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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt durch die Dost bezogen monatlich 1500. Mk., für Hersfeld 1500. Mt., Abholer 1300. Mt. / / Anzeigen- preis für die einspaltige Detttzeile oder deren Raum 120. Mt., für auswärts 150 Mk., die Netlamezeile 300 Mt. / / Druck und Verlag von Ludwig Funts Duchbruckerel in Hersfeld, Mitglied des Vereins Deutscher ZeitungS-Derleger. / / Für die Schriftleitung verantwortlich Franz Funk in Hersfeld. / / Fernsprecher Nr. 8.

Nr. 65 Sonnabend deu 2. Juni 1923

Das Wichtigste.

Zwischen Litauen und D e u t s ch l a n d ist ein S t a a t» vertrag über die aus dem Weltkrieg entstandenen Fragen ab- geschloffen worden.

Die Unterzeichnung des Lausanner Frie- denrvertrages wird, falls nicht unvorhergesehene Schwierig- kiten entstehen, im Laufe der nächsten Woche erwartet.

Eine Beratung des englischen Saar-Antrages >uf der nächsten Sitzung des Völkerbundes ist von der französischen Legierung formell abgelehnt worden. . '

Wochenrückblick.

Die Ungeduld, womit das große Publikum die neue tote Cunos erwartet, ist begreiflich; aber man sollte sich doch Zwang auferlegen und alles vermeiden, was den vom Feindbund ausgestreuten Fabeln vom bösen Willen Deutsch­lands Nahrung geben könnte. Nichts ist gefährlicher als Ueberstürzung. Wir haben erfahren, daß mit dem Abschluß der Vorarbeiten für die Note Anfang nächster Woche zu rechnen ist und inzwischen die Verhandlungen der Parteiführer mit dem Reichskanzler fortgeführt werden. Die Erörterungen drehen sich in erster Linie um das Zndustrieangebot und um den Leistungswillen der maßgebenden Faktoren, die von linker (Seite, bezweifelt werden. Dieser Wille kann durch Feststellung der Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, nicht durch das Maß der von der Entente erhobenen Forderungen er­härtet werden, und es ist zu verstehen, wenn sich die Industrie argen die Uebertragung ihrer Substanz an das Ausland wehrt, ihr Betriebskapital nicht antasten lassen und die Möglichkeit zur Kapitalbildung sich nicht ver­schränkt sehen will. Aufgabe der Regierung ist es, die goldene Mittelstraße zu finden, die für die Parteien, auch für die Sozialdemokratie, gangbar «rscheint und der deutschen Note nach außen den Charakter einer Einheitsfront verleiht.

i.irfWO*lOO^ krit vorzuspiegeln, und fanden viele Gläubige dafür. Der furchtbare M a r k st u r z, der den Wert des Dollars zeitweilig über 70 000 M. Hinauftrieb, wird sie eines anderen belehren, und die Ergebnisse des parlamentarischen Unter­suchungsausschusses werden ein übriges tun, um Aufklärung zu verbreiten, nachdem wenigstens der ausländische Ansturm auf den Devisenmarkt, der riesige Summen von Mark auf den Markt geworfen hatte, abgeslaut ist. Stetigkeit kann erst eintreten, wenn die Stabilisierung der Mark mit Hilfe aus­ländischer Anleihen erreicht ist.

