Hersfelder Kreis blatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö - .
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Nr. 47 Donnerstag, den 19. April 1923
Das Wichtigste.
— An der Berliner Börse vom Mittwoch zog der Dollai sprunghaftauf 30000 an.
— Der Reichskommiffar für das Rheinland, Fürsi H a tz f e l d t, ist von der interalliierten RheinIandkommisstor ausgewiesen worden.
— Im Reichstag nahm die Debatte über die Rede des Reichsaußenministers ihren Fortgang. _ .
Der Dollar steigt!
Bo« unserem wirtschaftspolitischen Mitarbeiter
Schon in den letzten Tagen war die Stimmung am Devisenmarkt an der Berliner Börse alles andere eher als fest für die deutsche Reichsmark. Allerdings drückte sich dies« Festigkeit für Auslandsdevisen nicht in den amtlichen Kassanotierungen aus, da während der Notierungszeit die Reichsbank allen an den Markt herantretenden nachweisbar notwendigen Bedarf zu wenig veränderten Kursen befriedigte. Aber vor Beginn und nach Schluß des offiziellen Verkehrs wurden schon eine Zeitlang Kurse genannt, die erheblich über dem dann festgesetzten amtlichen Kurs lagen. Wenn man auch zugeben muß, daß vielleicht ein Teil der hier an den Markt kommenden Ordres tatsächlichem Bedarf entsprungen ist, so geht man kaum fehl, diese Bewegung im variablen Verkehr mit ihren dauernden Schwankungen als Machenschaften der Spekulation anzusehen.
Ein gewisses Mißtrauen für die Dauer und die Durch- sührungsmöglichkeit der Stützungsaktion herrscht allerdings seit langem auch in Kreisen des W a r e n h a n d e l s. Die weitere Noteninflation und die Widersprüche im Preisabbau tiwhWiW
schätzungsweise 2 Millionen Pfund Sterling abgegeben und dennoch den Kurs nicht halten können. Unter geschickter Ausnutzung des durch die Verhältnisse gegebenen günstigen Zinsgeschäftes macht sich die internationale Spekulation zwar schon seit Wochen, aber starker erst in den letzten Tagen wieder am Berliner Devisenmarkt geltend und arbeitet, das miß ihr zugestanden werden, nicht ungeschickt an der Unter- minierung der deutschen Währung. Der finanzielle Dolchstoß! Besonders kraß wirkten nun die angeführten Momente auf den Devisenmarkt am Mittwoch, wo der Dollarkurs s p r u n g- - haft b i s auf 29000 Mark getrieben wurde. Hatte man vorher vielleicht- noch angenommen, daß die Berliner Spekulation den Devisenkurs trieb, um eine gewisse Leb- _ Haftigkeit auf den Effektenmarkt zu übertragen, so ist hiermit 1 der Beweis geliefert, daß ein gemein f ames Vorgehen der Berliner und der internationalen Spekulation gegen die deutsche Reichsmark vorliegt. Es werden Stimmen laut, die diese Erscheinung in Zusammenhang bringen 'mit politischen Absichten und Tendenzen. So wird behauptet,- daß Kräfte am Werke seien, die nach dem Ende des Verhand- lungsgeredes, das nach den Äleichstagssitzungen eingetreten ist, nun versuchen, auf dem Umweg über finanzielle Machenschaften den deutschen Widerstand zu brechen. Diese Argumentation läßt sich naturgemäß sowohl im Augenblick als auch überhaupt niemals ganz beweisen, aber ebensowenig kann man sie glatt negieren. Jedenfalls wird sich * nach diesen Erscheinungen am Markte der ausländischen Zahlungsmittel prüfen lassen, wie groß die augenblickliche Kraft deutscher Finanzinstitute zur Stützung des Markkurses ist1 und wie weit die S ta a t s g e w a l t reicht, um gegen die jetzt nahezu staatsgefährdenden Devisenspekulanten vor- zugehen.
