerspruchs gefunden und stehen als in- teilekte Urheber der Schlächterei für all« Zeiten gebrandmarkt da. Als Antwort können die Plün­derung der Reichsbank in Bochum, die Beraubung von Fabriken mit Hilfe von Maschinengewehren, und die An­drohung gelten, man werde systematisch die Requisitionsichuld durch Eingriffe in das Privateigentum der Bevölkerung ein- wrunosatze.

Und doch sind diese heftigen Ausbrüche der Barbarei trotz ihrer Steigerung nur ein Eingeständnis der französischen Ohnmacht und ein Beweis für die Wirksamkeit der passiven Resistenz, anders sind die Reise Loucheurs nach England und die daran geknüpften Kommentare nicht zu verstehen. Seine Aussprache mit Bonar Law in Torquay verrät, daß er, am Ende seines Lateins angelangt, zu Verhandlungen bereit ist. Er soll dem eng­lischen Premierminister einen Wiederherstellungsplan unter­breitet haben, der die Herabsetzung der Gesamtsumme der Wiederherstellungen, die Ausgabe einer internationalen An­leihe und eine internationale Garantie der Verträge bezweckt. Außerdem hat dieser Finanzsachverständige erklärt, er sei persönlich gegen die Besetzung des Ruhrgebietes. Das klingt versöhnlich, nur fragt es sich, ob diese persönliche Ansicht sich im Kabinett durchzusetzen vermag und ob die Angebote als offizielle Fühler und nicht bloß als eine Privatarbeit anzusehen sind. Jedenfalls hat Reuter sie der Veröffent­lichung für wert befunden, während das New-Porker Blatt World" gehört haben will, Loucheur habe bei Bonar Law die Einberufung einer Internationalen Konferenz, den Abzug der Franzosen von der Ruhr und finanzielle Zugeständnisse ohne übermäßige Reparations- belastungen zur Sprache gebracht. Selbst wenn Demen- tierungen offiziellerseits sich einstellen sollten, wissen wir jetzt, daß wenigstens bei einem Bruchteil der Franzosen die Vernunft zu tagen beginnt, was das deutsche Volk zu weiterem entschlossenen Ausharren ermutigen muß. Daß dabei einflußreiche französische Kreise, wie derDaily Tele­graf" berichtet, mit dem Vorschlag einer abgestuften Räumung der Ruhr, mit der Umwandlung des westlichen Rheinlands in einen Bundesstaat, mit dem Entmilitarisierungsgedanken sich bemühen, Unkraut in den Weizen der Verständigung zu säen, konnte nicht ausbleiben. Als Gegengewicht dazu ist die Aeußerung des englischen Arbeiterführers Ramsay Mac­donald zu verzeichnen, wonach die Lösung des Ruhr­problems viel näher sei als vor drei Wochen. Der Versailler Vertrag müsse revidiert werden.

Gleichzeitig hat im Hauptausschuß des Preußischen Landtags der Kultusmini sterBoelitz sein Programm über Bildungswesen entwickelt und damit bewiesen, daß der materiell niedergedrückte Staat durch sein Unglück doch nicht so abgestumpft worden ist, um nicht mit Hilfe ideeller Mittel seine Auflichtung zu versuchen. Der Minister vertrat den Grundsatz, daß Sparsamkeit im Bildungswesen, wenn es auf seiner Kulturhöhe gehalten werden soll, am unrechten Platz sei. Er drängte auf die fortgesetzte Revision der Einheits­schule, der Reform der Lehrerbildung und betonte dabei die der Unterrichtsverwaltung in den Rheinlanden, an der Ruhr, in Oberschlesien, in Schleswig und in Ostpreußen erwachsenen schwierigen Aufgaben; auch will er festhalten an der Ver- besserung der Universitäten und Technischen Hochschulen. Besonders beherzigenswerte Worte fand er für die

Dämpfung . . Kampfes um d ie Schule und bezeichnete die y zur Staatsgesinnung als notwendig.