Zu der schnellen Markentwertung haben auch, selbst nach Ansicht der Times, die politischen und sozialen Unruhen imRuhrgebiet beigetragen, und das City- blatt hat denn auch unverhohlen erklärt, die Besetzung der Ruhr sei endgültig schädlich für die englischen Interessen. Das dürfte sich auch mit der Ansicht B a l d w i n s und MeKennas decken; aber welche praktischen Folgerungen sie daraus für ihr Verhalten gegen Frankreich ziehen werden, ist noch nicht ersichtlich. Einstweilen beschäftigt sich das bri­tische Kabinett mit der Knechtung des Saarreviers und stellt für die nächste Iunisitzung des Völkerbundes die Einsetzung einer Untersuchungskommission in Aussicht, wo­gegen Frankreich mobil macht mit der Unterstellung, die Un­tersuchung an der Saar sei lediglich die Frucht einer anti- französischen Propaganda. Eine weitere Untersuchung der Vorgänge im Ruhrrevier ist gleichfalls wünschenswert. Nach­dem die kommunistische Bestie ungeheuren Schaden an Sach­werten angerichtet, das Wirtschaftsleben stellenweise völlig zerrüttet, die Lebensmittelversorgung, z. B. in Gelsenkirchen, durch Eingriffe in die Preisbildung nahezu aufgehoben hat, ist dort Ruhe im Anzüge. Man weiß jetzt, daß die Lohn- bewegung im Bergbau nicht allgemein war, sondern die Stillegung der Betriebe durch proletarische Hundertschaf­ten mit Billigung und Unterstützung der Franzosen erfolgte-- Doch kann der Aufruhr leicht wieder aufflammen, zumal, da nach Vernichtung bes Polizeischutzes der neugeschaffene Selbstschutz durchaus noch nicht die nötige Stärke erlangt hat. Immerhin scheint der Brand in den Hauptzentren gelöscht und nach Festnahme vieler kommunistischer Ruhestörer auch die Einheitsfront des passiven Widerstan­des ungebrochen zu sein, ein weiterer Beweis dafür, daß dieser Putsch von außen in die Bevölkerung hineinge- tragen wurde. Auswirkungen dieser verderblichen Bewegung haben u. a. in D r e s d e n schweren Schaden verursacht, doch darf man hoffen, daß sie auf ihren Entstehungsort beschränkt bleiben und nicht weitere Kreise erfassen werden. Wie weit Moskau bei allen diesen Putschen seine Hand im Spiel gehabt hat, ist nur aus einzelnen Anzeichen, z. B. aus dem Auf- drreten des Sowjetagenten Radek-Sobelsohn, zu vermuten; Haber die Franzosen haben sich völlig bolschewistisch benommen gmtt Ermordungen, Aufheben des Privateigentums, Deleit!- Igung aller Autoritäten und Industriekapitän«, so daß im Falls 'eines Umsturzes aller Verhältnisse die Bolschewisten mit diesen Vorarbeiten zufrieden sein können.

Buch Poinear 4 ist zufrieden. Wenigstens stellt er sich nachdem seiner Regierung die Ruhrkredite mit m großer Mehrheit bewilligt worden sind. Unbequem wird ' ihm nur der Gang der L a u s a n n e r V e r h a n d l u n g e n

sein. Noch konnte man keinen abschließenden Ueberblick über die Ergebnisse der Konferenz gewinnen, aber im großen ganzen hat die Angora-Regierung ihren Willen durchgesetzt, England und Amerika durch die Oelkonzessionen in Mossul für sich gewonnen und das dabei ins Wasser gefallene Frankreich mit einer anatolischen Eisenbahnkonzession abgespeist, ein sehr kleines Schmerzenspflaster auf eine so große Wunde.

Abschluß der Vorarbeiten für die deutsche Antwort.

Halbamtlich wird mitgeteilt: Die Besprechungen des Reichskanzlers mit den Parteiführern haben ihren Fortgang genommen. Der Reichskanzler empfing im Laufe des Donnerstags Vertreter der verschiedenen Parteien des Reichstags zu Einzelbesprechungen uni orientierte sie über die Lage, die einer Klärung so weil entgegengeführt ist, dass mit dem AbschlussderVor. arbeiten für die deutsche Antwort Anfang näch > st er Woche zu rechnen ist.

Nach einer Londoner Meldung wird dort der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß die deutsche Reparationsnote n u r an die britische, italienische und japanische Re­gierung gerichtet sein wird, da diese Länder allein um eine Entscheidung über die in der letzten deutschen Note ent­haltenen Gedanken ersucht hätten, und da Frankreich, Amerika und die anderen alliierten Mächte kein derartiges Ersuchen an Deutschland gerichtet hätten. Diese Erwartung dürfte nicht erfüllt werden, da sie den Unversönlichen in Frank­reich und Belgien einen geradezu verhängnis­vollen Vorwand geben könnte, jede Erörterung mit Deutschland von vornherein abzulehnen. Von zuständiger deutscher Stelle wird auch erklärt, daß die Annahme, die deutsche Regierung habe beabsichtigt, die Note nur an die rijtiiiiltariijiiiiÄ unzutreffend sei.

Noch nicht bekannt aber schon abgelehnt.

