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Hersfeloer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt durch die Dost bezogen monatlich 1200 Mk.. für Sersfekb 1000. Mk., Abholer 900. Mk. / / Anzeigen­preis für die einspaltige Vetitzeile oder deren Raum so Mk.. für auswärts 100 Mk.. die Reklamezeile 200. Mk. / / Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerel in Hersfeld.

Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungs-Verleger. / / Für die Schrittleitung verantwortlich Franz Funk in Hersfeld. / / Fernsprecher Nr. S.

Nr. 63 Dienstag, den 29. Mai 1923

Das Wichtigste.

In Bochum ist es zwischen Selbstschutz und Kommunisten zu blutigen Zusammenstößen gekommen.

Im Ruhr gebiet sind die französischen Truppen neuerdings erheblich verstärkt worden.

Aus der Lausanner Konferenz ist zwischen Türken und Griechen eine Verständigung erzielt worden.

Die polnische Regierung ist zurückgetreten

Die Bürgschaft der Industrie.

Von unserem Berliner politischen Mitarbeiter.

An der deutschen Angebotnote vermißte Lord Curzon die Substanziterung der von Deutschland zu leistenden G a - r a n t i« nz das war der aus einer Reihe von Beanstandun- gen herauszuschälende Kernpunkt, und um ihn drehten sich seit Wochen die Beratungen im Reichskabinett. Es galt, bei der ergänzenden Feststellung des neuen Angebots nicht nur die Parteien nach Möglichkeit unter einen Hut zu bringen, sondern auch das Ginverständnisder verschiede­nen Landesregierungen zu erzielen. An die Kon­ferenz der deutschen Ministerpräsidenten anknüpfend, ver­suchte ein Münchener sozialdemokratisches Blatt, aus den Be- merkungen des bayerischen Ministerprä si denten v. Knil- l i n g einen tieferen Gegensatz zum Reichskanzler wegen dessen Rote herauszulesen, was allerdings für die Abfassung der neuen Note von Belang hätte sein können; aber das stellte sich bald als müßiges Gerede heraus, und der Bayerische Kurier betonte nachdrücklich, die bayerische Regierung be­trachte es nach wie vor als eine ihrer wichtigsten Aufgaben, dem Reichskanzler in seiner außerordentlichen, schwierigen Lage mit allen Kräften beizustehen. Dieser Sturm im Wasser- OwOää S SLS Denkschrift Über die Beteiligung der In> dustrie an der Kriegsentschädigung zugehen ließ. Daran schlössen sich Beratungen des Kabinetts, unter denen der Reichsfüranzminister Dr. Hermes nicht ge­nannt wurde, mit den Industrievertretern und einem Teil der Fraktionsführer des Reichstags. .Wir befinden uns also in dem Stadium bedeutsamer und folgenschwerer Entschlüsse über den Inhalt der Note, deren Rückgrat unverkennbar die Industrievorschläge bilden sollen. Wie sie sich außenpolitisch auswirken weben, ist, da sie noch nicht endgültig greifbare Form angenommen haben, nicht zu übersehen, aber innenpoli­tisch scheinen sie eine gewisse Gärung erzeugt zu haben, und wenn das Wort Kabinettskrisis auch nicht gefal­len ist in der Weise, daß mit ihr als einer Tatsache gerechnet werden :«üßts, verraten doch die Auslassungen zweier Ber­liner Morgenblätter eine nervöse Spannung. Da heißt es: ..Besonders das Zentrum hat es in der letzten Zeit AN schwerster Kritik gegenüber den leitenden Persönlich­keiten nicht fehlen lassen, und wenn auch nach wie vor der allgemein« Wunsch besteht, eine Regierungskrise, wenn irgend angängig, zu vermeiden, so läßt sich doch nicht vermeide!', daß die Situation des Ministeriums Cuno von Tag zu Tag unhaltbsrsr wird, und es ist nicht ausgeschlossen, daß in der allernächster! Zeit ein Regierungswechsel nötig wird. In dem andern Blatt wird aus der Abwesenheit des FinanzMinistsre Dr . Hermes bei den Vorarbeiten für die In- nsstri^beteiligung an den Reparationsgarantien der Schluß Ke&egen, ,ba§ die Stellung des Kabinetts Cuno in den letzten Bitmben nicht g « r a b e an Festigkeit gewonnen ßat/ Es läßt sich nicht entscheiden, ob hier der Wunsch der Vater des Gedankens gewesen ist, aber niemand wird be- pvsifvln, daß ein Rücktritt des Kabinetts zu ungelegenerer Zeit sticht rintreten könnte.