Im Osten schmal sich ein Wetter zusammenzubrauen. Nachdem die Entente Wilna und Ostgalizien den Polen zu- gesprochen hat, bildet sich gegen Polen eine Front von Weißrussen, Ukrainern und den mit ihnen identischen Ost- galiziern. Wilna ist unzweifelhaft litauisch. Aber Völker­kunde beschwert das Wissen der Ententediplomatie und ihrer Botschafterkonferenz nicht, und so hat sie ihren vielen Miß­griffen auf diesem Gebiet einen weiteren durch die Zu­teilung des deutschen Memels an Litauen und durch die Entziehung Wilnas zugefügt. Was Ukrainer sind, ist den Herren in Paris unbekannt, und ebenso gemütsruhig haben sie ein Land von 100 000 Quadratkilometer Größe mit 4 Millionen Weißrussen der polnischen Oberherrschaft unter­worfen, wahrscheinlich um Polen den Charakter eines Nationalitätenstaates aufzuprügen. Das heißt, künstlich Kon­fliktstoff auf viele Jahre schaffen, und da das polnische Kabinett sich in den russischen Katholikenprozeß eingemischt und gegen die Verr.toilung der angeklagten Geistlichen (von denen inzwischen der ein- hingerichtet war ^ ist) protestiert hat, ist eine russische Note erfolg in d-r die polnischen Vor­stellungen als Drohungen und Beleidigungen, also als eins feindliche Handlung, bezeichnet werden. Eine Note ist zwar noch kein Kriegsinstrument, bt : es lockert das Schwert .t der Scheide, und der ay Polen von Frankreich gewährte Sitebit von 400 Millionen Frank bürste nicht gerade zu Fricbenszwecken bestimmt sein. Die sowjet-Regierung hat durch ihre Organe w't Imtr -es Zeit eine drohende Sprache führen lassen, so daß man den Vorgängen im Osten eine gesteigerte Aufmerksamkeit widmen muß. xxx

Loucheurs Londoner Mission

Ein neuer französisch« Reparationsplan.

L o u ch e u r , der sich, wie gemeldet, seit kurzem in Eng-

Bonar Laws, daß England auch fernerhin neutral bleiben werde, wie auch immer das Ergebnis der Ruhr- besetzung ausfallen möge. Loucheur hat Lloyd George und Bonar Law.erklärt, er persönlich sei gegen die Be­setzung des Ruhrgebietes gewesen. Jetzt aber müsse Frankreich dort bleiben, bis Deutschland ein festes Angebot gemacht habe. B o n a r Law hat darauf erklärt, daß er an seinem Reparationsplan und an seinen Vorschlägen zur Schuldenregulierung, die er vor der R u h r b e s e tz u n g in Paris unterbreitet habe, noch f e ft = halte, obwohl wahrscheinlich gewisse kleine Aenderungen notwendig werden würden.

Loucheur soll dem englischen Premierminister die Ein­zelheiten eines Wiederherstellungsplanes mitgeteilt haben, der von den gemäßigten Elementen Frank­reichs unterstützt wird und der umfaßt:

1. Die Herabsetzung der Gesamtsumme der Wiederherstellungen;

2. die Ausgabe einer internationalen An­leihe und

3. eine internationale Garantie der Ver­träge.

In einer Unterredung mit dem Finanzkorrespondenten desDaily Telegraph" in Paris hat L o u ch e u r vor kurzem seinen Plan für die Bezahlung der deutschen Schuld dargelegt. Zu allererst müsse Deutschland den moralischen Mut haben, eine drastische Finanzoperation durch- zuführen, die in der Abschaffung der augenblick­lichen Währung bestehe, indem hundert Mark auf den nominellen Wert von beispielsweise ein oder zwei Zentimes herabgesetzt würden, und dann müsse ein neues und gesundes Geldsystem das alte ergänzen und die neue Währung in Goldparität festgesetzt werden. Sodann müsse die Einfuhr auf das unbedingt Not­wendige beschränkt werden, damit die kommerzielle Wage zugunsten der Ausfuhr ausschlage und so die finanzielle Lage stärke. Eine Reihe von Anleihen könne ausgegeben werden, die durch Eisenbahnen, Kanäle, Zölle und andere Methoden geeigneter Deckung garantiert würden. Die alliierte Finanz- beratung des Reiches würde Deutschland helfen, sich finanziell wiederherzustellen und seine Schulden zu bezahlen, ohne da­durch ruiniert zu werden. Deutschland könne, wenn die Vorschläge Loucheurs angenommen würden, etwa 15 0 M i l - lionen Pfund jährlich zahlen, ohne ruiniert oder übermäßig belastet zu werden.

Dem Besuch Loucheurs in England wird im Zusammen­hang mit dem von ihm unternommenen Versuch zur Herbei- ftihrung einer Reparationsregelung von der englischen wie der französischen Presse großeBeachtung geschenkt. Es wird" bestätigt, daß Loucheur nicht nur Unterredungen mit Lloyd George und Bonar Law gehabt hat, sondern auch m i i führenden Bankiers und Industriellen. Der frühere französische Minister ist auch mit dem britischen

Schatzkanzler und dem Präsidenten des Han. delsamtes zusammengekommen.

Dem Pariser Berichterstatter derDaily Mail" zufolge verlautet in gut unterrichteten Kreisen, daß Poincars in den allernächsten Wochen Gelegenheit nehmen wird, sich endgültig über die französische Politik gegenüber Deutschland auszusprechen, und zwar spätestens bei der Unterbreitring des Regierungsprogramm» in der Kammer am 9. Mai. ______________ .