In Paris erwartet man die neuö deutsche Note mit Spannung. Auf dem Quai d'Orsay und auf den Boulevards unterhält man sich über den vermutlichen Inhalt der Note, der natürlich noch nicht bekannt sein kann. Dessen ungeachtet lassen sich die gesamten Zeitungen bereits in eine Würdigung des deutschen Angebots ein. Daß hierbei die Deutschen nicht besonders glimpflich wegkommen, braucht nicht besonders gesagt zu werden. Allgemein wird gesagt, daß sich die zweitd deutsche Note nur durch Garantieangebote von der alten unterscheiden wird. An der Höhe der Reparations- summe sei nichts geändert worden. Mit Pathos wird in die Welt geschrien, daß eine Summe von 30 Milliarden Gold- mark keine Grundlage für Verhandlungen biete. UeberaH werden Gefahren für Frankreich an die Wand gemalt. Wenn man Deutschland ein vierjähriges Moratorium bewilligt, so sei es wahrscheinlich, daß Deutschland während dieser Zeit seine wirtschaftliche und militärische Macht wieder- herstelle, und es würde nach Ablauf des Moratoriums seine Verpflichtungen nicht erfüllen.

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Der Präsident der New-Jorker Handelskammer Bush hatte, wie in Berliner afrikanischen Kreisen verlautet, in Berlin Besprechungen mit führenden Persönlichkeiten. Bush ist nach Moskau weitergereist.

Der wilde Streik in Köln.

Dem wilden Streik der Kölner Straßenbahner haben sich, wie derTag" meldet, sämtliche anderen städti­sch e n A r b e i t e r in Köln angeschlossen. Schlachthof, Fuhr­park, Gas- und Elektrizitätswerke, Theater und städtische Bu­reaus, wo die Hilfsarbeiter streiken, und sogar die Fried- höfe sind vom Ausstand betroffen. Auf Wasser- und Elek- trizitütswerken werden die Notstandsarbeiten durch die Ar- beiter selbst ausgeführt.

Der Streik greift so weit um sich, daß die Arbeiter des Westfriedhofs entgegen dem Beschluß ihres Betriebsrats sich weigerten, die Särgeaus den Autos auszuladen; die Schlachthofarbeiter lehnen es ab, das Vieh w e i t e r z u füttern. Die Gewerkschaften aller Richtungen erklären, daß sie m i t d i e s e m S tr ei k n i ch t s z u t un haben und er gegen ihre Absicht und gegen ihre Beschlüsse zustande ge­kommen sei. .Für die Stadt besteht also gar keine Möglich­keit, mit einem Tarifkontrahenten über die Beilegung des Streiks zu verhandeln, da ihr Tarifkontrahent, die' Gewerk- ichaften, keine Forderungen vorgelegt haben, vielmehr iuf der Anrufung des zentralen Schiedsgerichts in Berlin bestehen.

Auch die auf einem wilden Detriebsrätekongreß gebildete ogenannte Streikleitung hat der Stadtverwaltung o f s i» liellkeineForderungen übermittelt. Der englische llrtzisoffizier hat vier Mitglieder der Streit- e i t u n g verhaften lassen wegen Vergehens ge;1. n

sie Ordonnanz 53 der Rheinlandkommission, wonach bekannt- ich ein Streik nur dann proklamiert werden darf, wenn die tariflichen Schlichtun gsstellen gesprochen haben.

Nie sächsischen Erweröslosen-Ltnruhen

Blutiger Zusammenstoß in Bautzen.

In der Nacht zum Freitag kam es auch in Bautzen zu größeren Unruhen. Schon im Laufe des Nachmittags zogen größere und kleinere Trupps durch die Stadt und verlangten Schließung der Läden. In den späteren Abendstunden kam es zu Reibereien zwischen der herbeigeholten Landespolizei und den Demonstranten, so daß die Polizei schließlich von der Waffe Gebrauch machen mußte.

In der zwölften Äiachtstunde ging die Menge dann gegen die Polizeiwache vor, gegen die aus der Menge einige Schüsse gerichtet wurden. Die in der Wache zusammengezogene Polizei verhielt sich zunächst ab wartend und suchte auch mit Wasser aus einer Schlauchleitung die Menge auseinanderzutreiben. Als alles nichts fruchtete, ging die Polizei neuerdings zur Räumung des Platzes vor und gab einige Schreckschüsse in die Luft ab.