An Hand dieser Vorgänge tritt die Frage der inneren Preisgestaltung wieder in den Vordergrund. Einmal werden jetzt die Erscheinungen deutlich, welche Einfluß haben auf die Gestaltung des Markkurses, und damit wird andererseits die Beweisführung ein wenig hinfällig, daß für die. Inlandwarenpreise der internationale Wert der Mark maßgebend gemacht werden müsse. Sieht man doch gerade jetzt deutlich, wer eigentlich in kritischen Zeiten immer den internationalen Wert der Mark bestimmt. Die lange Feit mißachtete Indexziffer wird gerade durch die Vorgänge ant Devisenmarkt in ihrer wahren Bedeutung als Maßstab für die innere Bewertung trotz aller ihr innewohnender Schwächen angesehen werden müssen. Un^ auch nur im Vergleich mit der Indexziffer darf jetzt die innere Preis-
1 gestaltung vorgenommen werden. Denn gerade im gegenwärtigen Augenblick droht die große Etztahr, daß angesichts eines von der Spekulation heraufgesetzten Dollarkurses das »gesamte innere Preisniveau von neuem 1 starte Erschütterungen erfährt. Es ist auch jetzt t Die Zeit für die Reichs- und Staatsregierung, zu beweisen, drch sie We Macht in der Hand haben, von großen Gesichts
punkten aus Preisregulierungeu vorzunehmen. Sollten die gegensätzlichen Anschauungen, dir zwischen größeren industriellen Kreisen und der Reichsbank hinsichtlich der Höhe des Dollarniveaus bestauben und sich daraus ergaben, daß die Industrie zum Teil der höheren Exportfähigkeit wegen ein höheres Devisenniveau für notwendig hielt, die Reichsbank dagegen aus politischen Gründen am bisherigen festhalten wollte, dahin führen, daß eine Heraufsetzung des Dollarniveaus doch durchgeführt werden soll, so dürfte -5 in diesem kritischen Moment die Aufgabe der maßgebenden streife sein, die Öffentlichkeit aufzuklären, um zumotwendige Beunruhigungen zu vermeiden.
Sie Ruhrdebatte im Reichstag.
Im weiteren Verlauf der außenpolitischen Reichstags debatte am Dienstag erklärte Abg. Stöcker (Komm.): De: französische Militarismus und Kapitalismus sucht seine poli tischen Endziele im Ruhrgebiet zu verwirklichen. Das Pro. letariat aller Länder muß diesem Wüten Einhalt gebieten
Abg. Alpers (D.-Hann.): Auch die deutschen Fö der allsten halten treu zum Vaterlands. Wer in der jetzigen Lage Verhandlungen mit dem Feinde anknüpfh der stellt sich außerhalb der Volksgemeinschaft.
Abg. v. Graefe (Dtvölk.): Viele Worte des Ministers sind allen Deutschen aus der Seele gesprochen. Deutschland hatte schon, als es 3 ü, G o l d m i l l i a r d e n anbot, viel zu viel angeboten. Denn das sind 150 Billionen Papiermark. Frankreich strebt die Vernichtung Deutschlands an. Nicht so erhebend ist die Anrufung der internationalen Groß- finanz. Zu vermissen sei ein Eingreifen der Reichsregierung gegenüber den Uebergriffen in Preußen,. Sachsen und Thüringen.
Am Mittwoch, dem dritten Tage der großen außenpolr- tischen Debatte, war am Regierungstische Reichskanzlei! C un o mit dem Außenminister v. Rose n b er g erschienen.
Als erster Redner nahm das. Wo^
der es für notwendig erachtet, daß absolute Klarheit über die Absichten der Regierung bestehe, und daß all« Mißverständnisse beseitigt werden müßten. Leider war die Rede des Außenministers in verschiedenen Punkten mehrfacher Deutung fähig. Selbstverständlich ist das Festhalten am passiven Widerstand. Der Standpunkt der Regierung deckt sich da vollkommen mit dem unsrigen. Der Gedanke bewaffneten Kampfes ist von allen Rednern zurückgewiesen worden. Selbst Herr m Graef« hat sich darauf beschränkt, von einem aktiven Kampf nur gegen Polen zu sprechen. Redner polemisierte des Weiteren gegen die Abg. Hoetzsch und Stöcker.