Vielleicht darf man diese Auslassung als Gerücht be- zmchnm, «tiftanben aus der Ungeduld, endlich den Wortlaut der Note kennenzulernen, nur sollte man nicht von Verschlep- pungstattik «den, während noch drei Vertreter des Aus- wärtigen Amts zu weiteren Informationen nach London ge­schickt sind. Damit besorgt man nur die Geschäfte der feind­lichen Staaten.

Einstweilen ist es verfrüht, von einer Einigung der Reichsregierung und der Industrie zu sprechen, und selbst wenn sie zustande käme, wäre damit noch nicht der Interessen­ausgleich mit den verschiedene" Parteien geschaffen. Darüber ein Einverständnis zu erzielen, wird nicht leicht sein, und k>ker wird die bürgerliche Arbeitsgemeinschaft ihre Festigkeit zu beweisen haben. Was auch beschloss«! werden mag, Opfer werben allen Schichten der Bevölkerung auferlegt werden ntlssen. Auch den Arbeitnehmern, und wenn auch nur in , )er Form geänderter Produkttonsbedingungen. Das wär« ns Werk zu fetzen durch einen Kollekttovertrag der Arbeit- nehmerschaft eines Betriebes mit dem Arbeitgeber, wonach lüt« längere als achtstündig? Arb»it»z,it ein-

zuführen ist. Die Gewerkschaften haben sich grundsätzlich da­mit einverstanden zu erklären. Schon Rathenau hat ziffern­mäßig nachgewiesen, welche Milliarden durch Verlängerung der Arbeitszeit um eine Stunde täglich mehr erzeugt werden können. Eine weitere Aenderung soll bei den Demobili- sierungsvorschriften insofern Platz greifen, als die Unterneh­mer nicht mehr gezwungen werden dürfen, einen gewissen Prozentsatz nicht voll arbeitsfähigen Personals einzustellen. An diesem Punkt scheiden sich die Geister, und da der acht­stündige Arbeitstag zu den Heiligtümern der Internationale gehört, wird sie sicherlich vom Ausland her in die sich ent­spinnenden Kämpfe einzugreifen versuchen.

Weniger Streit dürfte über die Verhaftung des gesamten Reichs - und Ländereigen tu in s ent­stehen. Zölle, Häfen, Staatsbergwerke, Staatswaldungen werden als' Garantie für die Zahlung der Reparationen an- geboten. Nur die Rei ch s e i f e n b a h n e n, mit einem riesigen Defizit behaftet, scheiden als untaugliches Objekt aus, und es bleibt die Frage offen, ob ihre Sanierung nach rein kaufmännischen Grundsätzen, wie sie einmal von Stinnes in Anregung gebracht wurde, vorgenommen werden soll.

Nur neben und hinter der Prinzipal-Garantie des öffent-

liehen Eigentums können im Notfall private Garan­tien treten, und hier setzt die Industrie hilfsbereit ein. Sie will ihr Grund- und G e b ä u d e_- E i g e n t u m mit einer G o l d h y p o th e k als Garantie belasten, aber nur zu Händen der Reichsregierung, nicht direkt an die Entente­gläubiger, ausschließlich zu Reparationszwecken.

In gleicher Weise soll die Landwirtschaft und der private Grundbesitz herangezogen werden, sowie Handel, Banken, Schiffahrtsgesellschaften mit gleichwertigen Verpflich­tungen. Als Erttag dieser Belastung rechnet man jährlich 500 Millionen Goldmark heraus. Daß daneben noch anders Fragen in Betracht lammen können, wie die Beseitigung der SnxtngsiDttffrästen und der Außentz(mbelsfo"troUMWWM volle Tariffreiheit, versteht 'sich am Rande.