Die Krawalle waren in der ersten bis zweiten Nachtstunde am stärksten. Es gab seitens der Demonstranten z w e i T o t e und auf beiden Seiten einige Verletzte. Freitag früh war die Ruhe größtenteils wieder eingetreten. Es zogen zwar noch kleinere Trupps durch die Stadt, doch glaubt man, daß auch hier der Ausstand im Abflauen begriffen ist. Auch in Dresden herrscht wieder vollkommene Ruhe, so daß man an» nimmt, daß die Unruhen ihr Ende genommen haben.

Arheiigsber und Lohnforderungen.

Zu den Erörterungen über die neuesten Lohnverhand- MWWWWMMWMWMWWMMWMWMOMMMW» verbände in einer Erklärung Stellung, in der es u. a. heißt:

Die d c u t s ch e A r b e i t g e b e r s ch a f t ist sich bei der Lohnpolitik, die sie im Rahmen der gesamten politischen und Wirtschaftslage zu verfolgen hatte, ihrer hohen Verant­wortung in vollem Grade bewußt gewesen; sie wird hiernach auch den infolge der weiteren Geldentwertung eingetretenen Verhältnissen nach i h r e n b e st e n Kräften Rechnung tragen. Die gerade jetzt bewilligten Lohnerhöhungen, im Bergbau ausgehend, beweisen dies. Daß hierbei die Arbeit­geberschaft verpflichtet ist, aus die gesamte wirtschaftliche Lage der einzelnen Industrien und Betriebe entsprechende Rücksicht zu nehmen, mag den Vertretern reiner Verbraucherinteressen und den darauf eingestellten Stellen entbehrlich erscheinen, ist aber eine selbstverständliche Pflicht verantwortungsvoller Unternehmer.

Die deutsche Arbeitgeberschaft hat insbesondere die bis­herigen Auswirkungen der Verteuerung des Brot­preises im Rahmen der gesamten Teuerungs. und Wirt­schaftslage in gemeinsamen Verhandlungen mit der Arbeiter­schaft ohne erhebliche Schwierigkeiten überwunden. Es be­steht kein An laß, anzunehmen, daß hierin eine Änderung eintreten wird."

Zunehmende Beruhigung des Ruhrgebietes.

Die Lage im Einbruchsgebiet ist ii b e r.a I i ruhig; es wird überall gearbeitet; nur im Bergbau und in der Metallindustrie ist die Belegschaft an einzelnen Stellen noch nicht wieder zur Arbeit erschienen. Alan hofft jedoch, daß auch dort bald normale Verhältnisse eintreten.

In Hagen und Hamm, also nicht im Einbynchsgebiet liegenden Ortschaften, ruht die Arbeit zum Teil noch, doch ist auch hier Wiederaufnahme der Arbeit alsbald zu erwarten.

Schlageters letzter Gruß nach München.

Der von den Franzosen ermordete Kaufmann Schlageter aus Düsseldorf hielt sich, wenn er nach München kam, als gerngesehener Gast an einem Stammtisch im Brastwurstglöckl auf. Kurz vor Pfingsten schrieb er noch an diesen Stamm­tisch eine Postkarte folgenden Inhalts:

Zunächst ein fröhliches Pfingstfest euch und allen Be­kannten in München. Von meinem riesigen Pech werdet ihr wohl durch die Zeitung genügend unterrichtet sein. Nun neue Sorgen statt der alten und wahrscheinlich in Bälde über­haupt keine mehr. Solange Kopf hoch! Schade, einen Krug bei Karlchen würde ich ganz gern noch trinken. Trinkt mal, ProstI Vielleicht habe ich das Gefühl, als ob ich mittränke. Also fröhliche Pfingsten und herzliche Grüße euch und dem Stammtisch von eurem Albert Schlageter, Düsseldorf, Ge­fängnis, Zelle 614." ?

Was man von den Franzosen nicht sagen darf. }

Professor Herbst von der Bergschule Essen wurde von den Franzosen verhaftet, weil er bei einer Durchsuchung der Bergschule angeblichunangemessene" Aeußerungen getan haben soll. Er habe mehrfach den AusdruckFeind e" ge- ' braucht und auch gesägt. die Franzosen steckten mit deg« K o m m u n i st e n u n t e r c i n e t © e d e.