Wir begrüßen die Betonung des gemalt, losen, u nbewaffneten Kampf durch den Mi > nist er — so .faßten wir die Rede wenigstens auf — (Wider, spruch rechts —, und die Verhandlnngsbereit» schaft. Mit Genugtuung stellen wir auch das Bekenntni, des Ministers zum R e p a r a t i o n s w i l l e n fest trotz bei Ruhrbesetzung. Die Rede des Ministers Dr. Becker klanz anders. Das Kabinett sollte nach außen einheitlicher auf treten. Durch ihre Interpretation haben die guten Freund, des Kabinetts Cuno diesem bei unklaren Aeußerungen leide, oft Bärendienste erwiesen. Eine Meinungsverschie denheit aber besteht zwischen Dr. r. Rasender; und uns: Wir sind der Ansicht, daß ein positiver Angebot an die Entente gerichtet ,werder muß. Leider können wir die Rede des Minister! v. Rosenberg nicht als Angebot betrachten, soll sie ein solches sein, so hätte das Angebot in Form eines offiziellen Note erfolgen müssen. Ein Widerspruc zu den sonstigen Ausführunaen Herrn v. Rosenbergs beftani in seinem' Zurückgreifen auf den Vorschlag, die Prufun, unserer Leistungsfähigkeit einem fremben Sachverständigen kollegium zu übertragen. Dabei schneiden wir melleich schlechter ab als bei einem direkten Angebot von unserer Seite In bezug auf die Sicherheiten aber erklären wir be stimmt: Nicht ein Fuß breit deutschen Boden- soll abgetreten werden.
Dagegen sind wir bereit, den Gottesfriedenspakt auf länger« Zeit auszudehnen und auch auf einen Krieg nach Osten zu verzichten und auch Rheinland und Westfalen zu entmilitarisieren. Eine offene Politik ist das beste Mittel; das Ministe, rium Euno kann durch ein positives Angebot Vertrauen im Auslande erwerben. Mit den Bergarbeitern im Ruhrgebiet meinen wir, das ist kein Zeichen der Schwäche, sondern der inneren Stärke. (Beifall links.)
Abg. Dr. Lauscher (Ztr.) schildert die Lage am Rhein, die sich wesentlich verschärf! habe. Die mittelalterliche Schuldknechtschaft will man jetzt einem ganzen Volke auferlegen, und zwar einem Volke, bas große Verdienste um die Menschheit erworben: hat. Dankbar ertennen wir die Sympathiekundgebungen und Hilfsaktionen aus dem Auslande an. Besonders dankbar müssen wir deck Papst für seine Haltung während des Krieges und nach dem Kriege sein. Pius' XL ist ein würdiger Nachfolger
Plus' X. Auch den deutschen Bischöfen und der schwe dischen evangelischen Landeskirche müssen wir danken Amerika steht an der Spitze aller Völker in der humanitären Hilfe für unsere Notleidenden. Amerika hat cingeiehen, dak der Frieden von Versailles kein Glück für die Völker sein würde, und hat ihn nicht unterzeichnet. Aber Amerika sollte je; mch
aktiv eingreifen, ; <
damit dieser Friede liquidiert wird. Zur Neutralisier u n g des R h e i n l a n d e s sage ich mit unzweideutiger Klarheit und Bestimmtheit unsere Meinung gegen alle diese Pläne. Wir hegen Mißtrauen gegen alles, was man Neutralisierung des Rheinlandes nennen mödjte. Dieses KZlern hat feine Geschichte seit dem Dreißigjährigen Kriege.
Mich treibt nicht der Haß gegen Frankreich, sonst müßt! ich ja nicht Christ sein und würde nicht würdig sein, den Stande anzugchören, aus dem ich komme. Wir w ü n s ch e r glühend die Verständigung mit Frankreich die in Jahrtausenden noch nicht zustande gekommen ist. Aber Frankreichs Verhalten muß die Abneigung des Rheinländer verschärfen. Im Krieg haben gerade unsere Gegner immei das Prinzip der Selbstbestimmung der Völker betont. Wik man es für das alte Kulturland am Rheir nicht gelten lassen, sondern darüber entscheiden wü über eiit herrenloses Land? Wenn über diese Frage entschieden werden soll, dann verlangen wir eim Volksabstimmung, bereit Erfolg allerdings nich! zweifelhaft sein kann. (Beifall.)