Verdichten sich diese Vorschläge zu einem offiziellen An­gebot an die Entente, so beginnt, nach Ueberwindung der inneren Schwierigkeit, der Kampf mit den äußeren Gegnern, und zwar dürfte er der Hauptfrage gelten, der Höhe der von Deutschland zu zahlenden Summe. Wenn Lord Curzon, ge­fetzt den Fall, der Industrievorschlag würde ihm in Roten- ausfertigung überreicht, diese Garantien nicht für genügend substanztiert halten sollte, dann ist es an ihm, bessere vor- zuschlagen. Deutschland hätte es, unter der gegebenen Vor­aussetzung, dann nicht an Garantiebereitschaft fehlen lassen.

Dir Besprechungen mit den Parlamentariern, Die am Sonn- abeni begönnen haben, sind jetzt fortgesetzt worden, und zwar empfing der Reichskanzler die Führer der Deutsch- r. r. < s a l e n. Es ist auzunehmeu, daß nunmehr auch Die Be- f^r^feunge». mit Vertretern anderer Gruppen Des Erwerbslebens --u'gE-mmer werden. Es ist zu beachten, daß es sich auch bei dem Angebot der Snbuftrie zunächst nur u m vorbereitende BrrüZusgen handelt, aber nicht um abgeschlossene oder vor den. Abschluß stehend«. Die 91egienmg steht nach wie vor auf ba?» Standpunkt, daß die sachlichen Mitteilungen über die von ihr zu unternehmenden Schritt« der Sache nur schaden können.

Blutige Straßenkämpfe in Bochum.

8 8 u h rruxeHakttonen.de» Selbstschutzes. Der Sturm ouf die Villen.

A«s B § ch u m wird gemeldet; Der Selbstschutz ist nur e: »v -» zweitausend Mann gestiegen. Er machte «w Seenabent ebrab mit der Feuerwehr durch die be- lagerte». Stratzea eine Streife. Dabei kam es zu hef­tige». H n t ^ w. t». ? n kt b h e a mit den Aufrührern, die bereits Ir. bw Abendstunde« mehrere Tot« und dreißig Verwunde ^stt»?. In der Nacht zum Sonntag kam eS im N t i l e» d i « e t e'. zu Plünderungen. Hierbei wurden bte «iPen Dteckmanu. Heinzmann and Koerte gestürmt. Der Kaufmann Dieckmann wurde verschleppt, aber ichliesplich Nvn der Feuerwehr befreit. Dabei kam es zu ttue-n «nHrrdKen Gefecht zwischen Schutz wehr und AnkMndtschen. Nach vorläufigen Ermittlungen betrugen ihre DerluÜe fünf Tote und über 6 9 B r s tr r. n d e t e. In derselben Nacht würd« der Nacht» wlichter der Zeche Hannibal, Otto Krüger, erschossen.

'Die rrerschiedenen Plänkeleien dauerten die ganz, Rächt M :t burcb bis in den frühen Morgen: aber überall l^hielt der Selbstschutz Die Oberhand.' Proletarische Hundert- schütter: versuchten ?«» Das Gebäude des deutschen M « t a !! e. rb e I' - r v e i b a n d e s in der Rottstraße zu plündern. Auch i^er schritt der Selbstschutz ein und per»

Hinderte das Vorhaben. Im Laufe der Nacht wurden viele Verhaftungen vorgenommen.

Gegen 4 Uhr morgens eröffneten vier Kommunisten, die sich auf dem Bahndamm in der Nähe der Wiemelhäuser- straße niedergelegt hatten, das Feuer auf eine vorübergehende Abteilung des Selbstschutzes. Der Obersekretär Blum wurde getötet und ein Mann des Selbstschutzes erheblich ver­wundet. Eine herbeieilende Abteilung des Selbstschutzes ver. haftete die Täter.

Es steht fest, daß die Banden aus der Oberhaufener und Hamborner Gegend in Bochum eingerückt sind, teilweise be­waffnet mit Karabinern Modell 88. Eine französische Kom­mission sprach im Hauptquartier des Selbstschutzes vor, um festzustellen, ob Kommunisten sich im Besitz französischer Karabiner befänden. Im Laufe des Vormittags durchfuhren mehrere französische Panzerwagen die Stadt. Die Lage ist bis in den Morgenstunden, obwohl die Straßen sehr belebt sind, einigermaßen ruhig. Bis jetzt ist der Selbst- schütz und Die Feuerwehr vollständig Herr der Situation. Kommunistische Abteilungen versuchen an der Bahnlinie ent­lang die Passanten nach Pässen zu revidieren. Der Selbst- schütz hat im Laufe des Montags Verstärkung erhalten, so daß er für alle vorkommenden Fälle gewappnet ist.