Beutezug gegen die BochumerBanken.

Donnerstag nachmittag umstellten die Franzosen das gesamte Bankenviertel am Wilhelmsplatz in Bochum, sperrten es ab und durchsuchten die Commerz- und Privatbank sowie die Reichsbank nach angeblichen Streikgeldern für die Eisenbahner. Während sie bei der Commerzbank Geld nicht vorfan- den, wurden bei der Reichsbank 2 50Millionen Mark mitgenommen. Es soll sich hierbei um den Rest der Kassengelder des Bahnhofs Bochum-Nord. Handeln. Bei der Commerz- und Privatbank wurden die Direktoren Becker und Werner sowie ein Kassierer verhaftet. Auf die Nach­richt von dem neuen Eingreifen der Franzosen schlössen sämtliche B a n k e n.

Wie ergänzend gemeldet wird, sollen den Franzosen bei Fortsetzung ihres Raubzuges im ganzen 5 0 8 Mil­lionen in die Hände gefallen sein.

- Der unerreichbare KskS.

Das französische Perkehrsministerium hat vor einigen Tagen durch Havas außerordentlich optimistische Zahlenan- gaben über den Abflansport von Ruhrkohle gemacht und unter anderen; erklärt, daß zur Zeit sieben Transportstellen

"üd die Kaksversargung der fran- Mischen Hochofemudustrie in Kürze ausreichend in Gang kommen werde. Wie Wolffs Telegraphenbureau dazu er­fährt, sind die von dem französischen Verkehrsministerium veröffentlichten Zahlen weit übertrieben. Nach den von deut­scher Seite gemachten Feststellungen beträgt die im Fe­bruar und März d. I. nach Frankreich gegangene Ge­samtmenge an Koks höchstens 18 000 Tonnen. An eine regelmäßige Belieferung Frankreichs mit Koks, wie sie das französische Verkehrsministerium hinzustellen beliebt, ist jedenfalls nicht zu denken, da auch die Zahl der Abtransport- stellen sich auf höchstens drei beläuft. Um den Erfolg der vom französischen Verkehrsministerium getroffenen Maß­nahmen zu kennzeichnen, wird im übrigen darauf hinge­wiesen, daßIournäe Industrielle" vom 16. März selbst von einer Einschränkung des Hochofenbetriebes bis zu 8090 Prozent spricht.

Die Liberty stellt fest, daß zwar die Versuche, den aufge- stapelten Koks zu verladen, in verschiedenen staatlichen Ko­kereien des Ruhrgebiets von den Franzosen fortgesetzt wür- den, daß jedoch das angekündigte Vorgehen gro- ß e n S i l s, das in der Abförderung von Kohle aus den großen Werken wie Krupp, Myssen, Stinnes usw. bestehen sollte, vertagt worden sei. Man habe höheren Orts gut daran getan, zunächst einmal abzuwarten. Das Blatt glaubt jedoch zu wissen, daß die Angelegenheit in der nächsten Woche wieder ausgenommen werden wird.

MaffenastsweisuKgen der pfälzischen Eisenbahner.

Nachdem die französische Aufforderung an die deut- scheu Eisenbahner, ihren Dienst unter französischem Be- fehl zu versehen, erfolglos geblieben ist, scheint die Be­satzungsbehörde durch Maffenausweisungen einen Druck auf die Beamten ausüben zu wollen. So wurden allein am Donnerstag aus der Pfalz etwa 60 Beamte ausgewiesen. Die Franzosen sind auch dazu über- gegang.en, die Ausweisungen ohne weitere Begründung vorzunehmen, so dass die Ausgewiese­nen auch keine schriftliche Begründung mehr erhalten, sondern lediglich die Mitteilung, dass sie ausgewie­sen werden, weil sie Eisenbahner sind. Die Ausweisungen erstrecken sich auf alle Familien­angehörigen.

Der deutschnationale Reichstagsabgeordnete Staats­minister a. D. Dr Wallraf, der in Bonn wohnt, ist aus dem besetzten Gebiet ausgewiesen worden.

Der KruRp-Beiriebsrai beim Reichskanzler.

Wie verlautet, sind am Donnerstag drei Mit­glieder des Betriebs- und Angestellten - rotes der Kruppschen Werke in Berlin eingetroffen, um der Reichsregierung mündlich über das französische Blutbad unter der Kruppschen Arbeiterschaft Bericht zu erstatten. Die Abordnung hatte zunächst eine Besprechung mit dem zu- ständigen Referenten und wurde dann auch vom Reichs- kanzler 0r. Enno er ; Ingen. Die Herren konnten zu dem