Herr Breitscheid hat der Regierung ein bestimmtes Handeln vorgeschrieben, aber die deutsche Regierung hat nur eh sehr geringes Maß von Handlungsfreiheit Wenn Deutschland ein Angebot ähnlich dem englischen Vor- schlag machen soll, so bin ich damit einverstanden, aber es kann nicht mehr angeboten werden, als geleistet werden könnte,
♦ Staatssekretär Freiherr von Maltzahn:
Zur Beseitigung des R ei'ch s k o m mis s a< riats für die besetzten rheinischen Gebiete bemerke ich folgendes: Das Reichskommissariat, das eine außerordentlich ver- MUWWMWW»KMKLM-- französischen Annexionspolikikern und von dem kleinen Häuflein der in ihrer Gefolgschaft befindlichen rheinischen Separatisten als ein unliebsames Hindernis emp. funden. Die Beseitigung dieser Einrichtung war e i n er der Programmpunkte dieser Kreise. Ich muß feststellen, daß die Interalliierte Rheinlandkommission, die nicht nur aus dem präsidierenden französischen Oberkommissar, sondern auch aus Vertretern anderer Mächte besteht, sich zum Werkzeug auch bei der Verwirklichung dieser Bestrebungen gemacht hat.
Was die Frage nach der Stellung der Regierung zur Verwendung französischer und belgischer Offiziere in der interalliierten Militärkontrolle anlangt, so möge dieses Hohe Haus glauben, daß die Reichsregierung das Gefühl, aus dem heraus dieser Interpellation entstanden ist, würdigt und achtet. Meine Damen und Herren! Schenken Sie bitte der Regierung das Vertrauen, daß sie auch in dieser schmerzlichen Angelegenheit bemüht ist, mit den Pflichten eines unterschriebenen Vertrages die ungeschriebenen' Pflichten gegen das gequälte eigene Volk zu vereinbarer:. .
Abg. Dr. Helfferich (Dnatl.):
Ich bin fest überzeugt, keines Franzosen Fuß hätte das Ruhrgebiet betreten bei noch so großer Sucht nach Gloire; niemals wäre das französisch« Volk wegen angeblich versäumter Lieferung von Kohlen unk Telegraphenstangen in deutsches Gebiet eingedrungen, wenn diese Heldentatmit demRisiko eines neuer Kampfes verbunden gewesen wäre. Unser, Waffenlosigkeit hat sich als die stärkste Provokation der Fran zosen erwiesen. Dennoch, trotz unserer Waffenlosigkeit, begrüßen wir den Ruf Jach Aktivität, ja, wir sind die erster mit, die von der Regierung in dieser schwierigen Lage unk von: deutschen Volke selbst Aktivität gegen das uns zugedacht« Schicksal verlangen, nicht etwa im Sinne kopfloser und aus. sichtsloser Gewaltstreiche einzelner oder einzelner Gruppen die ihrem Urheber bestenfalls den Ruf eines Schill einbringen jwürden, aber verhängnisvoll für ganz Deutschland werden könnten. Eine solche Aktivität wollen wir nicht, aber wir wollenauchnichtaussichtsloseundverhäng- .nisvolle Kopfhängerei und Quertreiberei auf dem Gebiete der Diplomatie, wir wollen
Aktivität und nicht Nervosität.
(Lebh. Beifall rechts. Unruhe und Zurufe links.) Was durch den passiven Widerstand erreicht werden konnte, haben wir in entscheidenden Momenten bereits erreicht. Es hat sich gezeigt, daß auch ein waffenloses Volk gegenüber solchen Herausforderungen nichtwehrlos ist.
In der unbedingten Ablehnung jeder Reparation, solange das Ruhrgebiet besetzt ist, sind sich alle Parteien einig, ver-!? schieden sind nur die Meinungen überdie Wege.^ Darüber können wir uns aber in aller Ruhe und Sachlichkeit - auseinandersetzen. Meinungsverschiedenheiten bestehen über die geforderte Aktivität der Regierung. Uns ist ■ jede Aktivität recht, die den passiven Widerstand stärkt. Wir dürfen aber nicht die Kräfte des Volkes entmutigen und jede Aktivität im Volke im Keime ■ ersticken. Deshalb sind wir dafür eingetreten, daß der Tem-'