In Dortmund

wurde am Sonntag morgen vor Dem Bureau der Streik­leitung ein vorüberfahrender Feuerwehrmann vom Rade ge­rissen und von Der Masse mißhandelt. Am Nachmittag wurden ein Arzt und ein Kaufmann in demselben Stadtteil überfallen und mit Knüppeln geschlagen. Die konnnunistischen Hunoertschaften versuchten spät abends in den verschiedenen Stadtteilen die Polizei zu überrumpeln. Beson­ders schwer waren die Kämpfe auf der Zeche Minister Stein. Die Polizei schickte Verstärkungen dorthin, die bis 11 Uhr da­selbst zu tun hatten. Auf dem Rückwege nach Dortmund wurde das Auto der Polizei bei der Wirtsthaft Ewer von den Kom­munisten wieder angegriffen und mit Handgranaten beworfen. Dabei wurde ein Beamter getötet, zwei erhielten Bauchschüsse und mehrere wurden leichter verletzt. Don der Polizeiwache wurde alsdann Verstärkung geschickt, die aber schon an der Portzingstraße angegriffen wurde. Durch einen Schuß in den Benzin»Symter wuroe-lKas-ÄMts- bemsgungs» unfähig gemacht. Bei dem nunmehr sich entspinnenden Kampfe wurde wiederum eine Reihe von Beamten verletzt.

Fünf Jahre Gefängnis wegen Beleidigung.

Das Kriegsgericht der 77. Division verurteilte den Land- rat des Landkreises Essen Dr. S üj o n e zu fünf Jahren Ge­fängnis und 10 Millionen Mark Geldstrafe. Landrat Dr. Schöne hatte an General Degoutte einen scharfen Protest gerichtet, in dem er sich über die der Stadt Kettwig auf­erlegten Sanktionen beschwerte. Das Gericht erblickte in der Form des Schreibens eine Beleidigung. Die Strafe ist die höchste, die die in Frage kommende Der, ordnung vorsieht.

I^ückiriit der polnischen Regierung.

Der polnische Sejm hat am Sonnabend mit 279 gegen 117 Stimmen ein Mißtrauensvotum für das Kabinett Sikorski beschlossen.

Infolgedessen hat Ministerpräsident Sikorski dem Präst- denten Wojciechowski am Sonnabend abend seine De­mission sowie die des gesamten Kabinetts über- reicht. Präsident Wojciechowski nahm nach längerer Konferenz die D e m i f f i o n a n und betraute den Minister- Präsidenten Sikorski mit der Wetterführung der Staats- gefchäfte bis zur "Ernennung eines neuen Ministerpräsiden­ten. Sonntag mittag lud Staatspräsident Wojciechowski Vertteter "der vier Sejmklubs, der Rechtsparteien und der Bauernpartei zu einer Besprechung ein.

Revolution in Bulgarien?

Aus Sofia meldet der Exchange Telegraph, in Bulgarien sei die Revolution ausgebrochen. Obwohl die Regierungs- trAppen heftigen Widerstand geleistet und eine Anzahl Revo- lutionäre getötet und gefangengenommen hatten, wird die Lage der Regierung als außerordentlich kritisch bezeichnet. Ministerpräsident Stambulinski, den die Revolutionäre zum Tode verurteilt haben, ist g e f l o h e n. Die Revolution hat »inen ganzradikalenCharakter. (Da diese Nach­richt von der bulgarischen Botschaft in Berlin dementiert vird, geben wir sie nur unter Vorbehalt wieder. D. Red.)

Cecil ^Bötkerbundmittister".

Aus London wird gemeldet, Lord Cecil ist für den Posten eines Völkerbundministers vorgesehen. Er soll sich r f t nur mit Fragen des Völkerbundes befassen, die Englanu allein angehen, sondern er wird dafür eintreten, daß das R u hr- Problem im Völkerbund gelöst wird. Cecil wird am 25. Juni an der Völker! indtagung in Genf teilnehmen und dort beantragen, daß e Auhrfrage einer neutrales R»»»nft$B übergeben wird.